Andacht

IHR SÄT VIEL UND BRINGT WENIG EIN; IHR ESST
UND WERDET DOCH NICHT SATT; IHR TRINKT UND
BLEIBT DOCH DURSTIG; IHR KLEIDET EUCH UND
KÖNNT EUCH DOCH NICHT ERWÄRMEN; UND WER
GELD VERDIENT, DER LEGT’S IN EINEN LÖCHRIGEN BEUTEL.
HAGGAI 1,6.

Es ist doch alles da, und wir machen alles richtig! Es wird viel
gesät, es wird getrunken; man zieht sich an und verdient
Geld. Wir haben an alles gedacht! Und doch mangelt es:

Ihr sät viel – und bringt wenig ein.
Ihr esst – und werdet doch nicht satt.
Ihr trinkt – und bleibt doch durstig.
Ihr kleidet euch – und könnt euch doch nicht erwärmen.
Ihr verdient Geld – und legt es in einen löcherigen Beutel – da
fällt es wieder heraus und geht verloren.

Es ist alles da, wir tun das Richtige, und doch fehlt es!

Da kommt man ins Grübeln. Was haben wir falsch gemacht? Was haben wir übersehen? Vor allem, wenn sich das häuft. Nicht nur die Ernte ist karg, sondern auch die Kleider erfüllen nicht ihren Zweck. Nicht nur das Geld zerrinnt, sondern auch das Essen stärkt nicht. Das wird unheimlich! Wo ist der Zusammenhang? Wie kann man es erklären?

Diese Erfahrung machen einzelne Menschen oder auch Völker. Das Volk Israel kommt ins Nachdenken. Nach 70 Jahren Gefangenschaft – Exil – in der Weltstadt Babylon waren die Israeliten durch Gottes Eingreifen gegen alle menschliche Erwartung in ihr Heimatland zurückgekehrt. Gott hat sich über Sein Volk erbarmt und ihm einen neuen Anfang geschenkt.

Völlig klar, dass man da mit Schwung an den Wiederau8au ging! Und es klappte wunderbar. Häuser, Weinberge, Städte … sie erstanden wieder.

Doch dann kam es: Alles geriet ins Stocken. Und bei allem, was gelungen war, fehlte etwas. Der Segen fehlte. Aber den Segen haben wir ja nicht in der Hand. Segen ist ein Geschenk. Wie kommt Israel an den Segen?

Der Prophet Haggai muss in Namen Gottes mit dem Volk sprechen. Er richtet sich an die Verantwortlichen, den Statthalter Serubbabel und den Hohenpriester Jeschua, einen Sohn Jozadaks.

Im Monatsspruch fasst Haggai die Situation zusammen: Israel setzt sich ein, aber der Segen bleibt aus.

Das ist aber nicht die ganze Situation. Denn direkt davor sagt der Prophet: „Das Volk spricht: Die Zeit ist noch nicht da, dass man des HERRN Haus baue.“

Es ist noch nicht soweit! Erstmal muss das Überleben gesichert sein! Für den Tem‐ pel haben wir dann immer noch Zeit! Die Gottesdienste? 70 Jahre lang fanden keine Gottesdienste statt! Da kommt es doch auf das eine Jahr nicht an, oder?

So denken sich das die Menschen. Aus der Sicht Gottes sieht es aber anders aus: „Die Zeit des Tempels ist noch nicht da, aber die Zeit, dass ihr in Luxus‐Häusern wohnt, die Zeit ist da – und das Haus des HERRN muss wüst stehen.“ (Haggai 1, 2‐4).

Wer weiß, wann wohl die Zeit kommen wird, den Tempel zu bauen? Inzwischen gewöhnt man sich daran, dass es keinen Tempel gibt! Der Tempel kann warten!

Wir Menschen denken so. Es muss alles stimmen. Das kirchliche Leben, der Glaube soll nicht ein Opfer sein, sondern sich bequem ergeben.

Der Gottesdienstbesuch, die Aufgabe in der Gemeinde, die Zeit zum Gebet, die Spende, das Kümmern um jemanden – nicht jetzt! Und dann gewöhnt man sich daran.

Da meldet Gott sich zurück. Der Segen – wo ist er nur? Die Dankbarkeit vor Gott – warum kenne ich sie nicht mehr? Die Freude in der Familie und der Ehe, die Geduld miteinander, was ist nur passiert? Die Sorge, die Langeweile wächst.

„Achtet doch darauf, wie es euch geht!“ ruft der Prophet Haggai. Was ist mit dem Haus Gottes? Ist es in dein Leben eingebaut? Oder wartest du auf bequemere Zeiten? Die Zeit ist jetzt! Auch, wenn es nicht zu passen scheint. Auch wenn das eigene Haus dringend wichtig ist. Hol dir den Segen! Schon der Weg zur Kirche wird gesegnet sein!

Es gibt viel Klage darüber, dass bei uns Überfluss ist, aber doch die Seele zu kurz kommt. Sie braucht Segen! Sie braucht die Anrede, den Ruf, die Vergebung – das kommt von Gott allein.

Achtet doch darauf, wie es euch geht! – Serubbabel und Jeschua haben auf Haggai ge‐ hört. Sie und das ganze Israel wurden gesegnet vom Tempel Gottes aus.

Wir werden es erst erfahren, wenn wir uns auch auf den Weg machen. Die Zeit ist jetzt!


Beitragsbild:

Giovanni Fattori: Feldweg im Olivenhain

1890-1900, Holz, 19 × 33 cm
Florenz, Galleria d’Arte Moderna
Kommentar: Macchiaioli (Fleckenmalerei), Landschaftsmalerei
Land: Italien
Stil: Realismus
[Fattori, Giovanni. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei, S. 3578 (c) 2005 The Yorck Project]


3. Sonntag nach Epiphanias

Gnade, Barmherzigkeit und Friede,
von Gott, dem Vater, und unserem HERRN, Jesus Christus. Amen.

5 Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn
6 und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.
7 Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. 8 Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, daß du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.
9 Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s.
10 Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!
11 Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;
12 aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
13 Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin;
dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

Matthäus 8, 5-13

Liebe Gemeinde!

Das Reich Gottes ist ein Bereich der Wunder. Das macht das Reich Gottes unheimlich, das macht auch Jesus unheimlich. Was machen wir mit den Wundern? Sie sind aus dem Evangelium nicht wegzudenken. Es gibt ein Thomas-Evangelium. Das besteht nur aus Gleichnissen und Gesprächen mit den Jüngern. Keine Wunder. Aber, und das ist bezeichnend: Diese Schrift berichtet auch nicht über die Kreuzigung und den Tod Jesu, und folglich auch nicht über die Überwindung des Todes in der Auferstehung. Im Evangelium ist alles notwendig. Nichts darf fehlen. Auch die Wunder sind notwendig; das Leiden Jesu ist notwendig, die Auferstehung ist notwendig. Und notwendig heißt: Wir kommen nicht daran vorbei. Die Begegnung mit Jesus, mit dem Evangelium, macht Wunder zum Thema.

Es ist ein großes Thema, es gibt sehr viel, was man dazu sagen könnte, oft sind es dann ermüdende Diskussionen, die sich im Kreise drehen.

Am besten, wir halten uns daran, wie uns das Wunder verkündigt wird. Die Person Jesu, das Wunder und der Bericht bilden eine untrennbare Einheit.

Wir hören, daß Jesus nach Kapernaum kommt. Er kommt von einer großen Predigt, der Bergpredigt. Die Hörer waren Gott in der Predigt begegnet. In Kapernaum, einer kleinen Stadt am See Genezareth, hatte Jesus ein Haus, eine Adresse.  Hier kommt ein Hauptmann, ein Soldat und Offizier auf Jesus zu. Ein Mann, der durch Zuverlässigkeit und Mut eine Stellung im Militär hatte. Dazu mußte er Realist sein. Er kannte die Realitäten von Leben und Tod. Zugleich war er nicht aus dem Volk Israel. Ja, als Soldat war er eindeutig nicht Teil des Volkes Gottes, wenn nicht sogar ein Feind.

Es treffen also Welten aufeinander: Jesus, der Prediger, der „spricht, wie kein anderer Mensch gesprochen hat“ (Johannes 7, 46)  – das sagen übrigens auch Soldaten, die Jesus im Auftrag der Pharisäer und Hohenpriester verhaften sollten – und dann ein Mann, der nach damaligen Vorstellungen so weit von Gott entfernt war, wie es nur möglich war. Also nach der damaligen Erwartung überhaupt keine Voraussetzungen für Wunder.

Und doch: Der Hauptmann nähert sich. Er tut etwas, was er sonst nicht getan hätte. Er tut etwas, weil es Jesus gibt, weil Jesus da ist. Es ist eine Wirkung Jesu, daß dieser Mann sich auf den Weg macht. Was er sich dabei denkt, welche Vorstellungen er hat, das ist nur ein Teil des Gesamtbildes. Mit Jesus ist die Situation sofort ganz anders.  

„HERR“, sagt er. „Du hast die Macht“ – sagt der, der in den Augen der Welt selbst die Macht hatte. Er gibt die Macht ab. Er wird ein Geschöpf vor Gott. Da hat das Wunder schon angefangen, wir werden das später aus dem Mund Jesu hören. Mit diesem Wort ist die Entscheidung gefallen. Aber das Wort hat deshalb die Bedeutung, weil es an den HERRN gerichtet ist.

Der Hauptmann gibt die Macht ab, besser: Er erkennt die Macht an.

Dann spricht er von seinem „Jungen“, seinem Knecht, der ihn begleitet und Besorgungen macht. „Mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.“ Eine desolate Situation. Der Hauptmann gibt die Macht auch deshalb ab, weil er seine eigene Ohnmacht erleben muß. Er muß mit ansehen, wie der Junge, der für ihn da war, hilflos einer furchtbaren Qual ausgeliefert ist. Da passiert auch sehr viel. Es geschieht unzählige Male auch jetzt – bei uns und bei anderen. Dieser Offizier weicht aber nicht aus. Er hält sich nicht daraus, er bleibt darunter. Obwohl er wirklich nichts machen kann, sagt er doch nicht: „Da kann man eben nichts machen!“ Er kommt mit der Not des Jungen zu dem HERRN, ja, die Not des Jungen kommt mit diesen Hauptmann zu Jesus, er trägt die Qual mit sich uns schüttelt sie gerade nicht ab.

Und wohlgemerkt: Es ist noch nicht mal eine Bitte – der Hauptmann sagt nur: „Mein Knecht liegt zuhause ….“ Der Hauptmann überläßt es also Jesus ganz, was Er deswegen tut.

Jesus sagt sofort: „Ich will kommen und ihn gesund machen.“ Das sollten wir bei unserem Gebet für andere niemals vergessen. Die Fürbitte ist eine große Realität. Wollen wir einmal den Vorwurf oder die Anklage hören: „Warum hast du denn nicht gebetet?“ Der Hauptmann zeigt uns: Gebet ist Abgabe von Macht, oder besser: Anerkennen, daß die Macht bei dem HERRN ist; und Fürbitte schließt in sich, daß die Not des anderen mich treibt. Das ist auch ein Wunder – noch bevor die Heilung geschieht. Denn es ist eine Überwindung des Egoismus. Der Hauptmann ist ja nicht selber gelähmt, und doch gehen ihm die Schmerzen des Jungen zu Herzen. Schon das ist ein Wunder. Jesus sieht das, und der Glaube staunt mit.

Nun kommt etwas ganz Merkwürdiges: Der Hauptmann sagt: „HERR ich bin nicht würdig, daß du unter mein Dach kommst.“ Warum? Er ist ein Nicht-Jude. Er gehört nicht zu dem Volk Israel, dem Volk Gottes. Er will sich kein Privileg erschleichen. Damit macht er deutlich: Ich kenne mich mit Gott nicht aus. Gerade als Soldat weiß er, was ihm zusteht, und was nicht. Er kann von Jesus nicht verlangen, in ein nicht—jüdisches Haus zu gehen. Das würde Jesus nur Ärger bringen. Also: dieser Offizier ist selbstlos auch Jesus gegenüber. „Du sollst meinetwegen keinen Ärger haben.“ Dabei ist es bestimmt oft geschehen, daß Soldaten und Offiziere das nicht berücksichtigt haben. Sie hatten schließlich die Macht, nicht wahr?

Aber das ist noch nicht alles: Der Hauptmann, der Macht ja abgegeben hat, sagt weiter: „Mein Wort wirkt. Ich befehle und die Soldaten unter mir gehorchen. Dein Wort kann der Krankheit befehlen, und sie wird Dir gehorchen.“ Dieses Wort ist auch ein Teil des Wunders, das im Offizier geschieht. Ein Wunder, das nur deshalb geschieht, weil Jesus, der HERR, in der Nähe ist. Der Hauptmann ist ohne Macht der Krankheit gegenüber. Aber er traut Jesus die Macht zu.

Darüber muß Jesus nun staunen. „Solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.“  Eine erschütternde Aussage. Gott hatte Israel Seinen Willen und Seine Absichten mitgeteilt. Israel war privilegiert vor allen anderen Völkern. Das Privileg zeigte sich auch darin, daß Jesus sich zuerst und ganz dem Volk Israel zuwandte. Jesus predigte und legte dem Volk Israel das Alte Testament als Gottes Wort aus. Jesus hat dieses Privileg keinesfalls geleugnet. Doch diese Begegnung zeigte, daß das Privileg nicht seinen Zweck erreicht hatte. Es mündete nicht in dem totalen Vertrauen, wie es der Hauptmann hatte. Das Privileg führte nicht dazu, die Macht abzugeben und sie bei Gott zu erwarten, sondern das Privileg endete in einem Anspruch auf eigene Macht. Das Privileg führte nicht dazu, daß man die Not des anderen aus eigener Ohnmacht vor Gott brachte. Statt dessen fragte man: Wer ist wohl schuld daran, daß er krank ist? (Johannes 9,2).  Jesus ist verwundert: Hier ist der Glaube, den Gott sucht, mit dem Gott etwas anfangen kann – ohne die Starthilfe des Privilegs von Israel. Der Hauptmann ist am Ziel, er ist bei Gott angekommen – einfach durch die Begegnung mit Jesus, dem HERRN. Dieser Heide liebt Gott über alle Dinge und seinen Nächsten wie sich selbst. Das ist der schwarze Gürtel. Diesem Mann steht Gottes ganze Macht zur Verfügung, er ist im Reich Gottes!

Nun muß Jesus das den Privilegierten klar machen:  „Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;

aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“

Dieser Heide sitzt mit Abraham, Isaak und Jakob an Gottes Tisch. Er ißt und trinkt mit den Erzvätern  Israels von Gottes Tisch – durch den Glauben nimmt er Gottes Liebe, Gottes Macht, Gottes Freundlichkeit in sich auf. Es ist ein Fest!

Das heißt: Ihr Privilegierten, die ihr euch schon auskennt: Es bleibt euch nicht erspart: Sucht Gottes Macht, gebt sie ihm ab! Das Privileg muß zur Selbstlosigkeit führen! Es darf euch nicht immunisieren gegen die Not eurer Mitmenschen! Ihr dürft nicht zu stolz sein, Gott zu bitten! Ihr seid im Grunde genau solche Anfänger, wie dieser Hauptmann! Ihr sollt nicht nach Links und Rechts beweisen, wieviel ihr korrekt über Gott labern könnt – habt ihr überhaupt schon einmal euch unter Gottes Macht gestellt? Habt ihr überhaupt einmal alles vergessen, nur um eine Not eines Mitmenschen vor Gott zu bringen?

Das ist die Tür zu Gottes Herz, zu Gottes Fest, daß Er alles mit euch teilt. Das Privileg ist ein Ruf, und kein Besitz. Das Privileg stellt euch nicht über alle anderen Menschen, sondern unter Gott, und tiefer als die Not des anderen. Da ist euer Platz, wo Gott euch finden will!

Jesus sagt: Die Kinder des Reichs werden ausgestoßen werden. Also die, die es mit sich selbst ausmachen, die sich mit anderen vergleichen, und daraus schließen: Ich kenne mich aus, ich mache keine Fehler, ich gehöre dazu. Israel damals hielt sich daran fest: „Wir sind Nachkommen Abrahams! Wir sind anders als die Heiden! Wir machen alles richtig!“ Aber es kam kein Glaube dabei heraus. Deshalb mußte Johannes der Täufer schon zu ihnen sagen: „Denkt nur nicht bei euch selbst: Wir haben Abraham zum Vater! Ich sage euch, daß Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken!“ (Matthäus 3, 9). Auch Abraham, Isaak und Jakob mußten glauben, wie dieser Hauptmann. Auch sie mußten um ihr Leben Gott bitten. Ja, Abraham hat für die böse, ungerechte Stadt Sodom vor Gott gefleht. (1. Mose 18, 16). Je mehr Israel sich auf sein Privileg zurückzog, um so schärfer spricht das Neue Testament: Mit dem Ziel, endlich Gott Gott sein zu lassen. Sonst ist die Gefahr, daß sie Gott endgültig verpassen. Und das ist nur schrecklich.

Wir sind ja auch privilegiert. Viele von uns hören ein Leben lang schon diese Worte, und kennen uns bei Gott aus. Aber auch bei den Privilegierten hilft nur ein Wunder, nichts weniger als ein Wunder.

Deshalb dürfen wir Christen niemals leugnen, daß es Wunder gibt. Gott und Wunder sind untrennbar. Ja, wir haben vor Gott die Aufgabe, uns selbst und einander als Wunder zu sehen. Wer Wunder leugnet, der leugnet auch, daß Gott in seinem Leben Macht ausübt. Damit das nicht passiert, beten wir: Dein Reich komme, Deine Macht komme!

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Altjahresabend

Gnade, Barmherzigkeit und Friede
von Gott, dem Vater,
und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

24 Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte.
25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon.
26 Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut.
27 Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut?
28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du denn, daß wir hingehen und es ausjäten? 29 Er sprach: Nein! Damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet.
30 Laßt beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune.

Matthäus 13, 24-30

Der du die Zeit in Händen hast, HERR, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Das Jahr war durchwachsen. Das kann man sicher immer sagen. Es gab Gutes und nicht Gutes. Es gibt Dinge, an die man gerne und dankbar zurückdenkt, und es gibt leider auch Dinge, die man lieber vergessen will. – Und das alles im Großen wie im Kleinen.
Vielen geht es so, daß die letzten beiden Jahre unter dem Vorzeichen von Corona sich so verwischt haben, daß man nicht so genau sagen kann: War das jetzt 2020 oder 2021?
Wir möchten gerne das Gute uns bewahren und mitnehmen in das Neue Jahr, und am liebsten das Böse zurücklassen.
Ich persönlich muß sagen, daß ich auf die Corona-Zeit am liebsten verzichtet hätte – aber zugleich muß ich doch sagen, daß ich in dieser Zeit auch Erfahrungen gemacht habe, auf die ich nicht mehr verzichten will. Wenn es nach meinem Willen gegangen wäre, dann hätte ich manche wertvolle Erfahrung mit Gott, mit mir selbst, mit der Gemeinde und mit Freunden und der Familie nicht gemacht.
Silvester und Neujahr sind sicher Tage für Rückblick und Ausschau. Doch ist es jetzt schon ausgemacht und endgültig fest, was zu Guten, und was nicht zum Guten passiert ist?
Wann ist wirklich die Erntezeit, also die Zeit, wo alles nicht mehr weiterwächst, sondern sein Ziel und seine Erfüllung erreicht hat? Welches Haltbarkeitsdatum hat unser Urteil über die Dinge?
Unser Herr Jesus, der Herr über die Zeiten ist, und den Anfang und das Ende der Zeiten – auch unseres Lebens – überblickt, er spricht mit uns. Seine Worte spricht er aus dieser Überlegenheit heraus. Und wer die Worte Jesu aufnimmt, der ist der Zeit nicht mehr unterworfen. „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“, sagt er feierlich (Matthäus 24, 38). Auch sagt er: „Fürchte dich nicht, ich bin der Erste und der Letzte, und der Lebendige.“ (Offenbarung 1, 18).
Auch das Gleichnis vom zweifachen Ackerfeld, das wir eben gehört haben, spricht Jesus als der Erste und der Letzte – als der, der vor allem und allen schon war, und der nach allem und allen noch sein wird.
Jesus spricht zu uns vom Reich Gottes. Also davon, wie wir unter Gottes Macht kommen und überleben.
Was hören wir über das Reich Gottes?

  1. Gott sät Samen aus.
    Jesus und Sein Reich sind der Zeit nicht unterworfen. Doch kommt Jesus ja zu uns in die Zeit hinein. Und das bedeutet: Im Reich Gottes kann nicht alles gleichzeitig sein. Jesus bedient sich der Zeit, um uns zu helfen. Unter der Macht Jesu ist die Zeit nicht dein Feind. Das Reich Gottes gleicht einem Hausvater, der guten Samen aussät. Same keimt, wächst, bringt Frucht. Das kommt nacheinander. Es braucht seine Zeit. Jesus selbst sagt uns, daß dieser Same das Wort Gottes ist. Gottes Wort setzt einen Prozeß in Gang. Gottes Wort versammelt Zeit in sich und verwandelt die Zeit in eine Gabe Gottes. So wie ein Saatkorn Wasser, Mineralien, Licht und Wärme in sich hineinsammelt und in Leben verwandelt, genauso macht Gottes Wort das mit unserer Zeit, unserer Lebenszeit. Unser Gesangbuch weiß das und spricht davon: „Gott, laß Deine Gaben allein,
    den Wert und das Maß der Tage sein.“ (ELKG alt 45, 5 = ELKG neu 378, 5). Gott spricht, und es geschieht. Aus unserer Perspektive braucht es Zeit. Das Gesetz von Saat und Ernte führt uns das vor Augen. So fängt Gott auch das ewige Leben in uns an. Er spricht mit uns und es geht los. Er macht uns in der Taufe zu Seinen Kindern, also zu Kandidaten für die Ewigkeit, besser: Erben des ewigen Lebens.
    Und wir? Wir sollen durch die Zeit hindurch glauben. Von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Immer wieder hören. Immer wieder essen und trinken an Seinem Tisch. Wir sind vergänglich und der Zeit unterworfen, ja sterblich. Aber das Reich Gottes ist zu uns gekommen, die Saat ist ausgesät, eine neue Zeit hat begonnen in uns.
  2. Gott hat einen Feind.
    Jesus spricht oft vom Schlafen und Wachen. Wir sollen wachsam sein, also Gottes Reich von Augen und im Herzen haben. Aber solange wir diesen Leib und dieses irdische Leben haben, brauchen wir Schlaf. Jesus hat auch geschlafen. Mitten im Sturm auf dem Schiff (Matthäus 8, 24). Als die Diener des Hausvaters schliefen, kam ein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen. Wer schläft, ist unbewußt. Das Böse kommt, wo wir unbewußt sind, in einem blinden Fleck. Gott hat einen Feind. Das ist der Teufel. Er tut alles, das Reich Gottes zu verhindern und zu zerstören. Er will nicht, daß uns Gottes Wort erreicht, er will nicht, daß wir geduldig daran glauben, er will nicht, daß Gott eine Ernte hat.
    Er sät eine böse Saat aus. Böse Gedanken und Gefühle kommen in Umlauf. Wir haben nicht den Überblick und können nicht sagen: Da kommt es her, da hat es angefangen. Und deshalb können wir auch nicht sagen: Da ist es zu Ende. Wir können das nicht überblicken. Der böse Feind ist anders als Gott. Gott spricht mit uns, macht Seine Gute Absicht bekannt und teilt sie uns mit, klopft an, schafft einen Raum, in dem wir ihm begegnen können. Dazu ist er ja Mensch geworden, dazu gibt es Kirche und Gemeinde, Gottesdienst und alles.
    Der Teufel handelt im Verborgenen, im blinden Fleck – immer ungerecht und verlogen. Er führt uns dahin, wo wir ohne Gottes Wort unseren Gefühlen, Bildern, Gedanken allein ausgeliefert sind, um sein Werk an uns zu tun.
  3. Es gibt eine scheinbar mehrdeutige Zeit.
    Im Gleichnis beschreibt Jesus nun, wie die Zeit durchwachsen ist. Weizen wächst –also die Frucht aus Gottes Wort – Glaube, Liebe, Hoffnung. Früchte, die die Zeit nicht mehr zerstören wird, ja, Wunder von Gott in unserem Leben. Zugleich wächst auch das Unkraut. Im Urtext wird angedeutet, daß dieses Unkraut dem Weizen zum Verwechseln ähnlich aussieht. Es gibt Heuchelei, Lüge, Egoismus, Betrug und Begehren auch unter Christen. Auch im eigenen Leben. Die Zeiten sind durchwachsen. Das Reich Gottes in Reinkultur scheint nicht in Sicht zu sein. Man denkt manchmal: Ah! Da ist es! Doch mit der Zeit merkt man: Da sind auch Fehler, es ist nicht perfekt. Jesus sagt uns das aus Seine Überlegenheit heraus. Es ist so. Es wird so bleiben bis zum Jüngsten Tag.
    Trotzdem ist das Reich Gottes bei uns. Trotzdem nimmt das Saatkorn Gottes Zeit aus unserem Leben und baut sie ein in das ewige Leben.
  4. Das letzte Urteil ist uns nicht gegeben.
    Aber wie bewährt sich unser Glaube, wenn wir das merken? Die Diener des Hausvaters wollen klare Verhältnisse schaffen. Unkraut muß ausgejätet werden! Das ist verständlich! Aber können wir das, wenn das Unkraut dem Weizen zum Verwechseln ähnlich ist? Wenn wir nicht wissen können, wo das Böse anfängt und aufhört? Das letzte Urteil steht uns nicht zu. Laßt beides miteinander wachsen, sagt Jesus. Wir sollen es ertragen. Ja, wir sollen merken, daß das Böse nicht nur bei den anderen ist, sondern auch nach uns greift. Wir sollen merken, daß wir selbst nicht so eindeutig und unanfechtbar gut sind.
    Warum? Weil wir mit der Zeit auch erfahren sollen, wie Gott in uns, gerade bei mir, das Böse überwindet.
    In dieser durchwachsenen Zeit sollen wir uns von Gott zeigen lassen, was seine Gaben sind. Die erste Gabe ist: Er gibt uns Seinen Sohn und zeigt uns darin Seine Liebe. Die zweite Gabe ist: Er spricht mit uns, er gibt uns Sein Wort. Die dritte Gabe ist: Wir bejahen Gottes Wort. Dann entsteht zum Beispiel Dankbarkeit. Dankbarkeit ist nicht zu unterschätzen. Der Teufel haßt Dankbarkeit. Dankbarkeit reagiert auf Gottes Liebe in Seinen Gaben. Dankbarkeit für Eltern, für Kinder, für Brüder und Schwestern im Glauben, für das tägliche Brot.
    Also: Statt zu urteilen und vergeblich nach Eindeutigkeit zu suchen: Lieber von ganzem Herzen selbst nach dem Reich Gottes trachten, daraus folgt alles andere (Matthäus 6, 33).
  5. Es wird eine Ernte geben.
    Die durchwachsene Zeit wird einmal ein Ende haben. Es kommt die Ernte. Die Zeit ist begrenzt. Irgendwie wissen wir das ja. Aber dieses Wissen bringt uns in Verlegenheit. Was machen wir damit? Sollen wir so viel wie möglich an Erlebnissen in unser Leben pressen, und von einer Angst getrieben werden, nichts zu verpassen? Oder depressiv werden, weil alles ja doch vergeht? Verpaßten Chancen nachtrauern? Wie können wir die schönen Erlebnisse des vergangenen Jahres für uns bewahren? Schlimmer noch: Werden deine Fehler dich einholen und am Ende anklagen, in Frage stellen und zerstören? Das kann mit der Zeit passieren!
    Jesus sagt uns in diesem Gleichnis, daß es Schnitter, Erntearbeiter, Engel gibt. Die vollstrecken Gottes Urteil über alles. Da wird alles dann eindeutig. Was wird dann aus mir?
  6. Gottes Gaben sind ewig.
    Im Reich Gottes geht nichts verloren. Der Weizen wird in die Scheunen gesammelt und gesichert. Die Früchte des Glaubens. Die Wirkungen des Reiches Gottes. Die Freude an der Menschwerdung Gottes, die wir zu Weihnachten hatten, vergeht nicht. Denn ihr Gegenstand, auf den sie sich bezieht, aus dem die Freude sich nährt, ist unvergänglich. Gott nimmt Seine Gaben nicht zurück.
    Liebe Gemeinde! Wenn wir zurückblicken auf die durchwachsene Zeit, dann laßt uns im Zweifel Gott danken. Lieber einmal zu oft! Und Gott um Gnade bitten, lieber einmal zu oft! Und bei alledem darauf vertrauen, daß auch die Zeit unserm Herrn Jesus dienen muß. Die Zeit muß nach und nach alles wahr machen, was Er gesagt hat. Die Zeit kann dann nicht unser Feind sein.

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Heiliges Christfest

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, daß wir
Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.
2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
3 Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist.

Johannes 3, 1-6

O Gott Vater, der uns gewollt hat, o Gott Sohn, der uns sucht und findet, o Gott Heiliger Geist der Ewiges in uns anfängt, segne Du vom Himmel herab Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde!

Was passiert eigentlich, wenn wir mit den Hirten zum Stall von Bethlehem gehen, wenn wir alles hinter uns lassen, wirklich alles, und zur Krippe gehen, wo die Tiere sind, wo kein Mensch leben will, und uns verneigen von dem Baby, das in Kleiderresten notdürftig eingewickelt ist, das so arm ist, der macht uns nicht reich.
Was passiert eigentlich, wenn wir mit unseren Herzen bei Maria und Joseph sind, die weit weg von zuhause sind, weil sie aus dem Königshaus David stammen – ohne auch nur im Entferntesten eine Verbindung zu irgendeiner Macht davon zu haben? Was bringt ihnen dieser Adel? Nur die beschwerliche Reise von Nazareth nach Bethlehem – und dort sind sie ganz und gar auf das Wohlwollen der örtlichen Bevölkerung angewiesen.
Wir Christen bestaunen das ja nicht nur, oder finden es süß, oder irgendwie bemitleidenswert – hier wird Gott angebetet. Heute wollen wir sonst nirgends sein, als im Stall von Bethlehem.
Wir gehen auf die Knie und bringen unseren „Geist und Sinn, Herz, und Mut“ dar – so singt ein gutes Weihnachtslied: „Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin.“ Auch die Weisen aus dem Morgenland haben die Paläste und den Tempel, ja die Banken, Fakultäten und Kasernen und Märkte von Jerusalem links liegengelassen – wollten nichts davon wissen – und gingen in das Haus, fanden das Kind und seine Mutter und beteten es an, die gefragtesten Experten der damaligen Zeit. Hier gehen sie auf die Knie. Anbeten heißt: Es gibt nichts Größeres, nichts Mächtigeres, nichts Weiseres und vor allem: Es gibt keine größere Liebe.
Was geschieht also, wenn Christen vor der Krippe im Stall niederknien und Gottes Weisheit, Macht und Liebe im Jesuskind anbeten? – Wir werden Gottes Kinder.
Wer sein Herz an dieses Kind verliert, wird Teil von Gottes Familie. Kurz vor seinem Tod am Kreuz sagt Jesus feierlich zu seinen Jüngern: „Er selbst, Gott der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, daß ich von Gott ausgegangen bin.“ (Johannes 16, 27). Gott nimmt diese Liebe vielviel ernster als wir selbst – wie Eltern nun mal sind. Ein kleiner Schritt ist eine Sensation.
„Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, daß wir
Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“
Doch wie die Weisen – oder meinetwegen heiligen drei Könige – Jerusalem und seine ganze Pracht links liegen ließen, so tun wir das auch stillschweigend nebenher. Und das bedeutet, so sagt es uns der Apostel Johannes: „Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.“ Auch nach 2000 Jahren bleibt es dabei: Die Welt weiß nicht, was ein Kind Gottes ist. Menschen, die im Stall von Bethlehem, im menschgewordenen Gott das Höchste finden, und nicht weiter suchen, solche Menschen sind der Welt ein Rätsel.
Darum kann man inzwischen auch einen Drang, einen Sog spüren, Weihnachten nach und nach von allem christlichen Inhalt zu trennen. Es ist am Ende nichts Natürliches oder Vernünftiges, sondern befremdlich bis peinlich. Auf den Weihnachtsmärkten hört und sieht man so gut wie nichts, das an das Kind in der Krippe erinnert, geschweige denn sich daran freut oder es gar anbetet.
Was geschieht, wenn wir das Jesuskind anbeten? Wir werden Gottes Kinder – und wir werden der Welt fremd. Wir werden der Welt fremd, ebenso wie Gott der Welt fremd ist. Sie kann mit Gott nichts anfangen, und kann auch mit Gottes Kindern nichts anfangen. Christen können nicht mehr restlos begeistert sein von dem, was die Welt begeistert. Die Macht, der Reichtum, die Popularität, das Aufgehen in die Aktualität – das können Christen nicht mehr mit einer restlosen Hingabe verfolgen.
Johannes schreibt vorher in seinem Brief: „Denn alles, was in der Welt ist: des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.“ (1. Johannes 2, 16-17). Denn Gott kennen, Gottes Liebe erkennen, das will ein Christ nicht mehr missen. Denn wir wissen vor allem: Diese Liebe meint uns wirklich und hört nicht mehr auf – und weil Gott nicht aufhört, zu lieben, hören auch die, die Gott liebt, nicht auf zu leben.
Was geschieht mit denen, die das Jesuskind anbeten? – Sie werden Geheimnisträger. Johannes sagt uns:
„Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ Es ist noch nicht offenbar geworden. Es ist noch nicht alles sichtbar oder alles fertig. Wir sind noch Gottes Baustelle. Manches ist unvollkommen, fragwürdig; manches ist mit Leiden, mit Schmerzen, mit Trauer belastet. Es steht fest: Wir sind Gottes Kinder, aber es ist noch nicht alles eindeutig, es paßt noch nicht alles, es ist noch nicht alles göttlich. Wir haben den Tod noch vor uns. Aber das alles bringen wir ja mit in den Stall von Bethlehem hinein. Das alles steht eine Gotteskindschaft nicht im Weg. Es ist noch nicht offenbar. Wir müssen warten. Wir müssen Geduld haben. Wir müssen dran bleiben. Ja, wir sollen in Gottes Namen immer wieder neu anfangen. Gottes Kinder sind durch ihre Vergangenheit nicht festgelegt. Ist die Vergangenheit gut und voller Erfolg, dann werden Gottes Kinder dankbar und öffnen ihr Herz für die Armen, sie erkennen Gottes Gabe. Ist die Vergangenheit schwer und bitter und voller Scheitern, dann legt Gott sie nicht darauf fest. Es ist eine Baustelle, und keine Ruine, ein Trümmerhaufen.
Das Ziel steht fest: „Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ Wir sind Geheimnisträger, weil wir Zukunftsträger sind. Die Welt will sich immer aufs Neue auf eine Zukunft einstellen. Es gibt Trends und Statistiken. So vieles kommt ganz anders, als man erwartet hatte, so vieles konnte man nicht kommen sehen oder sich vorstellen. Der Sohn Gottes ist dieser Unsicherheit nicht unterworfen. Die Liebe Gottes, wie sie im Kind in der Krippe aufleuchtet, wird uns immer unverändert erreichen. Der Apostel Paulus schreibt: „Weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, ja überhaupt keine Kreatur kann uns abschneiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Römer 8, 38). Alles, was vergeht, wird nur Platz machen für den, der bleibt, und immer mehr sich selbst wird.
Wir werden ihn sehen, wie er jetzt schon im Verborgenen ist, und werden so beschaffen sein, daß wir ihn wahrnehmen können. Dazu wird Gott uns generalüberholen, so daß alles an uns göttlich wird. Unser Leib und unsere Seele, und unser Verstand sind jetzt schon Gottes Baustelle – sie haben eine herrliche Zukunft, das steht fest.
„Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist.“ Wer diese Zukunft in sich trägt, wer als Kind Gottes das ewige Leben erben soll, der „reinigt sich“. Der läßt das Unpassende weg. Wer das Kind in der Krippe anbetet, der kann nicht den Mammon, also den Reichtum oder den Besitz anbeten. Der kann Ehrlichkeit nicht verachten. Der kann die Lust nicht zum Selbstzweck machen und die Treue zwischen Eheleuten verachten. Der kann nicht die Selbstlosigkeit, die Liebe verachten. Das alles hat keine Zukunft, und wir sollen nicht so tun, als hätte es auch nur ein bißchen Zukunft. Die Sünde hat keine Zukunft, wir sollen nicht in sie investieren; nicht einmal einen Gedanken.
Was geschieht mit uns, die wir in Bethlehem anbeten? Das Böse verliert seine Macht über uns. Darum sind wir doch hier, oder?

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Vierter Advent

Gnade, Barmherzigkeit und Friede
von Gott, dem Vater
und unserm HERRN, Jesus Christus.
Amen.

26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth,
27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria.
28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!
29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?
30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden.
31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.
32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,
33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?
35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr:
Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.
36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, daß sie unfruchtbar sei.
37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Lukas 1, 26-38

Herr führe uns dahin, daß wir mit Maria uns freuen und mit ihr an dich glauben. Amen.

Liebe Gemeinde!

Maria sagt: Welch ein Gruß ist das …. ?!
Und wir sagen: Welch ein GESPRÄCH ist das ….?!
Es ist ein Gespräch über Gott und die Welt – die Geburt des Heilands aller Menschen wird angekündigt; Gott wird Mensch. Einmaliges geschieht, nie Dagewesenes geschieht. Gottes Verheißung und Ansage, der Menschheit zu helfen, Israels Erwartung und Hoffnung von über 1000 Jahren, das soll nun wahrwerden und geschehen. Der Erbe Abrahams, der Erbe des Königs David soll geboren werden. Das ist Weltgeschichte.
Zugleich muß man sagen: Persönlicher geht es nicht.
Gott und die Welt – der größte Zusammenhang, die größte Wichtigkeit, die größte Öffentlichkeit: das alles konzentriert sich jetzt auf eine einzige Person: Maria, ja, auf den Leib dieser Person – und und zwar auf das persönlichste dieses Leibes: auf ihr Geschlecht, denn zur Menschwerdung Gottes muß der Sohn Gottes von einer menschlichen Frau geboren werden.
Mutterschaft erfaßt die Person einer Frau ganz und gar – Leib und Seele, das ganze Leben stellen sich um, Mutterschaft
w i d e r f ä h r t der Frau, geschieht ihr mit Macht, sie ist diesem Geschehen untergeordnet.
Gott, der allmächtige, hätte ja einfach über diesen Leib der Maria verfügen können. Aber man stelle sich vor: Maria, die Jungfrau, die Verlobte des Joseph, ist auf einmal schwanger, ohne Ansage, ohne Vorwarnung? Das wäre ein Überfall. Dann wäre Maria als Person beiseite geschoben worden.
Doch in diesem Gespräch tut Gott alles, aber auch wirklich alles, Maria als Person zu würdigen, zu ehren, so daß ihre Mutterschaft alles andere als ein gewaltsamer Überfall ist.
„Was für ein Gruß ist das?“ – Ein Gruß ist auf jeden Fall das Gegenteil von einem Überfall. Der Überfall schaltet ja die Person aus, um etwas zu rauben. Ein Gruß schaltet die Person ein, schafft einen Freiraum, in der die Person sich selbst sein kann.
„Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“
Es fängt ganz normal an: „Sei gegrüßt!“ – Schalom – Ave. Nein, Hallo oder Hei! reicht hier nicht aus! Jedenfalls spricht der Erzengel Maria mit einem konventionellen Wort an.
Zugleich ist der Gruß einmalig: „Sei gegrüßt, du Begnadete!“ Dieses Wort „Begnadete!“ hat im Original dieselbe sprachliche Wurzel wie „Sei gegrüßt!“ – Man könnte also übersetzen: „Grüß dich, Maria – die Gott schon aufs Höchste gegrüßt hat!“ ; „Sei gegrüßt, Maria, mit der Gott ganz Wunderbares vorhat!“ Luther übersetzt ursprünglich: „Holdselige!“ – Also Maria ist eine Person, die von Gottes freier Zuwendung und Huld ganz erfüllt ist, also selig. Wir sagen ja: Jemand ist vertrauensselig, also er vertraut Menschen sehr, ja zu sehr. So sagt der Engel zu Maria: Du Holdselige, du von Gottes Huld erfüllte, überschüttete. Zwei Worte: Ein normaler Gruß, und gleich danach ein Gruß, der Maria von allen Frauen, ja allen Menschen unterscheidet.
Aber will Maria denn von allen Menschen herausgehoben werden? Bedeutet das nicht absolutes Alleinsein und Einsamkeit? – Dann kommt das dritte Wort des Engels: „Der HERR ist mit dir.“ Gott ist auf und an deiner Seite, Maria. Mit Gott bist du nicht allein. Also: Normal – Wunder – Zusicherung.
Mit seinem Gruß hat der Engel im Auftrag Gottes für die Jungfrau Maria als ganze Person, Leib und Seele, einen Freiraum aufgetan, in der sie ganz und gar sich selbst sein kann.
Maria tut das einzig Wahre, was sie tun kann nach so einem nie da gewesenen Gruß: Sie denkt nach: Was für ein Gruß ist das? Was macht er aus mir? Maria zweifelt nicht, sie lehnt nicht ab – sie ist einfach das, was der Gruß des Engels aus ihr gemacht hat sich selbst vor Gott.
Persönlicher geht es nicht.
Dieses Persönliche wird noch gesteigert, wenn uns gesagt wird – und Gott will, daß wir es wissen! – daß Maria ein Jungfrau ist, und einem Manne, Joseph, versprochen. Es ist peinlich und traurig, daß auch in christlichen Kreisen das Wort „Jungfrau“ gemieden wird. In einer Ausstellung vor vielen Jahren zum Glaubensbekenntnis im Braunschweiger Dom wurde zu jeder Aussage unseres Glaubens ein Foto ausgestellt. Zur Geburt von der Jungfrau Maria gab es keins, auch die Aussage wurde stillschweigend übergangen.
Christen sind Menschen, die sich mit Maria freuen. Gott will, daß diese Freude auch dieses Wunder bestaunt und ins Herz schließt.
Es geht würdevoll zu:
Diese junge, unerfahrene Person Maria wird ganz gleich eine einmalige Aufgabe und Rolle von Gott bekommen, die Bedeutung für die gesamte Menschheit hat. Und doch will Gott nicht, daß irgend etwas an ihr übergangen wird, oder grob beiseite geschoben wird. Nein, Maria darf, soll muß fragen, mit ihrer ganzen Person fragen: „Was für ein Gruß ist das?“ Was kommt auf mich zu? Das ist eine zarte Würde, eine reine Würde – weil der Engel sie so grüßt, kann Maria ganz sich selbst sein – sie muß nicht mehr aus sich machen als sie ist, oder sich kleiner machen, als sie ist.
Die Würde bleibt bestehen in der Antwort des Engels:
„Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden.“ Die Furcht, die Unsicherheit, die Sorge um sich selbst an Leib und Seele – das alles könnte Maria jeden Moment erfassen, erschüttern und schlimmer. „Fürchte dich nicht!“ Wieder ein Wort, das viele Menschen in der Bibel gehört haben, ein Wort, das wir alle brauchen, und das niemand sich selbst sagen kann. Und dann wieder das ganz Besondere: „Du hast Gnade bei Gott gefunden.“ Von Noah hören wir in der dritten Person: Er fand Gnade bei Gott (1. Mose 6,8). Ebenso wird das über den König David gesagt (Apostelgeschichte 7, 46). Mose spricht es wie eine Bitte von Gott aus „Habe ich denn Gnade vor deinen Augen gefunden, so laß mich deinen Weg wissen, damit ich dich kenne und Gnade vor deinen Augen finde.“ (2. Mose 33, 13)
Noah – Mose – David. Das waren hervorragende Männer, durch die Gott Weltgeschichte gemacht hat.
Doch nur die Jungfrau Maria darf hören: „Du hast Gnade bei Gott gefunden.“ Nicht als Bitte oder als Bericht, sondern als Zusage, eindeutig und ohne Zweifel. Du bist bei Gott in Sicherheit. Und zwar Du als die Person, die diesen Gruß gehört hat, und auf diesen Gruß grundehrlich geantwortet hat – also Du, Maria, ganz und gar, bist von Gott angenommen worden.
Es geht würdig zu. Erst, nachdem diese Sicherheit, die nicht zu übertreffen ist, feststeht, spricht Gottes Bote aus, was der Maria widerfahren wird:
„Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.“
Gott hat sich dieser Tatsache vollumfänglich gebeugt, und nichts daran zurückgenommen. Wenn wir Christen uns durch den Glauben mit Maria freuen – und das gehört mit göttlicher Notwendigkeit zu unserem Glauben – dann gehört auch dazu, daß wir den Freiraum, den der Engel Gabriel der Jungfrau gewährt hat, ohne Abstriche stehen lassen und respektieren. Ebenso paßt es zu unserem Glauben zu unserer Feier der Geburt Jesu, daß wir ohne Einschränkung uns davor verneigen, daß Gott die Mutterschaft für würdig erachtet hat, untrennbar Teil Seiner Geschichte mit uns Menschen zu sein. Darum muß Maria als Jungfrau und als Mutter bei den Christen einen Ehrenplatz haben. Immer.
Doch das macht uns nicht zu Christen.
Christen werden wir, wenn wir mit Maria an das Kind glauben. Dieses Kind stellt der Engel gründlich, zum Mitschreiben vor:
„Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“
Das steht von Anfang an fest. Jesus muß es nicht erst werden. Er muß sich nicht hocharbeiten, oder durch List und Intrige anderen die Macht abnehmen, sondern Jesus ist, wer er ist, von Anfang an. Maria hat das auf einmalige Weise bezeugt. Maria steht dafür, daß Jesus zu keinem Zeitpunkt nicht ganz göttlich war.
An Maria sehen wir, wie Gott mit der größten Behutsamkeit vorgeht. Auch mit uns. Wenn Gott unsere Seele gewinnen will, wenn Gott Seinen Sohn zu uns schickt, dann ist das nie ein Überfall, sondern wir werden gegrüßt. Das Evangelium ist Gottes Gruß an uns – ein Gruß, der unserer Person einen Freiraum schafft, einen ewigen Platz bei Gott.

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Zweiter Advent

Gnade sei mit euch und Friede
von dem, der da ist und der da kommt,
von Jesus Christus,
welcher ist der treue Zeuge
und der Erstgeborene von den Toten,
und ein Herr über die Könige auf Erden.
Amen.

15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.
16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.
Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.
17 Warum läßt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, daß wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!
18 Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.
19 Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.
Ach daß du den Himmel zerrissest und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen,
1 wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, daß dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müßten,
2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen! –
3 und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Jesaja 63, 15 – 64, 3

Lieber Herr Jesus, wo Du bist, da ist auch das Wort des Lebens – bitte erreich uns, hol uns ein, hol uns ab mit dem, was in Deinem Namen aus der Heiligen Schrift gesagt und gehört wird. Amen.

Liebe Gemeinde!

Was kann man über den Himmel sagen?
Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Nicht nur die Erde, sondern H i m m e l und Erde. „Himmel“ zuerst.
Wie Jesus uns auch beten lehrt: Dein Wille geschehe …. „wie im H i m m e l, so auf Erden.“ Also hier auch der Himmel zuerst.
Der Himmel ist etwas anderes, als die Erde, ja ein Gegenteil oder auf jeden Fall ein Gegenüber zur Erde.
Es ist einer der dramatischsten Bitten des Alten Testaments: „Ach, daß Du, Gott, den Himmel zerrissest und führest herab!“ Darum müssen wir uns über den Himmel Gedanken machen; und zwar den Himmel als etwas, was uns überwältigend angeht, so daß wir diese dramatische, verwegene, ja ich möchte sagen wilde und rücksichtslose Bitte verstehen – und das heißt ja: Daß es unsere Bitte wird.
Eins ist klar: Der Himmel ist nichts Gleichgültiges – er ist nicht einfach irgendwo – oben oder weit weg; denn dann würden Menschen nicht zu Gott schreien: Zerreiß ihn und komm herab!
Wer so ruft, für den ist der unzerrissene Himmel eine Not.
Der Himmel ist zuerst – vom Himmel aus geschehen Dinge auf der Erde. Was auf Erden geschieht, das fängt im Himmel an. Ohne Himmel versteht man die Erde nicht. So ist das in der Bibel. Nur auf die Erde gucken ist nicht mal die halbe Wahrheit.
Bei Mose hören wir, daß der Himmel uns unter die Haut gehen muß: „Der Himmel, der über deinem Haupt ist, wird ehern werden und die Erde unter dir eisern.“ (5. Mose 28, 23). So spricht Gott mit Israel. So wird es, wenn Israel sich von seinem Gott abwendet. Der Himmel wird ehern, also hart, unbeweglich, verschlossen, abweisend, bedrohlich. Und – wieder als Zweites und als Folge: Die Erde unter dir wird eisern. Wie im Himmel, so auf Erden. Gott hält Seine Gaben zurück. So muß Israel es nochmal hören: „Der Zorn des HERRN wird den Himmel über euch zuschließen, so daß kein Regen kommt und die Erde ihr Gewächs nicht gibt.“ (5. Mose 11, 17). Und damit das Ganze den Menschen auch unter die Haut geht, muß Mose im Namen des HERRN sagen: „Ich will euren Stolz und eure Halsstarrigkeit brechen, und will euren Himmel wie Eisen und eure Erde wie Erz machen.“ (3. Mose 26, 9).
Wir merken also:
Was auf der Erde geschieht, das kommt vom Himmel her. Gott handelt vom Himmel aus und wirkt auf der Erde.
Aber auch: Was wir Menschen auf der Erde tun, ja auch reden und denken, das kommt im Himmel an. Es gibt diese Dimension.
Wir vergessen diese Dimension zu unserem eigenen Schaden.
Also: Der Himmel ist die Überlegenheit, aus der Gott auf der Erde bei uns Menschen handelt. Und: Wir beziehen uns auf den Himmel, ob wir es wollen, oder nicht, denn es kommt im Himmel an, was wir tun, sagen und denken.
Jesaja hat Israel vor sich, ein Volk unter einem verschlossenen Himmel. Gott spricht nicht mehr. Gottes Gaben kommen nicht mehr. Die Bedeutung der Wörter wird immer kleiner, sie sagen immer weniger, das Schweigen wird größer. Der Segen bei der Arbeit und in der Familie und in der Ehe versickert, etwas anderes wird spürbarer: Der Fluch. Du bist Erde – von der Erde bist du genommen, und zur Erde sollst du werden. (1. Mose 3, 19). Mit anderen Worten: Alles, was mehr ist als Materie, mehr als Chemie ist, das kommt dir wie Nichts vor. Glauben ist ein Schein, Lieben ist ein Trug und Hoffnung ist ohne Begründung.
Israel mußte mit eigenen Augen ansehen, wie die Babylonier unter Nebuchadnezar Israel alles wegnahmen und zerstörten: Die geschützte Grenze, die Hauptstadt Jerusalem, in Jerusalem den Tempel, dazu die Personen, die Israel zu dem machten was es war, nämlich Gottes Volk – Priester, Hohepriester, das Königshaus – alles zerstört, verbrannt, umgebracht oder verschleppt.
Verschloß das den Himmel? Es öffnete den Himmel sicher nicht. Doch was den Himmel vollends verschloß war eins: Das Gewissen. Jesaja hatte Israel vor sich, das wußte: Wir haben uns von Gott abgewandt. Mit Gedanken, Worten und Werken haben wir überdeutlich gemacht, daß Gott uns egal ist. Nun sind wir ihm egal. Wir hätten es wissen können. Damit ist der Himmel zu.
Nun zum Predigttext selbst! Er ist ein Gebet. Ein Ruf und ein Flehen unter dem eisernen Himmel. Ein Gebet gegen Eisen. Das ist schon verwegen!
„So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.“ Gott soll sich Israel wieder zuwenden. Wenn sich etwas ändern soll, dann muß das im Himmel beginnen. Was nicht im Himmel beginnt, hat keinen Bestand. Israel hatte Gott ja schon erlebt als barmherzigen Helfer. Hat Gott sich etwa verändert? Ist er ein anderer geworden? Natürlich nicht! Gott will aber, daß wir Ihn bitten, Sich selbst, also Gott zu sein.
„Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.
Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.“ Abraham und Israel – also Jakob – waren die Stammväter. Sie standen für die Identität des Volks. Doch war es keine rein menschliche Identität. Abraham, Isaak und Jakob waren längst gestorben und bei Gott. Ein menschliches Pflegen der Erinnerung war machtlos gegen den eigenen Zweifel. Gott ist Israels Vater. Warum? Weil Gott selbst Abraham gerufen hat, und damit ein neues Volk ins Leben gerufen hat. Israel gibt es nur deshalb, weil Gott es will. Dieser Wille macht Gott zum Vater. Ich will, daß es dich gibt. Das ist väterliche Sprache. Du sollst leben!, sagt ein Vater zu seinem Kind. (Hesekiel 16, 6). Darum gibt es Israel überhaupt. Und darum erlebt es die Not. Hier kann Israel nicht Menschen fragen oder mit Menschen verhandeln, sondern muß zu dem rufen, der es gemacht hat. Israel muß sagen: „Gott, du hast mich gewollt. Was jetzt? Willst du, daß es uns noch gibt, oder nicht?“ Du bist Vater und Erlöser. Das definiert dich, Gott, für uns.
„Warum läßt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, daß wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!
Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.“
Menschen schrecken oft auf, erinnern sich an Gott, und das erste, was ihnen gegenüber Gott einfällt ist: „WARUM?“ Warum das Leiden? Warum diese Enttäuschung?
Unter dem eisernen Himmel und auf der harten, abweisenden Erde spricht das Volk Gottes anders: Gott, warum läßt du es so weit kommen, daß wir von Deinen Wegen abirren? Wie kannst Du es zulassen, daß unsere Herzen auch hart werden, wie der Himmel und die Erde? Was für ein Gebet! Ein verwegenes Gebet! Soll Gott jetzt daran schuld sein, daß wir seine Gebote übertreten? Daß wir nicht glauben? – So könnte es sich anhören! Aber es ist anders. Zuerst im Himmel. Wenn etwas anders werden soll, dann muß es vom Himmel kommen. Darum macht das Gebet hier die Not zu einer Sache zwischen Israel und Gott. Das ist der notwendige Anfang.
„Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.“ Auf der Erde ist nichts Gutes zu erwarten. Wenn Menschen irgendeine Macht haben, werden sie sie gegen Gott anwenden. Sünde hat den Drang, sichtbare Zeichen für Gott zu beseitigen, und Menschen, die Gott bezeugen, zum Schweigen zu bringen. Zunächst jedenfalls. Die Sünde richtet sich unter dem harten Himmel ein, und erwartet nichts mehr von oben. Sie rechnet nicht mehr mit Gott.
„Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.“ Jetzt wird die Situation theologischer. Jetzt geht es nicht mehr um eigene Probleme. Hier wird gesagt: Gott, du hast uns gewollt. Wenn es so weiter geht, dann sind wir ein Beweis gegen dich. Wenn es so weiter geht, dann kann man an uns sehen, daß Du, Gott, keinen Unterschied machst. Dein Name wurde über uns genannt – da war der Himmel hell, freundlich und offen. Aber das ist jetzt nicht mehr. Also: Gott, wenn es Dich gibt, dann muß etwas mit Deinem Volk passieren! Wenn Gott nicht existiert hätte, hätte Israel auch nicht existiert. So wahr Du lebst, Gott, so wahr laß uns auch leben! – So wie Jesus dann zu seinen Jüngern sagte: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ (Johannes 14, 19).
Jetzt versteht ihr hoffentlich etwas besser, was die Bitte bedeutet: „Ach, daß du den Himmel zerrissest und führest herab!“ Gott, es muß vom Dir kommen, im Himmel anfangen! Brich das Eisen über uns durch! Das unpersönliche, stumme, harte, abweisende, anklagende Schicksal! Alles, was uns daran erinnert, daß wir Dich verlassen haben, schieb es beiseite!
Es ist kein Wunder, wenn Jesaja dann eine dramatische Sprache gebraucht. Von Bergen, die zerfließen, von kochendem Wasser und brennendem Reisig. Wenn Gott diesen ehernen Himmel öffnet, dann sind Energien am Werk, die für uns unvorstellbar groß sind. Ja, Jesaja sagt, das kannst du dir nicht ausdenken. „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.“
Advent heißt ja Ankunft. Der Sohn Gottes kommt an. Er kommt als Antwort vom Himmel auf diese unglaubliche Bitte gegen den eisernen Himmel. Advent heißt ja auch Vorbereitung. Gott hat das Kommen Jesu auch mit diesem Text vorbereitet. Jesaja mußte Israel so beten lehren. Sonst hätte niemand in Israel Jesus erkannt oder verstanden. Warum sollte es mit uns anders sein? Was ist mit dem Himmel über uns? Sind wir auf Gottes Wegen unterwegs? Erwarten wir von Jesus, daß er tatsächlich den Himmel öffnet? Er hat es vor! Zu den ersten Jüngern sagt er: „Ihr werdet große Dinge sehen – Wahrlich, wahrlich ist sage euch, von nun an werden ihr den Himmel offen sehen, und die Engel Gottes hinauf und herabsteigen auf des Menschen Sohn. (Johannes 1, 51). Der Apostel Paulus kannte dieses Gebet aus Jesaja und schreibt den Christen in Korinth: Das konnte sich keiner ausdenken, als Jesus zu uns kam: „Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht : »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«“ (1. Korinther 2, 9).

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Erster Advent

Gnade sei mit euch und Friede
von dem, der da ist und der da kommt,
von Jesus Christus,
welcher ist der treue Zeuge
und der Erstgeborene von den Toten,
und ein Herr über die Könige auf Erden.
Amen.

5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, daß ich dem David einen gerechten Sproß erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«.
7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, daß man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,
8 sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Jeremia 23, 5-8

Lieber Gott, wenn Du einen neuen Anfang machst, dann sagst du es an, mit dem Hören fängt alles Große an, was Du tust. Bitte auch bei uns. Amen.

Liebe Gemeinde!

„Alles zu seiner Zeit!“ – Ich rege mich nicht mehr auf über die Spekulatius, die immer früher im Laden angeboten werden. Und die Weihnachtsmärkte, die vor Advent beginnen: Was will man machen? Führen sie zu einer gesegneten Feier der Menschwerdung Gottes? Führen sie zu einem heilsamen Innehalten über die wunderbare Geburt Jesu? Das kann jeder für sich beantworten.
Es bleibt aber wahr, daß Dinge ihre Zeit haben. Es gibt einen guten Zeitpunkt, und es gibt viele ungünstige Zeitpunkte. Nicht nur beim Kochen und Backen, nicht nur in einer Beziehung, nicht nur im Geschäft.
Gott ist Herr über die Zeit, und darum ist Gott auch der Meister aller Zeitpunkte. Gott hat alle Faktoren im Blick und sagt: „Jetzt!“, und das Beste geschieht, Licht und Klarheit kommen.
„Siehe, es kommt die Zeit!“, spricht der HERR. Das ist eine Ankündigung. Sie will gehört werden. Und die Hörer sollen sich mit Leib und Seele danach ausrichten. Wie eine Verabredung. Es braucht einen Vorlauf, daß Gott und Mensch sich in einer Zeit begegnen und treffen. Gott macht einen Termin, damit eine Sache zu ihrem Recht kommt.
Es ist der größte Termin aller Zeiten, diese Verabredung zwischen Gott und Mensch.
„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, daß ich dem König David einen gerechten Sproß erwecken will.“
Warum David? Was geht mich das an, was in der Familie des Königs David passiert? David war 1000 Jahre vor Christus ein König in Israel. – Da haben wir ja schon Koordinaten! Zeit: 1000 vor Christus; und Raum: Jerusalem, Israel. Eine Orientierung kann beginnen.
Die Bibel, also Gottes Wort für uns, wimmelt von Namen und Orten. David, Jerusalem. Nur so ist eine Verabredung sinnvoll.
Gott hatte David verkündigen lassen: Es wird ein Nachkomme von dir sein, der zum richtigen Zeitpunkt Gottes Willen erfüllt.
Jetzt weiß man, wo man hinschauen muß!
Das biblische Wort „Wahrheit“ schließt immer auch „Treue“ in sich, „Zuverlässigkeit“, „Stetigkeit“, „Bewährung“.
Wenn es einmal Heilung für uns Menschen geben soll, dann deshalb, weil Gott treu ist. Er hält, was er verspricht.
Und noch etwas: Die Heilung, die Gott bringt, ist nichts Eigenmächtiges. Die Seele kann Eigenmächtiges nicht ertragen: Hoppla, jetzt komm ich! Das platzt in eine Situation hinein und verwirklicht sich selbst, drängt, überrumpelt und lärmt: Da flieht die Seele. Das ist keine gute Verabredung. Da ist Anmaßung im Spiel, Selbstüberschätzung. Die Seele wird dadurch nicht frei.
Gott läßt ankündigen, sagt, was er vorhat. So kann eine heilsame Begegnung stattfinden.
Es ist nicht irgendein Nachkomme, sondern ein „gerechter Sproß“. Also: Einerseits ein wirklicher Nachkomme Davids. Ein „Gewächs“, also ein lebendiges, leibliches Wesen, das zur Welt kommt, geboren wird. Also eine Person, auf die ein Mensch sich beziehen kann. Kein unpersönlicher Computer, mit Bildern, Tönen und Texten, bei denen man nicht weiß: Wer ist dahinter? – Kein Stoff, keine blinde Kraft, die dich nicht meinen kann, sondern einfach Veränderungen in dir verursacht, und die Seele weiß nicht: Ist das gut für mich, oder nicht? Und ist mit dieser Frage allein. Ein Sproß – das ist ein Gegenüber, da ist Liebe möglich. Wir verlieren das heutzutage aus dem Blick.
Gottes Verabredung mit uns Menschen hat diese Begegnung, in der Liebe möglich ist, fest im Blick, von Anfang an.
Es wird ein gerechter Sproß sein. Du sollst bei ihm zu deinem Recht kommen. Unter seiner Macht hast du einen sicheren Platz. „Juda soll geholfen werden und Israel sicher wohnen.“

„Der soll ein König sein, der wohl regieren wird“. Er wird Macht haben – ja. Aber diese seine Macht wird den Untertanen 1 zu1 zugute kommen.
Ein König, ein Machthaber: Ohne Geheimpolitik, ohne Eigeninteresse, ohne Gewaltanwendung, ohne Taktik, ohne Manipulation, ohne falschen Schein. Seine ganze Macht, seine ganze Weisheit, sein ganzer Reichtum kommt rüber und an.
Liebe Gemeinde, wie viele Gaben Gottes bleiben auf der Strecke zwischen Mächtigen und ihren Untertanen!? Die Mächtigen verzweifeln am Volk, weil es nicht mitmacht und keine Einsicht hat. Das Volk verzweifelt an den Mächtigen, weil sie am Ende scheinbar nicht halten, was sie versprechen. Wieviel Segen bleibt auf der Strecke! Das war schon zu Jeremias‘ Zeiten so.
Doch Gott verheißt einen König, dessen Macht 100%ig seinem Volk zugute kommt. Das heißt ja auch: Er ist ganz und gar zuständig. Er entscheidet. Es wird nichts delegiert: „Ich bin nicht zuständig“ – man wird nicht von Pontius nach Pilatus geschickt. Man hängt nicht in einer Warteschleife am Telefon und wird immer weiter verbunden ohne Ziel … dieser König ist ganz für dich da und hat alles zur Verfügung.
Wir brauchen diese Macht, die für uns ist, liebe Gemeinde. Wir leben niemals aus uns selbst, ohne daß andere für uns da sind.
Ein königlicher König. Eine heilsame Macht. Gott sagt sie an. Die Erwartung steigt: „Er wird Recht und Gerechtigkeit im Lande üben.“ Interessant ist: Er wird sich nicht mit Gewalt oder Zwang durchsetzen, sondern Recht und Gerechtigkeit üben. Es soll eine Gerechtigkeit sein, die jeder bei sich und bei den anderen anerkennen muß. Das Gewissen muß dem Urteil dieses Königs zustimmen. Das Urteil ist verständlich.
Das bringt inneren Frieden, wenn ans Licht kommt: Mein Recht ist in guten, starken Händen, es ist sicher.
Ich habe jetzt zwei Gedanken:

  1. Ja: Wir brauchen das! Unser Gesangbuch singt an einer Stelle: „O aller Welt Verlangen!“ Wir Menschen sind geradezu dazu verdammt, auf diese gute Macht zu hoffen.
  2. Aber: Das ist doch viel zu schön, um wahr zu sein! Die Erfahrung, die Geschichte macht uns doch keine Hoffnung! Kein einzelner Mensch kann diese Hoffnung erfüllen. Jeremia wußte das. Wie kein anderer Prophet mußte er unter der Willkür von Tyrannen leiden, und mit ansehen, wie menschliche Fehler zu Katastrophen führten.
    Gott sagt aber weiter an. Gott nimmt diese Verheißung nicht zurück, relativiert sie auch nicht:
    „Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«.“
    Welche Person soll dieses Wunder vollbringen, nach dem alle Welt verlangt, und das Gott ankündigt?
    Sein Name ist: „HERR unsere Gerechtigkeit.“
    HERR hat in unserer Bibel vier Großbuchstaben. Das heißt: Hier steht der persönliche Name Gottes. Jahwe. Früher: Jehova.
    Jahwe. Das ist ein Name, der nur Gott selbst zukommt. Selbst das Wort „Gott“ kann man benutzen, wenn man nicht von dem einen Gott spricht – falsche Götter, oder ähnlich. Doch Jahwe, dieser Name gehört dem einen allmächtigen Gott allein. Es heißt: Ich bin, der ich bin, ich werde sein, der ich sein werde. Ich werde nicht verursacht, sondern ich verursache. Jahwe ist von niemandem und nichts abhängig; aber alles ist von ihm abhängig. Ohne ihn geschieht nichts, ohne ihn gibt es nichts. Ihm steht alles zur Verfügung, er weiß die Wahrheit. Er lebt aus sich selbst, er erkennt aus sich selbst, er handelt aus sich selbst. also völlig frei. Er weiß den Weg zur Liebe aus jeder Situation, er ist in jeder Situation frei und hell und klar und sich selbst.
    Das ist Gott. Und wir sind das nicht. Überhaupt nicht.
    „Was bist du, das du nicht von Gott empfangen hast?“ Fragt Paulus (1. Korinther 4, 7). Ja. Das ist wahr. In schweren Zeiten empfinden wir das: Es muß uns gegeben werden, sonst haben wir es nicht. In guten Zeiten sollen wir dafür danken.
    Die Macht ist auf Gottes Seite, nicht auf unserer. Nun hören wir: Der Nachkomme Davids, dieser wunderbare König, soll heißen: HERR, unsere Gerechtigkeit.
    Also: Ein Nachkomme Davids soll HERR, Jahwe, Jehova, heißen. Nicht als aufgeklebtes Etikett, das bei dem ersten Test wieder abfällt. Gott nennt ihn so. Er ist es.
    Doch was wird aus dir und mir, wenn wir Gott begegnen? Können wir bestehen? Was wird aus mir, wenn ich zu meinem Recht komme? Wird es keine Anklagen geben? Und wenn, wie will ich mich vor Gott rechtfertigen?
    Der Name ist wunderbar: HERR, u n s e r e G e r e c h t i g k e i t. – Also: Der HERR, der für mein Daseinsrecht ist. Die ganze göttliche Macht und Weisheit geht dahin, daß es dich und mich gibt. Ihm steht alle Macht und Weisheit zur Verfügung, dich zu heilen. Deinen Platz bei Gott zu sichern, zu sorgen, daß nichts gegen dich spricht. Du wirst nicht abgewiesen. Deine Krankheit trennt dich nicht von Gott, deine Vergangenheit trennt dich nicht von Gott, deine Blindheit trennt dich nicht, deine Verzweiflung nicht, aber auch nicht deine Selbstüberschätzung. Hier ist die Macht, die dich losspricht von deiner Schuld, die dich sonst zerstören wird, gnadenlos. Hier ist die Gnade.
    Der Prophet Jesaja mußte auch in Gottes Auftrag uns Menschen diese Ansage machen:
    „5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;
    6 auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.“ (Jesaja 9). Das ist im Neuen Testament geschehen. Das ist unser Testament.
    Diesen König wollen und dürfen wir nicht verpassen. Sein Name ist „Wunder“, denn er ist das Wunder, das Wunder, das wir brauchen und nicht machen können. Denn dürfen wir nicht verpennen. Daher Advent. Die Zeit kommt. Mach den Kopf und dein Herz frei. Oder besser: Laß die Person, die Wunder heißt, die der gute Rat in Person ist, mal ran. Er bringt’s. Diese Gerechtigkeit, die uns so sehr fehlt.

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

1 Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.
2 Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, daß wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden,
3 weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.
4 Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.
5 Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns
als Unterpfand den Geist gegeben hat.
6 So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn;
7 denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.
8 Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.
9 Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, daß wir ihm wohlgefallen.
10 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.

2. Korinther 5, 1-10

HERR, segne dieses Wort an unseren Herzen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Der Apostel spricht über seinen Leib, seinen Körper. Er nennt ihn: „Unser irdisches Haus, diese Hütte“. Von Franz von Assisi wird gesagt, er habe von seinem Leib als „Bruder Esel“ gesprochen. Wie sprechen wir über unseren Leib, oder gar mit ihm? Liebevoll? Oder verächtlich? Ich mußte einmal jemanden beerdigen, da blieben mir zwei Aussagen im Gedächtnis: 1. Die Person wollte unbedingt, daß der Leib eingeäschert wird. Es klang wie eine Rache am eigenen Leib. Hatte der Leib ihr Schmerzen bereitet? Oder war er nicht so schön, war sie enttäuscht? 2. Der Mann wollte unbedingt, daß NICHT von der „Auferstehung des Fleisches“ gesprochen wird. Daß es wieder einen Leib geben soll, war für ihn eine schreckliche Vorstellung.
Man will sicher mal aus der Haut fahren – bei Schmerzen vor allem, aber auch sonst, wenn der Leib wie ein störriger „Bruder Esel“ einem Glück im Wege zu stehen scheint.
Gottes Wort lehrt uns zu sagen: „Gott, ich danke dir, daß ich wunderbar gemacht bin; das erkennt meine Seele wohl.“ (Psalm 139, 14). Die Kinder haben es im Unterricht gelernt. Kann ich das auch dann sagen, wenn sich Alter, Gebrechen, Krankheit und Tod ankündigt? – In der jetzigen Pandemie-Zeit ist der Leib – der eigene und der andere Leib noch einmal besonders ins Licht gerückt. Ein Mißtrauen gegen den Leib scheint unvermeidlich zu sein.
Paulus sagt zwei Dinge:

  1. Dieser Leib wird abgebrochen, er ist sterblich. Ja, er wird einst wieder zu Erde werden, davon er genommen ist. (1. Mose 3, 19) Krankheit und Leiden kündigen das an. Wir Christen sind da nicht ausgenommen. Der Tod begegnet uns Menschen als Zorn Gottes über die Sünde. Paulus schreibt: Der Tod ist der Sünde Sold (Römer 6, 23). Unser Widerstand gegen Gott wird auch von Leib ausgebadet.
  2. Doch will Gott Sein Ebenbild leiblich haben. Ein berühmtes Wort sagt: „Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes.“ Es ist nicht aus der Bibel, aber es ist biblisch. Gott will uns leiblich. Gott liebt unseren Leib. Und ich bin überzeugt: Nur in einem Leib können wir erfahren, daß Gott uns liebt. Darum sagt uns Paulus: Wenn wir sterben, „ … so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.“ Paulus bleibt vor Gott Paulus – und wenn es einen neuen Körper bedeutet. Das wird ein Körper sein, der nicht mehr von Sünde gezeichnet ist. Nicht durch das, was du getan hast, noch durch das Unrecht, das dir angetan wurde. Jesus sagt: „Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich.“ (Matthäus 13, 43). Dann wird alles an deinem Leib ungetrübt, unbeschmiert von Gottes Weisheit, Liebe und Macht leuchten. Gott liebt deinen Leib.
    Das weckt eine Sehnsucht. Nicht nur für Kranke und Gebrechliche, oder Alte, und solche, die sich einreden, sie seien nicht schön. Die christliche Sehnsucht geht viel, viel tiefer: Es ist die Sehnsucht danach, daß der Leib wieder zum Ort wird, wo Gottes Liebe wohnt. Wo die Sünde nichts mehr zu melden hat – weder meine, noch die eines Mitmenschen.
    Am liebsten möchte Paulus in diesen Leib einsteigen, ohne sterben zu müssen: „Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, daß wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden,
    weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.
    Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.“ Das sind geheimnisvolle Worte des Glaubens – eine Antwort auf die Erkenntnis: Gott liebt mich in meinem Leib, und will mich in einem Leib bei sich haben.
    Das ist die Zukunft, die Hoffnung.
    Aber jetzt?
    „Gott hat uns als Unterpfand Seinen Geist gegeben.“ Die Zukunft hat schon begonnen. Das Leben in einem leuchtenden, strahlenden Leib fängt jetzt an. Wir haben Gottes Anzahlung. Wenn die Anzahlung da ist, dann ist der Vertrag verbindlich. Gott hat die Anzahlung gemacht. Er hat den Christen seinen Heiligen Geist geschenkt. Wenn ich das Evangelium liebe, wenn ich die Vergebung empfange, wenn ich die Gemeinschaft des Glaubens als eine Realität erfahre – das tut ja alles der Heilige Geist in uns – dann ist das der Anfang des neuen Leibes. Der Umzug in die neue Hütte hat schon begonnen.
    An einer anderen Stelle wird Paulus überdeutlich: „Wenn Christus in euch ist, dann ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist das Leben um der Gerechtigkeit willen.“ Christus ist in uns durch die Vergebung. Das bleibt wahr, auch wenn der Leib abgebaut wird. Weil wir aber durch Jesus einen festen Platz bei Gott haben, ein Daseinsrecht, darum ist der Heilige Geist dabei, unseren Umzug in die Ewigkeit zu planen. Das steht fest.
    Das bedeutet aber eins: „Wir wandeln im Glauben, und nicht im Schauen.“ Man könnte auch sagen: Wir wandeln im Hören und nicht im Sehen. Manchmal denke ich, ich werde auf der Straße angesprochen. Dann schau ich hin und merke: Der hat Schnuller im Ohr – der spricht mit jemand ganz anders.
    So geht es der Welt, wenn sie uns Christen begegnet. Wir gehen unseren Weg, mit unserem Bruder Esel, dem Leib, aber im Ohr haben wir schon das Ziel. Unser eigentliches Leben, die eigentlichen Schritte sind von Vergebung zu Vergebung, von Gebet zu Gebet, von Gottesdienst zu Gottesdienst, von Mittragen des Bruders oder der Schwester zum erneuten Mittragen – oder Getragenwerden. Das wird alles in den Umzug gesammelt, der in der Ewigkeit leuchten wird.

Denn, so sagt Paulus noch: Am Ende ist das Realität, was für Jesus Realität ist. Was er durch sein Wort in uns schafft, das wird Realität sein. Wir werden staunen über unsere Gebete, die im Verborgenen stattfanden, und ewig dankbar sein, daß wir sie gebetet haben. Wir werden ewiglich aufatmen über die Sünden, vor denen Gott uns bewahrt hat, wir werden für immer strahlen darüber, daß wir Buße getan haben mit Gottes Hilfe. Das sind die Realitäten die Jesus anerkennt. Paulus sagt das so:
„Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.“
So haben wir es ja im Evangelium gehört: „Was ihr getan habt einem dieser meiner geringsten Brüder, das habt ihr MIR getan.“ Das ist bei Jesus angekommen. Das bleibt.

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr

Gnade, Barmherzigkeit und Friede
von Gott, dem Vater
und unserm HERRN, Jesus Christus.
Amen.

2 HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande
und hast erlöst die Gefangenen Jakobs;
3 der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk
und alle seine Sünde bedeckt hast;
4 der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen
und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:
5 Hilf uns, Gott, unser Heiland,
und laß ab von deiner Ungnade über uns!
6 Willst du denn ewiglich über uns zürnen
und deinen Zorn walten lassen für und für?
7 Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
daß dein Volk sich über dich freuen kann?
8 HERR, erweise uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!
9 Könnte ich doch hören,
was Gott der HERR redet,
daß er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,
damit sie nicht in Torheit geraten.
10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,
daß in unserm Lande Ehre wohne;
11 daß Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
12 daß Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
13 daß uns auch der HERR Gutes tue
und unser Land seine Frucht gebe;
14 daß Gerechtigkeit vor ihm her gehe
und seinen Schritten folge.

Psalm 85

Lieber Herr Jesus Christus, sortiere unsere Gedanken jetzt, damit wir das Entscheidende nicht verpassen, um Deiner Liebe willen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Ein ganzer Psalm als Predigttext. Das ist eine Herausforderung! Hier geht es nicht nur um Fakten und Gedanken, sondern es ist ja ein Gebet. Das Gebet richtet sich an Gott. Es ist nicht eine Meditation. Das Gebet bindet sich an Gott und erwartet von Gott eine Antwort, eine Erwiderung. Ein Gebet ist nur dann ein Gebet, wenn der Beter weiß, daß Gott das Gebet und den Beter hört. Das ICH des Beters (oder das WIR) sagt DU zu Gott.
Das ist sehr persönlich.
Der Psalm ist ein Gebet des Alten Testaments. Das Volk Israel hat ihn gebetet. Kann das unser Gebet werden? Manche meinen, es kann nur spontane und ganz persönliche Gebete geben. Dann hätte Gott der Heilige Geist das Buch der Psalmen verhindert. Es gibt aber 150 Psalmen und noch zahlreiche weitere Gebete in der Bibel. Also: Die Gebete des Alten Testaments will Gott haben.
Trotzdem: Wie kann dieser Psalm unser Gebet werden?
Andere Zeit, anderes Land, anderes Volk, andere Situation – doch kann und muß es zu unserem Gebet werden. Warum? Weil dieses eins der Gebete ist, auf das Jesus Christus die Antwort, Gottes Antwort ist.
Die Bitten in diesem Psalm hat Gott seinem Volk eingegeben, als Bereitung für das Kommen Jesu. Wer sich in diesen Psalm eingelebt hatte, der war darauf vorbereitet, Jesus als Gottes Antwort und Gebetserhörung zu empfangen. Wer diesen Psalm betete, der hielt den Platz hier auf der Erde frei für die Menschwerdung des Sohnes Gottes.
Dann kann, ja dann wird dieser Psalm auch unser Psalm werden, wenn wir diese Wahrheit im Blick behalten.
Hören wir jetzt wieder die ersten Verse:
„2 HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande
und hast erlöst die Gefangenen Jakobs;
3 der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk
und alle seine Sünde bedeckt hast;
4 der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen
und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:
5 Hilf uns, Gott, unser Heiland,
und laß ab von deiner Ungnade über uns!“
Das ist Gebetssprache! Sie spricht nach, was Gott vorgibt.
Die Bitte lautet ja: „Hilf uns, Gott, unser Heiland, und laß ab von deiner Ungnade über uns!“ – Bei Gott soll etwas passieren. Die Ungnade soll aufhören, und die Hilfe anfangen.
Die Bitte hat eine Grundlage: Gott, so warst Du doch, so bist Du doch! – Du bist doch schon vormals gnädig gewesen. Du hast doch schon vormals die Gefangenen Jakobs erlöst. Das hat es schon mal gegeben, daß Dein Zorn aufgehört hat – Gott, Du hast doch schon einmal Dein Volk nicht auf seine Fehler und Sünde und Missetat festgelegt, festgenagelt – das kannst nur Du, Gott selbst, ändern. Gott soll bitte mit Seinem Zorn aufhören.
Der Zorn Gottes. Niemand spricht gern über ihn. Daß Gott zürnt über Unrecht, über Undank, über Blindheit für Gottes Liebe, Taubheit für Gottes Gebote. – Unser Zorn, was uns Menschen aufregt oder empört, wo wir nach Strafe fordern – darüber können wir nicht genug reden. Mit weniger Recht.
Gottes Zorn ist eine Realität. Gott stellt sich in den Weg, Gott nimmt Seine Gaben zurück, behält Seinen Segen ein. Menschen wollen ohne Gott sein, dann läßt Gott es auch zu, zieht sich zurück. Das Leben wird leer, oder wird zerstört. Es kommt auf keinen grünen Zweig. Das Herz wird hart, die Hoffnung schwindet, die Wahrheit ist ohne Schutz. Der Himmel verschließt sich; was wahr und schön ist, muß sich verstecken, die Lüge und das Häßliche kommt hervor. Israel mußte es erleben, wie es umfassend in Frage gestellt wurde. Nicht nur von außen, durch übermächtige Feinde, sondern auch von innen, durch Zweifel; auch von oben: durch Anklage der 10 Gebote; und von unten: durch niedriges Begehren nach Reichtum, nach Rausch, nach Bequemlichkeit, nach Rache, nach Ehebruch. Die Beter sahen sich dem allem wehrlos ausgeliefert.
Das Gebet fing mit der Erkenntnis an: Bei Gott muß etwas passieren! Gott muß sich wenden von Seinem Zorn! – Gott ist nicht für dieses Elend, diese Not verantwortlich, sondern die Menschen. Wenn Gott nur einen Augenblick alle Konsequenzen unserer Missetat auf uns zurückfallen ließe, wir würden vergehen, verbrennen. Gott hatte den Betern des Psalms Seinen Zorn spüren lassen. Der Heilige Geist tat ein Wunder: Sie brachen nicht in Verzweiflung zusammen, sie verzagten nicht, sondern – gaben Gott recht und beteten – baten um ein Ende des Zorns, der gerechten Zorns. Das muß Gott der Heilige Geist selbst tun: Daß ich Gott bitte, etwas bei sich zu ändern. Ohne Wunder verzweifelt oder verstockt ein Mensch. Diese Bitte ist ein Wunder. Ein Wunder gegen die Anklage, die dir beweist, daß du Gottes Zorn verdienst; ein Wunder gegen die Erfahrung, daß du dich nicht ändern kannst – Gott soll sich ändern.
Gott hat sich von Seinem Zorn gewendet – das Neue Testament ist voll davon. Paulus schreibt an die Römer im 5. Kapitel: Gott erweist seine Liebe zu uns darin, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren, um wie viel mehr wird Jesus uns von Gotte Zorn retten?“ (Römer 5, 8-9). An die Galater schreibt Paulus: „Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns.“ (Galater 3, 13). Das Gebet des Psalms ist erhört. Wer den Zorn Gottes spürt, versteht diese Bitte am besten – er kann und wird sich in diesen Psalm am besten einleben. Der Heilige Geist hilft dir, diese Bitten aus der verborgensten und verzweifeltesten Not heraus zu Gott zu beten – und Gott wird Dir Jesus als die Antwort, als die Erhörung dieser Bitte zeigen und schenken.
„6 Willst du denn ewiglich über uns zürnen
und deinen Zorn walten lassen für und für?
7 Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
daß dein Volk sich über dich freuen kann?
8 HERR, erweise uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!“
Hier betet nicht ein Mensch, der selbstgerecht ist. Hier beten nicht Menschen, die sich nichts von niemandem sagen lassen. Das sind nicht Worte von Menschen, die sich an ihrem Besitz festhalten, oder die denken, sie werden sich aus allem herausreden können. Die Worte kommen aus einem Herzen, das an die Grenze gekommen ist: Willst Du den ewiglich über uns zürnen? Bist Du, Gott, unser Feind? Wird jede Sünde mich kaputtmachen? Wenn du das nicht so fühlst, dann bete trotzdem so, damit ein Elender es hört, der es braucht und sich nicht traut. Gottes Antwort ist schon da. Jesus versteht man viel besser, wenn weiß: Er ist Gottes Erhörung dieses Rufs. Darum ist Jesus gekommen.
„Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
daß dein Volk sich über dich freuen kann?“ Rückenwind statt Gegenwind; Erleichterung statt lähmender Last, Zuspruch statt Anklage; Leben statt Tod.
Dieser Psalm führt uns dahin, denn er führt uns zu seiner Erhörung, er trägt uns zum Sohn Gottes. Er hat den Fluch, die Anklage, den Zorn auf sich genommen. Er ist das Ende des Zorns, der Anfang des Lebens. „Erquicken“ ist ja nichts andres, als lebendig machen, erfrischen, aufbauen, die Erstarrung lösen.
„8 HERR, erweise uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!
9 Könnte ich doch hören,
was Gott der HERR redet,
daß er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,
damit sie nicht in Torheit geraten.“
Die Bitte wird ganz deutlich: Es kann nur Gnade sein. Gnade muß ganz und gar von Gottes Seite kommen. Gott soll sich für Dich entscheiden. Kannst Du das bitten? Der Psalm hilft dabei.
Die Beter von damals wußten: Wenn Gott sich so für uns entscheidet, dann muß er es auch sagen. Erst dann wird es eindeutig, erst dann kann man es glauben. Darum heißt es: „Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet, daß er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen.“ Jesus ist nie ohne diese Stimme – immer ist sein Wort bei ihm. Das ist das Evangelium. Der Glaube kommt aus dem Hören. Jesus ist das Ende des Unfriedens mit Gott. Er ist die Erhörung der Bitte: Gott, laß zwischen uns kein Streit mehr sein! „ … damit sie nicht in eine Torheit geraten“ – keine Dummheit begehen, nicht aufgeben, und sagen: „Es ist egal, ich kann mein Leben oder das Leben anderer einfach zerstören, er ist egal.“ Der Beter sieht das kommen und sagt: Gott, laß es nicht soweit kommen mit mir!“. Das Evangelium bewahrt uns vor dieser Dummheit. Wir sollen darum bitten: Gott bewahre mich vor der Torheit, die aus Verzweiflung kommt! Gott hilf, daß dieser Schmerz mich nicht dazu verführt, eine Torheit zu begehen!
Wenn ein Beter zugibt, daß diese Torheit in ihm steckt, und sie Gott anvertraut, dann weitet sich der Blick wieder:
„10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,
daß in unserm Lande Ehre wohne;
11 daß Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
12 daß Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
13 daß uns auch der HERR Gutes tue
und unser Land seine Frucht gebe;
14 daß Gerechtigkeit vor ihm her gehe
und seinen Schritten folge.“
Die Augen öffnen sich: Gottes Hilfe ist nahe, und nicht weit weg. Jesus ist der Gott, der uns begegnen und kennen lernen will. Er kommt zu denen, die im Gebet über sich selbst erschrocken waren – die Gott fürchten.
„Daß in unserem Lande Ehre wohne“ – Was für eine Bitte: Lieber Gott, laß es eine Stelle geben, wo wir nicht enttäuscht werden! Im Johannes-Evangelium hören wir: „Das Wort ward Fleisch – das ist Jesus, der als Gottes Wort an uns Mensch wurde – und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ Mitten in die Welt, die nicht nach Gott fragt, ist Jesus eingezogen, um dort zu wohnen. Gott läßt sich finden. Jesus ist die Erhörung dieser Bitte. – In Ihm begegnen sich Güte und Treue; bei ihm sind Gerechtigkeit und Friede unzertrennlich, ja, sie küssen sich. Er ist treu und zuverlässig. Sein ganzer Leib, Sein ganzes Leben ist nicht nur eine Erhörung dieses Psalms, sondern vor allem ein Beweis, daß Gott Seine Versprechen einhält. Gott ist stabil. Wer diesen Psalm mitbetet, und und so zu Gottes Antwort getragen wird, der wird stabilisiert. Die Treue wächst und geht nicht unter.
„Gerechtigkeit schaut vom Himmel“ – Der Himmel ist über uns bestimmt, was auf Erden geschieht. Gottes Zorn hatte den Himmel bedrohlich gemacht. Wo Jesus ist, da ist der Himmel offen. Unter diesem Himmel hat man ein Daseinsrecht. Das ist höher als alles, was auf der Erde passiert und setzt sich durch.
Liebe Gemeinde. So ein Psalm ist sehr groß. Während wir uns in ihn einleben, während wir nachsprechen, was Israel gebetet hat, bis Jesus kam, geschieht noch mehr mit uns. Er leitet uns an, auf die Wiederkunft Jesu zu warten und uns auf sie zu freuen. Die Freude darauf, daß Gott alle Zeichen Seines Zornes wegnehmen wird und alles, auch wir, aufstrahlen, weil Gott sich für uns entschieden hat.

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Beitragsbild:

Sandro Botticelli: Hl. Augustinus in betrachtendem Gebet
um 1480, Fresko, 152 × 112 cm
Florenz, Ognissanti
Kommentar: Auftraggeber: wahrscheinlich aus der Familie der Vespucci (Wappen)
Land: Italien
Stil: Renaissance
[Botticelli, Sandro. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei, S. 962 (c) 2005 The Yorck Project]

Reformationsfest

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Amen.

1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und
laßt euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!
2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden laßt, so wird euch Christus nichts nützen.
3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden läßt, daß er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist.
4 Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen.
5 Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muß.
6 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Galater 5, 1-6

Lieber Herr Jesus, Du hast gesagt: Wenn euch der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei. Mach, daß das auch bei einem jeden von uns geschieht. Segne Dein Wort an unsren Herzen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Die Reformation ist die Antwort auf eine Frage: Was macht die Kirche zur Kirche? – Mit anderen Worten dieselbe Frage: Was macht einen Christenmenschen zu einem Christen?
Man muß genau hinhören: „Was MACHT …?“ Das ist eine andere Frage als: „Was TUT … ein Christ, oder was sollte ein Christ tun.“ Es ist erst recht eine himmelweit andere Frage als: „Was kann ich von den Christen erwarten?“ Diese letzte Frage ist die beliebteste, denn mit der lenkt man von sich selber ab und beurteilt andere.
Daß diese Frage durcheinandergeworfen werden, das ist die Normalität. Sie werden bis zur Unkenntlichkeit vermischt und verwechselt. Und dann ist einfach alles falsch.
Wenn diese beiden Fragen dann einmal NICHT verwechselt und vermischt werden, dann kann man ganz ruhig davon ausgehen, daß Gott ein Wunder getan hat. Die Christenheit und jeder einzelne Christ ist ganz und gar von diesem Wunder abhängig. Wer nicht bereit ist, sich auf Wunder zu verlassen, der kann eigentlich kaum ein Christ sein.
Was macht einen Christen zu einem Christen, was macht die Kirche zur Kirche?
Diese Frage erhebt sich nicht erst heute; vor 500 Jahren war sie auch nicht neu – schon das Neue Testament ist umgetrieben von dieser Frage.
Der Apostel Paulus schreibt an die Galater genau über diese Frage. Er hatte ihnen Jesus Christus „vor die Augen gemalt als den Gekreuzigten“ (Galater 3, 1), er hatte die Begegnung mit den Auferstandenen und seine Berufung bezeugt (Galater 1, 16). Diese Verkündigung brachte den Galatern den Heiligen Geist und der Heilige Geist schuf in ihnen den Glauben (Galater 3,2) – und der Heilige Geist machte sie zu Christen.
Wenn Paulus Christus als den Gekreuzigten verkündet, dann ist das viel mehr als eine historische Information. Es ist eine Einladung, ein Angebot im Namen Gottes. Eine Einladung, das eigene Leben auf eine neue Grundlage zu stellen. Eine Einladung in die Freiheit mit Gott. Das bedeutet aber eine Einsicht: Ich bin nicht frei, ich bin ohne Gott. Christus bringt uns Freiheit mit Gott. Das macht einen Christen zu einem Christen, wenn er bekennt: Mit Gott bin ich frei. Jetzt. Und bis ans Ende. Und danach. Immer. Ein Christ muß sagen können: Gott hat mir Seine Freiheit mitgeteilt.
Jesus sagt im Johannesevangelium zu den Juden die an ihn glauben: „Wenn euch der Sohn Gottes freimacht, so seid ihr recht frei, und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen.“ (Johannes 8, 32). Ein Christ wird ein Christ dadurch, daß Christus an ihm handelt.
So sagt es Paulus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Das sind zwei Aussagen: Ein Christ ist frei, und Christus schenkt diese Freiheit. Der Glaube nimmt in sich auf, was Christus getan hat, und ergreift darin Gottes Freiheit.
Christus macht Christen. Wo das geschieht, da ist Kirche.
Wo ist jetzt das Problem? Wo war das Problem, mit dem die Reformation sich herumschlug?
„So steht nun fest und laßt euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ Die Freiheit Gottes, die durch den Glauben im Christen ist, ist bedroht. Es gibt ein Joch, eine Unfreiheit, eine Knechtung und Bindung, in der Gott nicht mit göttlicher Freiheit beim Christen ist.
Dieses Joch kommt unter dem Namen des Christentums, ist aber keines. Genau das war ja das Problem der Reformation: Es waren ja alles Christen. Es waren ja alle in der Kirche. Und doch stimmte etwas nicht. Die Reformation fragte hartnäckig: Wo ist die Freiheit, die Christus gebracht hat? Wo ist die Freiheit, die uns zu Christen macht?
Jetzt muß aber auch bei uns ein Wunder geschehen: Bei dem Wort Freiheit kann man sich eine Menge denken. Ganz schnell denkt man an jene Freiheit, sich von niemandem etwas sagen zu lassen, und alles selbst zu bestimmen, ja, am besten für mich: Freiheit von allen Regeln – und meine Freiheit, alle anderen meinem Willen zu unterwerfen. Aber das ist nicht die Freiheit, die Christus bringt. Unsere Freiheit ist jeden Moment mit Christus verbunden. Sonst ist es eine Freiheit gegen Gott, und das ist keine Freiheit.
Also: Paulus sagt uns: Es gibt ein Joch, eine Bindung, vor der Christen sich hüten müssen: Laßt es euch nicht auferlegen!
Was ist dieses Joch denn? Die Antwort ist nicht einfach.
Bei den Galatern konnte man es mit einem Wort zusammenfassen: „Beschneidung.“ – Das ist ziemlich peinlich. Aber bei Paulus ein großes Thema. Also müssen wir darüber kurz nachdenken, und hoffentlich daraus Erkenntnis gewinnen, die uns für die Freiheit Gottes rettet.
Die Galater waren nicht beschnitten, denn sie waren nicht Juden. Sie waren aber Christen. Christus hatte in ihr Leben eingegriffen und ihnen Freiheit gebracht. Freiheit mit Gott. Paulus hatte den Galatern gezeigt, wie Christus am Kreuz frei war, das Böse von uns Menschen zu tragen und zu überwinden. Das haben die Galater sich gefallen lassen und im Glauben angenommen. Wunderbar.
Doch dann. Ja, dann. Dann kamen Prediger an, die mit ernsten Gesichtern sagten: Das ist alles nicht genug. Da fehlt was. Euer Glaube ist eine Täuschung. Warum? Ihr seid nicht beschnitten. Ihr habt das übersehen, Paulus hat das übersehen. Wenn ihr nicht beschnitten seid, dann ist das alles nicht gültig.
Was passiert da? Warum ist das ein Problem? Es ist ja im Grunde nur eine Kleinigkeit. Ein kleiner Akt.
Doch Paulus sagt in aller Form, er setzt seine ganze Person als Apostel da hinein: „Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden laßt, so wird euch Christus nichts nützen.“ Mit anderen Worten: Wer an dieser Stelle nachgibt, verliert Christus und die Freiheit, die Christus bringt.
Was ist es denn an der Beschneidung, daß sie so gefährlich sein soll? An sich hat dieser Akt mit dem Glauben ja nichts zu tun.
Das Problem ist: Die Prediger, die mit der Beschneidung ankamen, stellten sie als eine Notwendigkeit da. Ohne sie sei Christus nicht effektiv. Ihre Theologie sagt: Die Beschneidung ist die eindeutig fraglos gute Tat, die du tun mußt, sonst erkennen wir deinen Glauben nicht an.
Was ist die Gefahr? Unter der Überschrift „Beschneidung“ binden diese Prediger den Glauben auf einmal an Menschen: Du mußt tun, was wir Menschen dir sagen. Und in dem Moment sind die Galater nicht mehr allein mit dem gekreuzigten Christus, und darum auch nicht frei mit Gott. Sondern was? – Die Galater sind jetzt ohne Christus, dafür aber gebunden an Menschen und an ihre eigenen Möglichkeiten.
„Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden läßt, daß er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist.“ Also: Die Beschneidung ist der Anfang. Wie ein brutaler Vertrag, der immer teurer wird und immer neue Bedingungen stellt. Im Alten Testament hatte Gott die Beschneidung gefordert. Sie war das Zeichen dafür, daß ein Mensch sagte: Ich nehme das Gesetz auf mich. Wenn ich es tue, soll Gott mich segnen, wenn ich es übertrete, soll Gott mich strafen. Es war ein Vertrag ohne Gnade oder Vergebung. Freiheit gab es nur als selbst erarbeitete Freiheit, nicht als Geschenk.
Theoretisch war das wahr, doch die Wirklichkeit sah so aus: Die Freiheit ist unerreichbar. – Das war ja auch die Realität, an der Luther nicht vorbeikam: Es wird immer ein Gesetz geben, das mich anklagt. Es wird immer Beweise geben, daß ich mich nicht ganz, mit aller Kraft und ohne Vorbehalt ganz in Gottes Willen begeben habe. Das ist aber das Gesetz. Die Forderungen hören niemals auf. Die Anklage auch nicht. – Das ist das Joch, vor dem Paulus warnt. Jesus auch.
Ein Teil des Problems ist Folgendes: Diese Forderung nach der Beschneidung an Christus vorbei stellte Menschen nicht vor Gott, sondern vor Menschen. Paulus verkündigte Christus, und stellte sie damit vor Gott. So kann Gott am Menschen handeln. Die Predigt des Paulus verschafft den Menschen sozusagen in das Sprechzimmer Gottes. Jesus ist der Arzt, der den kranken Menschen behandelt und heilt. Wenn Christus richtig verkündigt wird, sitzt ein Mensch allein mit seinem Arzt Christus im Sprechzimmer. So wird man ein Christ.
Die Beschneidungsprediger sagten im Grunde: Wir zeigen dir, wie du dich selbst heilen kannst. Damit waren die Galater auf sich selbst zurückgeworfen: Wie kann ich das tun? Was muß ich tun? – Du mußt dich beschneiden lassen! Und dann? Dann …. dann kam nach und nach das ganze Gesetz: Immer neue Forderungen: Dieses Fest feiern, jenes Opfer bringen, Fasten, Spenden – bis in Unendliche. – Ergebnis: Die Galater mußten immer wieder aufs Neue von diesen Predigern hören, was sie tun sollten, aber sie wären nie heil geworden. Ihr Gewissen war nicht mehr bei Gott in Sicherheit, sondern Menschen ausgeliefert.
In der Reformationszeit war es auch so, daß es immer mehr neue Taten gab, die eindeutig gut erschienen, und die mit der Meinung propagiert wurden: Tu das, dann kommst du näher zu Gott! Tu das, dann wird Gott dir vergeben! Werde Mönch! Faste! Pilgere zu einem Heiligen Ort! Bete viele abgezählte Gebete! Werde außergewöhnlich, daß andere dich bewundern!
Liebe Gemeinde: An sich kann das alles harmlos sein. Doch es wird zu einem großen Problem, wenn damit gesagt wird: Das macht dich zu einem Christen. So wirst Du ein Kind Gottes. Das macht ein Christ, das beweist dir selbst und anderen, daß Du ein Kind Gottes bist.
Da ist Christus draußen, da ist der Glaube draußen, da ist die Freiheit weg.
Was bleibt, ist ein Gewissen, das sich an Menschen gebunden hat, und niemals frei werden wird. Es wird vielleicht Applaus von Menschen bekommen, aber dieser Applaus bringt nicht die Freiheit, die Gott seinen Kindern zugedacht hat.
„Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen.“ Das ist ein brutaler Satz. Da steigern sich Menschen in die Religion hinein. Tun alles Mögliche. Aber sie haben Christus verloren, und sind aus der Gnade gefallen. Und wer aus der Gnade gefallen ist, der geht Gott auf den Geist und strapaziert Gottes Geduld. Denn Gott wartet darauf, und besteht darauf, daß wir Seine Gnade annehmen, Seine Vergebung, Seine Freiheit – die wir ohne ihn nicht eben nicht haben können.
Was aber tut ein Christ?
„Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muß.“ Christen sind Empfangende, oder wie Jesus sagt: Geistlich arm. (Matthäus 5, 3). Christen sagen: Christus ist meine Freiheit. Das ist alles, was mich interessiert. Ihr Beschneidungsprediger kommt einfach zu spät. Ich bin schon frei. Ich bin frei mit Gott. So frei könnt ihr mich gar nicht machen. Die größte Freiheit ist: Gott vergibt mir. Danach kommt die Auferstehung von den Toten. Wird die Beschneidung mir die Auferstehung geben? Nein? Dann laßt mich in Ruhe. Ich warte jetzt nur noch auf die Auferstehung der Toten – so heißt es doch im Glaubensbekenntnis: „Eine christliche Kirche, Vergebung der Sünden … und dann? Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben.“
Und heute? Schwierige Frage. Wir dürfen nicht vergessen: Es ist normal, wenn Menschen nach etwas suchen, was so eindeutig gut und richtig und anerkannt ist, daß man glauben kann: Wenn ich das nicht tue, dann bin ich noch nicht ein Christ, oder kein guter Mensch. Oder man beurteilt andere danach. Es ist normal, wenn Menschen ankommen und sich heimlich ärgern, wenn ein Christ glücklich ist, weil Gott ihm vergeben hat. Der Teufel mag es einfach nicht, wenn ein Gewissen die Freiheit Gottes hat.
Zu Paulus Zeiten war es die Beschneidung, zu Luthers Zeiten war es unter anderem das Mönchtum als perfektes Leben, das keine Vergebung brauchte. Heute? Gibt es nicht auch Dinge, die so fraglos gut sind, daß, wenn man sie nicht hat, oder bekennt, kein guter Mensch oder Christ sein kann? – Und wenn er Fragen hat, sofort mit Zorn rechnen muß? Muß man nicht ununterbrochen beweisen, daß man „tolerant“ ist? Muß man nicht ständig beweisen, daß man „politisch aktuell“ ist? Wird man nicht in einer übertriebenen Weise danach eingeteilt oder beurteilt, wie man sich zur Zeit in der Corona-Krise verhält? Wo ist Christus? Wo ist Gottes Freiheit? Wo ist das 100%ig friedliche Gewissen, das auf die Auferstehung wartet? Wo ist die Gelassenheit, die Gott das letzte Urteil überläßt?
Ein Christ muß sagen können: Ihr Beschneidungsprediger, die ihr diese oder jene Frage höher setzt als den Glauben an das, was Christus in göttlicher Freiheit für uns getan hat – ihr kommt zu spät. Ich gehöre schon Christus, und nicht euch.
Ja. Und dann wird die Phantasie von Menschen ja erst recht wild: Man denkt, wer so spricht, der will jedem schaden, und alle Gebote Gottes übertreten. Nichts da! Paulus schreibt:
„Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ Paulus will, daß die Christen in Galatien innerlich völlig frei und unbeeindruckt und ohne Panik wegen der Beschneidung sind. Sie muß ihnen egal sein. Paulus stellt sie ganz unter Gottes Urteil und befreit sie von menschlichen Urteilen. Das Ziel dieser Freiheit – bis zur Auferstehung des Fleisches jedenfalls – ist die Liebe. Aber eben jene Liebe, die aus der Freiheit des Glaubens kommt. Nicht aus Angst, nicht aus Zwang, nicht aus Furcht vor Menschen, nicht aus Furcht vor Verurteilung oder Ausgrenzung. Das ist keine Liebe, auch, wenn sie 1000mal so aussieht. In Christus war Gott so frei, uns zu lieben. Aus dieser Freiheit kommt christliche Liebe. Aber die Freiheit muß da sein. Gott schenkt sie uns in der Taufe, in der Beichte, im Hören auf sein Wort, im Abendmahl. Da wird der neue Mensch geschaffen. Alle anderen müssen wir enttäuschen, sie kommen zu spät.

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Beitragsbild:

Reformationsaltar Wittenberger Stadtkirche
Lucas Cranach der Ältere und Lucas Cranach der Jüngere zwischen 1547 und 1548
Datei:Luther-Predigt-LC-WB.jpg – Wikipedia

Nach oben