Rogate

Von | Mai 10, 2026
Bloch-SermonOnTheMount

Gnade sei mit euch und Friede
Von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Text: Das Vaterunser

Liebe Gemeinde!

Heute am Sonntag Rogate ist das Thema „Gebet“. Da wir bereits von den Konfirmanden in ihrer Prüfung reichlich Glaubensinformation bekommen haben, werde ich mich kurz fassen. Also bitte ich um Aufmerksamkeit ab jetzt. Die Predigt wird gleich vorbei sein!

Sie hat 2 Teile:  1. Eine andere Sicht. 2. Ein Wunder. 

 1. Eine andere Sicht: Das Vaterunser ist ein Text, den jeder Christ kennt. Jesus hat ihn uns gelehrt. Die normale Sicht könnte sein: Da ist der Text. Er ist alt, Jesus hat sich was dabei vorgestellt; seine Jünger haben sich was dabei vorgestellt. Jeder stellt sich etwas dabei vor, ich auch. Was ich mir dabei denke, das ist die Bedeutung. Wenn ich mir nichts dabei vorstellen oder denken kann, dann hat das Gebet keine Bedeutung oder keinen Sinn. 

Und was ist jetzt die andere Sicht? – Das Vaterunser ist ein Fahrzeug, in das ich einsteige. Gott hat etwas mit mir vor – darum spreche ich das Gebet. Nicht ich tue etwas mit dem Gebet, sondern durch das Gebet tut Gott etwas mit mir. Das Gebet trägt und nimmt mich dorthin, wo Gott mich haben will. Es ist schließlich ein göttliches Gebet. Ich muß nichts daraus machen, sondern es macht etwas aus mir. Das geschieht im Glauben.  Das ist die andere Sicht. Bete das Vaterunser und vertraue: Gott handelt jetzt in mir. Das ist die andere Sicht.

2. Und was ist jetzt das Wunder? – Wenn Gott handelt, dann ist das immer ein Wunder. Welche Wunder bringt das Vaterunser?

„Vater“ – Das Wunder ist: Ich sehe mich nicht mehr als ein Ergebnis von Zufällen. Ich bin nicht nur Biologie oder DNA, ich bin nicht nur Gehaltsempfänger oder Konsument. Ich bin nicht nur ein Bündel von Komplexen oder Allergien. Die letzte Macht über mein Leben ist nicht stumm und taub und unpersönlich, sondern Vater. Es ist ein Wunder, wenn ein Mensch das spricht. Er ist ein Kind, das gesehen und gehört wird, ja, das gewollt und geliebt ist. Ich werde gehört, ich bin gemeint. 

„Unser“ – Das Wunder ist: Ich werde mit allen Betern verbunden. Meine Einsamkeit hat einen Riß, ja, sie ist schon beendet. Gott öffnet Türen, daß Seine Kinder zueinander finden. Vielleicht zaghaft, aber doch. 

„Im Himmel“ – Das Wunder ist: Ich spreche mit dem Vater, der überlegen ist. In jeder Situation. Der Himmel ist der Bereich, von wo aus Gott handelt. Und Gott handelt frei und überlegen. Der Himmel ist das Offene. „Vater unser im Himmel“ – das heißt: Gottes Überlegenheit kommt zu mir. Meine Situation ist jetzt offen. 

„Geheiligt werde dein Name“ – Das Wunder ist: Wer das spricht, will, daß Gott unbedingt Gott bleibt. Gott soll nicht Teil der Welt werden. Das Geld ist nicht Gott. Meine Gefühle sind nicht Gott. Die Politik ist nicht Gott. Der Krieg ist nicht Gott. Die Medien sind nicht Gott. „Gott, bleib bitte wirklich ganz und gar Gott!“ Heiligen heißt: Getrennt von der Welt. Frei vom Zugriff der Welt, frei von Manipulation. Wenn ein Mensch das betet, dann betet er, daß Gott heilig bleibt, und darum unverkäuflich, ja, frei. 

„Dein Reich komme“ – Das Wunder ist: Gott soll mich aus der Macht des Todes, der Sünde und der Bösen herausholen. Gott, bringe mich unter deine Macht. Das Wunder ist: Wer das betet, erkennt: Ich habe mich nicht in meiner Macht, nicht im Griff. Der Tod hat Macht über mich, Illusionen haben Macht über mich, Schuld hat Macht über mich. Aber ich will Gottes Macht, so wie er sie in Jesus gezeigt hat. 

„Dein Wille geschehe“ – Das Wunder ist: Weiß ich überhaupt meinen Willen? Ist er wirklich gut für mich und für meine Mitmenschen? Ein Sprichwort sagt: „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“ – oft bereiten wir uns selbst und anderen mit unserem Willen eine Hölle. Es ist ein Wunder, wenn ich Gott und seinem Willen vertraue. Gottes Wille ist, daß Jesus Macht über dich hat. Das ist ein guter Wille. Wenn ein Mensch das will, dann ist das ein Wunder.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“ – Das Wunder ist: Ich bin nicht mehr voller Sorge. Ich bin nicht mehr voller Neid. Sorge und Neid. Das Denken aus dem Mangel heraus, das ist alles ein trauriger Fluch. Wir kommen uns wichtig vor mit Sorgen, aber Sorgen verderben alles. Wer diese Bitte bittet, erlebt den Anfang von Ende der Sorge. Gott tut das in diesem Gebet. Steig ein!

„Vergib uns unsere Schuld“ – Das Wunder ist: Ich verabschiede mich von meinen Ausreden, Entschuldigungen und Erklärungen. Alle Ausreden, Entschuldigungen verfestigen nur meine Fehler, meine Schuld. Und jeder Vergleich: Andere sind ja schlimmer als ich, tun das auch. Das Wunder ist, wenn ein Mensch mit Gottes Hilfe alles zugibt und sich nicht mehr alles rechtfertigen will. 

„Wie wir vergeben unseren Schuldigern“ – Das Wunder ist: Ich spüre den Fehler des Nächsten als etwas, was ihn belastet, und nicht mich. Ich bin nicht gut, weil ich über andere urteile. Ich bin gut, weil Gott mein Vater ist. Das Wunder ist: Ich mache mir keinen Kopf mehr darüber, ob es einen Unterschied zwischen Vergeben und Vergessen gibt. Das Fahrzeug „Vaterunser“ transportiert dich aus dieser Falle. Das ist keine Therapie oder Methode. Es ist Gottes Handeln, ein Wunder.

„Und führe uns nicht in Versuchung“ – Das Wunder ist: Ich muß mich nicht überschätzen. Das Gebet bringt dich von Gott, und ihm sagst du: „Ich kenne mich nicht, ich weiß nicht, wie ich in einer Situation sein werde. Werde ich stark sein? Werde ich den Betrug rechtzeitig erkennen?“ Gott, stelle mich nicht zu sehr auf die Probe! Der Zwang, mit allem allein fertig werden zu müssen. Das macht einen Menchen kaputt – das ist kein Wunder. Diese Bitte aber ist ein Wunder. Denn dann ist Gott Teil deiner Situation. 

„Sondern erlöse uns von dem Bösen.“  –  Das Wunder ist: Das Böse ist nicht alles. In schweren Stunden denken Menschen das. Der Gedanke kommt dann: Ich bin Teil vom Bösen. Es gibt nichts anderes. Das ist keine Übertreibung: Solche Gedanken gibt es. Dieses Gebet aber ist eindeutig nicht böse, sondern direkt von Gott. Und Gott ist nicht Böse. Durch diese Bitte ist Gott bei dir. Die Zeit für Wunder beginnt. 

Das wars. Liebe Gemeinde. Das Vaterunser ist nicht das, was wir daraus machen, sondern es ist das, was Gott damit vorhat. Es ist himmlisch, es ist ein Wunder.


Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

Rogate, 10. Mai 2026
Bild: „Bjergprædiken“ (Bloch, 1877)