Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Amen.
32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.
34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte
35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,
37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.
Text: Apostelgeschichte 4, 32-37
Gebet: HERR, segne Dein Wort an unseren Herzen, damit es das tut, wozu es aussendest. Amen.
Liebe Gemeinde!
Das ist die Urgemeinde nach Pfingsten. So sieht es aus, nachdem Gott der Heilige Geist über die Apostel ausgegossen wurde.
Man muß auf jeden Fall bei den Worten stehenbleiben: „Die Güter waren allen gemeinsam.“ „Keiner unter ihnen hatte Mangel.“ „Sie verkauften Äcker und Häuser und brachten das Geld und legten es den Apostel zu Füßen.“
Das sind sehr starke Aussagen! Realitäten werden angesprochen, die die Menschheit immer wieder belasten, plagen und herausfordern. Es gibt Arme und Reiche, und man wird das Gefühl nicht los: Es ist ungerecht. Man denkt: Nicht jeder hat seinen Reichtum verdient, nicht jeder, der arm ist, hat es verdient! Es muß etwas geschehen! Aber was?
Und dann hört man, was die ersten Christen getan haben. Wir hören es sogar zweimal. In der Apostelgeschichte beschreibt Lukas im 2 Kapitel das Pfingstwunder, und wie dann durch die Predigt des Petrus und der Apostel 3000 Menschen Christen wurden. „Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.“
Und jetzt?
Optimisten würden sagen: „Ja! Das ist das Christentum! Wir müssen das jetzt auch in unseren Tagen so verwirklichen!“
Pessimisten würden sagen: „Nein! Die ersten Christen sind gescheitert. Entweder sind sie gescheitert, weil sie selber zu schwach waren. Oder sie sind gescheitert, weil sie für diese Welt einfach zu gut waren. Die Welt hat sie nicht verdient!“
Nun. Lukas hat das durch den Heiligen Geist inspiriert so für alle Zeiten aufgeschrieben. Gott will, daß wir das hören. Und wir können nicht einfach ausweichen.
Man muß auch folgendes wissen: Gleich im nächsten Kapitel hören wir von einem furchtbaren Gegenbeispiel. Ein Ehepaar will bei dieser Gütergemeinschaft mitmachen, behält aber ein Teil des Geldes für sich zurück. Der Apostel Petrus durchschaut das, und beide, der Mann und die Frau, werden von ihrem Gewissen so getroffen, daß sie auf der Stelle sterben. Sehr dramatisch! (Apostelgeschichte 5, 1-11).
Zum Bild gehört auch, daß gerade die Gemeinde in Jerusalem immer wieder von Unterstützung von außen abhängig war. So schreibt Paulus an die Gemeinde in Rom: „Jetzt aber fahre ich hin nach Jerusalem, um den Heiligen zu dienen. Denn die in Mazedonien und Achaja haben willig eine gemeinsame Gabe zusammengelegt für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem.“ (Römer 16, 25-26).
Das Neue Testament zeigt uns also mehr, als nur dieses erste Bild der Urgemeinde.
Trotzdem.
Eins will ich jetzt unbedingt vermeiden, oder noch besser: verhindern. Was denn? Ja dies: Daß dieses Wort nicht mehr mit uns spricht. Das darf nicht passieren, und es wird nicht passieren.
Was ist denn die dritte Möglichkeit, diesen Text zu verstehen: Entweder gescheiterter Versuch, oder unerreichbares Ideal – aber was sonst?
Ich sage: Und sonst einfach Realität.
Die Realität ist: Das ist unser Anfang. Das ist unser Text. Es ist der Anfang der Christenheit und der Kirche. Darum ist es auch unser Anfang. Wir sind, was wir sind, also Christen, Kinder Gottes und Kirche, unter anderem auch deshalb, weil die ersten Christen genau so waren und genau das taten. Wir kommen alle nach ihnen.
Gott wollte, daß wir diesen Anfang niemals aus den Augen verlieren. Aber nicht als Scheitern, auch nicht als Ideal, sondern als Bild, in dem wir uns wenigstens suchen, und hoffentlich wiederfinden sollen.
Es ist schon bemerkenswert: Der Heilige Geist kommt. Die Apostel predigen, Tausende glauben an Jesus, werden getauft, hören Gottes Wort, beten, feiern das Abendmahl – – und leben eine große Freiheit von Sorge und Neid und Habgier. Gott hat ihnen Seine Gnade geschenkt. Gott hat sie zu Seinen Kindern gemacht. Im Glauben werden sie frei von Schuld, frei von der Macht des Bösen. Daneben können Neid und Sorge und Gier keinen Platz haben.
Das ist ein Wunder, aber ein Wunder, das geschieht! Man kann es vergleichen mit dem Sprachenwunder, was der Heilige Geist zu Pfingsten vollbrachte. Auf einmal waren alle Sprachen gemeinsam, und jeder verstand Gottes Wort. Das konnte nicht organisiert werden, das konnte nicht erzwungen werden, sondern Gott schenkte es. Die Apostel predigten von der Auferstehung Jesu, und Gott schenkte mit dem Glauben diese Freiheit.
Es war ein Wunder. Ein Wunder ist kein Programm, keine Methode und kein System. Ein Wunder läßt sich nicht erzwingen, sondern ist eine Kostprobe von Gottes Freiheit. Gott war so frei, die Urgemeinde, unsere Urgemeinde, so zu begeistern. Auch wenn sich dieser Anfang nicht halten ließ – da gibt es nichts zu bereuen. Wie könnte man ein Wunder bereuen? Das Wunder zeigt, wie Gott handelt, wie Gott ist.
Und eins muß man sagen. Wenn der Heilige Geist zu einer Freiheit inspiriert, dann ist es die Freiheit gegenüber dem Geld. Ich sage nicht: Freiheit VOM Geld, auch nicht Freiheit DURCH Geld, auch nicht Freiheit ZUM Geld, sondern GEGENÜBER dem Geld. Jesus sagt zu seinen Aposteln an einer Stelle: „Umsonst habt ihr das Evangelium und seine Wirkung bekommen, umsonst gebt es auch.“ (Matthäus 10, 8) Das Evangelium ist keine Methode, reich an Geld zu werden. Der Glaube ist ein Geschenk und bleibt ein Geschenk, er ist unverkäuflich. Das wird überdeutlich in der Apostelgeschichte 8. Dort will ein Mann namens Simon den Heiligen Geist kaufen, buchstäblich. Hören wir: „Als aber Simon sah, daß der Geist gegeben wurde, wenn die Apostel die Hände auflegten, bot er ihnen Geld an und sprach: Gebt auch mir die Macht, damit jeder, dem ich die Hände auflege, den Heiligen Geist empfange. Petrus aber sprach zu ihm: Daß du verdammt werdest mitsamt deinem Geld, weil du meinst, Gottes Gabe werde durch Geld erlangt. Du hast weder Anteil noch Anrecht an dieser Sache; denn dein Herz ist nicht rechtschaffen vor Gott. Darum tu Buße für diese deine Bosheit und flehe zum Herrn, ob dir das Trachten deines Herzens vergeben werden könne. Denn ich sehe, daß du voll bitterer Galle bist und verstrickt in Ungerechtigkeit. Da antwortete Simon und sprach: Bittet ihr den Herrn für mich, daß nichts von dem über mich komme, was ihr gesagt habt.“ Es ging gut aus.
Wir sehen: Die Apostel gingen mit Geld um, sammelten Spenden und verwalteten sie. Aber der Heilige Geist, und damit der Glaube und alle Geschenke Gottes – die sind und bleiben unverkäuflich. Das mußte vom ersten Moment an in der Christenheit ganz klar sein. Daher ist diese Gütergemeinschaft unser Anfang.
Das war ein Wunder.
Zugleich war es notwendig. Vergessen wir nicht: Jesus war als verurteilter Verräter und Lästerer und Verfluchter gekreuzigt worden. Das Ziel dabei war, daß sein Name ausgelöscht ist. Niemand sollte sich auf Jesus berufen oder ihm nachfolgen. Im selben 4. Kapitel vor unserem Predigttext werden Apostel wegen ihrer Predigt von Christus verhaftet und verhört. Und sie werden nur deshalb nicht gefoltert, weil sie im Volk so beliebt sind (Apostelgeschichte 4,21). Das bedeutete: Die Apostel und alle Christen waren aus dem Sozialsystem in Jerusalem raus. Es gab in Israel gute organisierte Kassen für Arme, Kranke, Witwen und Waisen. Da waren die Apostel und alle Christen nun raus. Deshalb war es notwendig, daß die Christen sich gegenseitig unterstützten. Vor allem sollten die Apostel ohne Sorge um das tägliche Brot predigen können. Der Heilige Geist machte, daß die erste Christenheit das von Anfang an wollte.
Und wie gesagt, es wurde nicht erzwungen, nicht organisiert. Ja, es wurde nicht einmal zur Bedingung gemacht: Du kannst nur dann Christ sein, wenn du alles verkaufst, und das Geld spendest. Sondern es war eine freie Frucht des Glaubens.
Und das liebe Gemeinde, ist ein weiterer Punkt, den wir festhalten müssen.
Nicht nur ist die Gütergemeinschaft der ersten Christen unser Anfang, nicht nur ist sie ein Wunder, nicht nur ist sie notwendig, sondern sie geschieht in Freiheit. Die Früchte des Glaubens haben Gottes Freiheit in ihrer DNA. Diese Freiheit ist das Wertvollste an Gottes Gaben. Diese Freiheit macht, daß der kleinste Beitrag, die kleinste Aufgabe in der Gemeinde weit geht und fortwirkt. Was in Gottes Freiheit gegeben und getan wird, das gehört allen Christen und wirkt weiter ohne Ende. Das ist keine Übertreibung, denn Gottes Freiheit hört auch nicht auf, also auch nicht Gottes Freiheit, die in Gottes Gaben für die Gemeinde ist. Die Gütergemeinschaft der ersten Christen zahlt sich heute noch aus, auch bei uns. Warum? Weil Gottes Freiheit da drin war.
Ich könnte jetzt alle Aufgaben in der Gemeinde aufzählen: Kirchenvorstand, Bauausschuß, alle Kirchenmusik, Küsterdienste, Gemeindebrief, Reinigung, Garten, Finanzen, Unterricht, Erzählkaffee – ich will wirklich nichts auslassen – Lektoren, Ordinierte, die bei uns Gottesdienst halten, Jugendkreis, Hauskreise. Was noch? Hausverwaltung, Besuche, Plakate, Schaukasten . . wir lernen aus unserem Predigttext heute dieses:
Das, was alle diese Tätigkeiten wertvoll macht, segensreich macht, so daß alle Gemeindeglieder direkt etwas davon haben – das ist Gottes Freiheit, die Gott selbst darein tut. Wir leben in unserer Gemeinde, aber auch als Kirche und Christenheit immer wieder davon, daß Gott durch das Wort der Apostel, das Wort von der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus – Glauben geschaffen hat, und das dieser Glaube frei ist, und Gott so frei ist, daß Er jedem Glauben Früchte schenkt, und in diesen Früchten Gottes Freiheit drin ist. Was du in Freiheit tust, das gehört dir nicht mehr, sondern allen. Gott macht, daß es so ist.
Ich möchte zum Schluß kommen für heute mit einem Bericht über die Weihe unserer Kirche. Wenn ihr genau hinhört, werdet ihr erkennen, worauf es mir dabei ankommt:
Bericht über die Weihe unserer Kirche, 11. Oktober 1857 in der „Lutherischen Dorfkirchenzeitung“, erschienen in Neuruppin: „Die Kirchweih in Berlin war ein Siegesfest. Gottes Wort hat eine eigene Stätte zu seiner öffentlichen Verkündigung in der Hauptstadt Preußens. … Nicht bloß für Berlin und Preußen ist diese Kirche eine teure Gottesgabe … Die lutherische Kirche ist in zwei Jahren vollendet und ohne hohe Hilfe (vom Königshaus, zum Beispiel, wie es bei zahlreichen anderen Kirchen in Berlin der Fall war!) – von der lieben Armut gebaut für die Armen, die doch viele reich machen.“ Die Armen, die doch viele reich machen – das ist auch ein Wort aus dem Neuen Testament: Paulus schreibt im 2. Korintherbrief, 6,10. Dort beschreibt er die Apostel und die Christen mit ihnen: „Als die Armen, die doch viele reich machen, als die da nichts haben, und doch alles haben.“
Liebe Gemeinde. Die Apostelgechichte darf uns nicht einschüchtern. Die Realität, die dort beschrieben wird, scheint dem Verstand ein Scheitern zu sein, oder ein unerreichbares Ideal – eine Utopie.
Doch der Glaube sagt: Das ist unser Anfang. So wirkt der Heilige Geist. Das mußte sein, damit die Freiheit Gottes, vor allem die Freiheit gegenüber dem Geld, in die christliche DNA kommt. Der Glaube sagt: Das ist unser Anfang, es ist derselbe Heilige Geist, der jetzt bei uns ist. Gott beschenkt uns – vielleicht so, wie die ersten Christen, vielleicht anders, aber es derselbe Geist, derselbe Glaube, dieselbe Freiheit.
Und was in diesem Glauben an den auferstandenen Jesus geschieht, das bringt Gott zu den Füßen der Apostel. Und so kommt dann wieder das Wort der Apostel zu uns.
Vor uns waren Menschen, die das Wort Gottes liebhatten, und wollten, daß Gottes Wort nicht irgendwo für andere, sondern hier für uns einen festen Platz hat. Gotteskinder, die Glaubensbrüder und Glaubensschwestern nicht aus den Augen verloren. Im Geist tragen sie direkt dazu bei, daß das Evangelium für dich in Reichweite ist, daß die Früchte des Heiligen Geistes – Glaube, Liebe und Hoffnung, zum Beispiel, eine Adresse, ein Zuhause haben.
Durch den Glauben an den Auferstandenen Jesus Christus sind wir Teil dieser großen, wunderbaren Realität.
Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
1. Sonntag nach Trinitatis, 7. Juni 2026
Bild: „Pfingsten“ (Giotto, ca. 1304)
