8. Sonntag nach Trinitatis

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.
Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren ist?

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.
Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren ist?
Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.
Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.
Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden.
Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Gebet: HERR, sende Dein Licht und Deine Wahrheit, daß sie und leiten auf den Weg des Lebens. Amen.

Johannes 9, 1-17

Liebe Gemeinde!

Wie muß es sein: Blind geboren? Nicht nur kein Licht sehen, sondern auch kein Begriff von Licht zu haben? Alle um mich herum bewegen sich in der Wirklichkeit, sprechen über die sichtbare Welt. Und ich kann zwar hören und tasten – aber ich weiß alles nur vom Hören-Sagen. Der Blindgeborene bettelt. Das ist seine Existenz – er bettelt nicht nur um Geld zum Leben, er muß auch um Wissen betteln. Sicher, er fühlt und erfährt, ertastet vieles – vielleicht sogar intensiver, als die, die das Augenlicht haben. Aber ohne Erklärungen, Umschreibungen kann er sich überhaupt nicht zurechtfinden. Was er mit der Information anfängt, kann er niemals selbständig mit der Wirklichkeit vergleichen. Jeder, der sehen kann, kann ihn betrügen – er kann keine Gefahr sehen, die auf ihn zukommt – er weiß auch nicht, wie er selber aussieht, wie überhaupt ein Mensch aussieht … Ein schweres Schicksal. Gottes Wort nennt daher Menschen, die verloren sind und Gottes Hilfe dringend brauchen: Sie sitzen in der Finsternis (Matthäus 4, 16) – der Prophet Jesaja sagt, daß das Volk „im Finstern wandelt“, daß „Finsternis das Erdreich bedeckt und Dunkel die Völker bedeckt“ (Jesaja 60, 2).
Die Jünger sprechen dann die Frage aller Fragen aus – die „Warum?“-Frage. „Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren ist?“ Das ist die Warum-Frage in der Sprache ihrer Zeit. Im Gesetz des Mose heißt es – wir kennen es aus dem Katechismus (S. 1265 „Was sagt nun Gott von diesen Geboten allen?“): „Ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen,

aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“ Hier hören wir einen von einem klaren Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen. Gott läßt spürbare Folgen zu für Sünden – drei bis vier Generationen. Und Segen für das Halten von Geboten – tausend Generationen. Das allein wäre schon eine ganze Predigt! – Die Jünger wollen verstehen, was da passiert. Der arme Blindgeborene trägt ein schweres Leiden. Warum? Hat er gesündigt? Hat er etwas getan, das diese Strafe verdient? – Aber wann? Vor der Geburt? Oder haben seine Eltern sich schuldig gemacht? – Warum muß er dann leiden für etwas, was er nicht getan hat?
Liebe Gemeinde, die Warum-Frage ist sowas von verständlich. Jeder Mensch versteht sie. Das Buch Hiob im Alten Testament stellt sie mit unübertroffener Dringlichkeit.
Was sagt Jesus? Er beantwortet die Frage nicht so, wie sie gestellt ist. Er kommt mit keiner Erklärung oder Begründung aus der Vergangenheit. – Und wir Menschen könnten nur mit einer Ursache aus der Vergangenheit kommen. Denn eine Wirkung kommt erst nach einer Ursache.
„Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“
Das ist eine Antwort, die nur Jesus geben kann. Wenn irgendein anderer Mensch sie ausgesprochen hätte, dann wäre sie eine Anmaßung oder Betrug gewesen. Denn Jesus hebt den Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen, zwischen Leiden und Strafe auf. Er sagt sinngemäß zu dem Blindgeborenen: „Das hast Du nicht verdient!“ Das bedeutet: „Es gibt keinen Grund in der Vergangenheit, daß Du mit Blindheit geschlagen bist!“ – „Es muß nicht sein!“ – Wie gesagt, wenn Du oder ich so etwas sagen würden, dann wäre das Anmaßung oder Betrug. Anmaßung, denn: Wie kann ich es beweisen? Oder Betrug: Ich mache dem Blindgeborenen eine Hoffnung, die ich nicht erfüllen kann.
Der Grund, sagt Jesus, ist: „Daß die Werke Gottes an ihm offenbar werden“. An ihm soll für uns Menschen deutlich und erkennbar, ja sichtbar werden, was Gott tut, wie Gott handelt. An diesem armen Menschen soll eindeutig Gott sichtbar werden – er soll ein Gottesbeweis werden.
Das kann nur der Sohn Gottes sagen.
Die Antwort Jesu ist nicht übertragbar. Sie ist keine Philosophie, kein Programm, keine Methode, die man von der Person absondern kann. Wenn ich ein Rezept habe, dann kann ich, wenn ich gut genug bin, ohne Hilfe selbst ein Brot backen. Ich kann dann immer noch sagen: Es ist das Rezept meiner Mutter; aber meine Mutter muß nicht neben mir in der Küche stehen. Jesu Antwort ist kein Rezept. Er sagt nicht: Leute, Schuld und Leiden, Sünde und Strafe gibt es nicht! Im Grunde sagt er: Ihr stellt die Warum-Frage, und weiter kommt ihr nicht. Ihr werdet keine Antwort finden: ICH BIN die Antwort.
An einer anderen Stelle antwortet Jesus ähnlich. Man kam aufgeregt zu ihm und berichtete, wie die Römer im Tempel galiläische Pilger getötet hatten. „Warum?!?“ – Auch hier antwortet Jesus nicht im Sinne der Frage. „Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, daß diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.“ (Lukas 13, 2-3) Auch hier spricht das „ICH“ des Gottessohnes. Eine theoretische Antwort, die das erklärt, was passiert ist, wird euch nicht helfen. Glaubt an mich. Kommt zurück zu Gott.
Zurück zu unserer Geschichte. Jesus kommt als Gottes Antwort zu dem Blindgeborenen. Gottes Werk – Gottes heilendes Werk soll an ihm offenbar werden.
Jesus unterstreicht diese Bindung an seine Person und sagt: „Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ Wo Jesus ist da ist es Tag. Wo es Tag ist, da kann gehandelt werden. Das ist eine begrenzte Zeit. Ein Rezept, eine Philosophie, ein Prinzip, eine Theorie ist zeitlos. Sie gilt immer. Ein Tag, wie eine Person, ist zeitlich begrenzt. Man kann der Person begegnen, oder sie verpassen. Darum ist die Begegnung mit der Person „Jesus“ immer eine besondere Zeit, immer eine Zeit, in der die eigene Sünde oder die Sünde der Eltern mich nicht festlegen, sondern die Werke Gottes geschehen.
Wo Jesus nicht begegnet wird, da ist die Nacht, da niemand wirken kann, da werden wir durch die eigene Sünde und die Sünde der Eltern definiert. Da wird’s dann dunkel.
„Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ Das kann natürlich nur Jesus sagen. Mit ihm wird alles hell. Vor allem die Werke Gottes. Im Dunkeln kann man nichts unterscheiden, man weiß nicht, woher es kommt, man kann es nicht zuordnen. Bei Tag ist das anders. Bei Tag kann ich mich dem Guten nähern, und dem Bösen fliehen. Wo Licht ist, da ist diese Freiheit. Jesus bringt diese Freiheit.
Kommen wir zu dem Blindgeborenen. Wie soll er frei werden, wenn er die Freiheit doch gar nicht kennt. Jesus, das Licht der Welt, der Sohn Gottes, kommt zu ihm in die Finsternis. Er spuckt hörbar auf die Erde. Er schmiert den Brei auf die Augen des Blinden. „Du bist gemeint“, heißt das. Und zwar meine ich dich an deiner schwächsten, peinlichsten, traurigsten, kaputtesten Stelle. Und dann schickt Jesus ihn hin, zum Teich Siloah. Der Blinde sieht den Teich nicht, aber er kann sich durchfragen. Und waschen kann er sich auch. Und das Wunder geschieht. Er ist im Licht. Das Licht der Welt hat ihn erreicht und erleuchtet.
Der Evangelist Johannes merkt an, daß der Name des Teichs: „Gesandt!“ bedeutet. Damit wird deutlich: Es war nicht der Brei, es war nicht das Wasser – sondern es war die Sendung, die den Unterschied gemacht hat. Sendung – gesandt sein- das ist etwas zwischen Personen. Eine Person sendet eine andere. Gott der Vater hat Jesus gesandt, Jesus sendet den Blindgeborenen. Der Blindgeborene glaubt und gehorcht. Und das Licht ist da.
Liebe Gemeinde was sagt uns das? Wie können wir in denselben Tag, in dasselbe Licht eintreten, wie der Blindgeborene?

  1. Die Einsicht, daß wir Licht brauchen. Erkennen wir die Werke Gottes, sind sie uns offenbar, eindeutig? Von Geburt her: Nein. Wir sind blind für die Liebe Gottes in seinen Gaben. Wir sind blind für die Gefahr, die wir uns und anderen durch die Sünde bereiten. Unsere Augen und Ohren sind von Egoismus und Begehren geplagt und geblendet. Wir sind Blindgeborene. Wie der bettelnde Blindgeborene haben wir alles nur aus zweiter oder dritter Hand. Was Liebe ist, was Wahrheit ist, was Gott tut – wir hören davon, wie ein Blinder von der Farbe. Es könnte direkt vor unserer Nase sein, und wir merken es nicht. Wir haben keine Möglichkeit, unsere Gedanken mit Gottes Wirklichkeit zu vergleichen. Wir wissen nicht, ob wir uns täuschen. Wir ahnen nicht, ob wir uns dem Guten nähern und von dem Bösen entfernen. Vor unseren Mitmenschen wollen wir das nicht zugeben. Aber vor Gott sind wir Bettler – doch er will uns beschenken!
  2. Das Licht der Welt ist zu uns gekommen. Das Evangelium von Jesus Christus bringt uns dieses Licht. Doch dieses Licht kommt zu uns in unsere Finsternis. Jesus nimmt Irdisches, und macht eine Sendung, eine Mission daraus. Er wird Mensch. Er spricht menschliche Worte. Er setzt die Taufe ein. Er ruft, daß wir uns versammeln. Er verbirgt sich im Brot und im Wein. Er begegnet uns in der Handauflegung. Wer seine eigene Finsternis erkannt und erlebt hat, der erfährt: „Hier kommt das Licht der Welt zu mir in meinem Leben.“ Es ist eine besondere, einmalige Zeit. Die Antwort, die Licht bringt, ist eine Person. Die Wahrheit, die mein Leben braucht, ist diese Person. Keine Theorie, keine Analyse, kein Programm. Denn auch ich bin mehr als eine Theorie, als ein Programm. Das Licht der Welt macht mich zu einer Person vor Gott. Oder, wie die Epistel sagt: Ein Kind des Lichts.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

5. Sonntag nach Trinitatis

Diese Geschichte ist der Anfang von dem, was erst dann enden wird, wenn wir im Himmel sind.
Diese Geschichte gehört zum Evangelium, und deshalb wird sie niemals überholt sein, oder verblassen.

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth
2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!
5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.
6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.
7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.
8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.
9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,
10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.
11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Text: Lukas 5, 1-11

Gebet: HERR, segne Du nun Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde!
Diese Geschichte ist der Anfang von dem, was erst dann enden wird, wenn wir im Himmel sind.
Diese Geschichte gehört zum Evangelium, und deshalb wird sie niemals überholt sein, oder verblassen. Es wird auch niemals dazu kommen, daß schlaue oder gutmeinende Menschen erstmal dieser armen alten Geschichte helfen müßten, interessant oder wichtig zu werden.
Nicht wir, auch nicht der begnadetste Prediger pumpt diese Geschichte auf, sondern die Geschichte baut uns auf.
Das ist das Geheimnis des Neuen Testaments. Den meisten ist das Geheimnis völlig verborgen. Sie lesen es als Worte von längst vergangenen und verstorbenen; die Entwicklung hat sie abgehängt, die Technik hat sie überflüssig gemacht .. . Wie auch immer …
Vor den Augen der Welt erscheint es so, daß wir uns hier und heute mit ein paar Leuten abgeben – Jesus, den Wanderprediger aus Galiläa. Eine neugierige Menge Menschen – größtenteils unwichtige Menschen: Untere Klasse, Arbeiter, ohne Abschluß; Fischer und ihr Handwerk: Boote, Netze, Arbeit. Und das alles in einer unbedeutenden Stadt, an einem unbedeutenden See, in einem unbedeutenden Land ….
Jesus predigt das Wort Gottes. Damit ist das Ufer vom See Genezareth der Hauptort der Welt und stellt Rom, Athen, ja auch Jerusalem, sofort in den Schatten. Von unserem Berlin ganz zu schweigen. Ein Mensch, mit dem Gott spricht, ist am richtigen und besten Ort. Er muß weder nach New York, noch verpaßt er was in München oder Hamburg, oder an irgendeinem Strand. Liebe Gemeinde, diese Überzeugung muß uns erfüllen, sonst brauchen wir uns nicht auf den Weg zur Kirche machen.
Eine Menge hört zu, eine drängelnde Menge, die begierig ist, jedes Wort aufzunehmen – dagegen ist der Kommentar in den letzten Minuten eines Endspiels nichts. Liebe Gemeinde, das ist der Anspruch – nicht nur hier in der Annenstraße, sondern überall, wo das Evangelium laut wird.
Jesus sieht ein Boot und fordert, daß man ihm Platz macht, und er predigt, lehrt die Menge vom Boot aus. Ein unglaubliches Bild. Die Menschen stehen oder sitzen auf der festen Erde. Wir sind an die Erde gebunden. Die Erde bindet uns. Wir sind von Erde genommen, und werden wieder zu Erde werden. Die Schwerkraft zieht uns runter, wenn wir zu hoch hinauswollen, dann stürzen wir zur Erde ab. Wir wissen, wo wir dran sind. Das Meer mit seinen Tiefen und Wogen, mit seinen Stürmen und Gefahren: Das ist unberechenbar, zerstörerisch, bietet keinen festen Boden. Wer ins Boot steigt, hat diese Gefahren ständig im Blick, und erlebt sie auch.
Die Menschen stehen am Ufer, an der Grenze, dort, wo es einfach nicht weiter geht. Ob groß oder klein, jung oder alt, gebildet und nicht, reich oder arm, Mann oder Frau: Sie sind alle da angekommen, wo es für keinen weitergeht. Man denkt an den Tod. Der ist solch eine Grenze. Die Vergangenheit, die wir einerseits nicht ungeschehen machen können – und die uns auch unwiederbringlich entnommen ist. Ich kann die Schuld nicht ungeschehen machen – und die guten Zeiten nicht in jede Zukunft mitnehmen. Es gibt diese Grenze. Und von jenseits des Ufers, von jenseits der Grenze erreicht die Menschen das Wort des Lebens. Dieses Wort fällt nicht zur Erde (2. Könige 10, 10), es erreicht die Hörer – und wenn es die Hörer erreicht, werden die Hörer es durch ihre Schwachheit, Beschränktheit oder Selbstüberschätzung nicht zu Fall bringen. Im Gegenteil. Es wird sie aufrichten, bis zur Auferstehung von den Toten. Menschenwort haftet an der Erde. Fällt zur Erde. Oder wird vom Meer hin und her geschaukelt und geworfen, bis es schließlich untergeht. So ist es in der Geschichte. Hier haben wir ein Wort, daß über die Grenze kommt und ankommt und sein Ziel erreicht. Liebe Gemeinde, so ist es, wenn die Geschichte uns aufbaut. Wir brauchen sie nicht aufbauen.
Jesus lehrt von einem geliehenen Boot aus. Das erinnert mich daran daß Jesus ja auch einen Esel geliehen hat, um als der König von Israel in die Hauptstadt einzureiten. Jesus braucht Menschen. Das ist doppeldeutig. Einerseits erscheint er arm. Er hat kein eigenes Boot, keinen eigenen Esel, um seine Mission zu erfüllen. Ganz schön dürftig. Andererseits hat er die Freiheit und Autorität, genau das in Anspruch zu nehmen. Das Boot, den Esel. Das Gotteshaus, Mitarbeiter in der Kirche. Wir haben in der Epistel gehört, daß Gott einen anderen Weg einschlägt, als die Welt, auch die religiöse Welt erwartet. Gott erwählt was vor der Welt töricht ist, armselig, unspektakulär. Und damit beweist Jesus als der Sohn Gottes seine große Freiheit. Denn Armut, Torheit, Abgehängtes wird man leider Gottes immer in der Welt finden. Das hat Gott erwählt, Sein großes Ding auf der Welt zu tun. – Wir haben vor Gott die Pflicht, der unerschütterlichen Überzeugung zu sein, daß Gott unscheinbare Orte erwählt, bei uns neu anzufangen. Natürlich wird es das Evangelium auch in einer prächtigen Kirche in einer Weltstadt wie Paris geben. Aber die größte Pracht verblaßt, wenn dort gesagt wird: Lieber verzweifelter Sünder, Gott hat dich angenommen. Lieber Mann, der nach außen so selbstsicher erscheint, und innen doch ratlos ist: Hier ist der Weg. Jesus hat einen menschlichen Leib angenommen, und darum verfügt er über einen Raum, eine Adresse, ein Haus, damit Menschen wissen können, ich bin angekommen.
Kleine Zwischenbemerkung. Nun soll die altehrwürdigste Kirche der Christenheit, die Heilige Weisheit in Istanbul, wieder eine Moschee werden. Im Jahre 537 wurde sie geweiht. 1016 Jahre lang hat unser Herr Christus dort sein Wort, das über die Grenze hinüber zu den Menschen kommt, sagen lassen. 1453 wurde die Kirche nach der Islamischen Eroberung eine Moschee. 1935 wurde daraus ein Museum. Und nun wieder eine Moschee. Diese Nachricht muß uns mit Wehmut füllen. In der westlichen Christenheit werden jedes Jahr Kirchen entwidmet, und weltlich benutzt. Das kann uns nicht unberührt lassen. Sie alle waren heilige Orte der Begegnung. Nun nicht mehr. Haben Menschen versagt? Hat Gott sich zurückgezogen? Beides ist unheimlich! Um so mehr laßt uns die Orte lieben, wo wir uns an das Ufer drängen, an der Grenze zum Himmel und zur Ewigkeit.
Entscheidend ist nun, wie Jesus Menschen ruft.
Und laßt uns, wenn wir diese Episode betrachten auf keinen Fall vergessen oder loslassen, was wir eingangs gehört haben. Wir hören den Anfang unserer Geschichte als Christen. Was dort zwischen Jesus und Petrus sich abspielt, ist eine Weichenstellung für den Zug, in dem wir jetzt sitzen. Es ist alles unvergangen, als wären wir in der Menge am See Genezareth. Es ist sozusagen noch in der Luft.
Jesus ist in das Boot des Simon eingestiegen. Simon und sein Bruder Andreas besitzen dieses Boot. Das Fischerboot ist ihr Lebensunterhalt. Sie arbeiten damit. Und nun ist der Sohn Gottes eingestiegen. Man könnte meinen, sie tun dem armen Prediger einen Gefallen. Aber jetzt geht es los: Jesus bestimmt auch nach der Predigt über das Boot und über Simon: „Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“ Das ist ein Befehl. Jesus tritt auf als Herr. Die einzige Autorität, die er hat, ist sein Wort.
Petrus folgt diesem Wort. Seine Antwort ist bemerkenswert: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“ Als Fischer mit Erfahrung und Verstand spricht er das. Tagsüber sind die Fische unten in der Tiefe. Sie gehen nicht ins Netz. Das wäre von vornherein vergebliche Mühe, ja unsinnig, mit der Sprache unserer Epistel: Töricht. „Aber auf dein Wort!“ – Das ist der einzige Grund, warum er das tut. „Du hast es gesagt!“ Ist das schon Glaube? Oder will Simon danach dann sagen: „Ich habs ja gewußt! Ich habs ja gesagt!“? Es bleibt offen. Vielleicht war es für ihn selbst noch nicht eindeutig. Es muß eine merkwürdige Stimmung gewesen sein. Vor den Augen der Kollegen, mit dem Prediger im Boot mitten am hellichten Tag hinaus, dort wo das Wasser tief ist, also dort, wo die Fische am weitesten unterhalb der Netze waren. Seine Erfahrung, sein Fachwissen, sein Selbstvertrauen gerät ins Schwimmen, treibt unsicher mit dem Auf und Ab der Wellen.
Und das Wunder geschieht. Ein überwältigender Fang geht ins Netz – die Kollegen werden gerufen, zu helfen. Jesus, das fleischgewordene Wort Gottes, durch das Himmel und Erde und auch das Leben geschaffen wurde, hat es so gefügt.
Jetzt ist auch Simon an seine Grenze gestoßen. – Alles, was er gelernt hat, alles, was er bis dahin richtig gemacht hat verschwimmt vor ihm. In seinem eigenen Boot, da auf dem See, wo er sich sicher fühlte, wackelt alles.
„HERR, gehe hinaus von mir, ich bin ein sündiger Mensch!“ – Warum? Das Wunder zeigt ihm: Ich habe es nicht mit der Urgewalt des Meers zu tun, sondern mit dem, der das Meer geschaffen hat. Ich habe es mit meinem Schöpfer zu tun. Da wird dem Simon bewußt: Ich bin ein Sünder. Ich habe nichts in der Hand, alles klagt mich an, stellt mich in Frage. Meine Gedanken, Worte und Taten habe ich ohne meinen Schöpfer getan, gesagt und gedacht. – Diese Nähe Gottes erträgt er nicht. „Geh hinaus!“ – Laß mich mit meinem Leben allein, wie bisher! Ich will es alles nicht so genau wissen!
Doch Jesus beruft ihn zum Apostel. Es soll nun Menschen fangen. – Das heißt: Menschen zu Gott bringen. Petrus, der am Ende ist, ist für Jesus der Richtige. Denn da wird allen klar: Zu Petrus kommen die Menschen nicht, sondern zu seinem HERRN. Das ist der Anfang unserer Geschichte. Ein Simon, der bis dahin alles im Griff zu haben schien, gibt zu, daß er ein Sünder ist, verzichtet auf alle Ansprüche, und wird in den Dienst genommen. Wo Kirche ist, da wird auch dieser Schrecken sein. Und keine Kirche oder Gemeinde sollte so tun, als gäbe es diesen Schrecken nicht, oder als müßte er vermieden oder geleugnet werden. Der Schrecken der Buße.
Ein Letztes: Auch die Menschenfischer gehen am hellichten Tag ans Werk. Also öffentlich – ohne Geheimlehren, ohne geheime Taktiken. Das Evangelium von Jesus Christus ist überall dasselbe: Für Kinder, für Prediger, für Kranke für Gesunde, für Anfänger, für Erfahrene. Das, was gesagt wird, ist genau so gemeint, und an alle gerichtet. Die Welt meint oft, das sein töricht. Doch der Sohn Gottes braucht nicht im Trüben fischen. Jeder weiß, wo er dran ist, wir haben nichts zu verbergen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

4. Sonntag nach Trinitatis

Jesus war manchmal zornig. Wir kennen alle die Geschichte, wie Jesus mit einer Geißel aus Stricken die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel hinaustrieb, mit ihrer Ware, und die Tische der Geldwechsler umstieß und ihr Geld verschüttete.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).
21 Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Römer 12, 17-21

Gebet: Lieber himmlischer Vater, ohne die Hilfe Deines Heiliges Geistes muß uns Dein Wort verborgen sein, darum bitten wir Dich: Sende Deinen Heiligen Geist, der uns Dein Wort öffnet, wie Du es meinst, zu unserem ewigen Heil. Amen.

Liebe Gemeinde!
Jesus war manchmal zornig. Wir kennen alle die Geschichte, wie Jesus mit einer Geißel aus Stricken die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel hinaustrieb, mit ihrer Ware, und die Tische der Geldwechsler umstieß und ihr Geld verschüttete. Als seine Jünger einen mondsüchtigen Jungen nicht befreien konnten, reagiert Jesus sehr ungeduldig. (Matthäus 17, 17). Als er zum Grab seines Freundes Lazarus kommt, heißt es zweimal von Jesus: „ Er ergrimmte in seinem Geist“ (Johannes 11, 33+38). Über die undankbaren Menschen in den Städten Chorazin, Betsaida und Kapernaum, die von seinen Wundern unbeeindruckt, und undankbar für seine gewaltige Verkündigung waren, ruft er aus: „Wehe euch! Es wird den heidnischen Städten im Gericht Gottes besser ergehen als Euch!“ (Matthäus 11, 21-24). Über Menschen, die die Kinder Gottes mit Absicht am Glauben irre machen sagt er mit erschreckender Klarheit: „Für den wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.“ (Matthäus 18, 6).
Jesus kennt den Zorn über das Böse. Gottes Zorn über die Sünde ist nicht eine primitive und überwundene, altmodische Vorstellung, die vielleicht nur ins Alte Testament gehört, aber für moderne Christen unanständig und überholt wäre.
Gott ist heilig und gerecht. Er hat das Leben mit seinen Ordnungen geschaffen – und er liebt alles Lebendige mit väterlicher, göttlicher Liebe. Und alles, was Gottes Schöpfung und seine Ordnung antastet, zerstört, verletzt, in Frage stellt, verspottet, verdreht, fällt unter Seinen heiligen, gerechten und vernichtenden Zorn. Vor allem, wenn Menschen sich an Gottes Gnade vergreifen, wenn Menschen Gottes Geduld als Bestätigung ihres eigenen falschen Weges absichtlich mißverstehen, dann haben sie es nicht mit einem sanften, nachsichtigen, freundlichen Vater im Himmel zu tun. Gott ist dann als der Heilige und Gerechte ein Feind, der zürnt. Ein Feind, gegen den kein Mensch gewinnen kann. Auch im Neuen Testament nicht. Jesus nimmt das nicht zurück.
Es wäre noch viel darüber zu sagen. Was sagt der Predigttext?
Der Apostel Paulus schreibt uns Christen: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«“ –
Wir Christen sollen auf Rache und Vergeltung verzichten – und dem Zorn Gottes Raum geben. Schon das weltliche Recht hat den Grundsatz, daß man das Recht nicht in die eigene Hand nimmt. Ich kann nicht persönlich hingehen, und den Dieb, der mein Auto geklaut hat, fangen und einschließen, bis er mein Auto wieder hergibt. Dazu sind Polizei und Gericht da.
Ähnlich ist es mit der Rache. Die Rache ist ein sehr starkes Gefühl, und wenn man ihm nachgibt, kann es zerstören. Die Rache vermehrt das Unrecht und das Böse in der Welt. Denn die Rache lebt davon, daß ein Mensch sich an Gottes Stelle setzt. Wie so oft – der Mensch will sein wie Gott, und das fühlt sich wie eine große Steigerung es Ichs an. Ich bin beleidigt oder geschädigt. Ein schwerer Schmerz. Der Drang „heimzuzahlen“ macht sich bemerkbar. Wie du mir, so ich dir! Sehr oft wird mit Zinsen heimgezahlt. Das Ich verspricht sich Erleichterung, wenn sein Feind leidet. Doch es kommt ein Rausch hinzu. Ein Gefühl, das keine Grenzen kennt. Darin offenbart sich das Begehren, zu sein, wie Gott. Einen Gott haben und Rachegelüste schließen sich gegenseitig aus.
Paulus begründet das mit Worten aus dem Gesetz der Mose: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der HERR.“ Wer zur Rache greift, der greift nach dem, was Gott sich selbst vorbehalten hat. – Gott allein hat die Erkenntnis und die Macht, Unrecht richtig zu behandeln. Wer zur Rache greift, verleugnet Gott.
Unsere Aufgabe ist klar: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Das ist der Weg, auf dem Gott bei uns bleibt, uns segnet, schützt, tröstet, beisteht. Da lernen wir Gott als einen Helfer kennen. Kommt Rache ins Spiel, sind wir allein, dann lernen wir Gottes Zorn kennen.
Es ist einfach so: Die zehn Gebote gelten unter allen Umständen, auch wenn wir Unrecht erleiden. Paulus schreibt in einer Zeit, als Christen Feinde hatten. Unser Herz soll von Gutem und von Liebe erfüllt sein. Der Heilige Geist zeigt uns Liebe. Rache kommt nicht von Ihm.
„Gebt Raum dem Zorn Gottes.“ – Rache stellt sich Gott in den Weg. Wenn wir bei unserer Aufgabe bleiben, Frieden zu halten, Gutes zu tun, dann lassen wir dem gerechten und heiligen Gott den Vortritt. Er soll und wird meinen Feinden Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Nun. Was ist das? Das ist ein Wunder. Das gibt es nur, wo Gott einen neuen Menschen geschaffen hat. Einen neuen Menschen, der alles Vertrauen in Gott setzt. Einen neuen Menschen, der ohne Vorbehalt erkennt, daß sein Leben ein Geschenk seines Schöpfers ist. Diese Wahrheit ist größer als alles, was Feinde einem Christen antun können.
Winken wir da nicht längst ab? Was wird aus mir? Muß ich mir alles gefallen lassen? Muß man denn seinen Feinden recht geben? Hat man kein eigenes Recht?
Schwere Fragen sind das. Ein Teil der Antwort ist eine Rückfrage: Wie wirklich ist Gott denn für dich? Im Römerbrief hat Paulus vorher im 8. Kapitel festgestellt: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch Seinen eigenen Sohn nicht verschont hat – hat er uns mit ihm nicht alles gegeben? Wer will uns angreifen? Gott ist hier, auf unserer Seite. Wer will verdammen? Christus, der Auferstandene, ist hier auf unserer Seite und stellt sich vor uns.“ Ohne Glauben ist das alles verborgen. Für den Glauben ist es eine Realität. Und diesen Glauben schenkt Gott. Dazu ist Jesus gekommen, dazu gibt es Kirche, dazu sind wir hier. Es ist eine neue Kreatur, die wir aus eigener Vernunft und Kraft nicht schaffen. Rache ist die Realität, die wir vorfinden, auch in uns selbst. Wenn Gott etwas Neues bringt, dann muß es etwas anderes als Rache sein. Rache entsteht, wo man sich vom Bösen überwinden läßt. Mit Gottes Hilfe sollen wir das Böse mit Gutem überwinden.
Paulus zitiert dazu wieder das Alte Testament, die Sprüche des Königs Salomo: „wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« – Hier wird der teuflische Kreislauf von Vergeltung und Rache durchbrochen.
Was heißt: „Feurige Kohlen aufs Haupt sammeln“? – Die Vorstellung ist ja schon schmerzhaft. Glühende Kohlen auf den Kopf – und dann auch noch gesammelt, angehäuft. Da wird man alles tun, diese Kohlen loszuwerden! Auf jeden Fall unangenehm! Wenn ein Christ seinen hungernden Feind speist, oder dem dürstenden Feind tränkt, dann werden das dem Feind brennende Kohlen auf dem Kopf. Der Feind rechnet mit Rache. Die Rache bleibt aus, statt dessen das Gegenteil von Rache. Das brennt auf seiner Seele. Kann es sein, daß der Feind seine Feindschaft an sich selbst spürt? Daß Gott ihm mit diesen „feurigen Kohlen“ erfahren läßt, was er da eigentlich anrichtet? Vielleicht enden diese „feurigen Kohlen“ den Rausch, das Begehren, Gott gleich zu sein? Besinnt er sich, kehrt er um? Das ist in Gottes Hand.
Diese Worte sind Worte des Glaubens. Der Apostel, der sie uns sagt, ist derselbe Mann, der uns das Evangelium Christi sagt. Paulus sagt uns das nicht, um menschliche Macht über uns zu bekommen. Als würde er sagen: „Ein Christ muß sich alles gefallen lassen – vor allem von mir!“ Paulus führt uns zu Gott, damit wir von Gott Kraft und Hilfe empfangen. Auch mit diesen strengen, geheimnisvollen Worten.
Von keiner anderen Person wollen wir diese Worte hören und annehmen. Paulus verkündigt kein politisches Programm! Keine menschliche Instanz kann von uns verlangen: Laß dir alles gefallen, verzichte auf dein Recht – denn keine menschliche Instanz kann sich dann vor uns stellen wie unser Herr Jesus Christus. Als Petrus zu Jesus sagte: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt – was wird uns dafür? Jesus antwortete ihnen und sprach: Wer auf Familie und Besitz verzichtet hat, der wird es hundertfach wieder empfangen und das ewige Leben erben.“ (Matthäus 19, 27.29). Das kann uns nur Gott versprechen. Darum kann Gott von uns erwarten, das Böse mit Gutem zu überwinden.
Menschen untereinander können das nicht. Wir sollen für das Recht unseres Mitmenschen eintreten – jeder in seinem Bereich. Eltern sollen sich für ihre Kinder stark machen – nicht schwach. Lehrer sollen sich für ihre Schüler stark machen, nicht schwach. Beamte sollen sich für die Bürger des Landes stark machen, und nicht schwach. „Sich stark machen“ heißt hier jedoch nicht in erster Linie lauthals Forderungen an andere stellen, oder Neid wecken und ausleben, sondern stark sein mit den Gaben, die Gott mir gegeben hat, und damit für den Nächsten da sein. Nicht selbstgerecht auf andere schauen, was sie denn alles tun sollten und nicht getan haben!
Direkt nach unserem Predigttext spricht Paulus davon. Gott hat Strukturen geschaffen, mit denen Menschen in unserer gefallenen, unvollkommenen Welt das Schlimmste verhindern sollen. Mörder, Ehebrecher, Diebe, Betrüger sollen nicht freie Bahn haben. Und wenn solche bösen Menschen nicht freie Bahn haben, dann ist es deshalb, weil Gott Menschen gibt, die sich dafür einsetzen. Es ist ein Geschenk Gottes, wenn wir nicht in einer Wildnis leben, in der wir immer wieder bei Null anfangen müssen, sondern profitieren von dem, was andere vor uns aufgebaut, erkannt und organisiert haben. Gott gibt Menschen Macht und Autorität, um damit Segen zu ermöglichen und zu schützen. Wir Menschen können den Segen nicht machen – wir empfangen ihn! – aber wir sollen alle dazu beitragen, daß Gottes Segen nicht bei uns zerstört und unmöglich gemacht wird. Mörder, Ehebrecher, Diebe und Betrüger tun das aber. Wer Macht über Menschen hat, der hat die Macht dazu, das zu verhindern.
Wenn wir den Worten des Apostels folgen, dann sind wir nicht allein. Gott ist für uns – und wir können mit Gottes Hilfe für unseren Nächsten da sein. Hier können und sollen wir beitragen, so gut wir können. Ohne Rachsucht, ohne Egoismus, ohne Angst, auch ohne Selbstüberschätzung. Das ist das Neue. Rache – Vergeltung – Heimzahlen: Das ist das Alte.
Wir sollten nicht darauf warten, daß eine Zeit kommt, in der das Neue selbstverständlich ist. Diese Zeit wird nicht kommen wie ein politische Bewegung oder Entwicklung. Diese Zeit ist da, wo Jesus ist, und wo wir ihm nachfolgen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

3. Sonntag nach Trinitatis

Das klingt ein bißchen wie Umfrage und Stimmungsbild. Welche Partei bekommt wieviel Prozent? „Was sagen die Leute?“ „Wie kommen wir an?“, „Welche Meinung hat man von uns?“

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater
und dem HERRN, Jesus Christus. Amen.

13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, daß der Menschensohn sei?
14 Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.
15 Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, daß ich sei?
16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.
19 Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.

Gebet: Lieber himmlischer Vater, gib uns Deinen Heiligen Geist, der uns hilft, das Wort des Lebens zu hören und zu behalten. Amen.

Liebe Gemeinde!


Das klingt ein bißchen wie Umfrage und Stimmungsbild. Welche Partei bekommt wieviel Prozent? „Was sagen die Leute?“ „Wie kommen wir an?“, „Welche Meinung hat man von uns?“
So fragt Jesus seine Jünger: „Wer sagen die Leute, daß der Menschensohn sei?“ – Das war in der Gegend von Cäsarea Philippi – im äußersten Norden Galiläas, also an der Grenze des Heiligen Landes. Man kann sagen, daß Jesus nun das ganze Land durchwandert hatte, weiter ging sein Auftrag nicht. Hier konnte er mit seinen Jüngern überblicken, was bisher erreicht worden war. Denn nun gab es nur noch eine Steigerung, ein Ziel: Jerusalem, die Stadt des Tempels, die Hauptstadt, die Stadt der Entscheidung. Dort würde Jesus zeigen müssen, wer er ist und was er kann, und entsprechend würde das Volk Israel in anerkennen oder ablehnen. So war die menschliche Vorstellung.
Also: Was hatte man erreicht? Was sagen die Leute so?
Schlaue Beobachter sagen, daß die Politiker die Umfragen lesen, wie man früher Horoskope gelesen hat. Man definiert sich geradezu über die öffentliche Meinung, und versucht auch entsprechend mit Propaganda und Meinungsmache die Meinung und damit auch die Umfragen zu einem erwünschten Ergebnis zu bringen – wen man nicht versucht, direkt die Umfragen zu beeinflussen. Die öffentliche Meinung ist eine große Macht. Die Zustimmung der Menschen, ihr Vertrauen ist wichtig für jeden, der mit Macht zu tun hat.
Was konnten die Jünger denn berichten da in der Gegend von Cäsarea Philippi? – Johannes der Täufer, Elia, Jeremia oder ein Prophet. – Ein gutes Ergebnis, ja, ein phantastisches Ergebnis – bestimmt hatte kein Mensch im Israel der damaligen Zeit ein besseres Ergebnis. Johannes der Täufer: nicht nur war er am meisten beeindruckende Prophet der Generation gewesen, von nationaler Bedeutung, der das ganze Volk erschütterte, zum Nachdenken brachte, und viel mehr, sondern er war ja auch ein Märtyrer. Wegen seiner Geradlinigkeit gegenüber seinem König in Sachen Ehebruch wurde Johannes enthauptet. – Man meinte also, dieser Johannes sei in Jesus von den Toten auferstanden. Eine sensationell hohe Meinung. Man traute Jesus also alles zu.
Elia? – Der Prophet, der allein gegen seine ganze Zeit die Stimme erhob und zu Gott zurückrief, ohne Ansehen der Person Gottes Gebote klarmachte, auch unter Lebensgefahr. Der am Ende seines Lebens ins ewige Leben aufgenommen wurde, ohne sterben zu müssen. – Eine sensationell hohe Meinung! Elias ist wieder auf die Erde gekommen! Man konnte doch zufrieden sein, oder?
Jeremia? – Einer der ganz großen Propheten. Von ihm wurde erzählt, daß er nach seinem Tod noch die Heiligen Geräte im Tempel gerettet hatte, als die welterobernden Griechen den Tempel entweihten, so daß der Tempel danach wieder aufgebaut werden konnte.
Oder ein anderer Prophet.
Liebe Gemeinde. Alle diese Meinungen haben Jesus nicht zu dem gemacht, was er in Wirklichkeit war und ist. Das ganze Evangelium zeigt uns auch, daß Jesus an keiner Stelle auch nur einen Millimeter sich in Richtung der öffentlichen Meinung bewegt hat. Natürlich sorgten seine Wunder und seine Verkündigung für Aufregung und Gerüchte. Aber Jesus hatte keinen Seitenblick auf die Meinung der Menschen. Jesus wußte wer er war, was er zu lehren und was der zu tun hatte, schon vorher. Er brauchte keinen Rat. Seine Jünger waren kein Team, das mit ihm Ideen austauschte und ausprobierte, um zu sehen, was denn ankommt. Jesus war von alledem völlig, in göttlicher Weise, frei.
Deshalb geht Jesus auf diese ganze Umfrage auch gar nicht weiter ein. Er fragt einfach: „Und ihr, was sagt ihr?“
„Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ – Zunächst scheint es so, als ob hier jetzt einfach noch eine weitere Meinung dazukommt. Einer sagt: Prophet- gut! – Und jetzt sagt ein anderer eben „Christus, Messias, Sohn Gottes!“ – Das wäre dann einfach die nächste Stufe, nicht wahr? Nach Prophet kann dann nur noch Messias kommen. Das war die Summe der gesamten Hoffnung Israels. Der Gipfel an Macht, Wissen und Möglichkeiten. – Die Frage nach dem Messias lag in der Zeit Jesu ständig in der Luft. Es war eine heftige Diskussion.
Jesus antwortet sehr feierlich: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“
Jesus stellt fest: Das ist keine Meinung unter anderen Meinungen. Das kommt von Gott. Das kommt vom Himmel, aus der Ewigkeit. Das ist nicht das Ergebnis von menschlichen Überlegungen, das ist nicht der Ausdruck von menschlichen, allzumenschlichen Wünschen, Begierden. Das, lieber Petrus haben dir nicht deine Ängste und Sorgen, oder deine ungelösten Probleme beigebracht. Nein! Dies ist eine neue Kreatur. Hier geht die Sonne mitten am Tage nochmal auf und es kommt ein neues Licht. Der Apostel Johannes schreibt: „Wer glaubt, daß Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren.“ (1. Johannes 5,1). Das kommt niemals von Menschen. Das ist eindeutig von Gott.
Es kann ja sein, daß wir uns Wunder anders vorstellen. Wenn wir damals dabeigewesen wären, als Simon Petrus diese Worte aussprach – was hätten wir wohl gemerkt? Was merken wir heute? Sind wir von Andacht ergriffen und einfach platt, wenn ein Mensch bekennt: „Jesus von Nazareth, geboren von der Jungfrau Maria, ist der Sohn Gottes und der Messias von Israel“? Da muß man auf die Knie gehen und sagen: „Daß ich das noch erlebe!“ – Jesus behandelt es unumwunden wie einen Gottesbeweis. „Das hast du nicht von Fleisch und Blut. Das ist keine menschliche Möglichkeit. Das kommt von Gott.“ Als der Sohn Gottes erkennt Jesus sofort, wo sein himmlischer Vater am Werk ist – und wo nicht. Im Johannes-Evangelium sagt er: „Denn der Vater hat den Sohn lieb und zeigt ihm alles, was er tut“ (Johannes 5, 20). Das hat Jesus gesehen. Und das zählt. Was Petrus dabei gefühlt hat, und was die anderen Jünger oder der Rest der ganzen Menschheit darüber denkt, spielt keine Rolle. „Selig bist du, Simon.“ Bei Gott steht das jetzt fest. – In dir, Simon, Jonas Sohn, hat Gott der Schöpfer den neuen Anfang gemacht. Den neuen Anfang, der bitter nötig wurde, nachdem wir Menschen leider den Ersten Anfang verdorben haben. Der erste Anfang, die gute Schöpfung, die wir Menschen leider mit blinder wilder Entschlossenheit an die Wand gefahren haben. Wie? – Mit unserem Mißtrauen gegen Gott. Mit unserer Undankbarkeit, Lieblosigkeit. Mit unserem Begehren, das nicht glauben kann, daß Gott uns zu rechter Zeit beschenken wird, wie es gut ist. – Sünde halt. Das ist die Richtung von Fleisch und Blut. Das sind für den Glauben die schlechtesten Ratgeber. Da kommen nur unsichere Meinungen bei heraus. Nichts Zuverlässiges, schon gar nichts Ewiges, außer ewiger Verzweiflung und Verlorenheit.
Jesus sieht, wie ein grünes Pflänzchen genannt „Glauben“ den dicken Felsen „Sünde“ durchbricht.
„Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“ Diese Worte haben Geschichte gemacht. Die größte christliche Konfession, die römisch-katholische Kirche, beruft sich auf dieses Wort. Wer Christ sein will, muß mit Petrus verbunden sein. Und da Petrus als Bischof von Rom starb, muß ein Christ in Verbindung mit dem Nachfolger des Petrus stehen, dem Bischof von Rom, dem Papst. Doch was Petrus zu Petrus macht, ist sein Bekenntnis. Petrus war schon der Fels, bevor er nach Rom kam. Mit seinen Worten stellt Jesus feierlich fest, daß der Funke übergegangen ist. Gott hat Glauben auf Erden unter den sündigen Menschen geschaffen. Das ist der Neuanfang, der nicht mehr vom Erdboden verschwinden wird. Petrus wird noch Dinge sagen, die er bereuen, ja zurücknehmen wird. Aber dieses Bekenntnis kann und darf er nie mehr zurücknehmen. Hier ist der Anfang der Kirche. Ein Mensch bezeugt: Das wichtigste und größte, und notwendigste, was Gott tut ist: Daß er in Seinem Sohn zu uns Menschen kommt, und uns rausholt. Daß Gott Seinen einziggeborenen Sohn hingibt unter den Fluch, daß ist das größte Wunder. Einen Menschen von Sünde frei machen ist so groß und schwer, wie Himmel und Erde aus dem Nichts schaffen. Um das sagen zu können, muß viel in einem Menschen geschehen sein. Petrus hat mit diesem Bekenntnis auch bezeugt, daß die Menschheit extrem hilfsbedürftig ist, und daß Jesus die Hilfe ist, die die Menschheit braucht. Petrus hat mit diesem Bekenntnis klargemacht: Mein größtes Problem ist meine Schuld. Und der Messias ist erst dann Gottes Messias, wenn er dieses Problem für mich und für alle löst.
Das, lieber Petrus, das mußt Du nie im Leben zurücknehmen! Das wird nie überholt. Keine Macht kann das unwahr machen. Mit diesen Worten bist Du, Petrus, bei Gott angekommen und in Sicherheit. Die Pforten der Hölle können dich nicht einschließen.
Du bist die Nr. 1 im Kirchenregister – alle, die zum Glauben kommen, kommen zu dir, Petrus in die Liste. Das ist die Kirche – die Liste, wo Petrus die Nr. 1 ist.
Jetzt kann man auch besser verstehen, was es heißt, daß Petrus die Schlüssel des Himmelreichs bekommt. Jesus sagt zu ihm: „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“ – Wer ins Himmelreich kommen will, kommt an Petrus – mit diesem Bekenntnis nicht vorbei. Wer es nicht bekennt, der ist einfach nicht drinnen. Der bleibt mit seiner Schuld, mit seinem Scheitern, mit seiner Verzweiflung und mit seinem Leiden und Tod allein und ohne göttliche Hilfe.
Wer aber mit Petrus bekennt, der ist nicht allein, im Gegenteil!
In unserer Kirche hören wir diese letzten Worte immer wieder in der Beichte: „Unser Herr Jesus Christus spricht zu Petrus …“ . Da sind wir an der Grenze, besser: beim Grenzübergang zum Reich Gottes. Denn in der Beichte sagen wir mit Petrus: „Lieber Gott, meine Sünden gehen über mein Haupt, und drohen mich zu verschlucken, ich werde die Last aus eigener Kraft nicht los. Hilf mir, im Namen Jesu.“ Das ist ein Wort, das nie bereut und zurückgenommen werden wird.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Gründonnerstag

Für den modernen Verstand, der danach fragt, ob etwas funktioniert, oder irgendwie sinnvoll ist, ist solch eine Geschichte eine Zumutung. Seltsame Rituale, scheinbar sinnlose Vorschriften begegnen uns. Das Kopfschütteln der Vernunft wird nur noch energischer, wenn gesagt wird, daß das alles Gottes Wort und Wille sei.

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

1 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland:
2 Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen.
3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus.
4 Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er’s mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können.
5 Ihr sollt aber ein solches Lamm nehmen, an dem kein Fehler ist, ein männliches Tier, ein Jahr alt. Von den Schafen und Ziegen sollt ihr’s nehmen
6 und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Gemeinde Israel schlachten gegen Abend.
7 Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, in denen sie’s essen,
8 und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen.
9 Ihr sollt es weder roh essen noch mit Wasser gekocht, sondern am Feuer gebraten mit Kopf, Schenkeln und inneren Teilen.
10 Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr’s mit Feuer verbrennen.
11 So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die, die hinwegeilen; es ist des HERRN Passa.
12 Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter, ich, der HERR.
13 Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage.
14 Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.

Mose 12, 1-14

Herr, schenk uns Erkenntnis aus Deinem Wort! Amen.

Liebe Gemeinde!
Für den modernen Verstand, der danach fragt, ob etwas funktioniert, oder irgendwie sinnvoll ist, ist solch eine Geschichte eine Zumutung. Seltsame Rituale, scheinbar sinnlose Vorschriften begegnen uns. Das Kopfschütteln der Vernunft wird nur noch energischer, wenn gesagt wird, daß das alles Gottes Wort und Wille sei.
Ein Tier wird geschlachtet, gebraten und gegessen, sein Blut wird an Tür und Schwellen gestrichen, zu der Mahlzeit gehören ungesäuertes, also ziemlich fades, Brot und bittere Kräuter. Und dann wird auch noch vorgeschrieben, daß man die Mahlzeit im Stehen, wie kurz vor der Abreise, zu sich nehmen soll.
Wenn man aber Vorher und Nachher vergleicht, dann muß man doch lieber genauer hinschauen.
Vorher: Das Volk Israel ist machtlos unter dem tyrannischen Pharao. Die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs sind unfreie Sklaven, Zwangsarbeiter in Ägypten. Also in einer aussichtslosen, verzweifelten Lage.
Nachher: Der Pharao und das ganze Ägyptische Volk flehen die Israeliten an, doch wegzuziehen, man gibt ihnen sogar Geschenke mit auf den Weg. Es ist eine weltgeschichtliche Stunde, als Israel dieses Ritual zum ersten Mal durchführt. In der Nacht des Passa schafft Gott Israel als Sein Volk. Es verläßt das Knechtshaus Ägypten und zieht aus in die Freiheit. Gott handelt, er tut, was er versprochen hat.
Unsere Geschichte führt uns vor Augen, wie Gott es einrichtet, daß Seine wunderbare Tat die größtmögliche Bedeutung für Israel, ja für die Menschheit bekommt.
Gott handelt nicht, ohne zu reden. So macht er klare Vorschriften. Zunächst für den entscheidenden Abend. Jeder Haushalt soll ein perfektes, männliches, einjähriges Lamm beiseite nehmen, am 10. des Monats. Damit beginnt der Countdown. Jede Familie im Volk Israel sieht sich dieses Lamm vier Tage lang an und weiß: Der tyrannische Pharao ist angezählt. Die Freiheit, die Erlösung kommt unaufhaltsam näher. Doch damit niemand panisch wird, oder eigenmächtig Gottes Plan durcheinanderbringt, gibt es klare Ansagen. Das erste Passafest wird gefeiert. Es wird so gefeiert, daß es für alle Zeiten eine klare Erinnerung daran geben kann. Gott sorgt dafür, daß Israel sich zu allen Zeiten klar auf diese Nacht der Befreiung beziehen kann. Alle Jahre wieder soll ein Lamm an einem bestimmten Tag geschlachtet, gebraten, und mit Brot und Kräutern gegessen werden. So bekommt die einmalige Tat Gottes in Ägypten vor über 3000 Jahren maximale Bedeutung. Das Wunder bleibt so frisch, und ist so unvergänglich, daß jeder Israelit, der mitfeiert, sagen kann: „Gott hat mich aus dem gnadenlosen System Ägypten befreit.“
Die menschliche Vernunft, auch die moderne Vernunft, kann das nicht schaffen, auch wenn sie es versucht. Nur Gottes Taten vergehen nicht, sondern sie bleiben neu und wirken auf uns über und durch alle Zeiten. Das hängt damit zusammen, daß Gott spricht, wenn er etwas tut. Bei der einen Nacht in Ägypten ging es nicht nur um die nächste Stunde – bis zur Grenze; oder um den nächsten Tag bis ans Schilfmeer; auch nicht um die nächste Generation – Wanderung durch die Wüste; sondern um Jahrhunderte. Die Worte für diese Nacht gingen nicht unter, verloren nicht an Bedeutung, sondern sprachen in jede neue Situation und Zeit hinein und schufen die Verbindung zum Wunder Gottes, das damals in Ägypten geschehen war. Das war nicht einfach eine feierliche Mahlzeit. Es war mehr als eine schwelgende Erinnerung oder Sehnsucht. Nicht Menschen machten etwas aus einer Geschichte in der Vergangenheit, sondern Gott selbst fügte die Israeliten durch das Passafest immer wieder aufs Neue in Seine Geschichte, in Seinen Plan ein.
So hat Gott sich in Israel offenbart, bekannt gemacht. So ist Israel ihm begegnet.
Es war ein Passafest, es war die Nacht der Befreiung durch Gott, in der Jesus Vorsorge traf, daß seine Tat des Neuen Testaments für alle Zeiten unverbraucht bei uns Menschen ankommt und wirkt. Jesus und seine Jünger werden durch die Geschichte und das Gesetz des Mose mit seinen Jüngern in die Knechtschaft Ägyptens versetzt. Doch an diesem Abend hat Jesus seine ganze Mission in das Passamahl gegeben und hat es damit neu geschaffen.
Das ungesäuerte Brot vom Passamahl nahm er und sprach: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.“ Nun war es nicht mehr ein Tier, das ohne eigenen Willen sein Leben ließ, sondern ein Menschenleben, das mit freiem Willen, mit reiner Liebe hingegeben wurde. Das gab Jesus mit dem Brot zu essen. Und das Blut, das im Alten Testament in der einen Nacht an die Tür gestrichen wurde, um vom tötenden Engel verschont zu werden, dieses Blut wird nun im Kelch gereicht: „Das ist mein Blut des Neuen Testaments“. Passa bedeutet ja: „Übergehen, überspringen, auslassen“. In Ägypten ging der Gerichtsengel Gottes um und schlug alle Erstgeburten. Nur, wer das Blut des Lamms an der Tür hatte, wurde übergangen, also verschont. Jesus setzt in dieser Nacht sein Blut, das er morgen am Kreuz vergießen wird, als Verschonungszeichen ein. Es ist vergossen „zur Vergebung der Sünden.“ Wer dieses Blut bei sich hat, wird von Gott nicht mehr verurteilt, muß mit seinen Verfehlungen nicht mehr allein fertig werden – was kein Mensch kann. In dem Osterlied: „Christ lag in Todesbanden“ hat Dr. Martin Luther das Ostern des Neuen Testament mit dem Passa des Alten Testaments in eine gereimte Strophe gebracht: (ich zitiere das Original, weil es mehr Einzelheiten aus dem Alten Testament bringt. Man vergleiche es mit dem Gesangbuch 76, 5!)
„Hier ist das recht Osterlamm,
davon Gott hat geboten,
das ist an des Kreuzes Stamm
in heißer Lieb gebraten.
Des Blut zeichnet unsre Tür,
das hält der Glaub dem Tod für,
der Würger kann uns nicht rühren.“
Die Kirche erkennt das Feuer, mit dem das Passalamm gebraten werden mußte, wieder in der Liebe, die Jesus so im Griff hatte, daß er an keiner Stelle dem Leiden ausgewichen ist.
Jesus hat am Gründonnerstag, in der Nacht, als er verraten ward – man kann auch übersetzen: Hingegeben wurde, ausgeliefert, überantwortet wurde – in dieser Nacht hat er sein ganzes Vermächtnis, was er der Menschheit geben wollte und auch tatsächlich gegeben hat, in das Altarsakrament eingesetzt. Genau wie Gottes Tat damals in Ägypten nicht mit der Zeit verblaßte und zerrann, sondern immer da war, so ist nun Jesu Tat niemals mit der Zeit vergangen, sondern da. Es ist ungeschwächt ganz da, weil er selbst es so will und so bestimmt hat.
In Ägypten ging es um eine Befreiung von Sklaverei, Unterdrückung, Ausbeutung, Demütigung, Entwürdigung. Am Gründonnerstag geht es um den letzten Feind: Den Tod, und das, was den Tod mit sich bringt: Die Trennung von Gott. Es geht um die überwältigende Anklage, auf die kein Mensch eine Antwort hat. „Du hast das Gesetz des Lebens bei Dir und bei Deinen Mitmenschen nicht gehalten! Du hast Dich mit Willen von Gott und seinem Vertrauen losgesagt!“ Damit ist unsere Situation auf den Punkt gebracht. Diese Anklage, die leider wahr ist, macht uns am Ende kaputt. Wir können ihr nicht ausweichen.
In der Nacht vom Gründonnerstag hat Jesus als das Lamm Gottes diese Anklage auf sich bezogen, damit alle, die an ihn glauben, verschont werden. „Der Würger kann uns nicht (an-) rühren“, denn „sein Blut zeichnet unsere Tür, das hält der Glaube dem Tod vor“. Wer dieses neue Passalamm ißt, ist auf dem Weg aus der Umklammerung des Todes.Durch den Glauben hat er die Schuhe an, mit denen er aus der Knechtschaft der Sünde auszieht.
Für diese Freiheit ist Jesus gekommen. „Wenn euch der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei.“ Sagt er in Johannes, Kapitel 8. Der Sohn macht uns frei. Wie tut er das? Nicht anders, als Gott durch Mose im Alten Testament: Jesus handelt und spricht. Er sorgt dafür, daß seine Worte und Taten weiter wirken – aber als SEINE Worte und Taten. Das wird im Abendmahl überdeutlich. Er hat diese Feier so eingesetzt, daß er immer wieder durch seine Diener in seiner Kirche einlädt Im Sakrament gibt er uns seinen Leib, den er geopfert hat, zu essen, und sein Blut, das er zur Vergebung der Sünden vergossen hat, gibt er uns zu trinken. Damit gibt er selbst uns seine ganze Liebe, die ihn dazu geführt hat, Mensch zu werden und es bei uns auszuhalten; er gibt uns seine Liebe, die Worte des Lebens gefunden hat für die Verzweiflung und die Arroganz, für die Verlorenen und für die Verblendeten.
Liebe Gemeinde! Die uralte Geschichte aus dem 2. Buch Mose, und die Einsetzung des Abendmahls umgeben uns nun, und wir werden Teil von Gottes Geschichte. Es wäre nun das einzig Richtige, das zu tun, was wir als das Israel des Neuen Testaments tun sollen und dürfen, nämlich mit Jesu Worten Brot und Kelch segnen und das Mahl des Herrn feiern. Wie schwer ist es doch zu ertragen, daß wir das nicht können! Ein Gebet in unserem Gottesdienstbuch sagt: „Allmächtiger Gott … erhalte in uns das Verlangen nach dieser Speise, die unser wahres Leben ist.“ Gott gebe uns dieses Verlangen! Das wäre ein sicheres Zeichen, daß der Heilige Geist bei uns ist. Es ist die Sehnsucht, Teil der Geschichte Gottes zu sein und zu bleiben, der Geschichte, die ein gutes Ende hat, und uns dabei haben will.

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der regiere und bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Gedenktag des Bekenntnisses von Augsburg

Heute vor 490 Jahren war ein großer Tag in Augsburg. Ein Gipfel. Die höchste Majestät und Autorität Europas, Kaiser Karl der Fünfte, hatte einen Reichstag einberufen. Am 21. Januar 1530 in Bologna, Italien, wurde einberufen – für den 8. April.

CONFESSIO AUGUSTANA 1530

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater
und dem HERRN, Jesus Christus. Amen.

11 Aber du, Gottesmensch, fliehe das! Jage aber nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut!

12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.

13 Ich gebiete dir vor Gott, der alle Dinge lebendig macht, und vor Christus Jesus, der unter Pontius Pilatus bezeugt hat das gute Bekenntnis,

14 daß du das Gebot unbefleckt, untadelig haltest bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus,

15 welche uns zeigen wird zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren,

16 der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann. Dem sei Ehre und ewige Macht! Amen.

Text: 1. Timotheus 6, 11-16

Liebe Gemeinde!

Heute vor 490 Jahren war ein großer Tag in Augsburg. Ein Gipfel. Die höchste Majestät und Autorität Europas, Kaiser Karl der Fünfte, hatte einen Reichstag einberufen. Am 21. Januar 1530 in Bologna, Italien, wurde einberufen – für den 8. April. Am 11. März erreichte die Einladung den Sächsischen Kurfürsten Johann. Am 3. April, dem Sonntag Judika, verließen die Theologen Luther, Melanchthon und Justus Jonas Wittenberg, um den Kurfürsten nach Augsburg zu begleiten. Am 15. April ließ man Luther in Coburg – er war ja geächtet – sein Erscheinen wäre ein Zumutung gewesen!  – und am 2. Mai kam die kursächsische Delegation in Augsburg an.

Der Reichstag hatte zwei Hauptthemen: 1. Die Abwendung der Türkengefahr: Die militärische Bedrohung der Christen Europas durch islamische Armeen war ein ständiges Thema. Vom 27. September bis zum 14. Oktober 1529 hatten osmanische Truppen unter dem Kommando von Sultan Süleyman I. dem Prächtigen Wien eingeschlossen, das damals Hauptstadt der Habsburgischen Erblande und eine der größten Städte Mitteleuropas war. Unterstützt von anderen Truppen des Heiligen Römischen Reichs konnten sich die Verteidiger behaupten.

2.  Die Beilegung der religiösen Streitigkeiten.  Der Kaiser formulierte freundlich: Er wolle „eines jeglichen Gutdünken, Opinion und Meinung“ dazu hören. – Weniger als 10 Jahre zuvor hatte Dr. Martin Luther allein vor dem Reichstag zu Worms gestanden – am 18. April hatte Luther sich vor dem Kaiser geweigert, zu widerrufen – nämlich das biblisch begründete Evangelium von der Gnade Gottes – und gesagt: „… „ …. wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde, denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“  Das sagte er allein. Inzwischen waren es unzählige, die sich ihm angeschlossen hatten.

In Augsburg stand nicht er, sondern Repräsentanten ganzer Regionen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation standen vor dem Kaiser und bekannten: Johann Kurfürst von Sachsen, Georg Markgraf von Brandenburg – unser Mann! -, Ernst Herzog zu Lüneburg, Philipp Landgraf von Hessen, Johann Friedrich Herzog zu Sachsen, Franz Herzog zu Lüneburg, Wolf Fürst zu Anhalt, und zwei Städte: Nürnberg und Reutlingen. Sie setzten ihre Ehre, Hab und Gut ein für ihren Glauben.

Die Gegner Luthers hatten sich vorgenommen, zu beweisen, daß die Evangelischen nicht Teil der Christenheit wären. Dazu hatte Professor Johannes Eck der Universität Ingolstadt 404 Irrtümer Luthers zusammengetragen und veröffentlicht. Deshalb beauftragte der sächsische Kurfürst die Evangelischen Theologen, ein Bekenntnis aufzustellen, das bezeugen würde: Wir sind Teil der Christenheit, wir glauben das, was Christen glauben sollen und geglaubt haben. Also positiv. Die negativen Punkte, also die Änderungen, sollten mehr im Hintergrund sein. So verfaßte Philipp Melanchthon, damals 33 Jahre alt, unser Bekenntnis – am 11. Mai lag es vor. Es gab regen Postverkehr mit Luther auf der Coburg, und schon am 15. Mai konnte Luther zurückmelden: „ Ich habe das Bekenntnis gelesen, es gefällt mir sehr gut, und ich weiß nichts daran zu ändern und zu bessern, das wäre auch unpassend, denn ich kann so sanft und leise nicht treten. Christus unser Herr helfe, daß sie viel und große Frucht schaffe, wie wir hoffen und bitten. Amen!“.

Schließlich wurde sie am 25. Juni um 15 Uhr  vom sächsischen Kanzler Dr. Christian Beyer im Saal des bischöflichen Palastes verlesen. Auf deutsch, bei offenen Fenstern, wo die Menge jedes Wort mithören konnte.

Der schwäbische Reformator Johannes Brenz berichtete über die Neutrale Haltung des Kaisers: „Als unsere Konfession vorgelesen wurde, schlief er ein; und als die Antwort der Gegner vorgelesen wurde, schlief er wieder und fortwährender Verhandlung ein.“  – Das ist oft die Neutralität der Welt, sie schläft ein, wenn um die Wahrheit gerungen wird. – Doch der Kaiser blieb sich seiner christlichen Verantwortung auf seine Weise bewußt und kämpfte für den katholischen Glauben mit allem, was ihm zur Verfügung stand, bis er 1555 abdankte und sich in ein Kloster zurückzog.

Liebe Gemeinde, etwas Geschichte muß sein. Das Evangelium kommt von Gott; es bahnt sich aber einen Weg in dieser Welt. Es kommen konkrete Menschen an konkreten Orten zu bestimmten Zeiten zum Glauben.

Das Bekenntnis von Augsburg ist eine unserer Bekenntnisschriften. Unser kirchliches Leben richtet sich danach aus. Alle Amtsträger sind darauf verpflichtet, das heißt, sie müssen sich davor verantworten können. Was uns zusammenhält und zusammenführt, ist nicht Freundschaft, auch nicht ein politisches oder finanzielles Interesse. Es ist die göttliche Wahrheit des Evangeliums von Jesus Christus – auf dieser Grundlage sollen wir uns immer wieder finden und unseren Weg gehen.

In unserem Predigttext scheint es zunächst um etwas Persönliches, ja Privates zu gehen. Der Apostel Paulus schreibt seinem Schüler und Nachfolger Timotheus, wie es in der Kirche weitergehen soll. Ganz persönlich, ganz privat. Und doch schafft das Evangelium eine ganz große Öffentlichkeit. Vielleicht ist Religion Privatsache. Das Evangelium ist öffentlich. Daß Religion Privatsache sei, bedeutet ursprünglich, daß die staatliche Macht nicht in die Religion hineinregieren soll – der Bürger soll vor der Macht des Staates geschützt werden. Heute meint man: Religion ist privat, also soll niemand merken, welche Religion ich habe. Diese weitverbreitete Meinung kann sich weder auf die Reformation, noch auf das Neue Testament berufen.

Paulus schreibt zwar einen persönlichen Brief an Timotheus, aber in diesem Brief macht er deutlich, daß es sich um eine äußerste, größte Öffentlichkeit handelt.

1. Vor der Gemeinde – „Du, Timotheus, hast das Gute Bekenntnis bekannt vor vielen Zeugen.“ Das war bei seiner Taufe oder bei seiner Einsetzung als Geistlicher seiner Gemeinde. Eine Meinung kann ich für mich behalten, unklar, unverbindlich, ohne Folgen. Ein Bekenntnis zielt auf Klarheit, Deutlichkeit, Verbindlichkeit. „Jesus Christus ist der HERR!“

 2. „vor Gott, der alle Dinge lebendig macht, und vor Christus Jesus, der unter Pontius Pilatus bezeugt hat das gute Bekenntnis“   – Das Bekenntnis des Timotheus vor der christlichen Gemeinde ist auch gleichzeitig ein Bekenntnis vor Gott und Jesus Christus. Das ist eine Dimension, an die wir nicht genug denken können. Gott nimmt unser Bekenntnis ab – durch Menschen. Für mich als Prediger bedeutet das immer: Ich spreche zwar vor Menschen, die stark oder schwach sind, arm oder reicht, gebildet und weniger gebildet, wie auch immer; doch was gesagt wird, das ist vor Gott gesagt. Vor dem Gott, der mein Leben in der Hand hat, vor dem Herrn Jesus Christus, der sich für mich und für diese Menschen geopfert hat. Darum ist es eine andere Sprache, als das unverbindliche persönliche Gespräch.

Diese Sprache des Bekenntnisses ist eine Antwort auf Gottes Tun und Sprechen: Paulus nennt Gott den, der „alle Dinge lebendig macht“. Also Gott veröffentlicht Seine Schöpfermacht vor der ganzen Welt. Öffentlicher geht nicht – unser Schöpfer ist nicht unverbindlich, undeutlich, unklar oder mal so mal so. Er will das Leben und er schafft es – jeder kann es sehen, wissen und erfahren. Darum ist es nur passend, wenn wir Menschen Gott die Ehre geben, und ihm darauf antworten mit einem Bekenntnis, das jeder hören, wissen und verstehen kann.

3.  Ebenso hat Jesus sich ganz klar und deutlich vor dem höchsten geistlichen und vor dem höchsten weltlichen Gericht deutlich bekannt. Vor dem Hohen Rat Israels hat er bezeugt, daß er „Christus, der Sohn Gottes“ ist. (Matthäus 27, 63-4). Und vor Pilatus, den Statthalter der römischen Weltmacht bekannte er sich als „Der König der Juden“ (Matthäus 27, 11). Das kann jeder wissen und verstehen. Es war Weltöffentlichkeit. So wie Gottes Schöpfung und das Evangelium von Jesus Christus alle Menschen ausnahmslos angeht, so sollen wir das auch vor allen Menschen aussprechen und bezeugen. Gott wird zu Seinem Wort stehen, und uns lebendig machen.

Es gehört zum Evangelium, daß es auch vor der weltlichen Macht bezeugt wird, wie Jesus vor Pilatus, und danach auch alle Apostel. Ähnlich dann die Evangelischen vor Kaiser und Reich. – Und denken wir daran: Kaiser Karl V verstand sich in der Nachfolge der Römischen Kaiser – also man stand vor derselben Majestät und Macht, wie Jesus selbst. Also, wer Jesus nachfolgt, der wird ihm auch nachfolgen zum Zeugnis vor den Menschen.

4. Paulus gebietet Timotheus das Evangelium „unbefleckt, untadelig zu halten bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus“. Das Evangelium bleibt gleich. Sonst hätten die Apostel es nicht aufgeschrieben. Was schreibt bleibt. Es ist keiner Entwicklung unterworfen. Wenn es Entwicklung geben würde, dann könnte man zu allem sagen: „Das gilt jetzt nicht mehr, das war mal so, aber heute nicht mehr.“ Dann muß man an Menschen glauben, die uns offenbaren, was denn aktuell gilt. Welche Menschen sollen das sein? Ab wann soll das Neue dann gelten? Und bis wann?  – Fangen wir nicht an, uns auf dieses unsichere Glatteis zu begeben! – Der Reformator hat das ganz deutlich gesagt in einem (persönlichen) Bekenntnis aus dem Jahr 1528:

 „Ob jemand nach meinem Tode sagen würde: wo der Luther jetzt lebte, würde er diesen oder jenen Artikel anders lehren und halten, denn er hat ihn nicht genugsam bedacht usw., dawider sage ich für jetzt und immer, daß ich alle diese Artikel aus Gottes Gnade aufs fleißigste bedacht, oftmals an der Schrift überprüft und immer wieder die Schrift durchforscht habe, und dieselben so gewiß verfechten wollte, wie ich jetzt das Sakrament des Altars verfochten habe. Ich bin jetzt nicht trunken und unbedacht. Ich weiß, was ich rede, fühle auch wohl, was mirs auf des Herrn Jesu Christi Wiederkunft am Jüngsten Gericht gilt. Darum soll mir niemand Scherz oder Narrenspiel daraus machen. Es ist mir ernst, denn ich kenne den Satan aus Gottes Gnade: zum großen Teil kann er Gottes Wort und Schrift verkehren und verwirren; was sollte ers nicht mit meinen oder eines andern Worten tun?“

Aus demselben Geist spricht auch die letzte Lutherische Bekenntnisschrift, die Konkordienformel von 1580: Bei diesem Bekenntnis „gedenken wir, mit Gottes Gnade, bis an unser seliges Ende zu verharren und vor dem Richterstuhl unsers Herrn Jesu Christi mit fröhlichem, unerschrockenem Herzen und Gewissen zu erscheinen.“

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Palmsonntag

Und als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt.

Das Lamm, das geschlachtet ist,
ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum,
und Weisheit und Stärke,
und Ehre und Preis und Ruhm.
Gnade sei mit euch und Friede,
von Gott unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

3 Und als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt.
4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?
5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
6 Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.
8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.
9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

Markus 14, 3-9

HERR, segne Dein Wort an uns, laß es Frucht bringen, die bleibt. Amen.

Liebe Gemeinde!

Diese Frau hat sich offensichtlich vergessen. Was sie tut, kann anders nicht erklärt werden.
Es geht um anderthalb Jahre Netto-Einkommen eines Facharbeiters. Man würde heute von gut über 30.000 Euro sprechen. Das Geld ist nun futsch. 300 Silbergroschen. Noch ist der Duft von Luxus im Haus – schreibt der Evangelist Johannes – aber die Freude an dem herrlichen Duft von Narde und Balsam breitet sich nicht aus.
Gewiß: es war üblich, bei Festessen hochgeschätzte und geehrte Gäste mit wohlriechendem Öl zu salben. Aber diese Maßlosigkeit übersteigt allen Anstand!
Unüblich allerdings war es damals, daß eine Frau in die Männergesellschaft eintrat. Das gehörte sich nicht.
Diese Frau hatte sich über alles hinweggesetzt, und sich vergessen.
Sie sagt in unserer Geschichte kein Wort. Was sie sich dabei gedacht hat, warum sie so verschwenderisch war, das bleibt ein Geheimnis. Wie gern würde man erfahren, was sie dazu getrieben hat, so überschwenglich zu sein!
In der damaligen Zeit konnte man diese Tat als Verehrung ansehen. Man konnte es so verstehen, daß sie bezeugen wollte, daß Jesus jemand ganz besonderes, ja, einmaliges sei. Das Alabastergefäß zerbrach sie, damit wurde die Einmaligkeit des Vorgangs noch unterstrichen: Das Fläschchen sollte nie wieder nachgefüllt, und wiederverwendet werden. Dieser Mensch hier ist einmalig! – Und bei der maßlosen Übertreibung wäre es nicht daneben, zu sagen: „Dieser Mensch ist so einmalig, wie Gott!“ Das konnten nun alle im Haus wissen: Der betäubende Geruch, ähnlich wie Lavendel, mußte sich jedem aufdrängen, der nicht die Luft anhielt.
Das Schweigen wird gebrochen von entsetzten, empörten und zornigen Stimmen, die aber nicht offen reden, sondern untereinander zischen: „Was soll diese Vergeudung? – Das ist doch durch nichts zu rechtfertigen!“ Egal, ob Jesus etwas Besonderes ist, oder man ihn verehren möchte: Das geht doch zu weit! Das ist verantwortungslos!
Um die Selbstvergessenheit dieser Tat noch greller ans Licht zu zerren, erinnert man an die Armen. „Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben.“ Mit 30.000 Euro hätte man schon was anfangen können! Gerade in der Zeit vor dem Passahfest waren Almosen eine Pflicht, den Armen zu helfen, mitzufeiern! Es ist ganz klar, daß diese Tat völlig verwerflich war!
„und sie fuhren sie an.“ – Sie fühlten sich eindeutig im Recht; und schon kommt Aggression in die Situation. Die Frage, ob Jesus verehrt werden soll, kommt gar nicht auf.
So sind wir Menschen: Wenn man sich über den Nächsten erheben und urteilen kann, dann ist das unwiderstehlich. Da kann man sehr schnell maßlos werden! Da ist keine Unterstellung zu boshaft. Die Empörung ist nach oben hin offen.
Was für eine Atmosphäre!
Wohlgeruch und Gift – oder, aus der Sicht der aufgeregten Gäste: Der Geruch von Verantwortungslosigkeit seitens der Frau und eindeutig guter Gesinnung seitens der Kritiker.
Früher wurde gesagt: Glockentöne können Gewitter vertreiben.
Von Jesus kommen 4 Worte, die alles klären. Jesus bereinigt die Atmosphäre, und zwar für immer. Seine Worte sind Glockentöne, die aus diesem Haus in Bethanien tönen, und nicht verklingen, bis sie auch uns erreichen. Es sind vollmächtige Worte, die dieser scheinbaren Maßlosigkeit der selbstvergessenen Frau vollauf gerecht werden. Die scheinbar eindeutig guten, aber selbstgerechten Vorwürfe müssen nun schweigen, und zwar für immer.

„Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“
Jesus nimmt die Tat von der Frau an. Auch wenn die ganze Welt nicht sie nicht versteht und nicht verstehen kann. Jesus stellt fest, daß nichts daran verkehrt ist. Sie hat es gut gemacht. Ohne Einschränkung, ohne Wenn und Aber. Ihn zu verehren, ist angemessen und richtig. An anderer Stelle sagt Jesus: „Wer mich bekennt vor den Menschen, den werde ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Jesus bekennt sich zu dieser Frau. Wer sie angreift, bekommt es mit ihm zu tun.- Das ist aber erst der Anfang, der erste Glockenton.
Der zweite Glockenton sagt: Jesus zu verehren, ist nicht nur nicht falsch, oder übertrieben, sondern es ist notwendig. Jesus sagt weiter:
„Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.“
Sich um die Armen zu kümmern, das ist Gottes Gebot. Gottes Gebote gelten immer. Unser Gewissen ist an sie gebunden. Jesus erkennt das an. Ja, noch mehr: Er sagt, daß es immer Armen geben wird. Kein System, kein noch so guter Wille der Menschen wird die Armut für immer beseitigen. Es wird immer zu tun geben. Je mehr die Überzeugung sich breit macht, daß Armut durch Programme beseitigt werden wird, um so sicherer ist es, daß man Gott vergessen hat. Jesus schickt noch eine kurze, aber wichtige Kritik hinterher: „ … und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun.“ – Anstatt sich über andere zu erheben und sie selbstsicher zu verurteilen sollt ihr selber zusehen, wo ihr helfen könnt. Die öffentliche Kritik an anderen hilft dem Armen nicht, im Gegenteil. Das Gefühl, eindeutig auf der richtigen Seite zu sein, ist und bleibt ein Selbstbetrug. Jesus stellt die Kritiker der Frau vor Gott, da gehören sie nämlich hin.
Aber dann erklärt er, warum die Frau das einzig Richtige getan hat: „ … mich aber habt ihr nicht allezeit.“ Damit deutet Jesus an, daß man es nicht aufschieben kann, ihn zu verehren. Wenn er da ist, dann ist auch die Zeit da, ihn zu verehren, und zwar ganz. Damit stellt er sich auf die Seite Gottes. Die Frau war die einzige, die richtig reagiert hat. Ihre bestürzende Tat bezeugt die bestürzende Wahrheit: „Gott ist unter uns, Gottes Liebe kommt zu uns, und keiner merkt es!“
Das allein wäre ja schon gewaltig. Doch es kommen noch zwei Glockentöne. Wir hören:
„Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“ –
Ob die Frau das wohl im Blick hatte? Hat sie gesehen, daß Jesus sehr bald sterben würde? Das bleibt ein Geheimnis. Vielleicht hat sie geahnt, daß die Liebe Jesu in dieser Welt Feinde hat, und daß die Feinde der selbstlosen Liebe von Grimm erfüllt und besessen sind. Das könnte sein. Am Ende aber definiert die Frau nicht, was ihre Tat bedeutet, sondern Jesus nimmt diese Verehrung und macht aus dem vergossenen Öl etwas so Großes, wie kein Mensch es sich angemaßt hätte. Jesus nimmt diese selbstvergessene Verehrung an, nimmt sie ganz persönlich als eine Salbung an. Salbung ist in Israel immer mit Würde verbunden. Die Leiber der Verstorbenen wurden gesalbt, damit sie in Würde beerdigt und in Gottes Hand gegeben werden konnten. Es war eine letzte Ehre, ein Dank und ein Zeichen der Liebe. Dieses Zeichen nimmt Jesus an. Damit macht er überdeutlich: Ich gehe in den Tod, bewußt, freiwillig, gehorsam und aus Liebe. Was kommen wird, ist kein Unfall, und nicht gegen meinen Willen.
Doch da ist noch nicht alles. Salbung in Israel bedeutete Weihe. Propheten, Priester und Könige wurden durch Salbung zu ihrem Amt und ihrer Aufgabe geweiht, gesegnet und eingesetzt. „Christus“ ist griechisch für das hebräische Wort „Messias“ und das heißt: „Der Gesalbte“, der von Gott Geweihte, Gesegnete und Eingesetzte. Er handelt und spricht im Namen Gottes.
Jesus ist so frei, diese mehrdeutige Tat einer schweigenden Frau zu einer Segnung und Weihe zu erklären. Das ist eine Majestät, die ganz anders ist, als die Welt kennt oder erwartet. Jesus baut seine Macht und Majestät nicht auf mit vielen verschiedenen Bausteinen, wie: Geld, Militär, Medien und Einfluß, Gewalt, Beziehungen. Niemand auf Erden kann sagen: Ich habe Jesus geholfen, an die Macht zu kommen. Jesus trägt seine Macht ganz und gar in sich. Er hat sie von seinem Vater, und sonst von niemanden. Darum ist er jeder Macht gegenüber völlig frei. Das wird man in der Passionsgeschichte gegenüber dem Hohenpriester und Pilatus klar sehen. Doch sein Reich ist nicht von dieser Welt. Das sehen wir daran, daß er seine Salbung von einer Person annimmt, die von niemand auf Erden anerkannt wird, die aber ihn ganz verehrt. Und daß die Salbung zum Messias gleichzeitig eine Salbung zum Begräbnis ist, das zeigt auch, daß das Reich, in dem Jesus die Macht hat, nicht von dieser Welt ist. Jesus übt seine Macht gerade auch durch seinen Tod aus. Da müssen alle Mächtigen dieser Welt passen.

Und der letzte Glockenton:
„Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“
Jesus spricht jetzt von seinem Reich. Seine Macht wird er ausüben durch das Evangelium. Die Predigt von ihm wird um die Welt gehen. Der Messias, der in einem unwichtigen Dorf von einer unwichtigen Frau gesalbt wurde, wird in der ganzen Welt durch sein Wort Macht ausüben. Das kann niemand aufhalten. Die Hohenpriester nicht, Pilatus und die Römer nicht, aber auch nicht diese Kritiker, die sagen: „Was soll diese Verschwendung, die Übertreibung, diese Maßlosigkeit, den Gekreuzigten verehren und lieben? – Gibt es nicht Wichtigeres, als Gottesdienst, Mission, Liebe zu Gottes Wort, Zeit für Kirche und Gemeinde?“ – Sie kommen zu spät. Der Duft, der gute, wunderbare Duft, dringt durch. Es duftet nicht nur in Bethanien, sondern auch in ganz Israel, im Römischen Reich, in aller Welt. Auch uns weht dieser Duft der Salbung an. Die Liebe Gottes, die sich in dem Weg Jesu offenbart spricht Menschen in ihrer Seele an. Jesus nimmt ihre Reaktionen, die sie manchmal selber nicht richtig durchschauen, und veredelt sie.
Auch unsere Reaktionen auf das Evangelium sind heilig. Für Christus jedenfalls.
Jesus stellt sich vor uns, und spricht für uns. Wenn wir seine Macht anerkennen, dann gebraucht er seine Macht für uns. Gegen alles, was eindeutig gut erscheint und uns verurteilt.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der regiere und bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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