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Predigt

Judika

Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.

Das Lamm, das geschlachtet ist,
ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum
und Weisheit und Stärke
und Ehre und Preis und Lob.
Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

19 Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt.
20 Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon.
21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen!
22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?
23 Ach daß meine Reden aufgeschrieben würden! Ach daß sie aufgezeichnet würden als Inschrift,
24 mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen!
25 Aber ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.
26 Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.
27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Hiob 19, 19 – 27

HERR, segne Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde!

Hiob. Der Mann des Leidens. Schlag auf Schlag verliert er seine Kinder, seinen Besitz, dann auch noch seine Gesundheit. Schrecklich! Ein Leiden an Leib und Seele. Und was das alles noch zur Hölle macht, ist die Anklage, daß er das Leiden verdient habe. „Selber schuld!“ Das sind vernichtende Worte! – Ob jemand anders sich mir sagt, oder ob ich sie mir selber sage. Genau das mußte Hiob erleiden – drei Freunde kommen zu ihm, um ihn in seinem Unglück zu trösten. Aber in allen ihre Reden schimmert immer wieder durch: „Hiob, du mußt das verdient haben. Gott straft nicht ohne Grund!“ – Doch Hiob schweigt nicht. Er redet. Und solange er redet, ist die Situation noch nicht abgeschlossen – so lange muß er gehört werden.
Doch wer will einen Leidenden hören?

  1. Hiob beschreibt eine erschütternde, bittere Erfahrung:
    „Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt.“ Das Leiden kann einen Menschen sehr leicht isolieren, trennen. Was soll man auch machen? Ich weiß doch, daß der andere nicht fühlt, was ich fühle. Die Sprache versagt. Menschen verlieren die Geduld. Sie wenden sich ab – aus verschiedenen Gründen. Sie wollen nicht daran erinnert werden, daß es ihnen auch so gehen könnte. Sie wissen nicht, wie sie helfen können oder sollen. Sie können es einfach nicht mehr hören oder mit ansehen. Tief in uns steckt auch der Verdacht oder die Angst: Leiden oder das Unglück können ansteckend sein. Da muß man sich fern halten. – Selbst wenn es gut gemeint ist: Eine versteckte Anklage oder Abwendung – der Leidende spürt sie, das Leid ist wie ein Vergrößerungsglas.
    Auch wenn das Leiden zum Leben gehört, bleibt es eine Verlegenheit.
    Muß es denn sein? Warum?
    Doch das Leiden ist da, auch wenn wir es nicht verstehen, auch wenn es keine Antwort gibt. Das Leiden braucht unsere Zustimmung und Einsicht nicht.
  2. „Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und
    nur das nackte Leben brachte ich davon.“ Das nackte Leben – das heißt: Außer Überleben gibt es keine Perspektive. Aber ein Überleben, das nur weiter ein Leiden ist. Wer gesund ist und nicht leidet, nicht belastet ist, der kann mit seinem Leben etwas anfangen, etwas unternehmen, arbeiten, reisen, etwas aufbauen, etwas erkennen, Menschen begegnen. Hier wird eine Erfahrung beschrieben, daß ein Mensch nur noch weiterlebt, sonst nichts. Der Körper läßt mehr nicht zu. Alle Möglichkeiten, am Leben teilzunehmen, schwinden dahin. Man ist abhängig. Wenn niemand kommt, ist man allein und steht vor dem Nichts.
  3. „Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde;
    denn die Hand Gottes hat mich getroffen!“ Dann kommt die Ahnung auf: Gott selbst ist gegen mich. Eine grausige Überzeugung! Wenn Gott gegen mich ist, dann gibt es keine Hilfe. Menschen können dahin kommen, so etwas zu glauben. Alles, was mir passiert auch die kleinste Kleinigkeit, wird zum Beweis dafür, daß Gott gegen mich ist. Und was positiv ist, das ist nur ein Schein, eine Täuschung. – Wie sollen die armen Freunde antworten? – Doch Hiob geht noch weiter:
  4. „Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt
    werden von meinem Fleisch?“ – Was für Worte! „Warum verfolgt ihr mich, wie Gott?“ Auch die Freunde werden zum Beweis dafür, daß Gott gegen Hiob ist. Wie soll ein Freund da antworten? – Diese Worte führen uns an eine Grenze. Es gibt wirklich Grenzen für einander da zu sein. Wer am Bett eines Komakranken war, ahnt das. Es gibt kein Zeichen mehr, daß man den Menschen erreicht. – Ich mußte einmal eine junge Frau beerdigen, die an Drogen gestorben war. Der Vater sagte: „Ich wußte, daß meine Worte sie nicht mehr erreichten; und mußte davon ausgehen, daß ihre Worte nicht mehr wirkliche Sprache waren, auch wenn sie wie Sprache klangen.“ Das ist eine harte unbarmherzige Grenze. Meistens kann diese Grenze nicht ausgesprochen werden. Doch Hiob spricht sie aus. Während seine Freunde mit ihm sprechen, merkt Hiob, wie hilflos sie sind.
  5. „Ach daß meine Reden aufgeschrieben würden! Ach daß
    sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen!“ Wir schwachen Menschen hören das, und wollen es am liebsten schnell wieder vergessen. Wie könnte man mit solchen Worten weiterleben? Sie sind zu schwer! – Mit solchen Worten kann man ja kaum noch sein eigenes Leben weiterleben, wenn man sie ernstnimmt.
    Doch sind sie ja wahr! Sie beschreiben eine Realität und eine Erfahrung von zahllosen, namenlosen, unbeklagten Menschen. Was Hiob sagt, hat sein Recht, auch wenn es uns an unsere Grenzen führt, und uns zeigt, was wir sind: Wir sind Geschöpfe, und nicht Gott. Dieses ganze Leiden beweist uns: Du bist wirklich nicht Gott! Diese Abhängigkeit zeigt uns: Wir sind geschaffen, Gott hat uns gemacht, Gott unser Leben in der Hand. Alles, was wir uns vom Leben erhoffen, alles was schön und gut ist, ist Gottes Gabe. Wir haben Glück und Erfolg, Gesundheit, Freunde, Familie, weil Gott uns diese Gaben schenkt. Dazu gehört auch die Fähigkeit, klug zu handeln. Einigermaßen alltagsfähig zu sein, wie es heißt. Das ist Gottes Gabe. „Was hast du aber, daß du nicht empfangen hast? So du es aber empfangen hast, was rühmst du dich denn, als ob du es nicht empfangen hättest?“ fragt der Apostel Paulus (1. Korinther 4, 7). Wir vergessen das sehr schnell und schätzen uns deshalb falsch ein. Darum will Hiob, daß seine Worte in Stein gemeißelt werden.
  6. Liebe Gemeinde! Glaubt es oder nicht: Dies ist kein
    deprimierender Text! Ja, das könnte man meinen! Daß wir so massiv und deutlich an unsere Grenzen erinnert werden. Das klingt nach Spaßverderben und Entmutigung. Aber nur solange, wie man weiter ohne Gott sein will. Wenn ich merke, daß ich wirklich nicht Gott bin, sondern nur sein Geschöpf, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder will ich dann, daß es überhaupt keinen Gott gibt – wenn schon ich nicht Gott bin, dann bitte niemand! – Oder: Ich fange an, mich wie ein Geschöpf zu verhalten, und wende mich trotz allem aufs Neue Gott zu.
    Hiob tut das Zweite.
    Er sagt: Nur Gott selbst kann mir helfen. Er sagt: „Aber ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.“ Ich weiß, daß mein Erlöser lebt. Ich weiß, daß der da ist, der mich aus diesem Elend herausholen will und kann. Ein Gott, der es in der Hand hat, mich so leiden zu lassen, der hat es auch in der Hand, dieses Leiden zu beenden. – Hiob macht seine ganze Situation zu etwas zwischen ihm und Gott. „Gott“, sagt er, „Gott, nur du kannst es, sonst niemand, wenn jemand, dann Du, Gott!“ – Und er spricht von Gott als einem Erlöser. Das ist jemand, der kommt und einen Sklaven freikauft, oder einen Verschuldeten aus dem Gefängnis freikauft. – „Gott, Du wirst am Ende über dem Staub sein – also, wenn alles zu Staub geworden ist, dann bist du noch da und bist noch Gott. – Und selbst wenn mein Leib ganz kaputt ist – ich werde dich, Gott sehen. – Wie weiß Hiob das? Ist es logisch? Es ist auf jeden Fall ein Wunder, daß Hiob so spricht. Daß Gott der Schöpfer auch der Erlöser ist. Daß der Gott, der Himmel und Erde aus dem Nichts geschaffen hat, auch einen Menschen aus dem Nichts heraus neu machen kann. Es muß ein Gott sein, der das tut.
    Und Hiob sagt: Dieser Gott wird als letzter über dem Staub sein, und das wird der Gott sein, mit dem ich gekämpft habe, der Gott, dem ich mein Herz ausgeschüttet habe. Der Gott, der mich so bitter und schwer hat erfahren lassen, daß ich nur ein Geschöpf bin und kein Gott. Der Gott wird mich an Ende über mir sein, um mich neu zu schaffen.
    Der Gott wird nicht ein anderer Gott sein – und ich, Hiob, werde auch nicht ein anderer sein, denn Hiob sagt weiter:
    „Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.“ Ich, der ich hier mit dem Tod allein bin, und mit allem, was mich fühlen läßt, daß es alternativlos ist, ich werde bei Gott sein, diese meine Augen, diese meine Haut. Bei Gott und mit Gott.
    Hiobs Worte sind festgehalten worden. Sie haben Generationen daran erinnert: Du bist nicht Gott. Das kann weh tun. Das wird weh tun. Aber Hiobs Worte haben vor allem diese Möglichkeit offengehalten und nicht aufgegeben: Du bist nicht Gott, aber du hast einen Gott, der ist ein Erlöser. Und es gibt nichts, aus dem dieser Erlöser dich nicht herausholen wird.
    Hiobs Worte haben den Platz frei gehalten für Jesus Christus. Das ist der Gott, der zuletzt über dem Staub sich erhob – bei seiner Auferstehung von den Toten – das heißt: Jesus ist der Erlöser, der vorher selbst im Staub war. In den kommenden Tagen werden wir Ihn wieder begleiten auf Seinem Weg, wie er an Leib und Seele zu Staub gemacht wurde. Durch das Böse, das Menschen tun. Das hat ihn zu Staub gemacht. Aber diesen Staub hat er jetzt unter sich. Er ist ja Gott. Der Staub ist nicht über Ihn, sondern Er ist über dem Staub, und kann aus Staub Menschen machen. Dazu ist Jesus auf die Erde gekommen. Wenn er gepredigt hat, wenn er böse Geister verjagt hat, wenn er Kranke geheilt hat – dann hat nichts anderes getan, als aus pulverisierten Menschen wieder lebendige Menschen zu machen. Er erhebt sich über den Staub.
    Ein Christ ist ein Mensch der sagt: Jesus, erhebe dich über mich, der ich spüre, wie ich Staub bin. Das passiert auch bei der Taufe: Da sagt ein Mensch: Ich bin nicht Gott, ich bin ein Geschöpf, aber ich habe einen Erlöser. Und in der Taufe sagt Jesus zu dem Menschen: Ich hole ich raus. Das steht fest. Staub ist für mich kein Problem. Ich hab das hinter mir, sagt uns der Auferstandene: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste (bei der Schöpfung) und der Letzte (bei der Auferstehung) und der Lebendige; ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes.“ (Offenbarung 1, 18).
    Diese Worte erheben sich über die Worte Hiobs. Sie gehen auf wie die Sonne über Hiobs Worte.
    Wir wissen nicht, wie Hiob sagen konnte: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt“ – aber wir haben den Erlöser vor Augen. Er hat sich gezeigt, er hat mit uns gesprochen und spricht mit uns, er ist vor den Augen der Welt in den Staub gegangen, als er gekreuzigt wurde, und Er ist auferstanden, und spricht: Friede sei mit dir, mein lieber Staub. Ich mache Dich schön.

Beitragsbild: Hiob und seine Freunde: Gemälde von Ilja Jefimowitsch Repin (1869)
Foto: Wikimedia Commons (CC0)