Luthers Abendsegen

Eine kleine Abendandacht

Des Abends, wenn du zu Bette gehst, sollst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sollst sagen:

Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.

Darauf kniend oder stehend das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser.

Willst du, so kannst du dies Gebet dazu sprechen:

Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diesen Tag gnädiglich behütet hast; und bitte dich, du wollest mir vergeben alle meine Sünden, wo ich Unrecht getan habe, und mich diese Nacht gnädiglich behüten. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde. Amen.

Und alsdann flugs und fröhlich geschlafen.

ERMUTIGUNG ZUM GEBET

Vieles nimmt uns den Atem heutzutage – neuerdings die Energiepreise. Als ich mich bereit erklärte, zum Thema „Gebet“ einen Vortrag zu halten, war es die Corona-Krise, und alles, was damit zusammenhängt. Seit Jahren müssen wir uns in der Bezirkssynode mit so genannten Strukturänderungen befassen. Das kann einem den Atem nehmen.
Wir können allen diesen Themen ja nicht ausweichen, weil wir als Christen in unseren Gemeinden und als Gemeinden in unserem Bezirk und unserer Kirche durch den Glauben verbunden sind. Der Glaube braucht Luft zum Atmen. Unsere Kirche lehrt völlig richtig, daß der Glaube aus der Predigt des Wortes Gottes kommt. Und vom Wort Gottes können wir nicht genug hören!
Heute aber möchte ich über das Gebet sprechen.
Das Gebet hat es in sich. Es wird unter uns Christen einfach vorausgesetzt, daß man betet. Bei allem, was wir in der Gemeinde, auch als Pastoren!, tun, wird stillschweigend mitgedacht: Das Gebet gehört dazu, es wird gebetet. Aber was ist, wenn ein Christ aber irgendwie nicht beten kann? Was ist, wenn aus welchen Gründen auch immer, nicht gebetet wird? Muß man sich dann damit abfinden? Überhaupt: Was passiert, wenn das Gebet vernachlässigt wird? Wenn wir Finanzen oder Gebäude vernachlässigen, dann macht sich das früher oder später bemerkbar, und jeder wird einsehen: Da wurde was vernachlässigt! Aber beim Gebet? Was, wenn das vernachlässigt wird? Empfindet man das überhaupt als eine Not, wenn man nicht betet, oder nicht beten kann? Ich kenne die Not. Auch die Not, daß man die Not nicht empfindet.
Es ist ganz ganz selten gewesen, daß ein Gemeindeglied zu mir gekommen ist, und gesagt hat: Herr Pastor, helfen Sie mir, ich kann nicht beten! – Bedeutet das deshalb, daß alle in der Gemeinde beten? Daß viele oft beten – davon bin ich überzeugt! Aber daß alle immer beten? Das glaube ich nicht.
Ich möchte heute mit allen über das Gebet sprechen: Mit denen, die beten, und mit denen, die fest überzeugt sind, daß sie es nicht können, oder nicht brauchen, oder wie auch immer.

Es soll unter 4 Überschriften geschehen:

  1. Realitäten,
  2. Göttliche Notwendigkeit,
  3. Hilfe,
  4. Du stehst nicht vor dem Nichts!

REALITÄTEN

Am besten man fängt mit Realitäten an, denn sonst hört man sich schöne Dinge an und denkt dabei: Aber irgendwann holt die Realität dich ein. Meine Überzeugung ist, daß Beten sehr realistisch ist. Ja, Beten ist das realistischste, was ein Mensch tun kann und tut.
Das ist eine gewagte Aussage. Denn eine Realität will man sehen, aber das Gebet ist unsichtbar; man will etwas mit Händen greifen, aber Gebet gibt mir ja nichts direkt in die Hand.

Welcher Realismus kann denn gemeint sein? Fangen wir mit einer ganz einfachen Realität an:

a. Du bist nicht Gott, sondern Geschöpf

Na, wer hätte das gedacht? Du bist nicht Gott. Denn wer Gott ist, der braucht nicht zu beten. In der Annenstraße hatten wir mal am Karfreitag einen Gast, der mit uns über den Glauben sprechen wollte. Er stellte sich als Moslem vor. Er sagte: Der Mensch soll ehrlich sein: Er will Gott sein. Das kann man im Islam werden. Ich glaube nicht, daß das so stimmt. Aber interessant war folgendes: Ein Gemeindeglied fragte sehr freundlich: „Mich interessiert, um was Sie im Gebet bitten. Wir Christen bitten Gott wie einen Vater um das, was wir brauchen.“ Der Mann konnte mit der Frage und der Aussage nichts anfangen. Bitten? Gott, den allmächtigen, über alles erhabenen, allwissenden Gott – bitten? Also etwas haben wollen, was man nicht hat, und zwar von Gott? Er konnte nur davon sprechen, daß man Gott anerkennt und preist. Aber bitten? Das war ihm ein Rätsel, ja, vielleicht sogar eine Dummheit.
Es ist eine große Realität, an der wir nicht vorbeikommen: Ich bin nicht Gott. Psalm 100 spricht es aus: „ER hat uns gemacht, und nicht wir selbst …“ Du bist nicht Gott, du wirst auch niemals Gott werden. Damit bist du aber nicht nichts, oder unbedeutend. Du bist Geschöpf, und Gott ist dein Schöpfer. Darum finde ich gut, was der Neutestamentler Klaus Berger festhält über das Gebet:
„Jedes Gebet ist zunächst einmal Anerkennung Gottes und darin ein Stück Reparatur der Welt, in der die meisten Menschen gottvergessen dahinleben.“ (Klaus Berger, 2010) Ein äußerst realistischer Satz! Er besagt: 1. Gott ist – 2. ich bin nicht Gott, aber 3. im Gebet erkenne ich Gott an. Die Welt ist reparaturbedürftig, weil sie Gott vergessen hat. Mit jedem Gebet tritt etwas mehr Realismus ein: Die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf.

b. Als Geschöpf bist du bedürftig

Als Geschöpf bist du bedürftig. Du lebst, und zum Leben brauchst du allerhand. Essen und Trinken, Schutz, Liebe. Jesus sagt: Gott der Vater hat das Leben in sich selber (Johannes 5, 26), der Schöpfer lebt aus sich selbst. Das Geschöpf aber nicht. Um zu leben, brauche ich dringend und ständig Dinge, die nicht in mir sind, und doch Teil von mir werden müssen. Als Geschöpf bin ich empfangend. Ganz und gar. Am Essen und Trinken wird das sofort deutlich, oder am Atmen. Aber auch die Seele ist ein Geschöpf. Die Seele braucht Ansprache, Liebe, Vertrauen, Grund zur Freude. Diese Dingen kommen als Gaben von außen zu uns.
Es ist höchster Realismus, wenn Paulus sagt: „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ (1. Korinther 4, 7). Ob wir diese Frage mögen oder nicht, sie ist realistisch. Mein Leib hat Moleküle, die ich als Speise zu mir genommen habe. Meine Seele hat Kenntnisse und Erfahrungen, die mir geschenkt wurden.
Nun könnte man sagen: Das ist ja im Grunde die ganze Realität: Erst Gott der Schöpfer, dann ich als sein Geschöpf, und drittens die Gaben, die Gott mir zum Leben schenkt. Das ist die ganze Realität, denken wir.
Entweder bekomme ich in dieser Realität das, was ich brauche: das wäre eine gute Realität – oder, und das wäre eine bittere Realität – ich bekomme es nicht. Das wäre eine Not.
Doch das ist eben nicht die ganze Realität! Es kommt noch eine weitere Realität dazu, die für das Gebet entscheidend ist – und zugleich für jeden Menschen unausweichlich. Jeder wird das sofort einsehen, denn wir befinden uns gerade sehr intensiv in dieser Realität:

c. Sprache

Es ist die Realität der Sprache. Ich rede und ihr hört gerade zu. Wir haben eben über große Realitäten gesprochen und gehört. Das geht nur mit Sprache. Sprache ist eine ganz besondere Realität. Ohne Sprache könnten wir nicht darüber sprechen oder nachdenken, was wir als Geschöpfe zum Leben brauchen oder haben. Die Not, wie zum Beispiel der Hunger oder die Einsamkeit, wäre ein Schmerz, und sprachlose Instinkte würden alles tun, die Not zu beenden. Tiere leben so. Menschen manchmal auch, aber wir jetzt gerade nicht. Sprache hat es in sich, nicht nur Situation zu sein. Wir sind nicht nur hungrig oder satt, nicht nur in Sicherheit oder in Gefahr. Wir sprechen auch. Darüber könnte man noch viele Worte machen. Mir ist jetzt nur wichtig, daß wir die Sprache als unausweichlichen und Notwendigen Teil unserer Realität erkennen.
Ohne Sprache könnten wir weder bitten noch danken. Die stummen Gesten des Bittens und Dankens leben davon, daß wir in der Sprache zuhause sind. Sprache unterscheidet uns vom Instinkt.
Aber auch in der Sprache leben wir wie Geschöpfe: Wir sind darauf angewiesen, daß man uns anspricht. Kinder lernen Sprache durch Ansprache. Wir verlassen uns darauf, daß man uns versteht, oder wenigsten verstehen möchte. Sprache ist so. Wir sind von ihr abhängig.
Ich glaube irgendwie, daß das, was ich denke, irgendwie bei euch ankommt. Und Ihr glaubt irgendwie, daß das, was bei euch ankommt, von mir auch so gemeint ist. Mißverständnisse bestätigen die Regel. Wir sind der Sprache ausgeliefert.
Darum sind Lügen ja so furchtbar; sie mißbrauchen das Vertrauen, das wir in die Sprache setzen, weil es anders gar nicht geht. Lügner verlassen sich darauf, daß alle anderen die Wahrheit sagen. Sonst würde man ihnen ihre Lüge ja nicht abnehmen. Die Sprache ist eine wunderbare, große Gabe des Schöpfers. Wir sind Gottes sprachlichen Geschöpfe.
Diese Realitäten: Schöpfer, Geschöpf, Sprache, sind die Grundlage für meine These, daß Beten realistisch ist. Denn was ist ein Gebet anders als: Ein Geschöpf mit Sprache spricht mit seinem Schöpfer.

d. Beispiel aus dem Neuen Testament

In der Bergpredigt spricht Jesus wiederholt über das Gebet. „Welcher ist unter euch Menschen, wenn ihn sein Sohn bittet ums Brot, der ihm einen Stein biete?“ (Matthäus 7, 9). Da haben wir die Ursituation. Dein Kind ist ein Geschöpf und ist bedürftig. Es ist ein sprachliches Geschöpf und bittet. Wir sind uns alle einig, daß in der Situation ein Stein statt eines Brotes nicht nur ein Mißverständnis wäre. Es wäre eine schäbige und unmenschliche Verletzung und Enttäuschung. Der Sohn kann nicht anders, als sich darauf zu verlassen, daß der Vater ihn versteht, und weiß, was er meint. Als sprachliche Geschöpfe wären wir empört über so einen Vater. Und jetzt kommt’s: „Wenn ihr, die ihr doch fragwürdig seid, dennoch euren Kindern gute Gaben geben könnt – wieviel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten?“ – Jesus ruft seine Hörer nachdrücklich in den Realismus des Gebets hinein. Im Grunde sagt er ja: Wenn es schon funktioniert, daß ein Sohn seinen Vater bittet, dann doch erst recht, wenn ein Kind Gottes seinen himmlischen Vater bittet. Ja, Jesus fragt uns: Oder bist du besser als Gott? Ist Gott unzuverlässiger, als du? Wenn es also realistisch ist, dich zu bitten, dann ist es um Lichtjahre mehr realistisch, Gott zu bitten!
Und was sagst du jetzt?

GÖTTLICHE NOTWENDIGKEIT

Was ich bis jetzt versucht habe, in ein paar Gedankengängen zu zeigen, sagt uns unser Glaube klar und deutlich. Beten ist nicht nur realistisch, sondern eine Notwendigkeit. Gott will das Beten von uns haben.

a. Das 2. Gebot im Katechismus

„Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht mißbrauchen!“ Gott gibt seine Kontaktdaten weiter, seinen Namen. Gott ist erreichbar, ansprechbar. Gott hat sich bekanntgemacht. Was machen wir mit Gottes Namen? Ein Name steht für eine Person. Wir brauchen diesen Kontakt zu Gott angemessen, wenn wir als sprachliches Geschöpf mit unserem Schöpfer reden. „Wir sollen Gott in allen Nöten anrufen, beten, loben und danken.“ Das ist ein Gebot. Es ist nicht eine Frage des Geschmacks, der Laune oder der Neigung. Wir kommen nicht daran vorbei. Wenn wir beten, tun wir Gottes Willen. Und das bedeutet: Wir werden kein Gebet bereuen, und jedes versäumte Gebet bereuen. Bei allem, was uns den Atem nimmt, oder belastet, und ratlos macht, wird Gott uns immer sagen: „Du hattest meinen Kontakt, hast du mich angerufen? Ich wäre von meiner Seite für dich da. Ganz. Von deiner Seite muß das Gebet kommen. Du hast meinen Kontakt,“ sagt Gott, „ruf mich an!“
b. Jesus lehrt beten
Jesus lehrt beten. Wir haben schon davon gehört. Wir haben das Vaterunser von ihm. Jede Zeile im Vaterunser führt uns dahin, das wir wieder zu einem Geschöpf vor unserem Schöpfer werden. Das Gebet richtet sich an Gott, aber es tut auch etwas mit uns. Jede Bitte im Vaterunser unterstreicht alle Aussagen, die ich bis jetzt gemacht habe.
Auf jeden Fall aber lehrt Jesus seine Jünger zu beten, weil sie es sollen. Jesus bestätigt das Gebot: Betet! Es ist eine Notwendigkeit! Wir haben keine Wahl. Jesus lehrt uns nichts Überflüssiges. Wenn wir bei diesen Worten eine Not fühlen, dann will Jesus das. Denn sein Ziel ist, daß wir beten.

c. Gott verheißt Erhörung

„Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.“ (Psalm 50, 15). Zu Recht ein beliebter Vers. Die Bibel ist voll von Verheißungen und Einladungen Gottes zum Gebet. So auch der Wochenspruch: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.“ (Psalm 66, 20). „Du erhörst Gebet, darum kommt alles Fleisch zu dir.“ (Psalm 65, 2).
Ein frommer Theologe des 18. Jahrhunderts, Friedrich Christoph Oetinger, hat einmal gesagt: „Beten ist mit Gott wirken.“ Das ist eine erstaunliche Aussage. Das ist aber das Ergebnis und das Ziel von Gottes Verheißung und unserem Gebet. Die Verheißung rundet die göttliche Notwendigkeit des Gebets ab.

Gott nimmt uns ernst, wenn wir beten. Denn Gott meint alles, was er sagt. Wir sollen beten, und er will uns hören. Wer nicht betet, der nimmt Gott nicht ernst. Wer das Gebet unterschätzt, der unterschätzt Gott selbst.

ES GIBT HILFE

Nun kann man mit Recht fragen: Ist das denn noch eine „Ermutigung zum Gebet“, wenn alles so ernst ist? Nun, eine Ermutigung taugt nur so viel, wie sie Realitäten ins Auge blickt!
Trotzdem! Es gibt Hilfe, und sie ist schon da – oder, sie ist unterwegs, jedenfalls nicht weit!

a. Gott eröffnet das Gespräch.

Es wird gerne gesagt: „Beten ist ein Gespräch mit Gott.“ Das ist es auch! Ganz entscheidend für ein Gespräch ist nicht nur das Reden, sondern ebenso auch das Hören. Das Christliche Gebet geschieht niemals so, als würden wir Gott nicht kennen, als würden wir nichts von ihm wissen, als hätte Gott nicht schon gesprochen. Gott eröffnet das Gespräch. Unser Gebet antwortet darauf, und bezieht sich darauf. So heißt es denn auch in Psalm 27, 8: „Mein Herz hält dir vor dein Wort: „Ihr sollt mein Antlitz suchen.“ Darum suche ich auch, HERR, dein Antlitz.“ – Mein Herz hält dir vor dein Wort: Das gehört zum Gebet dazu! Gott, du hast es gesagt! Gott, ich nehme dich bei dem, was du gesagt hast! Gott, so ist es doch, oder??
Gott hat sich mitgeteilt. Zuverlässig und deutlich. Als Schöpfer, in seinem Sohn, und im Heiligen Geist. Aus der Bibel wissen wir, wie Gott ist, und was er tut. Als Dr. Martin Luther einmal gebeten wurde: Wie soll man beten? , hat er geraten, das anhand des Katechismus zu tun. Eine gute Übung! Man kann zum Beispiel bitten, daß die 10 Gebote gehalten werden. Das klingt jetzt furchtbar trocken, wenn nicht sogar langweilig. Aber Wenn ich um Gottes Schutz und Segen bitte, dann gehört auf jeden Fall dazu, daß ich Gott bitte, das Menschen die Gebote halten, mich nicht töten, nicht belügen, nicht bestehlen. Das gilt für mich natürlich auch!
Und ein Christ kann auch nicht so beten, als gäbe es keine Vergebung. Oder ist Jesus etwa nicht gekommen? Wir können doch nicht so beten, als wäre Jesus nicht gekommen!
Oder im Gebet so tun, als gäbe es keine Hoffnung im Angesicht des Todes?
Vielleicht hast du Schwierigkeiten mit dem Gebet, weil du nicht ausreichend hörst?
Gott hat schon angefangen! Er hat nicht nur gesprochen und gehandelt, er hat sein Wort auch aufschreiben lassen, er läßt es predigen und auslegen. Gott spricht uns an mit dem Ziel, daß wir ihn beim Wort nehmen, und antworten. Ihn beim Wort nehmen, und ihn bitten, Sorgen auf ihn werfen. Solch ein Gebet ist niemals wie eine Münze in einem übergroßen Glückautomaten, im Sinne von: „Mal gucken, was dabei herauskommt!“

b. Gott ist in Vorleistung gegangen

Ich sprach vorhin davon, daß wir in der Sprache leben, wie ein Fisch im Wasser, meistens ohne uns dessen bewußt zu sein. Als Geschöpf mit Sprache sollten wir auch Psalm 94, 9 bedenken: „Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören? Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen?“ Während wir hören, haben wir Zweifel, ob Gott uns hört – dabei hat Gott das Ohr erdacht und geschaffen! Wenn jemand hören kann, dann Gott!

WER BETET, FÄNGT NICHT BEI NULL AN

a. Wer betet, fängt nicht bei Null an: Erstens

Wer sprechen kann, der kann auch beten. Keine Diskussion. Warum? Weil alle Sprache sowieso bei Gott ankommt. Sagt nicht Psalm 139, 4: „Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wissest.“ Was wir mit der Sprache machen, hat Gott schon gehört, und zwar deutlicher und intensiver, als wir es gesagt oder gedacht haben. Es kommt nur darauf an, daß wir auf Gott zielen dabei. Also: Du betest schon mehr, als du denkst! Aber wie!

b. Wer betet, fängt nicht bei Null an: Zweitens

Wer betet, ist niemals allein. Wer betet ist in dem Moment umgeben von unzähligen Betern. Jemand betet einen Psalm oder ein Vaterunser zu jedem Zeitpunkt. Wenn du gerade nicht beten kannst, dann betet jemand für dich. Wenn du nicht beten kannst, dann setz dich zu denen, die beten. Paulus sagt ganz offen: „Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.“ (Römer 8, 26). Der Heilige Geist ist ein betender Geist, der in uns betet. Er hilft uns auf jeden Fall.
Die Gemeinschaft der Beter ist schon da – alle Erfahrungen, die wir machen, haben unzählige schon vor uns gemacht. Der Heilige Geist hat schon angefangen deine Gebetsstelle offen zu halten. Mit einem Seufzer bist du dabei!

Es gibt aus der russischen Kirche einen berühmten Text von einem Beter, der damit Ernst machte, „ohne Unterlaß“ zu beten. Er hatte die Sehnsucht danach, unter allen Umständen zu beten, und alles dabei vor Gott zu bringen. In den „Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers“ gibt es eine Ermutigung zum Gebet, die atemberaubend ist. Ein lutherischer Theologe könnte das nicht so sagen, wie er es sagt. Aber er spricht aus Erfahrung, und diese Erfahrung könnte uns zugute kommen!

  1. Bete und denke alles, was du willst, und dein Denken wird durchs Gebet geläutert werden. Das Gebet wir deinen Geist erleuchten; es wird alle abwegigen Gedanken vertreiben und dich beruhigen. …
  2. Bete und tue, was du willst, und deine Werke werden Gott wohlgefällig sein, dir selber aber nützlich und heilbringend! Häufiges Beten, gleichviel worum es geht, bleibt nicht ohne Frucht, denn in ihm selbst ist eine heilbringende Kraft beschlossen. ‚Heilig ist Sein Name, und jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet‘ (Apg 2, 21). …
  3. Bete und bemühe dich nicht, aus eigener Kraft deiner Leidenschaften Herr zu werden. Das Gebet wird sie in dir zunichte machen. ‚Der in euch ist, ist größer als der Welt ist‘, sagt die Heilige Schrift (1 Joh 4,4). …
  4. Bete und fürchte nichts. Fürchte dich weder vor Unglück noch vor Unheil – das Gebet wird dir zur Abwehr dienen und alles abwenden. Denke an den kleingläubigen Petrus, da er am Ertrinken war (Mt 14, 30-31), an Paulus als er im Gefängnis betete (Apg 16, 25), …
  5. Bete nur irgendwie, aber immer, und laß dich nicht verwirren! Sei fröhlich im Geiste und ruhig: Das Gebet wird alles machen und dich unterweisen. …. ‚Irgendwie zu beten, liegt in unserer Macht; aber rein zu beten ist ein Geschenk der Gnade.‘ Also, was in deiner Macht ist, das bringe Gott dar; bringe wenigstens die dir mögliche Anzahl (der Gebete) dar – ihm als Opfer, und Gottes Kraft wird sich in deine Ohnmacht ergießen …

Ein Philosoph aus Südamerika, der überzeugter katholischer Christ war, hat nachdenkenswerte Sätze über das Gebet formuliert. Sie mögen zum Weiterdenken – und Beten! – ermutigen:

  • Das Christentum lehrt nicht, daß das Problem eine Lösung habe, sondern daß das Flehen eine Antwort erhalte.
  • Die einzige Vorsichtsmaßnahme ist es, beizeiten zu beten.
  • Die Religionen verkümmern, wenn die Bittgebete aufhören.
  • Nur im Niederknien drückt sich die Wahrheit des Menschen aus.
  • Das einzig Sinnvolle ist es, Gott starrsinnig mit unseren Gebeten zu belästigen.
  • Solange der Mensch fähig ist niederzuknien, ist nichts verloren.
  • Beten ist der einzige Akt, auf dessen Wirksamkeit ich vertraue.
  • Das Gewicht dieser Welt läßt sich nur tragen, wenn man niederkniet.

Nicolás Gómez Dávila
(1913 – 1994)

500 Jahre Lutherbibel

Im September 1522 erschien in Wittenberg das Neue Testament in der deutschen Übersetzung des Reformators Dr. Martin Luther. Es war nicht die erste Übersetzung der Bibel ins Deutsche, wohl aber die wirkungsvollste und beliebteste.
Zu dem Anlaß lädt die Gemeinde Berlin-Mitte in der Annenstraße ein:

  1. Zu einem Themenabend: 500 Jahre Lutherbibel
    Pfarrer Johann Hillermann wird historisch in das Thema einleiten. Danach wird Dr. Sebastian Stork auf Besonderheiten der Übersetzung hinweisen. Zugleich ist der Themenabend die Eröffnung einer Ausstellung zum Thema. Der Themenabend soll am Mittwoch, dem 21. September um 18 Uhr beginnen, und etwa eine Stunde dauern.
  2. Zu einer Ausstellung
    Faksimile-Ausgaben der wichtigsten Ausgaben zu Luthers Lebzeitenwerden zu sehen sein: 1522, 1534 und 1545. Besonderheiten der Übersetzung und Bearbeitung Luthers werden dargestellt. Eindrücke der Wirkungsgeschichte werden auch zu sehen sein.
    Die Ausstellung kann an zu folgenden Zeiten noch besichtigt werden:
    Donnerstag 22. September 16 bis 19 Uhr
    Freitag 23. September 16 bis 19 Uhr
    Sonnabend 24. September 11 bis 13 Uhr
    Sonntag 25. September nach dem Gottesdienst
  3. Zu einer Rezitation
    Um einen Eindruck von der Übersetzung zu bekommen, lohnt es sich, einen längeren Abschnitt daraus im Zusammenhang zu hören. Am Donnerstag, dem 22. September um 19 Uhr sollen die ersten 6 Kapitel des Johannes-Evangeliums vorgetragen werden. Pfarrer Johann Hillermann lernt schon seit einigen Jahren Teile der Lutherbibel auswendig, und zwar in dem Wortlaut der letzten Ausgabe, die Luther noch verantwortet hat, der von 1545. Nutzen Sie die Gelegenheit, zu erfahren, wie überraschend viel von der Sprache Luthers nach 500 Jahren verständlich ist! Die ersten 6 Kapitel des Johannes-Evangeliums bieten eine Vielfalt von Texten: Verkündigung, Gespräche und Berichte. Sie sprechen für sich und verfehlen ihre Wirkung nicht!
    Mit Einleitung dauert die Rezitation etwa eine Stunde.

Kleiner Katechismus

Dr. Martin Luthers Kleiner Katechismus

Revision von 1986, Rechte der 1986 gemeinsam erarbeiteten Fassung des Kleinen Katechismus: Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche in Deutschland und Evangelische Kirche der Union. Nachdruck sowie weitere Verwendung dieser Fassung dürfen nur mit Genehmigung der Rechtsinhaber erfolgen. Die Textfassung des Glaubensbekenntnisses ist der in den Gottesdiensten der SELK verwendeten Fassung angeglichen.

Das erste Hauptstück: Die zehn Gebote

Moses empfängt Gebote. Mosaik, Katharinenkloster (Sinai), 6. Jh.

Das erste Gebot
Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.

Was ist das?
Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.

Das zweite Gebot
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

Was ist das?
Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir bei seinem Namen nicht fluchen, schwören, zaubern, lügen oder trügen, sondern ihn in allen Nöten anrufen, beten, loben und danken.

Das dritte Gebot
Du sollst den Feiertag heiligen.

Was ist das?
Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.

Das vierte Gebot
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden.

Was ist das?
Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben.

Das fünfte Gebot
Du sollst nicht töten.

Was ist das?
Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserm Nächsten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und beistehen in allen Nöten.

Das sechste Gebot
Du sollst nicht ehebrechen.

Was ist das?
Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir keusch und zuchtvoll leben in Worten und Werken und in der Ehe einander lieben und ehren.

Das siebente Gebot
Du sollst nicht stehlen.

Was ist das?
Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsers Nächsten Geld oder Gut nicht nehmen noch mit falscher Ware oder Handel an uns bringen, sondern ihm sein Gut und Nahrung helfen bessern und behüten.

Das achte Gebot
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Was ist das?
Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren.

Das neunte Gebot
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

Was ist das?
Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserm Nächsten nicht mit List nach seinem Erbe oder Hause trachten und mit einem Schein des Rechts an uns bringen, sondern ihm dasselbe zu behalten förderlich und dienlich sein.

Das zehnte Gebot
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.

Was ist das?
Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserm Nächsten nicht seine Frau, Gehilfen oder Vieh ausspannen, abwerben oder abspenstig machen, sondern dieselben anhalten, dass sie bleiben und tun, was sie schuldig sind.

Was sagt nun Gott zu diesen Geboten allen?
Er sagt so: Ich der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der an denen, die mich hassen, die Sünde der Väter heimsucht bis zu den Kindern im dritten und vierten Glied; aber denen, die mich lieben und meine Gebote halten, tue ich wohl bis in tausend Glied.

Was ist das?
Gott droht zu strafen alle, die diese Gebote übertreten; darum sollen wir uns fürchten vor seinem Zorn und nicht gegen seine Gebote handeln. Er verheißt aber Gnade und alles Gute allen, die diese Gebote halten; darum sollen wir ihn auch lieben und vertrauen und gerne tun nach seinen Geboten

Das zweite Hauptstück: Der Glaube

Weimar, Schlossmuseum, Peter Paul Rubens, die Heilige Dreieinigkeit

Der erste Artikel. Von der Schöpfung
Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erden.

Was ist das?
Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.

Der zweite Artikel. Von der Erlösung.
Und an Jesus Christus, Gottes eingebornen Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuziget, gestorben und begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel; sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.

Was ist das?
Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit. Das ist gewisslich wahr.

Der dritte Artikel. Von der Heiligung.
Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christliche Kirche, die Gemeinde der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen.

Was ist das?
Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben; in welcher Christenheit er mir und allen Gläubigen täglich alle Sünden reichlich vergibt und am Jüngsten Tage mich und alle Toten auferwecken wird und mir samt allen Gläubigen in Christus ein ewiges Leben geben wird. Das ist gewisslich wahr.

Das dritte Hauptstück: Das Vaterunser

Abendgebet
Das Angelusläuten, Jean-François Millet, 1859

Die Anrede:
Vater unser im Himmel.

Was ist das?
Gott will uns damit locken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.

Die erste Bitte:
Geheiligt werde dein Name.

Was ist das?
Gottes Name ist zwar an sich selbst heilig; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er auch bei uns heilig werde.

Wie geschieht das?
Wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird und wir auch heilig, als die Kinder Gottes, danach leben. Dazu hilf uns, lieber Vater im Himmel!
Wer aber anders lehrt und lebt, als das Wort Gottes lehrt, der entheiligt unter uns den Namen Gottes. Davor behüte uns, himmlischer Vater!

Die zweite Bitte:
Dein Reich komme.

Was ist das?
Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet von selbst, aber wir bitten in diesem Gebet, dass es auch zu uns komme.

Wie geschieht das?
Wenn der himmlische Vater uns seinen Heiligen Geist gibt, dass wir seinem heiligen Wort durch seine Gnade glauben und danach leben, hier zeitlich und dort ewiglich.

Die dritte Bitte:
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Was ist das?
Gottes guter, gnädiger Wille geschieht auch ohne unser Gebet; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er auch bei uns geschehe.

Wie geschieht das?
Wenn Gott allen bösen Rat und Willen bricht und hindert, die uns den Namen Gottes nicht heiligen und sein Reich nicht kommen lassen wollen, wie der Teufel, die Welt und unsres Fleisches Wille; sondern stärkt und behält uns fest in seinem Wort und Glauben bis an unser Ende. Das ist sein gnädiger, guter Wille.

Die vierte Bitte:
Unser tägliches Brot gib uns heute.

Was ist das?
Gott gibt das tägliche Brot auch ohne unsere Bitte allen bösen Menschen; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er’s uns erkennen lasse und wir mit Danksagung empfangen unser tägliches Brot.

Was heißt denn tägliches Brot?
Alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.

Die fünfte Bitte:
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Was ist das?
Wir bitten in diesem Gebet, dass der Vater im Himmel nicht ansehen wolle unsere Sünden und um ihretwillen solche Bitten nicht versagen, denn wir sind dessen nicht wert, was wir bitten, haben’s auch nicht verdient; sondern er wolle es uns alles aus Gnaden geben, obwohl wir täglich viel sündigen und nichts als Strafe verdienen.
So wollen wir wiederum auch herzlich vergeben und gerne wohltun denen, die sich an uns versündigen.

Die sechste Bitte:
Und führe uns nicht in Versuchung.

Was ist das?
Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Missglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster; und wenn wir damit angefochten würden, dass wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.

Die siebente Bitte:
Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Was ist das?
Wir bitten in diesem Gebet, dass uns der Vater im Himmel vom Bösen und allem Übel an Leib und Seele, Gut und Ehre erlöse und zuletzt, wenn unser Stündlein kommt, ein seliges Ende beschere und mit Gnaden von diesem Jammertal zu sich nehme in den Himmel.

Der Beschluss:
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Was heißt Amen?
Dass ich soll gewiss sein, solche Bitten sind dem Vater im Himmel angenehm und werden erhört. Denn er selbst hat uns geboten, so zu beten, und verheißen, dass er uns erhören will. Amen, Amen, das heißt: Ja, ja, so soll es geschehen.

Das vierte Hauptstück: Das Sakrament der Heiligen Taufe

Wittenberger Reformationsaltar, linker Flügel

Zum ersten
Was ist die Taufe?
Die Taufe ist nicht allein schlicht Wasser, sondern sie ist das Wasser in Gottes Gebot gefasst und mit Gottes Wort verbunden.

Welches ist denn dies Wort Gottes?
Unser Herr Christus spricht bei Matthäus im letzten Kapitel: Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Zum zweiten
Was gibt oder nützt die Taufe?
Sie wirkt Vergebung der Sünden, erlöst vom Tode und Teufel und gibt die ewige Seligkeit allen, die es glauben, wie die Worte und Verheißung Gottes lauten.

Welches sind denn solche Worte und Verheißung Gottes?
Unser Herr Christus spricht bei Markus im letzten Kapitel: Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.

Zum dritten
Wie kann Wasser solch große Dinge tun?
Wasser tut’s freilich nicht, sondern das Wort Gottes, das mit und bei dem Wasser ist, und der Glaube, der solchem Worte Gottes im Wasser traut. Denn ohne Gottes Wort ist das Wasser schlicht Wasser und keine Taufe; aber mit dem Worte Gottes ist’s eine Taufe, das ist ein gnadenreiches Wasser des Lebens und ein Bad der neuen Geburt im Heiligen Geist; wie Paulus sagt zu Titus im dritten Kapitel: Gott macht uns selig durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung. Das ist gewisslich wahr.

Zum vierten
Was bedeutet denn solch Wassertaufen?
Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.

Wo steht das geschrieben?
Der Apostel Paulus spricht zu den Römern im sechsten Kapitel: Wir sind mit Christus begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.

Das fünfte Hauptstück: Das Sakrament des Altars oder das Heilige Abendmahl

Wittenberger Reformationsaltar, Mitteltafel

Zum ersten
Was ist das Sakrament des Altars?
Es ist der wahre Leib und Blut unsers Herrn Jesus Christus, unter dem Brot und Wein uns Christen zu essen und zu trinken von Christus selbst eingesetzt.

Wo steht das geschrieben?
So schreiben die heiligen Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und der Apostel Paulus:
Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; solches tut zu meinem Gedächtnis.
Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Abendmahl, dankte und gab ihnen den und sprach: Nehmet hin und trinket alle daraus: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden; solches tut, sooft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtnis.

Zum zweiten
Was nützt denn solch Essen und Trinken?
Das zeigen uns diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden; nämlich, dass uns im Sakrament Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit durch solche Worte gegeben wird; denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit.

Zum dritten
Wie kann leiblich Essen und Trinken solch große Dinge tun?
Essen und Trinken tut’s freilich nicht, sondern die Worte, die da stehen: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden. Diese Worte sind neben dem leiblichen Essen und Trinken das Hauptstück im Sakrament. Und wer diesen Worten glaubt, der hat, was sie sagen und wie sie lauten, nämlich: Vergebung der Sünden.

Zum vierten
Wer empfängt denn dieses Sakrament würdig?
Fasten und leiblich sich bereiten ist zwar eine feine äußerliche Zucht; aber der ist recht würdig und wohl geschickt, wer den Glauben hat an diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden. Wer aber diesen Worten nicht glaubt oder zweifelt, der ist unwürdig und ungeschickt; denn das Wort Für euch fordert nichts als gläubige Herzen.

Vom Amt der Schlüssel und der Beichte

Wittenberger Reformationsaltar, rechter Flügel

Das Stück von Beichte und Vergebung findet sich ursprünglich nicht im Kleinen Katechismus, geht aber zum Teil auf Martin Luther zurück.

Was ist das Amt der Schlüssel?
Es ist die besondere Gewalt, die Christus seiner Kirche auf Erden gegeben hat, den bußfertigen Sündern die Sünden zu vergeben, den unbußfertigen aber die Sünden zu behalten, solange sie nicht Buße tun.

Wo steht das geschrieben?
Unser Herr Jesus Christus spricht bei Matthäus im sechzehnten Kapitel zu Petrus:
Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.
Desgleichen spricht er zu seinen Jüngern bei Johannes im zwanzigsten Kapitel:
Nehmet hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Was ist die Beichte?
Die Beichte begreift zwei Stücke in sich: eins, dass man die Sünde bekenne, das andere, dass man die Absolution oder Vergebung vom Beichtiger empfange als von Gott selbst und ja nicht daran zweifle, sondern fest glaube, die Sünden seien dadurch vergeben vor Gott im Himmel.

Welche Sünden soll man denn beichten?
Vor Gott soll man sich aller Sünden schuldig bekennen, auch die wir nicht erkennen, wie wir im Vaterunser tun. Aber vor dem Beichtiger sollen wir allein die Sünden bekennen, die wir wissen und fühlen im Herzen.

Welche sind die?
Da siehe deinen Stand an nach den zehn Geboten, ob du Vater, Mutter, Sohn, Tochter bist, in welchem Beruf und Dienst du stehst: ob du ungehorsam, untreu, unfleißig, zornig, zuchtlos, streitsüchtig gewesen bist, ob du jemand Leid getan hast mit Worten oder Werken, ob du gestohlen, etwas versäumt oder Schaden getan hast.

Wie bekennst du deine Sünden vor dem Beichtiger?
So kannst du zum Beichtiger sprechen:
Ich bitte, meine Beichte zu hören und mir die Vergebung zuzusprechen um Gottes willen.
Hierauf bekenne dich vor Gott aller Sünden schuldig und sprich vor dem Beichtiger aus, was als besondere Sünde und Schuld auf dir liegt. Deine Beichte kannst du mit den Worten schließen:
Das alles ist mir leid.
Ich bitte um Gnade.
Ich will mich bessern.

Wie geschieht die Lossprechung (Absolution)?
Der Beichtiger spricht:
Gott sei dir gnädig und stärke deinen Glauben. Amen. Glaubst du auch, dass meine Vergebung Gottes Vergebung ist?
Antwort: Ja, das glaube ich.
Darauf spricht er:
Wie du glaubst, so geschehe dir. Und ich, auf Befehl unseres Herrn Jesus Christus, vergebe dir deine Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Gehe hin in Frieden!
Welche aber im Gewissen sehr beschwert oder betrübt und angefochten sind, die wird ein Beichtvater wohl mit mehr Worten der Heiligen Schrift zu trösten wissen und zum Glauben reizen. Dies soll nur eine Weise der Beichte sein.

Beichtiger: Person, die die Beichte hört

Warum Luther 1545?

„Luther 1545“ steht für letzte Bibelausgabe, die der Reformator Dr. Martin Luther im Jahr 1545 – ein Jahr vor seinem Tod – noch verantwortet hat. Die „Ausgabe letzter Hand“.

„Luther 1545“ steht für letzte Bibelausgabe, die der Reformator Dr. Martin Luther im Jahr 1545 – ein Jahr vor seinem Tod – noch verantwortet hat. Die „Ausgabe letzter Hand“. 23 Jahre zuvor war ihm mit seiner Übersetzung des Neuen Testaments für das christliche Leben in Deutschland und zugleich für die Deutsche Sprache ein großer Wurf gelungen. Sehr schnell wurde Luthers Bibelübersetzung zum anerkannten Maßstab für gutes Deutsch. Auch seine Gegner mußten das zugestehen.

Quelle des christlichen Glaubens
Luthers Reformation war vor allem ein Ruf „ad fontes“ – „zurück zu den Quellen!“ Das gesamte kirchliche Leben sollte an den Quellen, den grundlegenden Dokumenten des Evangeliums geprüft werden. Was hatte Jesus genau gesagt und getan? Was hatten die Zeugen und autorisierten Nachfolger über Jesus, über seine Bedeutung, verbindlich gelehrt? Diese Fragen führten zu einer Beschäftigung mit der Heiligen Schrift in einer Intensität, die wir uns heute kaum vorstellen können.

Quelle der Kultur
In der Bibel finden wir Texte zu den unterschiedlichsten Themen, die uns Menschen betreffen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß sie in allen Lebensbereichen Spuren hinterlassen hat. Schon vor der Reformation wurde jahrhundertelang in Deutschland die Bibel als Autorität anerkannt. Als dann die Übersetzung Luthers allen, die Deutsch als Muttersprache hatten, den Zugang zum Wort Gottes eröffnete, steigerte sich der Einfluß und die Wirkung. Alle Bereiche der Kultur sind ohne Kenntnis der Bibel – ihrer Geschichten, Weisheit und Botschaft – nicht vorstellbar. Deshalb ist die Lutherbibel, die jahrhundertelang von Menschen Deutscher Zunge gelesen wurde, auch eine Quelle der Kultur. Alle wichtigen Dichter unserer Sprache haben das anerkannt.

Sakraler Text, sakrale Sprache

Luther 1545 ist nicht irgendein Text. Er ist die Übersetzung einer Heiligen Schrift. In ihr soll gesagt werden, was Menschen sich nicht selbst sagen können, und was doch den Menschen treffen soll. Ein sakraler Text, und das bedeutet ein Höchstmaß an Verbindlichkeit und Bedeutung. Deshalb ist das Wort einerseits fremd und doch klar. Das hat mit seinem Inhalt zu tun. Der Inhalt ist nicht alltäglich, und darum kann die Sprache auch nicht alltäglich sein. Die Wörter, ja auch der Satzbau, sind meistens vertraut, doch dann kommt ein Wort, ein Satzbau, überraschend anders. Und das Heilige wird immer überraschend sein, weil es von Gott zum Menschen kommt. Darum ist sakrale Sprache niemals Alltagssprache. Es kann nach gewiesen, daß Luther wohl die Alltagssprache genau kannte, und doch die Bibel bewußt nicht in eine alltägliche Sprache übertrug.

Vaterunser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen
.

Morgenandacht (online)

In der Morgenandacht lehnen wir uns an Luthers Morgensegen an und beten gemeinsam das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Vaterunser und Luthers Morgensegen.

Die Morgenandacht ist ein Hauskreis, der sich nur online trifft. Zur Zeit donnerstags um 8 Uhr. Er wird von unserem Gemeindemitglied Thomas Franke verantwortet.

Jeder ist herzlich willkommen und kann über diesen Link an der Andacht teilnehmen. Fragen können über das Kontaktformular an Thomas Franke gestellt werden.

Ablauf

Eröffnung
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.

Glaubensbekenntnis
Ich glaube an Gott den Vater, / den Allmächtigen, / Schöpfer Himmels und der Erden.

Und an Jesus Christus, / Gottes eingebornen Sohn, unsern
Herrn, / der empfangen ist vom Heiligen Geist, / geboren
von der Jungfrau Maria, / gelitten unter Pontius Pilatus, /
gekreuziget, gestorben und begraben, / niedergefahren
zur Hölle, / am dritten Tage auferstanden von den Toten, /
aufgefahren gen Himmel, / sitzend zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters, / von dannen er kommen wird, /
zu richten die Lebendigen und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist, / eine heilige christliche
Kirche, / die Gemeinde der Heiligen, / Vergebung der
Sünden, / Auferstehung des Fleisches, / und ein ewiges
Leben. Amen.

Feste Burg Kalender Schriftlesung und Auslegung
für den aktuellen Tag.

Vaterunser
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft
Und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Luthers Morgensegen
Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, daß du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast: und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel, daß dir all mein Tun und Leben gefalle, denn ich befehle mich, meinen Leib und meine Seele, und Alles in deine Hände, dein heiliger Engel sei mit mir, daß der böse Feind keine Macht an mir finde. Amen.

Abschluss
Es segne und behüte uns Gott der Allmächtige und Barmherzige, Vater, + Sohn und Heiliger Geist. Amen

Regeln

Die Morgenandacht ist ein stiller Kreis.

Eröffnung und Abschluss werden immer von Thomas Franke gesprochen. Alle anderen Gebete und Texte abwechselnd reihum, aber niemand muss.

Das Mikrofon ist immer nur von dem an, der gerade das Gebet spricht oder den Text vorliest. Alle anderen machen das Mikrofon aus und können dann für sich das Gebet mitsprechen. Damit sollen störende Geräusche verhindert werden.

Über diesen Link kann man mittwochs zwischen 7:50 Uhr und 8:00 Uhr der Gruppe (https://meet.google.com) beitreten. Das gemeinsame Morgengebet dauert etwa 15 Minuten. Die Andacht beginnt um 8 Uhr und endet circa 8:15 Uhr.

Andacht

IHR SÄT VIEL UND BRINGT WENIG EIN; IHR ESST
UND WERDET DOCH NICHT SATT; IHR TRINKT UND
BLEIBT DOCH DURSTIG; IHR KLEIDET EUCH UND
KÖNNT EUCH DOCH NICHT ERWÄRMEN; UND WER
GELD VERDIENT, DER LEGT’S IN EINEN LÖCHRIGEN BEUTEL.
HAGGAI 1,6.

Es ist doch alles da, und wir machen alles richtig! Es wird viel
gesät, es wird getrunken; man zieht sich an und verdient
Geld. Wir haben an alles gedacht! Und doch mangelt es:

Ihr sät viel – und bringt wenig ein.
Ihr esst – und werdet doch nicht satt.
Ihr trinkt – und bleibt doch durstig.
Ihr kleidet euch – und könnt euch doch nicht erwärmen.
Ihr verdient Geld – und legt es in einen löcherigen Beutel – da
fällt es wieder heraus und geht verloren.

Es ist alles da, wir tun das Richtige, und doch fehlt es!

Da kommt man ins Grübeln. Was haben wir falsch gemacht? Was haben wir übersehen? Vor allem, wenn sich das häuft. Nicht nur die Ernte ist karg, sondern auch die Kleider erfüllen nicht ihren Zweck. Nicht nur das Geld zerrinnt, sondern auch das Essen stärkt nicht. Das wird unheimlich! Wo ist der Zusammenhang? Wie kann man es erklären?

Diese Erfahrung machen einzelne Menschen oder auch Völker. Das Volk Israel kommt ins Nachdenken. Nach 70 Jahren Gefangenschaft – Exil – in der Weltstadt Babylon waren die Israeliten durch Gottes Eingreifen gegen alle menschliche Erwartung in ihr Heimatland zurückgekehrt. Gott hat sich über Sein Volk erbarmt und ihm einen neuen Anfang geschenkt.

Völlig klar, dass man da mit Schwung an den Wiederau8au ging! Und es klappte wunderbar. Häuser, Weinberge, Städte … sie erstanden wieder.

Doch dann kam es: Alles geriet ins Stocken. Und bei allem, was gelungen war, fehlte etwas. Der Segen fehlte. Aber den Segen haben wir ja nicht in der Hand. Segen ist ein Geschenk. Wie kommt Israel an den Segen?

Der Prophet Haggai muss in Namen Gottes mit dem Volk sprechen. Er richtet sich an die Verantwortlichen, den Statthalter Serubbabel und den Hohenpriester Jeschua, einen Sohn Jozadaks.

Im Monatsspruch fasst Haggai die Situation zusammen: Israel setzt sich ein, aber der Segen bleibt aus.

Das ist aber nicht die ganze Situation. Denn direkt davor sagt der Prophet: „Das Volk spricht: Die Zeit ist noch nicht da, dass man des HERRN Haus baue.“

Es ist noch nicht soweit! Erstmal muss das Überleben gesichert sein! Für den Tem‐ pel haben wir dann immer noch Zeit! Die Gottesdienste? 70 Jahre lang fanden keine Gottesdienste statt! Da kommt es doch auf das eine Jahr nicht an, oder?

So denken sich das die Menschen. Aus der Sicht Gottes sieht es aber anders aus: „Die Zeit des Tempels ist noch nicht da, aber die Zeit, dass ihr in Luxus‐Häusern wohnt, die Zeit ist da – und das Haus des HERRN muss wüst stehen.“ (Haggai 1, 2‐4).

Wer weiß, wann wohl die Zeit kommen wird, den Tempel zu bauen? Inzwischen gewöhnt man sich daran, dass es keinen Tempel gibt! Der Tempel kann warten!

Wir Menschen denken so. Es muss alles stimmen. Das kirchliche Leben, der Glaube soll nicht ein Opfer sein, sondern sich bequem ergeben.

Der Gottesdienstbesuch, die Aufgabe in der Gemeinde, die Zeit zum Gebet, die Spende, das Kümmern um jemanden – nicht jetzt! Und dann gewöhnt man sich daran.

Da meldet Gott sich zurück. Der Segen – wo ist er nur? Die Dankbarkeit vor Gott – warum kenne ich sie nicht mehr? Die Freude in der Familie und der Ehe, die Geduld miteinander, was ist nur passiert? Die Sorge, die Langeweile wächst.

„Achtet doch darauf, wie es euch geht!“ ruft der Prophet Haggai. Was ist mit dem Haus Gottes? Ist es in dein Leben eingebaut? Oder wartest du auf bequemere Zeiten? Die Zeit ist jetzt! Auch, wenn es nicht zu passen scheint. Auch wenn das eigene Haus dringend wichtig ist. Hol dir den Segen! Schon der Weg zur Kirche wird gesegnet sein!

Es gibt viel Klage darüber, dass bei uns Überfluss ist, aber doch die Seele zu kurz kommt. Sie braucht Segen! Sie braucht die Anrede, den Ruf, die Vergebung – das kommt von Gott allein.

Achtet doch darauf, wie es euch geht! – Serubbabel und Jeschua haben auf Haggai ge‐ hört. Sie und das ganze Israel wurden gesegnet vom Tempel Gottes aus.

Wir werden es erst erfahren, wenn wir uns auch auf den Weg machen. Die Zeit ist jetzt!


Beitragsbild:

Giovanni Fattori: Feldweg im Olivenhain

1890-1900, Holz, 19 × 33 cm
Florenz, Galleria d’Arte Moderna
Kommentar: Macchiaioli (Fleckenmalerei), Landschaftsmalerei
Land: Italien
Stil: Realismus
[Fattori, Giovanni. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei, S. 3578 (c) 2005 The Yorck Project]


Luthers Morgensegen

Eine kleine Morgenandacht

Des Morgens, wenn du aufstehst, kannst
du dich segnen mit dem Zeichen
des heiligen Kreuzes und sagen:

Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen

Darauf kniend oder stehend das Glaubens-
bekenntnis und das Vaterunser.
Willst du, so kannst du dies Gebet dazu sprechen:

Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, daß du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast, und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel, daß dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, daß der böse Feind keine Macht an mir finde.

Als dann mit Freuden an dein Werk gegangen
und etwa ein Lied gesungen
oder was dir deine Andacht eingibt.

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