Kantate

Von | Mai 4, 2026
Überführung_der_Bundeslade_(Umbrien_16_Jh)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
die Liebe Gottes, 
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes,
sei mit euch allen. Amen.

2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion.
3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat gefeiert wird.
4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf
5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.
6 Aber der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel, die bei ihm vor der Lade versammelt war, opferten Schafe und Rinder, so viel, daß es niemand zählen noch berechnen konnte.
7 So brachten die Priester die Lade des Bundes des HERRN an ihre Stätte, in den Chorraum des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim,
8 daß die Cherubim ihre Flügel ausbreiteten über die Stätte der Lade. Und die Cherubim bedeckten die Lade und ihre Stangen von oben her.
9 Die Stangen aber waren so lang, daß man ihre Enden vor dem Chorraum in der Tempelhalle sah, aber von außen sah man sie nicht. Und sie war dort bis auf diesen Tag.
10 Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen.
11 Und die Priester gingen heraus aus dem Heiligtum – denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, ohne daß sie sich an die Ordnungen hielten –,
12 und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertundzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.
13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke,
14 sodaß die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

Text: 2. Chronik 5, 2-14

Gebet: Lieber Gott, führe uns hin in Deine Freude, daß wir einstimmen in das Lied über Deine wunderbaren Taten. Amen.

Liebe Gemeinde! 

Was haben Wolken und Musik gemeinsam?  – Gar nicht so einfach! Unser Predigttext aus dem Alten Testament berichtet von der Einweihung des Tempels in Jerusalem, den der König Salomo in Auftrag des Gottes Israels gebaut hatte. Zu dieser Tempelweihe haben Sänger und Musiker Gott gelobt  – wie es heißt – „es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN“. – 

… „da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke,

 sodaß die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.“ 

Hier haben wir also Gesang und Musik, die wunderbar miteinander harmoniert, so daß es wie aus einem Mund und von einem Instrument zugleich erklingt. Dieser Klang füllt den Tempel. – Und dann kommt darauf diese wundersame Wolke, die das Haus erfüllt, so, daß die Priester nicht zum Dienst in den Tempel hineingehen konnten. Sehr geheimnisvoll!  Aber etwas kam mit der Wolke: „Die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.“  

Was haben Musik und Wolken gemeinsam? Sie können beide einen Raum erfüllen: Der Gesang und die Musik der Priester erfüllten den Tempel   – und dann erfüllte diese geheimnisvolle Wolke den Tempel.  – Doch beides nur für eine bestimmte Zeit. Der Gesang und die Musik hörten irgendwann auf. Und auch die Wolke verzog sich, so daß der König Salomo den Tempel mit Gebet und Opfer weihen konnte.  – Das haben Gesang und Wolke gemeinsam: Sie nehmen einen Raum ein, eine gewisse Zeit lang.  Wie eine zweite Realität in der ersten Realität. 

Aber wie real! Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob ich unter der Woche in diesem Raum bin, oder am Sonntagmorgen, wenn Gottesdienst gefeiert wird! Dann erfüllt eine zweite Realität diesen Raum, die unsichtbare Welt ist realer als das, was wir sehen.

Gott ist überall und allgegenwärtig, sonst wäre er nicht Gott. Doch wenn das alles wäre, was wir von Gott wissen, dann könnten wir ihm nicht begegnen. Die Bibel kann deshalb von Gott erzählen, weil Er Menschen begegnet ist. Und dazu gehört, daß Gott sich finden läßt. Das geht nur, wenn Er sich einschränkt. Natürlich war Gott mit seiner ganzen Macht und Herrlichkeit überall auf der Welt; doch als der König Salomo im Jahre 955 vor Christus den Tempel weihte, da gab es eine Begegnung zwischen Salomo, den Priestern und dem ganzen Volk Israel mit Gott im Tempel von Jerusalem. Für diese Begegnung steht die Wolke. 

Die Wolke ist etwas Wundersames. Die Wolke verhüllt, und gleichzeitig, im Verhüllen, zeigt sie an, daß etwas da ist. In der Wolke verhüllt hatte Gott Sein Volk Israel 40 Jahrelang durch die Wüste begleitet und geführt. Gott war nahe, aber doch unfaßbar und geheimnisvoll. Erreichbar, aber nicht verfügbar. 

Als unser Herr Jesus Christus sich von eine kurze Zeit auf dem hohen Berg sich den Jüngern in seiner Herrlichkeit zeigte, so heißt es: „überschattete sie eine lichte Wolke“. Wieder sind Nähe, Herrlichkeit und Begegnung beieinander. Auch hier ist die Wolke nur für eine bestimmte Zeit da, und dann ist sie wieder weg.  – Gott begibt sich in Raum und Zeit, um uns Menschen zu begegnen. Dafür steht die Wolke. Gott schränkt sich ein. Wird sichtbar, wenn auch im Verborgenen. 

Im Gesang und in der Musik geschieht mit dem Menschen etwas anderes – während Gott sich einschränkt, wächst der Mensch im Gesang über sich hinaus, und etwas, was sonst verborgen ist, wird offenbar. 

Der Mensch wächst über sich hinaus im Gesang. Wer mit seiner Stimme oder mit einem Instrument singt, reicht in die unsichtbare Welt. Es zeigt sich etwas von seiner Seele, was sonst verborgen wäre. „Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen.“ (Psalm 103) – „Was in mir ist“.  

Heute am Sonntag Kantate denken wir daran, daß der Lobgesang Gottes etwas ist, was Gott umgibt. Wo Gott ist, ist der Lobgesang nicht fern. 

Im Buch Hiob sagt Gott: „Als ich die Erde gründete, lobten mich die Morgensterne miteinander und alle Gottessöhne jauchzten.“(Hiob 38, 4 und 7). Die Harmonie ist Teil der Schöpfung, sie ist eine Idee Gottes. Es gehört zu dem Passendsten, was ein Geschöpf tun kann, wenn es in die Harmonie einstimmt, die Gott geschaffen hat. Angefangen bei den Strukturen von Kristallen, bei dem Aufbau von Pflanzen und Blüten – bis hin zu den Umlaufbahnen der Planeten und darüber hinaus: Es kehren ähnliche  Gesetze wieder; die Harmonien haben eine mathematische Grundlage. Was in unserem Ohr passiert, wenn wir harmonische Klänge hören und uns daran freuen, dann sind es ähnliche Zahlenverhältnisse, im Großen, wie im Kleinen. Unser Körper und unsere Seele reagieren auf gute Harmonien. Wenn wir singen und Gott loben, dann werden wir Teil von diesem riesigen Zusammenhang, den Gott von Anfang an geschaffen hat. Von ganz kleinen bis zum ganz großen. 

Wer Gott lobt, tritt in eine große Gemeinschaft ein. In der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel, ist viel von Liedern die Rede. Unter anderem wird dort gesagt, daß die im Glauben gestorbenen das „Lied des Mose und des Lammes“ singen werden.  (Offenbarung 15, 3). Das Lied des Mose wurde gesungen, als Gott das Volk Israel vor der Übermacht des Pharaos durch das Schilfmeer hindurch gerettet hatte. Mit anderen Worten: Das Lied des Mose ist das Lied aller derer, die Gott gerettet hat; am Ende singen alle Gotteskinder ein großes Lied. Denn das Lied des Lammes ist das Lied von Jesus Christus, der gekreuzigt wurde, und von den Toten auferstanden ist. Im Lied bekennen wir  – jeder für sich persönlich, aber doch gemeinsam mit allen Kindern Gottes – daß Gott Wunder tut, auch in meinem Leben. Doch dieses Lied ist so, daß es mich hineinnimmt in eine große Gemeinschaft  – in die Gemeinschaft aller, die die Psalmen singen und beten. Wir singen also Lieder vor Gott, die uns mit dem Volk Israel verbinden, das Gott vor dem sicheren Tod gerettet hatte – ebenso singen wir jetzt schon Lieder, die in der Ewigkeit vor Gott gesungen werden. Das Lied Moses und des Lammes. Es ist EIN Lied – aus der Vergangenheit, das Lied des Mose; und dasselbe EINE Lied aus der Zukunft: Das Lied des Lammes. 

Mose singt davon, daß Gott selbst gehandelt hat, Sein Versprechen gehalten hat. Das Lamm Gottes ist Jesus, der sich aus Liebe hingegeben hat, und die Macht der Gnade und der Vergebung ein für alle Mal in dieser Welt etabliert hat. Lieder, die das bezeugen, Gesänge die sich daran freuen, die helfen uns, über uns hinauszuwachsen, und Gott zu begegnen. Sie sind eine unverzichtbare Frucht des Glaubens, diese Lieder, und deshalb hat es nie in der Kirchengeschichte eine ernstzunehmende Gottesdienstform ohne den Gesang der Gemeinde gegeben. 

Gesang und Wolke – wer hätte das gedacht?! – Gott kommt zu den Menschen, und die Menschen kommen zu Gott. Gott schränkt sich ein, der Mensch wächst über sich hinaus. 

Unser Predigttext erwähnt allerdings noch Dinge, die auch noch im Tempel waren oder gebracht wurden: 1. Die Opfer und 2. die Bundeslade.

1. „Aber der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel, die bei ihm vor der Lade versammelt war, opferten Schafe und Rinder, so viel, daß es niemand zählen noch berechnen konnte.“  – Das mag uns befremden – auch, wenn man bedenkt, daß in Jerusalem zur Zeit des Neuen Testaments zum Passafest mehrere hunderttausend Lämmer geschlachtet wurden, und überhaupt täglich zahlreiche Opfertiere ihr Leben lassen mußten. So wollte es Gott von seinem Volk im Alten Testament haben. Das war der Alte Bund – der alte „Deal“, die alte Abmachung. Nur so wollte Gott mit den Sünden der Menschen umgehen. Jedes Opfer erinnerte Israel daran, daß Sünde tödlich ist. Und daß Gott nur durch bewußt geopfertes Leben einen Neuanfang machen wollte. Die ganze Menschheit vor Christus ahnte das. Überall wurde geopfert. Auch in Israel wurde geopfert. Gott wollte das, denn sonst würden wir Menschen das nicht wahrhaben oder merken, daß die Sünde so sehr Gott und damit das Leben angreift. Der Sünder ist nach der Sünde süchtig. Das verblendet ihn.  Im Tempel war also auf jeden Fall das Bewußtsein ganz klar vorhanden: Ich habe mich und andere durch meine Gedanken, Worte und Werke geschadet, in Gefahr gebracht, und das ist bei Gott angekommen. Was den Opfertieren geschieht, das hätte mich treffen müssen. Aber Gott ist gnädig, schenkt mir Vergebung und Leben. Darum wird uns gesagt, daß der Lobgesang lautete: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«.  Diese schwerwiegende Wahrheit schwingt in dem Lied und der Musik der Priester im Tempel mit. 

Im Neuen Testament gibt es ein einziges Opfer: Jesus Christus, der sich hat kreuzigen lassen. Wir sollen nun weder Tiere noch Menschen, auch nicht uns selbst opfern, um eine Schuld zu sühnen und Gottes Gnade zu bekommen. Die Gnade ist schon da. Im Neuen Testament gibt es nur noch Dankopfer: Daß wir von Gottes Gaben etwas nehmen, um den Gottesdienst zu unterstützen, das Bekenntnis zu Jesus bei uns möglich zu machen, und die Nächstenliebe. 

2. Das andere war die Bundeslade. Das war sozusagen der Altar, den das Volk Israel durch die Wüste getragen hatte.  Uns wird gesagt: „Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen.“ – Das Wort Gottes, der Wille Gottes, war darin aufbewahrt. Ein Lied im Tempel ist immer eine Antwort auf das, was Gott uns sagt. Darum werden unsere Lieder immer eine etwas andere Sprache haben, als die Lieder der Welt. Denn sie sind vor allem eine Antwort. Und in der Antwort wird man immer das Wort wieder erkennen, welches Gott schon vorher gegeben hat, und was deshalb schon feststeht.

In dem 22. Psalm kommt der Zusammenhang von Opfer und Lobgesang auch zum Ausdruck: 

Der beginnt ja mit den Worten „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ – Jesus hat ihn am Kreuz gebetet, ja geschrieen. Als er sich selbst opferte und die Sünde der Welt trug und durchlitt. Auch unsere Sünde.

In dem Psalm heißt es bald danach in Vers 4: „Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.“ Hier haben wir wieder die Verbindung: Wo Gott ist, wo Opfer und Bundeslade ist – oder im Neuen Testament: Wo das Evangelium von Kreuz und Auferstehung Jesu ist, da schafft Gott der Heilige Geist, daß Lobgesänge aufsteigen. Wenn wir mitsingen, dann wachsen wir in diese Wirklichkeit hinein. Eine Wirklichkeit, die mit dem Tod nicht enden wird.


Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

Kantate, 3. Mai 2026
Bild: „Überführung der Bundeslade“ (Umbrien, 16 Jh)