Trinitatis

Von | Mai 28, 2024
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Predigt am 7. Juli 2020 von Pfarrer Johann Hillermann

    Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

    22 Und der HERR redete mit Mose und sprach:
    23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
    24 Der HERR segne dich und behüte dich;
    25 der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
    26 der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
    27 Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, daß ich sie segne.

    4. Mose 6, 22-27

    Dreieiniger Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – erbarm Dich über unseren Verstand und gib uns das Geheimnis Deines Wesens zu erkennen zu unserem Heil. Amen.

    Liebe Gemeinde!

    Zu Beginn des Matthäus-Evangeliums steht ein Stammbaum. 42 Generationen von Abraham über den König David bis zu Maria, der Mutter unseres Herrn Jesus Christus. Es gibt besondere Menschen, die sich sehr für Stammbäume interessieren. Darauf kommt es mir heute nicht an. Heute geht es um den Segen.

    Der Stammbaum Jesu hält fest: mindestens 42 Mal ist Gottes Segen von einer Generation zur nächsten weitergegeben worden. Abraham und seine Frau Sara waren hochbetagt. Der Kindersegen war schon ein Wunder. Isaak wurde von seinem Halbbruder drangsaliert und verspottet (1. Mose 21, 9), Abraham mußte vor Gott bereit sein, ihn zu opfern (1. Mose 22). Jakob mußte fliehen, weil er von seinem Zwillingsbruder bedroht wurde; er selbst hatte seinen Vater betrogen.

    Im Stammbaum Jesu wird der Segen Gottes von Generation zu Generation durch Menschen in Frage gestellt. Der große König David bricht die Ehe – lässt den rechten Ehemann auch noch umbringen. Auch sind zwei nicht-israelitische Frauen mit Namen erwähnt: Rahab und Ruth. Es war gar nicht automatisch so, dass der Glaube an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs einfach weitergetragen wurde! Und dann wird im Stammbaum Jesu die Gefangenschaft des Volkes Israel im fernen, fremden Babel erwähnt. 70 Jahre war man aus allem raus – gedemütigt von einer hervorragenden, mächtigen Kultur, mit fremden Göttern. Der Segen kam durch. Das ist ein absolutes Wunder.

    Aber was ist denn Segen? Auch in der heutigen Welt, die sich schnell, leicht und selbstsicher von Gott abwendet, spricht man vom Segen. Ich „gebe meinen Segen“ zu etwas. Was tue ich dann? Ich stimme zu, ich unterstütze, ich wünsche alles Gute. Oder man sagt, jemand sei mit etwas „gesegnet“ – vielleicht einer kräftigen Stimme, oder mit Kindern. Da schwingt mit: Das ist eine Gabe, ein Geschenk. Das kann man nicht einfach machen, es kommt etwas von oben dazu.

    Ich möchte den Segen als Wirken Gottes anhand der Schöpfungstage beschreiben:

    Am ersten Tag schafft Gott das Licht – Segen ist weniger Finsternis und mehr Licht.

    Am zweiten Tag schafft Gott die Feste, das Firmament – stabile Ordnung, sodass es Oben und Unten gibt, und nicht Chaos. Segen bringt zuverlässige Ordnung und Orientierung, und weniger Chaos, Durcheinander.

    Am dritten Tag scheidet Gott das Land vom Wasser – das Land kann bewohnt werden, das bedrohliche Meer, das alles zerstören und verschlingen kann, wird eingegrenzt – Segen schafft sichere Räume, wo man leben kann, und nicht ständig Gefahren abwehren muss, oder von Bedrohungen eingeschüchtert wird. Und so erscheint das Leben am 3. Tag: Pflanzen, die Samen tragen und Früchte bringen. Hier wird der Segen schon deutlicher. Mehr Leben und mehr Bedingungen, die das Leben ermöglichen, fördern und schützen – mehr davon! Und weniger Gefahr, Bedrohung, Zerstörung, Unsicherheit.

    Am vierten Tag schafft Gott Lichter: Die Sonne, den Mond und die Sterne. Die Bibel sagt uns: Diese Lichter regieren Tage und Zeiten – dann ist es möglich, das Leben einzuteilen. Es muss nicht alles auf einmal geschehen, nicht alles unter Druck. Arbeit und Ruhe – Saat und Ernte. Segen ist mehr sinnvolle und erfüllte Zeit – und weniger sinnlose Zeit: Entweder überfüllt, unter Druck, oder leer – ohne Abwechslung, ohne Rückblick, ohne Zukunft.

    Am fünften Tag schafft Gott Vögel unter dem Himmel und Fische im Meer: Bewegung, Leben! In der Luft ist Leben möglich, die Vögel fliegen über uns, im Wasser ist Leben möglich, die Fische wimmeln dort, vermehren sich und freuen sich des Lebens. Segen ist: Mehr Bewegung, Freiheit und weniger Erstarrung, Trägheit, Gebundenheit.

    Am sechsten Tag schafft Gott die Landtiere und schließlich den Menschen als Mann und Frau. Was kommt denn nun noch an Segen dazu? Nun, zu allen Kreaturen sagt uns Mose: „Gott sah, dass es gut war.“ Die Menschen spricht er direkt an: „Mehret euch und füllet die Erde.“ Hier passt es zum Segen: Sprache, angesprochen werden, gemeint sein. Also: Mehr Sprache, weniger Schweigen und Verstummen. Natürlich bejahende Sprache: So wie Gott zur Schöpfung sagt: „Es ist gut!“

    Segen ist Gottes Gabe, und der Segen unterstreicht das Göttliche, das Wunderbare in der Gabe – das, was meine Seele berührt und erreicht, dass ich staunen kann, dankbar sein und Zuversicht schöpfen kann für mein Leben. Diese göttliche Kraft – von der Finsternis zum Licht, vom Chaos zur Ordnung, zur sinnvollen Zeit, zum geschützten Raum, Leben, Bewegung, Sprache – die ist im Segen zusammengefasst. Dieser Segen begleitete die Vorfahren Jesu durch die 42 Generationen, durch über 1000 Jahre von Bedrohung, Gefährdung und Fluch. Der Stammbaum Jesu zeigt, dass Gottes Segen von innen und außen bedroht ist, letztlich ist es eine einzige Bedrohung und Gefahr. Die Sünde der Menschen stellt den Segen in Frage, zerstört ihn und verwandelt ihn in einen Fluch. Die Sünde macht aus Licht Finsternis, aus Ordnung Chaos, aus Freiheit Bindung, aus Bewegung Starre, aus Sprache Lüge – und aus Leben Tod.

    Und was tut Gott? Und damit sind wir bei unserem Predigttext, der jedem Gottesdienstbesucher vertraut ist. Es ist der Segen, mit dem die Gemeinde aus dem Gottesdienst verabschiedet wird. Der Gruß, mit dem wir im Namen Gottes in den Alltag entlassen, oder besser: gesandt werden. Im Alten Testament war es die Aufgabe der Söhne Aarons, die Kinder Israels zu segnen. Aaron war der erste Hohepriester. Es ist nicht zufällig, dass die Priester, die auch die Aufgabe hatten, Opfer darzubringen, den Segen sprechen sollten. In einer Welt ohne Sünde wäre Gottes Segenswort am Anfang bei der Schöpfung für alle Zeiten völlig ausreichend gewesen. Es wirkt auch noch heute! Doch dem Sünder muss es neu zugesprochen werden. Segen und Gnade, Segen und Vergebung sind für uns Sünder untrennbar.

    Hören wir die Segensworte der Reihe nach:
    „Der HERR segne dich und behüte dich“ – Er schenke dir Leben und schütze dieses Leben vor Finsternis von innen aus dir selbst und von außen. Zum Segen gehört auch die Erkenntnis: Ich habe einen Schöpfer, einen himmlischen Vater, der nicht nur das Leben allgemein erfunden hat und es liebt, sondern auch ich bin seine Idee, und er hat mich lieb. Auch diese Erkenntnis muss bei uns Sündern gegen alle Zweifel, alle Infragestellung erneuert werden.

    „Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“ – Gott strahle dich an mit dem allerfreundlichsten Anblick, Gott freue sich an dir mit der allergrößten, umfassendsten Freude. Hat Gott ein Angesicht? Ja, mindestens! Nicht nur hat er uns unser einmaliges Angesicht geschaffen und geschenkt, wie sollte er nicht selber sich uns mit einem Angesicht zeigen können? Gott der Sohn und unser Bruder Jesus hat menschlichen Leib angenommen und damit auch ein Angesicht. Mit diesem Angesicht strahlt, ja lacht er uns an, bis alle Finsternis aus uns und von uns verjagt und vertrieben wird. Paulus schreibt darüber: „Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten (das ist die Schöpfung), der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“ (2. Korinther 4, 6).

    „… und sei dir gnädig“ – da ist die Vergebung. Da ist die Gnade, die beschließt: „Deine Sünde soll dich nicht zerstören. Sie soll dich nicht anklagen, du musst nicht allein mit ihr fertig werden – das wird nie klappen.“ Hier spricht derselbe eine Gott, der uns geschaffen hat. Er kommt zu uns und hilft uns an dem Punkt, wo wir

    hilflos sind, und das ist gerade dort, wo wir unsere eigene Verantwortung für unsere Not einsehen. „Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.“ (Psalm 34, 19). Es braucht eine ganze Gottheit, uns da guten Rat zu geben und uns da rauszuholen. Das ist Gott der Sohn, der Mensch geworden ist, der für uns gelitten hat und den Tod überwand.

    „Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Das ist ein Sonnenaufgang über unser Leben. Bisher hat der Segensspruch uns Gott den Vater gezeigt, den Schöpfer, und Gott den Sohn, den Erlöser. Jetzt braucht es noch einmal die ganze Gottheit selbst, dass das alles auch bei mir selbst ankommt. Das strahlende Angesicht des Sohnes Gottes soll mich meinen. Das tut es ja schon, aber dass ich auch dazu „Ja“ sage. Wir kennen es, zum Beispiel am Bahnhof: Ich suche das Gesicht des Menschen, der mich abholt, suche, suche … und auf einmal treffen meine Augen den Blick, der mich schon längst im Blick hatte. Das schafft Gott der Heilige Geist, dass ein Mensch merkt: Gott hatte mich schon die ganze Zeit im Blick! Das tut Gott alles nicht nur für die anderen alle, sondern ich bin auch gemeint, ich vor allem! Und auf dem Bahnhof ist es dann doch meistens so, dass ich dann auch strahle und winke. Der Heilige Geist schafft es in uns, dass wir strahlen und winken, weil wir erkennen, dass Gott gekommen ist, uns abzuholen, herauszuholen, uns zu segnen und zu behüten.

    Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Drei Personen, die sich klar und deutlich unterscheiden, und doch ein einiger wahrer Gott sind. Schon allein diese Offenbarung ist für uns ein Segen. Denn nur mit dieser Offenbarung haben wir Gewissheit darüber, dass wir es in Jesus Christus mit Gott selbst zu tun haben; und dass im Heiligen Geist Gott selbst in unser Leben kommt, dass wir nicht weiter suchen müssen, sondern wirklich angekommen sind. Deshalb ist das Bekenntnis zum Dreieinigen Gott eine Notwendigkeit. Christen bekennen und bezeugen den dreieinigen Gott; es gibt keinen Grund, keine Situation, dass wir das jemals vertuschen oder offen lassen könnten. Das ist der Glaube, auf den wir getauft worden sind.

    Ich schließe mit einem Text von Dr. Martin Luther:
    „Das sind die drei Personen und ein Gott, der sich uns allen selber ganz und gar gegeben hat mit allem, das er ist und hat. Der Vater gibt sich uns mit Himmel und Erde samt allen Kreaturen, dass sie (uns) dienen und nütze sein müssen. Aber solche Gabe ist durch Adams Fall verfinstert und unnütz geworden. Darum hat sich danach der Sohn selbst uns auch gegeben, alle seine Werke, Leiden, Weisheit und Gerechtigkeit geschenkt und uns (mit) dem Vater versöhnet, damit wir, wieder lebendig und gerecht, auch den Vater mit seinen Gaben erkennen und haben möchten. Weil aber solche Gnade niemand nütze wäre, wo sie so heimlich verborgen bliebe und nicht zu uns kommen könnte, so kommt der Heilige Geist und gibt sich uns auch ganz und gar. Der lehrt uns solche Wohltat Christi, uns erzeigt, erkennen, hilft sie empfangen und behalten, nützlich brauchen und austeilen, mehren und fördern und tut dasselbe sowohl innerlich und äußerlich: innerlich durch den Glauben und andere geistige Gaben, äußerlich aber durchs Evangelium, durch die Taufe und das Sakrament des Altars, durch welche er als durch drei Mittel oder Weisen zu uns kommt und das Leiden Christi in uns übt und zum Nutzen der Seligkeit bringet.“

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


    Beitragsbild: Dreifaltigkeitsikone, Andrei Rubljow, 1411

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