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Predigt

Miserikordias Domini

So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.

Der HERR ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.
Gnade sei mit euch und Friede
von Gott unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt. Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut. Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie achtet. Darum hört, ihr Hirten, des HERRN Wort! So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten, darum, ihr Hirten, hört des HERRN Wort! So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Aber zu euch, meine Herde, spricht Gott der HERR: Siehe, ich will richten zwischen Schaf und Schaf und Widdern und Böcken. Ist’s euch nicht genug, die beste Weide zu haben, dass ihr die übrige Weide mit Füßen tretet, und klares Wasser zu trinken, dass ihr auch noch hineintretet und es trübe macht, sodass meine Schafe fressen müssen, was ihr mit euren Füßen zertreten habt, und trinken, was ihr mit euren Füßen trübe gemacht habt? Darum spricht Gott der HERR: Siehe, ich will selbst richten zwischen den fetten und den mageren Schafen; weil ihr mit Seite und Schulter drängtet und die Schwachen von euch stießt mit euren Hörnern, bis ihr sie alle hinausgetrieben hattet, will ich meiner Herde helfen, dass sie nicht mehr zum Raub werden soll, und will richten zwischen Schaf und Schaf. Und ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen Knecht David. Der wird sie weiden und soll ihr Hirte sein, und ich, der HERR, will ihr Gott sein, aber mein Knecht David soll der Fürst unter ihnen sein; das sage ich, der HERR. Und ich will einen Bund des Friedens mit ihnen schließen und alle bösen Tiere aus dem Lande ausrotten, dass sie sicher in der Steppe wohnen und in den Wäldern schlafen können. Ich will sie und alles, was um meinen Hügel her ist, segnen und auf sie regnen lassen zu rechter Zeit. Das sollen gnädige Regen sein, dass die Bäume auf dem Felde ihre Früchte bringen und das Land seinen Ertrag gibt, und sie sollen sicher auf ihrem Lande wohnen und sollen erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich ihr Joch zerbrochen und sie errettet habe aus der Hand derer, denen sie dienen mussten. Und sie sollen nicht mehr den Völkern zum Raub werden und kein wildes Tier im Lande soll sie mehr fressen, sondern sie sollen sicher wohnen und niemand soll sie schrecken. Und ich will ihnen eine Pflanzung aufgehen lassen zum Ruhm, dass sie nicht mehr Hunger leiden sollen im Lande und die Schmähungen der Heiden nicht mehr ertragen müssen. Und sie sollen erfahren, dass ich, der HERR, ihr Gott, bei ihnen bin und dass die vom Hause Israel mein Volk sind, spricht Gott der HERR. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Hesekiel 34

Führe mich, o Herr und leite, meinen Gang nach deinem Wort. Amen.

Liebe Gemeinde!

In Baden-Baden kannte jeder den Schäfer Svensson. Schulklassen und Kindergartengruppen besuchten ihn und seine Schafe. Er wanderte von Wiese zu Wiese mit seinen Schafen und Hunden, war etwas auffällig gekleidet mit Überhang und Hut, und Hirtenstab. Einmal traf ich ihn an und kam ins Gespräch. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was gesagt wurde – ich erinnere mich aber noch genau daran wie seine Augen und Ohren unentwegt bei seinen Schafen waren. Er sprach zwar mit mir, aber irgendwie war er doch ganz bei seinen Schafen – waren sie noch beisammen? Scherte eins aus? Reichte die Weide noch? Wo sollte es als nächstes hingehen? Das einzelne Schaf hatte nur das nächste Grasbüschel vor sich, der Schäfer Svensson dachte an die nächste und übernächste Weide für alle seine Tiere, und ob auch Wasser in der Nähe sei, und ob der Weg dorthin für die Herde passierbar wäre. Ohne den Hirten würden die Schafe nicht lange überleben – verhungern, verdursten, verirren, überfallen werden ….
Gottes Wort kennt nicht nur Hirten und Herden, sondern benutzt auch das Wort „Hirte“ als Bild für verantwortliche Menschen. Die Hirten Israels, das waren die Könige und Priester, die Richter und alle anderen, die Verantwortung und Macht hatten, die das Sagen hatten, damit Gesetz, Recht und Ordnung im Volk Israel herrschten – und auch die Bewahrung und Verkündigung des Wortes Gottes gesichert war.
Wie der Schäfer Svensson sollten sie ganz bei dem anvertrauten Volk sein, den Überblick behalten, die Bedürfnisse kennen – aber auch ganz bei dem Gesetz Gottes sein, und immer zur rechten Zeit das richtige Gesetz anwenden und durchsetzen. Als Hirten eben: fürsorglich und engagiert, ja: liebevoll und gerecht.
Damit ist ein Thema angesprochen, das die Menschheit seit eh und je begleitet: Das Thema „Macht“ oder besser: „Ordnung der Macht“, und dazu gehört das Thema „Gerechtigkeit“.
Schon der griechische Philosoph Aristoteles, der 322 vor Christus starb, sagte von dem Menschen, er sei ein „zoon politikon“ also ein politisches Wesen, ein Lebewesen, das irgendwie in Gesellschaft lebt, in der Macht geregelt werden muß. Auch Gottes Wort geht immer davon aus, daß ein Mensch Teil eines Volkes ist, daß es Menschen mit Macht gibt, und Gesetze, die diese Macht regeln. Es gab dabei immer auch die Sehnsucht danach, irgendwo oder irgendwie zu leben, wo mir niemand etwas zu sagen hat. Man hat es auch versucht, aber diese Versuche waren immer kurzlebig und je mehr man sie in die Realität umsetzte, oder mit Macht durchsetzte, um so mehr kam das Gegenteil dabei heraus.
Doch diese Sehnsucht hatte ihre Gründe. Macht zieht unwiderstehlich an, und man will sie sichern und anhäufen, und auch der Mißbrauch von Macht begleitet die Macht von Anfang an – Selbstbereicherung in jeder Form muß beklagt werden, und auch Ausbeutung und Unterdrückung statt Fürsorge und gute Planung. Enttäuschung und Bitterkeit, dann Aufbegehren und Widerstand kommen hinzu.
Der Prophet Hesekiel nimmt die Hirten Israels ins Gericht. Gott hat ihnen die Macht anvertraut für „Seine Schafe“. Allein in unserem Predigttext sagt Gott sechsmal: „Meine Schafe“. Die Könige, Beamten, Priester und Richter und alle, die Macht und Sagen haben, haben es in Israel mit Gottes Kindern zu tun. Gott hat ihnen die Macht anvertraut, damit es dem Volk Israel in jeder Hinsicht gut geht – und zwar nach Gottes Willen, nach Gottes Gesetzen. In der Bibel kommt alle Macht von Gott, und jeder Machthaber muß und wird sich vor Gott und Gottes Geboten verantworten. Hesekiel hatte die übermenschlich schwere Aufgabe, das deutlich zu machen.
Auch das Neue Testament lehrt so. Als Jesus machtlos vor Pilatus stand – machtlos im weltlichen Sinne – sagt er zu dem römischen Statthalter: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht wäre von obenherab gegeben“ (Johannes 19,11), und Paulus schreibt an die Christen in Rom: „Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet.“ (Römer 13, 1). Daß es Macht von Menschen über Menschen gibt, das ist Gottes Idee. Doch gerade deshalb muß Hesekiel ja reden, denn die Hirten Israels taten so, als hätten sie sich das selbst verdient.
Das Unrecht wird deutlich beschrieben: „Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr eßt das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.“
Man bedient sich selbst. Die Mühe und Arbeit der Bevölkerung kommt den Mächtigen zugute. Die Mühe, sich um die Schwachen zu kümmern, ist lästig. Was nicht Gewinn bringt, ist uninteressant. Wir hören, was Hesekiel vor 2600 Jahren in Israel sagt! Das Ergebnis ist Chaos, Verwahrlosung und Gewalt: „Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut. 6 Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie achtet.“ Es herrscht die Macht des Stärkeren, jede Schwäche ist ein Todesurteil, die Kinder Gottes können nicht als Kinder Gottes Leben und gedeihen, es geht nur noch ums nackte Überleben.
Hesekiel muß ankündigen, daß Gott den Mächtigen ihre Macht wegnehmen wird. Sie werden nicht mehr Hirten sein, sie werden sich vor Gott verantworten müssen, und die Konsequenzen ihrer verfehlten Politik tragen müssen.
In der Geschichte Israels sah es denn auch so aus: Noch zu Lebzeiten des Propheten Hesekiel wurde das Land erobert, der Tempel verbrannt, die Oberschicht entweder umgebracht oder verschleppt, es war auf einmal alles vorbei. Gott hatte Gericht geübt.
Doch nun gab es nicht etwa keine Macht mehr, sondern fremde Macht. Israel war danach nie mehr ein souveräner Staat, sondern mußte sich immer mit den Großmächten arrangieren und Kompromisse machen, ob mit Assyrien, den Griechen oder auch den Römern.
Was wird dann aus Gott und Seiner Herde, aus Gottes Kindern?
„So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes.“ – Israel ist wirklich wieder zurückgekehrt in sein Land. Ein Tempel wurde wieder gebaut – aber es waren dann doch wieder menschliche Herrscher, die dieselben Fehler machten – denken wir nur an die Könige Herodes, unter denen Jesus gelebt hat.
Wo war Gott? Wie war das denn gemeint, wenn Gott sagte: „Ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.“? –
Das war eine Sehnsucht, und eine Erwartung in Israel. Es war nicht eine Sehnsucht danach, daß es keine Macht mehr gibt, sondern danach, daß Gottes Macht sich offenbart, und Sein guter und gnädiger Wille bei uns Menschen geschieht.
Zur Zeit Jesu gab es 4 Entwürfe:

  1. Pharisäer: Gesetzestreue und Umsetzung – oft mehr, als Gott es im Gesetz vorschrieb.
  2. Sadduzäer: Perfekter Gottesdienst im Tempel – alles andere konnte geregelt werden.
  3. Zeloten: Militärische Aktion gegen die Römer.
  4. Essener: Rückzug in die Wüste, mit klösterlichem Leben.
    Doch alle 4 konnten keinen Hirten im Sinne Gottes hervorbringen. Im Gegenteil, die Herrschaft von Menschen über Menschen im Namen Gottes zeigte sich auch hier, und war mit Sünde belastet und behaftet.
    Und dann kam der Gute Hirte. Das ist das Evangelium. Jesus ist der Gute Hirte, er ist Gott selbst. Er strebt keine neue Macht an. Im Gegenteil, er gibt sein Leben für die Schafe (Johannes 10, 12). Er sucht das Verlorene und führt zum frischen Wasser. Seine Macht ist die Vergebung. Vergebung gibt es dort, wo es Einsicht gibt, und Einsicht gibt es dort, wo Gottes Gebote bekannt sind. Jesus hat auch Gottes Gebote ausgelegt, so, daß Menschen die Vergebung gesucht haben. Da erleben die Menschen Gottes Macht, sie erfahren, wie Gott wirklich ist. Menschliche Macht kann das nicht leisten. Menschliche Macht kann sehr segensreich sein. Gott hat sie so eingerichtet, daß wenig Menschen vielen, die ihnen anvertraut sind, Gutes tun können. Das bleibt bestehen. Aber die Schwäche von uns Menschen, Macht zu mißbrauchen, bleibt leider auch bestehen.
    Darum muß Gottes Wort, auch Sein Gesetz, gehört werden. Aber Gott läßt sich am Ende erst in der Vergebung finden. Das läßt Jesus sich nicht nehmen. Er weidet Gottes Kinder durch Sein Wort in Seiner Gemeinde.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Beitragsbild: Franz Marc, Schafe, 1912 (DVD 10.000 Meisterwerke der Malerei)