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Predigt

Gründonnerstag

Aber am ersten Tage der Ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wo willst du, daß wir dir das Passalamm zum Essen bereiten?

Das Lamm, das gewürget ist,
ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum,
und Weisheit und Stärke
und Ehre und Preis und Ruhm.
Gnade sei mit euch und Friede,
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

17 Aber am ersten Tage der Ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wo willst du, daß wir dir das Passalamm zum Essen bereiten?
18 Er sprach: Geht hin in die Stadt zu einem und sprecht zu ihm: Der Meister läßt dir sagen: Meine Zeit ist nahe; ich will bei dir das Passa feiern mit meinen Jüngern.
19 Und die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Passalamm.
20 Und am Abend setzte er sich zu Tisch mit den Zwölfen.
21 Und als sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.
22 Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln, ihn zu fragen: Herr, bin ich’s?
23 Er antwortete und sprach: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten.
24 Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.
25 Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Bin ich’s, Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es.
26 Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib.
27 Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus;
28 das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.
29 Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich von Neuem davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich.
30 Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Matthäus 26, 17-30

Lieber Gott, segne Du nun Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde!

„Dies ist das Blut des Bundes“ – in der Liturgie wird dasselbe gesagt mit den Worten: „Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut“. Jedes Wort ist nicht neu, es ist alt, uralt, aus dem Alten Testament. Denn wo kein Altes ist, da wird man das Neue nicht erkennen. Ohne das Alte Testament gibt es das Neue Testament nicht, das Neue daran wäre uns verborgen. Und auf das Neue kommt es unbedingt an!
Das Blut des Alten Bundes war das Blut eines Tiers. Als Gott auf dem Berg Sinai die 10 Gebote und andere Gesetze Mose offenbart hatte, stimmte das Volk Israel dem Gesetz zu, und zur Versiegelung wurden junge Stiere geopfert. Die Hälfte des Bluts wurde an den Altar gesprengt, mit der anderen Hälfte besprengte Mose das Volk Israel und sprach: „Seht, das ist das Blut des Bundes, das der HERR mit euch geschlossen hat auf Grund aller dieser Worte.“ (2. Mose 24, 8). Das Blut des Opfers stand für das hingegebene Leben, für höchste Verbindlichkeit. Vergossenes Blut kann nicht zurückgenommen werden. Ein Opfer kann nicht rückgängig gemacht werden.
Es war der Bund zwischen Gott und Seinem Volk Israel, die Grundlage des gemeinsamen Wegs. Die Bedingung war klar: Haltet das Gesetz, und Gott segnet euch; wenn ihr es übertretet, dann folgt Strafe. In diesen Bund war Jesus bei seiner Beschneidung eingetreten.
Israel konnte den Bund nicht halten. Direkt nach dem Bundesschluß hören wir von Goldenen Kalb, einem Götzenbild, das Israel sich machte, und den Bund mit Gott brach. (2. Mose 32). Die Strafe Gottes war streng. So sah es der Bund vor. Und das war dann der Weg Gottes mit seinem Volk im Alten Testament. Ein schwerer, harter Weg. Bis wir von dem Propheten Jeremia eine neue Hoffnung hören: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloß, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR.“ (Jeremia 31, 31-32). Schon im Alten Testament war also klar, daß das Alte Testament alt sein wird, ja durch menschliches Versagen schon alt ist. Israel wartete auf diesen Neuen Bund, den Gott mit ihm schließen würde.
Weil Jesus 100% ans Alte angeknüpft hat, konnte Er das Neue
bringen. Das Alte konnte Ihm nichts mehr anhaben, nichts
mehr von Ihm verlangen, nichts mehr einklagen, nichts mehr
fordern. Jesus ist der Mann, der mit der Geschichte abschließt.
Er ist der Mann, der der Vergangenheit gerecht wurde. Jesus ist
der Mann, der dafür garantiert, daß sich die
Vergangenheit nicht mehr wiederholt in einer ewigen
Wiederkehr des Gleichen. Jesus ist der wirklich neue Mensch,
der ganz und gar nicht von der Vergangenheit festgelegt ist. So
sehr, daß er überhaupt nicht gegen die Vergangenheit rebelliert,
er muß sich nicht einmal von der Vergangenheit lossagen. Im
Gegenteil: Jesus nimmt die ganze Essenz, das Göttliche und
Wesentliche der Geschichte in sich auf und einen neuen Anfang:
Das Neue Testament.
Wir sind in diesem Neuen Bund. Was das Sakrament des Leibes und Blutes unseres HERRN Jesus Christus in uns schafft, ist nicht
mehr der Vergangenheit unterworfen. Nichts aus der
Vergangenheit kann uns mehr einholen und vor Gott anklagen
oder in Frage stellen. Keine Zukunft wird es überholen. Die
heutige Nacht ruft uns, daß mit aller Macht zu glauben und uns
darauf felsenfest zu verlassen.
Jesus feiert mit seinen Jüngern das Passafest. Das
Gedächtnis der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. Sklaverei ist ein Zustand ohne Zukunft, ohne Hoffnung. Dein Leben gehört dir nicht. Es gehört dem Pharao. Gott hat Israel aus dieser Hölle befreit. In der Passanacht fing Israels Zukunft und Hoffnung an. Mit dem Essen der ungesäuerten Brote und des Passalamms nahmen sie diese Zukunft in sich auf. Das war so, weil Gott es so geboten hatte. Sie konnten sich nicht selbst befreien. Gott war ihre Freiheit. – Das war das Thema des Passafestes. Wer Israelit war, feierte es mit. Durch dieses Fest gehörte man zu denen, die Gott aus der Tyrannei ohne Hoffnung herausführte in die Zukunft. Dabei wurde auch das Passalamm gegessen. Das Lamm wurde im Tempel in Jerusalem geschlachtet, sein Blut wurde auf den Altar im Tempel gesprengt, und dann wurde es zuhause gebraten und nach einer vorgeschriebenen Ordnung in einer feierlichen Mahlzeit gegessen. Die Jerusalemer waren verpflichtet, Juden von außerhalb Räume für dieses wichtige Fest zur Verfügung zu stellen. Das paßt alles zu dem, was Matthäus uns berichtet. Ähnlich wie den Esel für den Einzug am Palmsonntag, so leiht Jesus den Saal. Seine Jünger gehen los, und finden alles, wie Jesus es gesagt hat.
Jesus fügt sich ganz in dieses Alte ein. Genau wie bei seiner Taufe begibt er sich dorthin, wohin Gott die Unfreien ruft, um den Himmel über sie zu öffnen, und sie aus der Vergangenheit zu lösen, die sie gefangenhält, und sie zu Seinen Kindern macht. Jesus war nicht unfrei, unter einer fremden Macht. Trotzdem erfüllt er das Gesetz. Er ist da, wo Sein himmlischer Vater ihn haben will, und er tut, was der Wille des Vaters ist.
Bei diesem Fest der Befreiung offenbart sich die traurige Wahrheit, daß alle Menschen unfrei sind. Judas wird von seiner Geldgier geknechtet, die macht ihn zum Verräter. Die Jünger werden alle untreu, sie sind feige. Von den Hohenpriestern, Pilatus ganz zu schweigen. Jesus fügt sich in das Alte ein, was das Alte alt macht: Nämlich in unsere Schuld. Schuld, das ist die Vergangenheit, die uns bindet, aufzehrt – die Fehler, die ihr Recht fordern; Irrtümer, die den Segen verfehlen, die Liebe zerstören; Lügen, die Sprache verderben, . . . das ganze Elend, das im Tod endet, wo dann alles alt ist. Das ist die Nacht des Verrats, des Verrats am Leben, an der Wahrheit, an Gott und Seinen Gaben, der alles verdirbt und seinen Glanz auslöscht und alt werden läßt. Die finstere Nacht, in der auch unser Herr Jesus Christus verraten ward.
Es ist die Stunde des Neuen Testaments. Jesus geht in diese Nacht hinein, um die Freiheit des ersten Passa zu retten. Gott, der so frei war, sein Volk gegen alle Widerstande aus der totalitären Macht des Pharao zu befreien, Gott ist jetzt so frei, Seinen Sohn in die Nacht des Verrats zu senden, um einen Neuen Bund zu schließen. Der Neue Bund wird auch sein Blut haben, zu Versiegelung allerhöchster Verbindlichkeit.
Doch das Blut des Neuen Testaments ist nicht das Blut eines unvernünftigen Tiers, das nicht weiß, wie ihm geschieht, das unfreiwillig sein Leben läßt. Es ist das Blut eines Menschen. Das Blut eines Menschen, der sich bewußt, freiwillig, gehorsam und in Liebe hingibt. Das Blut des Sohnes Gottes. Das legt der Sohn Gottes selbst fest. Er sagt: „DAS IST MEIN BLUT“. Wir wissen, warum er in dieser Nacht von Seinem Blut sprechen kann – es ist das Blut, das am nächsten Tag am Kreuz fließen wird. Alle Mächte der Nacht des Verrats werden sich vereinigen, und sich an dem Leib und der Seele Jesu austoben, und Sein Blut wird fließen. Es wird aber als Blut des Neuen Testaments fließen. Ein Blut, das nicht anklagen wird, wie alles andere Blut, angefangen mit dem Blut Abels, das sein Bruder Kain vergossen hatte, und das anklagend zum Himmel schrie (1. Mose 4, 10). Dieses Blut „redet besser“ als Abels Blut (Hebräer 12, 24). Es läßt das Alte alt werden und vergehen; es läßt die Anklage verstummen, die Gnade sprechen; dieses Blut läßt das Neue kommen, das von keiner Vergangenheit eingeholt werden wird, sondern neu bleibt, bis Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu.“ (Offenbarung 21, 5).
Liebe Gemeinde! Wir sind eingeladen an diesen Tisch des Neuen Testaments. Jesus hat es so verfügt und festgelegt, daß Seine Jünger Seinen Leib essen sollen, den Er als ein Opfer hingegeben hat, und Sein Blut trinken, daß er zur Vergebung der Sünden vergossen hat. Hier wird aus Altem Neues geschaffen.
Das Alte muß also hergebracht werden. Das Vergangene, was nicht vergehen will, weil es anklagt, belastet, droht. Dahinein hat der Sohn Gottes Seinen Leib gegeben. Diese alte Last soll abgenommen werden. Diese Anklage soll zum Schweigen gebracht werden, diese Vergangenheit vergehen. Darum ist es völlig angemessen, wenn vom Abendmahl die Beichte nicht allzu weit entfernt ist. Beim Arzt spricht man ja auch die Krankheiten, die Symptome an. Symptome des Verrats, der Finsternis. Der Sohn Gottes ist ja schon dort. Er ist ja schon dort, wo unsere Schuld uns in letzter Konsequenz hinbringen wird. Das Lamm Gottes ist bereit und wartet, diese Last wegzutragen. Sie gehört ihm schon. Wir sollen sie ihm geben.
Oder wollen wir allein im Dunkeln damit fertig werden?

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Beitragsbild: Von Italo-Byzantinischer Meister – The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=153241