15. Sonntag nach Trinitatis

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land.

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme.

1. Mose 2, 1-10.15-25

Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, daß er ihn bebaute und bewahrte. Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm ißt, mußt du des Todes sterben.

Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei. Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, daß er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre. …
Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloß die Stelle mit Fleisch. Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.
Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.

1. Mose 2, 1-10.15-25

Lieber HERR, sprich Dein Wort des Lebens zu uns. Amen.

Liebe Gemeinde!

Im heutigen Evangelium sagt unser Herr Jesus Christus ganz deutlich: Sorget nicht! Das ist ernüchternd. Gott nimmt unsere Sorgen einfach nicht ernst. Der Apostel Petrus bestätigt das: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ (1. Petrus 5, 7). – Natürlich kennt Jesus uns, seine Sorgenkinder, gut. Natürlich haben wir Sorgen. Aber sie sollen verschwinden. Aber wie? – „Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel wichtiger als sie? – Warum sorgt ihr für die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Felde an, wie sie wachsen! Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß der König Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht so wunderbar gekleidet gewesen ist, wie eine von ihnen.“ – Jesus verweist auf die Schöpfung. Ein lebensfroh zwitschernder Vogel, eine leuchtende Blume sind genug Beweis, der jede noch so drückende Sorge im Nu zerschmelzen und verdampfen läßt.
Höre ich Widerspruch? – Haben wir denn wirklich schon einmal einen Vogel angesehen, sein Leben in unser Herz aufgenommen und uns klargemacht, wie er sich ernährt und überlebt? Haben wir den schon mal mit aller Kraft eine Blume in ihrer Schönheit, wie sie aus dem Staub, aus dem Dunkel der Erde und so an der Luft aus der Pflanze hervorbricht und einfach vollkommen und schön ist. Und daß beide, der Vogel und die Lilie, ohne Sorge sind. Gott nährt sie, Gott kleidet sie – und wenn Gott die Tiere und Pflanzen versorgt – warum sollte er euch nicht versorgen? Gibt es einen Grund? Gibt es einen Beweis dafür? Springt es euch nicht bei jedem Vogel, bei jeder Blume ins Auge, daß jede Sorge nicht nur überflüssig ist, sondern eine Verleugnung Gottes?
Jesus läßt ja nicht locker. Ob wir nun händeringend oder kopfschüttelnd vor ihm stehen. Kapiert Jesus denn nicht, daß wir nicht mehr im Paradies sind? Wir sind einfach nicht mehr dort, wo wir Gottes Atem ein- und ausatmen. Wir sind einfach nicht mehr dort, wo wir das unerhörte Wunder des Lebens an unserem Leib und unserer Seele wahrnehmen – wie Gott den Menschen aus Staub formt. Wir sind nicht mehr da, wo wir unsere Seele direkt als Odem Gottes in uns spüren. Wir sind leider nicht mehr da, wo uns aus allen Tieren, Pflanzen, allen Sternen, Steinen, aus Licht und Dunkel, aus dem Wasser und der Luft und Gottes Weisheit und Liebe anstrahlt, ja anlacht, zuwinkt und grüßt und zuflüstert: Es ist gut, es ist alles sehr gut, du bist gut. – Je mehr Jesus vor uns steht, und sein strenges Verbot, ja seinen Bann über die Sorge, nicht zurücknimmt – desto mehr brennt es in uns: Wir sind einfach nicht mehr im Paradies. Wir sind nicht mehr da, wo mit unseren Händen, unserer Körperkraft und unserem Verstand in der Zeit Gottes anvertraute Gaben bebauen und bewahren. Nicht verschwenden, nicht zerstören, nicht pervertieren, nicht verkommen lassen, nicht durch unsere Gier oder Sorge quälen, sondern mit Hilfe unseres Schöpfers überhaupt sehen und würdigen. Schmecken wir in jedem Bissen, in jedem Schluck die brennende Liebe Gottes, und stärkt das unser felsenfestes Vertrauen auf unseren Schöpfer?

Tja, liebe Gemeinde. Jesus nimmt sein Wort in Ewigkeit nicht zurück. Wir müssen merken, fühlen: Ich bin nicht mehr im Paradies. Zu diesen Menschen sagt Jesus: Selig sind, die geistlich arm sind – die, die dringend und traurig in sich erkennen, daß sie einfach nicht im Paradies sind. – Denn das Himmelreich ist ihr! (Matthäus 5, 3). Wenn wir auch nicht direkt zurück ins Paradies können, so können wir doch den Gott des Paradieses haben. Durch Buße. Denn Buße ist nichts anderes als vor Gott zugeben: Lieber Gott, ich bin so weit weit weg von dem Vertrauen. Meine Sorgen fressen meinen Leib, sie brüllen in meinem Schädel, sie stechen in meinem Herzen, sind wie Blei in meinen Füssen, verfinstern eine Augen, verstopfen meine Ohren, meine Stimme zerbröckeln sie, sie verderben meine Liebe, diese meine Sorgen. – Das ist die Stimme der Buße, die zugibt, daß ohne Gottes Geschenke nichts geht. Selig sind die geistlich Armen, denn die macht Gott reich. – Reich, nicht in Euro, sondern der härteren Währung: Reich in der Erfahrung: Gott liebt mich und seine Liebe ist in diesem Brot, in diesem Kleid, in diesem Gruß eines Mitmenschen.
Vergessen wir zwei Dinge nicht: Jesus ist das Wort Gottes, durch das Himmel und Erde geschaffen wurden. Er war dabei, im Paradies. Als Jesus der Versuchung des Teufels widerstand, war er bei den Tieren, und die Engel dienten ihm. (Markus 1, 13). Das war das Paradies mitten in der Wüste. – Und das andere: Als Jesus am Kreuz hing, hat er dem Verbrecher, der mit ihm Gekreuzigt war, und Jesus als einen König anerkannte, gesagt: „Heute wirst du mit mir – wo sein ja wo denn, in der Hölle? – im Paradies sein.“ (Lukas 23,43).
Mit Jesus kommt das Paradies zu uns. Er ist die Tür zum Paradies. Und das Entscheidende am Paradies ist, daß wir durch den Heiligen Geist Gottes Liebe wieder erkennen und schmecken. Da fängt es an. Und da haben dann Sorgen überhaupt keinen Platz. Sie fliehen. Sie weichen. Sie verkriechen sich.
Liebe Gemeinde. Daß wir nicht im Paradies sind, erfahren wir in dem Verhältnis von Mann und Frau. Jesus zitiert unseren Predigttext feierlich. Im Matthäus-Evangelium fragen ihn die Pharisäer nach der Ehescheidung. Im Gesetz des Mose gab es die Möglichkeit Ehescheidung. Jesus beschwört in seiner Antwort das Paradies: „ Habt ihr nicht gelesen: Der im Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf sie als Mann und Frau und sprach: Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein?“ – und dann fügt Jesus hinzu und unterstreicht diese Einheit von Mann und Frau als eine Wirklichkeit von Gott selbst und vor Gott: „Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“ (Matthäus 19, 4-6). Hier spricht Jesus so mit uns, wie wenn er über die Sorge spricht: Wir stehen händeringend, kopfschüttelnd, verzweifelt oder eingeschnappt vor ihm, und er nimmt seine Worte nicht zurück. Er mutet göttliche Aussagen zu. Und nur mit Gott können wir sie hören, nur mit Gottes Hilfe können wir sie annehmen.
Die Sprache ist ja ganz einfach: Gott schafft den Menschen, setzt ihn in den Garten. Dann stellt Gott, unser Schöpfer feierlich fest: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.“ Dann führt Gott alle Tiere zum Menschen, er darf sie benennen. – Nur: Der Mensch bleibt allein. Mit wem kann er denn diese Namen, diese Sprache sprechen? Die Tiere geben keine Antwort.
Dann läßt Gott den Menschen in einen tiefen Schlaf fallen. Und aus einer Rippe, oder einer Seite, der Schöpfer vom Menschen abtrennt, baut Gott die Frau. Gott führt die Frau zum Mann. Und der Mann stellt fest, ruft aus: Das ist es jetzt! – Fleisch von meinem Fleisch, Bein von meinem Bein!
Und Gott sagt über Mann und Frau: Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen, und an seiner Frau hängen, und werden die zwei ein Fleisch sein.
Was sagt uns das?

  1. Die zwei Geschlechter, männlich und weiblich, ihre Unterscheidung und ihre Einheit – das kommt von Gott. Es ist Gottes Idee. Und das heißt: Ohne Gott können wir Mann und Frau nicht unterscheiden, nicht zuordnen, und ihre Einheit nicht begreifen.
    Zwischen Mann und Frau ist Gott selbst. Das heißt: Der Unterschied kann groß genug nicht gedacht werden. Die Unterscheidung zwischen Mann und Frau ist so immens, daß nur Gott selbst einen Standpunkt hat, von dem er beide, Mann und Frau, verstehen und durchschauen und segnen kann. Wir Menschen haben diesen Standpunkt nicht. Je näher wir bei Gott sind, desto mehr werden wir uns wundern und völlig offen dafür sein, daß Mann und Frau einfach anders sind, ja, das das eine Geschlecht dem anderen ein Jenseits ist; das nächste Jenseits, das wir in diesem Leben haben. Mit Gott sind Mann und Frau einander ein göttliches Geheimnis.
    Ohne Gott ist diese Erkenntnis oder Ahnung eine Katastrophe. Wenn der Unterschied so groß ist, dann lauern doch unzählige Gefahren! Man versteht sich nicht. Man spricht mit denselben Worten eine völlig verschiedene Sprache. Es kann große Ungerechtigkeit entstehen. Stärken und Schwächen führen zu Gewalt und Lieblosigkeit. Jeder von uns wird dabei an etwas denken aus seinem Leben. Ohne Gott sind Mann und Frau einander ein Rätsel, eine Gefahr, eine Last, eine Bedrohung, vielleicht ein Abgott – oder etwas, was man verachtet. – Heute versucht man ohne Gott die Unterschiede zu leugnen, oder als eine Ungerechtigkeit darzustellen, die aus der Welt geschafft werden muß.
  2. Paradiesisch ist es wenn ein Mann und eine Frau jeweils ihr Mann- und Frausein ganz und gar in allem als Geschenk und Gabe von Gott annehmen und bejahen. Und ebenso paradiesisch ist es, wenn Mann und Frau das andere Geschlecht 100 %ig als gute Idee Gottes anerkennen und bejahen, und einander zugestehen, daß das eigene und das andere Geschlecht keine Schande, keine Last, keine Bedrohung, kein Unrecht sind.
  3. Was die menschliche Vernunft besonders ärgert ist die Ungleichheit. Gottes Wort spricht über Mann und Frau unterschiedlich. Ein Beispiel in unserem Text:
    Wir hören, daß Gott den Mann in einen tiefen Schlaf versinken läßt. Das wird nicht über die Frau gesagt. Das Bewußtsein des Mannes, seine Vernunft, seine Körperkraft – alles an ihm schläft, ist nicht aktiv. Er ist nicht dabei, wenn die Frau von Gott selbst gebildet geschaffen wird. Er hat da nichts zu melden, keinen Einfluß drauf. Wo der Mann aufhört, wo seine Grenze ist – in allem! – da fängt die Frau an. Oder: da fängt nach Gottes Willen das Weibliche an. Die Frau ist ganz und gar das andere, das gottgewollte Jenseits für den Mann. Und mit Gott bleibt es so, und ist ein Segen, ein Wunder und eine Freude.
    – Ohne Gott ist es empfindet der Mensch es dann als Fluch, als gewöhnlich, als Last, als Überforderung. Und will dann eigenmächtig das Geheimnis zerstören.
    Liebe Gemeinde. Das geschieht. Die gottlose Vernunft verlacht den göttlichen Unterschied und haßt das göttliche Geheimnis und erträgt es nicht. Sie tut alles, es los zu werden. Männer sollen Frauen werden können, und Frauen Männer. Beliebige Personen sollen heiraten können. Die Unterscheidung von männlich und weiblich soll buchstäblich beendet werden. Unser Staat gibt jährlich Abermillionen aus, das mit einer Wissenschaft herbeizuführen. Man stellt sich an Gottes Stelle. Dazu gehört zum Beispiel auch: Die Konkurrenz zwischen Mann und Frau wird auf allen Gebieten als Normalität hingestellt. Weil die Geschlechter nur scheinbar, aber nicht wirklich unterschiedlich sind, sollen sie auf dem Arbeitsmarkt, zuhause, wo auch immer, auswechselbare Konkurrenten sein. Damit wird das göttliche Geheimnis zwischen ihnen glattweg geleugnet. Gott ist dann nicht mehr dabei. Er läßt sich nicht spotten, Seine Idee wird stärker und schöner sein.
  4. Ein Mann wird Vater und Mutter verlassen. Er soll selbständig sein, mit eigener Stimme reden. Das ist er seiner Frau schuldig. Er soll genug Freiheit haben, dieses Ja-Wort aussprechen zu können. Und es ist gut, wenn eine Frau die innere Freiheit hat, diese besondere selbstständige Stimme des Mannes auch zu erkennen, zu erkennen, ob sie wirklich angesprochen, oder gemeint ist.
  5. Sie werden ein Fleisch sein. Eine neue Realität. Die Begegnung zwischen Mann und Frau ist ein Bereich, in dem Fakten geschaffen werden. Mit Gott sind diese Fakten ein Segen – bis hin zu Kindern – aber das fängt schon viel früher an. Im Paradies ist es so, daß alle Fakten zwischen Mann und Frau so herrlich und wunderbar und richtig waren, daß es keinen Gedanken darüber gab, ob man etwas davon rückgängig machen müßte. – Keine Trennung, kein Verbergen, keine Reue, keine Lüge, keine Bitterkeit – von Tötung ganz zu schweigen! – Hier stehen wir auch vor Jesus und müssen zugeben, wie weit weg wir vom Paradies sind. Das mutet Jesus uns zu. Er will, daß wir geistlich arm werden, damit er uns reich machen kann.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

14. Sonntag nach Trinitatis

Jakob ist auf der Flucht: seltsame Mischung von Segen und Schuld – immerhin hat er Bruder und Vater in einer wichtigen Sache betrogen. Der Betrug reißt ihn aus allen Systemen und menschlichen Sicherungen heraus. Das ist eine belastende Schuld.

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran 11und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. 12Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.
13Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. 14Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf 19und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus.
Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen 21und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein. Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.

1. Mose 28, 10 – 22

Lieber himmlischer Vater, segne Dein Wort an unser aller Herzen. Amen.

Liebe Gemeinde!

  1. Situation: Jakob ist auf der Flucht: seltsame Mischung von Segen und Schuld – immerhin hat er Bruder und Vater in einer wichtigen Sache betrogen. Der Betrug reißt ihn aus allen Systemen und menschlichen Sicherungen heraus. Das ist eine belastende Schuld. Er hat durch eine List den Segen seines Vaters Isaak bekommen – und damit seinen Bruder Esau beraubt. Der Vater Isaak sagt selbst: Ich kann den Segen nicht wieder zurücknehmen. Er gehört jetzt Jakob. (1. Mose 27, 35). Aber was sagt Gott dazu? Jakob ist aus allem raus. Alles ist unsicher. Alles könnte gegen ihn zählen.
  2. Traum: Jakob muß sich auf der Flucht in der Fremde schlafen legen. Mitten in der Fremde, in der Gefahr, vertraut er sich der Landschaft an – darf er sich dabei auch Gott anvertrauen? Im Schlaf, als er seiner nicht mächtig ist, träumt er. Das ist eine Begegnung des unfreien Willens. Der Traum läßt sich nicht beeinflussen. Der Traum widerfährt dem Schlafenden. Der Schlafende ist ganz und gar von der wachen Welt abgewandt, und für alle Einwirkung vorübergehend verschlossen. Seine Kräfte, Fähigkeiten, Begabungen ruhe alle. Jakob ist dieser Begegnung im Traum gänzlich ausgeliefert. Er kann ihr nicht ausweichen. Der Traum ist (zunächst) nur für Jakob eine Wirklichkeit, aber sie ist es ganz.
  3. Die Himmelsleiter: Jakob sieht eine Verbindung zwischen Himmel und Erde. Zwischen Gottes Welt und der Welt der Menschen. Wobei unsere Welt ja auch Gott gehört, aber diese Verbindung ist uns meistens verborgen. Nun wird sie ihm gezeigt, aber so, daß es ihm widerfährt, ohne freien Willen ohne Entscheidungsfreiheit.
    Die Verbindung geht in beide Richtungen: Die Engel kommen von oben bis auf die Erde herab, und sie gehen von der Erde hinauf bis in den Himmel. Das, was ganz oben ist, kommt ganz herab, bis auf die Erde; und das, was ganz unten auf der Erde ist, kommt auch ganz oben im Himmel an. Das steht nicht im freien Willen des Jakob, das zu filtern oder aufzuhalten, oder zu erzwingen. Zunächst ohne Wort – also mit offener Bedeutung. Ist es gut, ist es böse? Ist es Segen oder Fluch?
  4. Konfrontation: ich bin der Gott deiner Väter – Abrahams und Isaaks. Der Betrug an Isaak ist bei Gott angekommen. Nun ist die Situation nicht nur eine Situation zwischen Menschen, zwischen Isaak, Esau und Jakob, sondern auch und vor allem eine Situation zwischen Gott und Jakob. Und das bedeutet für den Menschen Sein oder Nicht-Sein. Jakob wird mit sich selbst und seiner Schuld konfrontiert. Die Konfrontation geschieht nicht ohne Wort. “Ich bin der HERR“. Das Ich Gottes begegnet, widerfährt dem Ich des Jakob. Wegen seiner Schuld zuhause ist er unterwegs – und deshalb ist diese Begegnung mit Gott mit einem offenen Ergebnis. Er kann es nicht beeinflussen. Wird er leben oder sterben?
  5. Die Erneuerung und Präzisierung der Verheißung: Gott wiederholt die Verheißung an Abraham und Isaak: „durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“ Das sind die Worte, die Gott Abraham und Isaak zugesagt hat. Nun hört Jakob sie. Jakob wird jetzt der Verheißungsträger. Ausgerechnet er! Dadurch wird Jakob in dieser Konfrontation durch das gegebene Wort neu geschaffen. Jakob wird zu einer neuen Person vor sich selbst, vor seiner Familie und vor der Welt. Er bleibt dabei ein „Gotteskämpfer“ – siehe 1. Mose 32.
  6. Bekenntnis: Jakob spricht beides aus – der HERR ist an diesem Ort und ich wußte es nicht. Aber jetzt weiß er es. Er macht sich die Begegnung, die Konfrontation und die Recreation zu eigen in seinen eigenen Worten. Obwohl sie im Traum, unter der Voraussetzung des unfreien Willens, stattfand, ist sie gültig, er nimmt sie an.
  7. Markierung: Name und Stein. Der Traum soll kein Schaum sein, sondern seiner Bedeutung entsprechend eingeprägt werden. Die Begegnung wirkt fort, existiert fort in dem Namen – Bethel. Haus Gottes. Und im Stein – eine Art Grenzstein „nach oben“ – zum Himmel. Markierungen sind Signale, die uns an diese Grenze „nach oben“ erinnern. Markierungen für die Sinne: Farben, Gebäude, Symbole, Namen, Formulierungen, Rituale, Liturgien, Gotteshäuser. Sie alle verweisen auf den Traum und haben ihre Bedeutung daraus.
  8. Jesus hat die Himmelsleiter höchstselbst auf sich bezogen. Im Johannes-Evangelium hören wir im ersten Kapitel, wie Jesus die ersten Jünger beruft. Sie staunen über ihn, und er verheißt dann seinen Nachfolgern: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.“ (Johannes 1, 51).
    Ganz klar bezieht sich Jesus hier auf die Geschichte der Himmelsleiter mit Jakob. Hier kommt Jakobs Traum ans Ziel.
    Deshalb muß die ganze Begegnung christologisch gelesen gehört und „angewendet“ werden.
    Das heißt:
    Die Situation Jakobs ist die Situation des Sünders: Er hab seinem Bruder Unrecht getan, er ist auf der Flucht. Unsere Sünde kommt bei Gott an, und klagt uns an. (Die Leiter nach oben). Was kommt von Oben zu uns herunter (die Leiter nach unten)? Es kommt der Segen und die Zusage Gottes: „Ich will mit dir sein.“ Jesus bezieht das auf sich selbst. Er sagt: Ich kommt vom Himmel zu euch, und mache einen neuen Anfang mit euch. Dazu gehört Vergebung und Segen.
    Wir können uns das nicht ausdenken, wir können es uns nicht selber sagen, es liegt nicht in unserem Willen. – Der Traum kam zu Jakob, der Traum widerfuhr Jakob. So widerfährt uns das Evangelium von Jesus Christus – wir können es nicht machen oder herbeiholen.
    Jakob erwacht und erkennt: Gott ist hier. So erwacht der Christ durch das Evangelium: Gott ist in Jesus zu uns gekommen. – Ein Stein wird errichtet, ein Haus gebaut. Das ist die Kirche, das Haus Gottes, in dem wir uns mit anderen Christen versammeln. Das Haus Gottes, in dem wir Sein Wort hören und das Sakrament des Neuen Testaments feiern, versichert uns, daß wir nicht träumen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

13. Sonntag nach Trinitatis

Auch Apostel kommen an ihre Grenzen.

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, daß wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.
Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia.
Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.
Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Apostelgeschichte 6, 1-7

Gott Heiliger Geist, baue Dein Reich bei uns durch Menschen, die Du rufst und begabst. Amen

Liebe Gemeinde!

Auch Apostel kommen an ihre Grenzen. Die Apostel hatten zu Pfingsten 3000 Menschen getauft – es war der Geburtstag der christlichen Kirche. Der Heilige Geist, den Jesus vor seinem Tod angekündigt und verheißen hatte, war gekommen und wirkte mächtig. Die Gemeinde wuchs täglich.
„Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.
Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.
Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.“ (Apostelgeschichte 2, 45-47).
Wo Menschen zusammenkommen, muß organisiert werden, und wo organisiert wird, muß man sich verstehen, und den Überblick behalten.
Die große Freude, bei Gott angekommen zu sein, wurde getrübt und bedroht.
Und so hören wir heute, daß es Unzufriedenheit gab: Die Versorgung der griechisch sprachigen Witwen kam zu kurz.
Dazu muß man wissen: Die ersten Christen waren zum allergrößten Teil getaufte Juden. In Jerusalem lebten einerseits die einheimischen Juden, die Aramäisch sprachen, ähnlich wie Hebräisch, die Sprache des Alten Testaments. Die Juden aus dem Ausland sprachen überwiegend Griechisch, die damalige Weltsprache. Man kann annehmen, daß Jesus neben Aramäisch auch Griechisch gesprochen hat. Viele ausländische Juden zogen nach Jerusalem im Alter, um einmal in der Heiligen Stadt begraben werden. Und so kann man sich vorstellen, daß es griechisch sprachige Witwen gab, die sich hatten taufen lassen. Durch die Taufe fielen sie aus dem jüdischen Wohlfahrtssystem heraus. Das war damals gut organisiert. Hinzu kam, daß sie weniger Verwandtschaft vor Ort hatten, und dann auch noch eine Fremdsprache sprachen. Ergebnis: Sie wurden übersehen bei der täglichen Versorgung.
Wo so viele Menschen neu zusammengefügt werden, muß man sich verstehen, und muß man den Überblick behalten. Das klappte an dieser Stelle nicht. Die Gemeinde wuchs – das ist erfreulich und ein Geschenk Gottes. Aber dieser Segen brachte auch Herausforderungen, ja Nöte. Unzufriedenheit.
Es mußte etwas geschehen, und zwar schnell! Denn die Kirche ist der Leib Christi und Paulus schreibt: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ (1. Korinther 12, 26). Freud und Leid wird geteilt und gemeinsam getragen, wie es irgendwie geht.
Was taten die Apostel?

  1. Auf jeden Fall nahmen sie die Situation ernst. Die Not der griechisch sprachigen Witwen wird nicht als unwichtig abgetan. Es wird nicht gesagt: „Das ist nicht Theologie, also geht es uns nichts an!“. Die Liebe Gottes führt sie dazu, die Liebe zum Nächsten, vor allem zu Mitchristen, zu verwirklichen. Es muß eine Lösung gesucht werden. Und mit Gottes Hilfe finden sie eine Lösung.
  2. Bei der Lösung beziehen sie die Gemeinde mit ein. Es heißt: „Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen …“ – Die Apostel sind sich einig, also es werden nur Lösungen auf den Tisch gebracht, die die Apostel gut heißen. Doch die Lösung wird nicht ohne Mitsprache und Zustimmung der Gemeinde aufgezwungen. Es ist transparent und öffentlich. Die gemeinsame Grundlage des Glaubens – die Apostel haben keinen anderen Glauben als die Gemeinde insgesamt – und das gemeinsame Vertrauen auf Gottes Leitung ist die Basis, auf der Apostel und Kirche handeln. Vieles, was hier passiert, sieht ähnlich aus, wie das, was in der Welt passiert. Aber es ist anders. Es ist weder Demokratie, noch Diktatur, oder irgendwas dazwischen. Das ist in der Kirche und in der Gemeinde bis heute so. Der Heilige Geist wirkt durch Amtsträger, in der Gemeindeversammlung – aber man kann nicht sagen: Hier überstimmt die Gemeinde den Pastor oder den Vorstand, oder hier diktiert der Pastor oder der Vorstand und setzt sich gegen die anderen durch. Es scheint, wie Politik und Macht zu sein, ist aber etwas ganz anderes.
  3. Dann kommt die Grundentscheidung: „Es ist nicht recht, daß wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.“ Das sagen die Apostel. In der Kirche Jesu Christi, die immer auch apostolische Kirche ist, da hat das Wort Gottes den Vorrang. Das muß sein. Die Not der Witwen kann nicht dahin führen, daß nicht mehr gepredigt wird. Das ist keine Entscheidung gegen die Fürsorge. Es ist eine Entscheidung für das, was uns und diese notleidenden Witwen überhaupt zusammengeführt hat. Das Wort Gottes schafft erst einen Leib aus uns allen, fügt uns in den Leib Christi ein; durch das Evangelium geht uns die Not der griechischen Witwen überhaupt was an. Darum ist es in der Kirche er Apostel keine Frage: Es muß die Heilige Schrift gepredigt und ausgelegt werden. Die Gottesdienste sind nicht verhandelbar. Wenn das feststeht, dann kann über alles andere gesprochen werden. Wenn das nicht feststeht, dann fällt der Grund auch weg, warum die Gemeinde ein Problem erkennt und eine Lösung sucht.
    Wenn die Apostel nicht so gesprochen hätten, dann hätte die Gemeinde darauf bestehen müssen: „Liebe Apostel: Das Wort Gottes muß gesagt und gehört werden; für die Gemeinde muß gebetet werden. Jeder trägt dazu bei, das zu ermöglichen. Ihr Apostel müßt dann aber auch predigen und beten.“ – Nun, soweit kam es in Jerusalem nicht. Aber die Gemeinde muß es sagen, wenn es nötig ist, und der Heilige Geist wird ihr dabei helfen.
  4. Dann wird es konkret: „Darum, liebe Gemeinde, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.“ Jetzt ist die Gemeinde gefragt. Gott teilt Gaben aus, Gott bringt Gaben und Aufgaben zusammen. Und der Heilige Geist schafft das. Christen mit Gaben und Aufgaben in der Gemeinde führt Gott zusammen. Wieder: es sieht weltlich oder politisch aus, ist es aber überhaupt nicht. Weder drängt sich einer auf, mit Kampagne oder irgendwas, noch zwingt eine Mehrheit einer Minderheit ihren Willen auf. Sicher: Man spricht, man fragt, man überlegt … aber am Ende ist es Gott selbst, der ruft. Denn der Grund, weshalb die Gemeinde überhaupt zusammen ist, und Aufgaben erkennt und anvertraut ist ja der: Das Evangelium hat uns zusammengeführt. Diese Überzeugung ändert alles. Die Diakone, oder Helfer sollen „ … einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit“ sein. Also im Gottesdienst und im Gemeindeleben bekannt und vertraut. Es ist nicht zu unterschätzen, was es bedeutet, das Gottes Gemeinde dahintersteht, und mitträgt, und im Vertrauen den Dienst von Mitarbeitern annimmt. Und umgekehrt, liebe Gemeinde: Laßt uns diese Dienerinnen und Diener annehmen und würdigen als Geschenke Gottes. Auch das ist anders als in der Welt. Wir schmeicheln uns nicht gegenseitig, und lassen uns nicht von Ehrgeiz oder Neid treiben. Nein. Sondern wir sind dankbar und „kommen einander in Ehrerbietung zuvor“ (Römer 12, 10). Kennen wir unsere Kirchenvorsteher, unseren Rendanten, unsere Küsterinnen, unsere Kirchenmusiker, und die praktischen Helfer? Ohne das Evangelium ohne den Heiligen Geist hätten wir nichts miteinander zu tun. Durch das Evangelium sind wir im Leib Christi miteinander verbunden und erleben an diesen Helfern, daß der Leib Christi eine Realität ist.
  5. Dann wiederholen die Apostel das, was notwendig und unverhandelbar das Fundament ist: „Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.“ Hier möchte ich mal einen paradoxen Satz wagen, einen Widerspruch: Je weniger die Helfer Apostel sind, um so mehr sind sie apostolisch. Je weniger, desto mehr. Das scheint ein Widerspruch zu sein. „Mehr“ und „weniger“ zugleich. Wie geht das? „Weniger Apostel sein“ – damit meine ich: Nicht mit dem Predigt- und Gebets-amt konkurrieren. Sondern es ganz und gar anerkennen und annehmen. Nicht versuchen, es zu ersetzen, oder zu schmälern, oder für überflüssig halten. Das ist eine Versuchung. Die Apostel waren auch nur Menschen, ja Sünder. Da konnte es mal schwierig werden, ihren Dienst anzunehmen und anzuerkennen. Es konnte der Gedanke aufkommen: „Das kann ich auch, das kann ich besser, das kann ja jeder.“ Doch das Apostelamt war keine menschliche Fähigkeit, sondern eine Aufgabe, die Gott gegeben hat. Da ist es eine Sache des Glaubens, dennoch das Evangelium und den Dienst um Gottes Willen anzunehmen.
    Umgekehrt konnte es auch für die Apostel eine Versuchung sein, sich auf menschliche Weise beliebt zu machen. Die Hungernden zu speisen – dagegen wird niemand etwas haben. Das kann sofort populär machen. Aber das Evangelium von dem Kreuz und der Auferstehung Jesu zu predigen – das ist ein Risiko. Das sieht nicht jeder ein. Oder „Ganz beim Gebet“ zu sein – wie überflüssig erscheint das der menschlichen Vernunft! Da möchte man lieber mal etwas tun, das auch die Welt draußen toll findet, wie zum Beispiel Hungernde speisen. Dann haben wir mehr leibliches Wohl. Aber wo bleibt das Wort Gottes? Wenn der Apostel nicht apostolisch ist – was dann? Wenn er nicht mehr predigt und betet? Jesus sagt: „Wenn das Salz nicht mehr salzt, dann ist es überflüssig und kann weggeschmissen werden.“ (Matthäus 5, 13).
    Darum- die Apostel müssen bei ihrer Aufgabe bleiben! Und die Helfer sollen das anerkennen und annehmen als eine Notwendigkeit. Also nicht in Konkurrenz mit ihnen treten, sondern: Auf der Grundlage der Predigt und des Gebets folgt alles andere. Diakonie, Kirchenmusik, Organisation von Festen, Finanzen. Wenn das mit Anerkennung des Evangeliums getan wird, dann ist es nicht nur Organisation, oder Musik oder Buchhaltung, sondern es ist apostolische Speisung der Hungernden, apostolische Musik, apostolische Buchhaltung. Direkt von und mit dem Heiligen Geist. – Gut, wir hören dabei nicht auf, Menschen und leider auch Sünder zu sein. Aber wir sind lebendige Glieder am Leib Christi, und unterwegs zum ewigen Leben.
    Vollständigkeitshalber: Für diese Gemeinde wird gebetet. Mit wenigen Ausnahmen täglich.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

12. Sonntag nach Trinitatis

Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit Euch allen, Amen.

Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.
Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.
Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,  so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird’s klarmachen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.

1. Korinther 3,9-13

Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist wende Dich uns zu und erfülle Deinen guten, gnädigen Willen an uns durch das, was wir hören. Amen.

Liebe Gemeinde!

Diese Worte handeln von uns. „Ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.“ Eine christliche Gemeinde, eine christliche Kirche definiert sich nicht selbst. Sie bestimmt sich auch nicht selbst. Wir sind Gottes Arbeitsfeld, Gottes Werkstatt, Gottes Bau. Wie ich mich selbst sehe, ist nicht die ganze Wahrheit. Wie andere mich sehen, ist nicht die ganze Wahrheit. Ich durchschaue mich nicht selbst; mein Ehepartner durchschaut mich nicht, meine Eltern, meine Kinder, mein Lehrer, mein Arzt – sie alle durchschauen mich nicht. Mein Freund, mein Feind. Sie auch nicht. Denn ich bin Teil von Gottes Bau. Ich bin bei Gott in Arbeit. Ich stecke in einem Prozeß drin, der mit dem ewigen Leben ans Ziel kommt. Darum bin ich wirklich mehr, als ich selber – oder andere – sehen kann.
Ihr seid Gottes Bau. Gott hat etwas mit mir vor. Aber was? Und wie weiß ich das?
Vorher sagt der Apostel Paulus ja: „Wir sind Gottes Mitarbeiter“. Paulus als Beauftragter und Gesandter Gottes ist auch das Werkzeug, mit dem Gott an der Gemeinde, also an uns, und an mir, aber auch an allen Christen und der Kirche, arbeitet, baut. Was tut Paulus? Paulus will nichts anderes, als Jesus Christus bezeugen. Er predigt das Evangelium. Er tauft. Er deckt auf, wie sehr wir Menschen uns selbst und anderen schaden, weil wir ohne Gott, gegen Gott leben. Paulus ruft zur Vergebung, lädt dazu ein. „Hier ist Gnade! Hier wird das zerbrochene Herz geheilt (Introituspsalm heute), hier werden Augen und Ohren geöffnet.“ – Menschen suchen Gott – hier ist Er zu finden. Menschen wollen Gott erfahren und begegnen – in dem, was der Apostel tut, ist Gott selbst am Werk. – Natürlich kann man sagen: „Was? Ist das alles? Sollen diese bescheidenen Handlungen das Größte sein? – Predigen und Predigthören, Taufen und getauft werden, das Sakrament des Altars feiern.
Nun. Kurz nachdenken: So hat Gott seine Kirche bis auf den heutigen Tag in aller Welt gebaut und erhalten. Er tut es wirklich so. Und es ist unsere Blindheit, unsere Taubheit, die uns hindert, das einzusehen. Oder mußte Jesus nur einmal – wie im Evangelium heute – einem Taubstummen damals in Israel „Hefata!“ sagen: „Tu dich auf!“ Das war ein Zeichen. Es sollte alle dahin bringen, zu sagen: Tu auch bei mir auf! – Sehen wir denn Gottes Liebe einfach so? Nein. Eher rümpfen wir die Nase, oder verzweifeln, oder sind mit schäbigem Ersatz zufrieden. Da kommt der Sohn Gottes und sagt: Tu dich auf! – Und der Apostel Paulus sagt das weiter. Jeder Gottesdienst ist ein Termin mit unserem Arzt Jesus, der uns behandelt, der seufzt, weil er die Last, die uns drückt, deutlicher erleidet, als wir es selber tun.
Doch die Grundlage muß da sein.
„Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.
Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ – Gott hat durch Paulus und die anderen Apostel das Fundament gelegt. Gott kann das. Er kann uns durch Menschen zu Seiner Baustelle machen.
Nun muß man aber genau zuhören. Ein Fundament ist schon da. Alles muß auf dem Fundament aufbauen. Ich muß das Fundament kennen und anerkennen. Wir sind Kirche und Gottes Baustelle, weil Paulus und die anderen Apostel die Grundlagen mit Gottes Hilfe geschaffen haben. Sie haben so über Jesus gesprochen, daß alle Menschen, in diesen Worten Jesus dem Gekreuzigten und Auferstandenen begegnen. Die Kirche muß sich niemals neu erfinden. Jeder Christ muß diese Grundlage kennen und auf sie sich verlassen. Darum hören wir immer wieder Epistel und Evangelium im Gottesdienst. Über die Taufe sagt Paulus: Wer getauft ist, der ist mit Christus gestorben, und er wird mit Christus aus dem Grab auferstehen. Das Wasser der Taufe tut das nicht, sondern das Wasser ist mit der Grundlage, mit dem Fundament verbunden. – Als die Frauenkirche in Dresden wieder aufgebaut wurde, da hat man jeden Stein durchnummeriert – und damit hatte er dann seinen Platz. Er durfte nicht weggeschmissen werden oder beschädigt werden. So hat unser Henri heute durch die Taufe das Kreuzeszeichen bekommen – Gott will und wird ihn in Sein Gebäude einfügen, Gott hat Großes mit ihm vor. Jeder der getauft ist, hat die heilige Pflicht, das ganz fest zu glauben: „Gott hat Großes mit mir vor! Ich trage das Zeichen an mir, daß ich nicht weggeworfen oder beschädigt werden darf.“
Es ist ganz wichtig, daß wir diese Grundlage nicht nur wissen, sondern auch anerkennen. Wir kommen dazu. Wir werden Teil von etwas, was schon da ist. Die Kirche ist schon da. Der Glaube ist schon da. Wir richten uns nach ihm, er richtet sich nicht nach uns. Denn wir wollen ja von Gott definiert werden, Gott soll uns doch in Sein Haus einbauen.
Jesus Christus ist das Fundament. Was heißt das? Schon früh hat man in der Kirche gemerkt, daß eine Unterscheidung wichtig ist: Jesus ist ein Vorbild, aber vor allem Gottes Gabe. Wenn ich Jesus nur als ein Ideal sehe, als den perfekten Menschen, der uns zeigt, wie ein ideales perfektes Leben sein soll, dann bin ich noch nicht auf der richtigen Grundlage. Vor allem werde ich das Ideal ja niemals erreichen. Doch Jesus ist vor allem Gottes Gabe, Gottes Geschenk. Er ist aus Liebe zu uns gekommen – vor allem, um uns zu helfen. Um Gottes Vergebung und Liebe zu bringen. Da fängt der Glaube an. Da werden wir Teil von Gottes Baustelle, wenn wir erkennen, daß Jesus Christus der Helfer ist. Paulus und die Apostel hatten die größte Mühe, diese Erkenntnis rüberzubringen.
Und damit sind wir schon bei dem letzten Abschnitt unseres Predigttextes:
„Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird’s klarmachen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.“
Wir Christen tun vieles in unserem Leben. Bauen wir aber alles auf den Grund, den Paulus gelegt hat. Stützen wir uns immer wieder auf Gottes Geschenk der Gnade und der Vergebung? Paulus sagt, es gibt Baumaterial, was bleibt, und es gibt Vergängliches. Ein Haus soll permanent sein, beständig. Also wird Gott das solide Baumaterial behalten, und das andere entfernen.
Es gibt Gold, Silber und Edelsteine. Das alles wird bleiben. Was könnte das sein? Es muß das sein, was Gott selbst in uns schafft. Und, wir haben es schon gehört, Gott schafft in uns durch Seine Assistenten und Werkzeuge. Das sind die Menschen, die uns in Gottes Baustelle bringen. Gold, Silber, Edelsteine – das ist vor allem ein festes Vertrauen auf Gott. Es ist aber auch Buße – Reue über die eigene Gottlosigkeit. Es ist das dringende Gebet zu Gott: Laß mich Deine Baustelle sein! – Es ist aber auch der Abschied vom Egoismus, der Abschied von aller Maßlosigkeit. Sich mit Konsum vollstopfen ist auf jeden Fall nicht Silber in Gottes Baustelle! Dankbarkeit für Gottes Gaben ist auf jeden Fall Gold. Edelsteine? – Sich als Christ zu erkennen geben, zum Beispiel – aber immer auch so, daß ich bekenne, wie Jesus ein Geschenk ist – daß ich also seine Vergebung brauche, daß er für mich hierher gekommen ist. Edelsteine können auch sein: Im Namen Jesu auf Rache verzichten.
Gold, Silber und Edelsteine gibt es aber nur dort, wo ich das alles zuerst für Gott tue.
Zwei Faktoren verwandeln alles in Holz, Heu und Stroh: Menschenfurcht und Menschengefälligkeit. Wenn ich mich von Menschen definieren lasse, dann gibt es was zu sehen, aber es wird nicht halten.
Paulus spricht vom Feuer. Es kommen Zeiten und Stunden, in denen es sich zeigt, ob das Material taugt. Zu diesem Feuer gehört zum Beispiel: Leiden. Krankheit. Oder Enttäuschung. Da muß ich das Fundament kennen! Da hilft es mir nicht, wenn ich Menschen zu Gefallen war. Das Feuer des Zweifels. Da hat jeder Mensch eine andere Meinung, wem soll ich dann trauen? Gottes Edelsteine müssen her! Die Worte seiner Diener, die nicht aufhören zu sprechen, und sich tausendmal bewährt und durchgesetzt haben. Die muß ich kennen! – Oder das Feuer einer Katastrophe, daß eine Inflation kommt, oder politische Unsicherheit, wo ich nicht mehr weiß, wem ich vertrauen kann. Das Feuer zeigt es dann: Gold wird im Feuer noch reiner, alles, was nicht Gold ist, wird im Feuer entfernt. Wenn ich also Beten kann, wenn ich ohne Zögern Gott alles in seine Hände legen kann – im Feuer wird das nur noch mehr als ein Gold aufleuchten.
Oder das Feuer der Anklage im Gewissen: Wenn ich erschrecke über meine eigene Lieblosigkeit und Oberflächlichkeit. Wenn ich dann weiß, daß Jesus gekommen ist, das Verlorene zu suchen, und die Beichte kenne, und alle diese Dinge im Abendmahl Gott vor die Füße legen kann – im Feuer der Anklage und des Zweifels werden diese Schätze funkeln und eine Kraft verbreiten.
Und vergessen wir nicht das Feuer des Todes. Da helfen nur noch die Dinge, die Gott Selbst in unser Leben hineingelegt hat.
Im Feuer wird das, was aus Menschenfurcht und Menschengefälligkeit entstanden ist, wie Heu, Stroh und Holz zu Asche werden.
Wenn ich aber Gold, Silber und Edelsteine habe, dann kann ich der Krankheit sagen: Krankheit, du bist da. Aber ich sage dir, Gott ist mit mir noch nicht fertig. Hier ist das Zeichen, ich bin ein Baustein in seinem Haus. Dann werde ich hoffentlich im Feuer der Anklage im Gewissen sagen können: Anklage, du bist da. Aber du definierst mich nicht, denn ich bin Gottes Baustelle. Er ist mit mir noch nicht fertig.
Dann wir auch der Heilige Geist selbst in uns sagen: Tod – du kommst, aber du wirst mich nicht behalten, ich bin getauft, Gott hat gerade jetzt Großes mit mir vor.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

11. Sonntag nach Trinitatis

Wer staunt, oder erschrickt, der ist Gott näher, als jemand, der nicht staunt oder nicht erschrickt.
Jesus erstaunt und erschrickt seine Hörer mit diesem Gleichnis, denn er will, daß sie Gott begegnen. Und das ist die gnädigste und freundlichste Methode, einen Menschen zu Gott zu bringen, wenn man mit ihm spricht – zum Beispiel ein Geschichte erzählt, wie Jesus hier.

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit Euch allen, Amen.

Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:
Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner.
Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
Gebet: O Herr Jesu, wir wollen auch gerechtfertigt nach Hause gehen! Bring uns durch den Heiligen Geist dorthin, wo Du uns erhöhen kannst und wirst. Amen.

Lukas 18, 9-14

Liebe Gemeinde!

Wer staunt, oder erschrickt, der ist Gott näher, als jemand, der nicht staunt oder nicht erschrickt.
Jesus erstaunt und erschrickt seine Hörer mit diesem Gleichnis, denn er will, daß sie Gott begegnen. Und das ist die gnädigste und freundlichste Methode, einen Menschen zu Gott zu bringen, wenn man mit ihm spricht – zum Beispiel ein Geschichte erzählt, wie Jesus hier.
Pharisäer und Zöllner – das sind zwei Extreme. Der Pharisäer kann nichts falsch machen, und der Zöllner kann nichts richtig machen. Der Pharisäer bemüht sich in jeder Situation nach dem Willen Gottes zu fragen, und dann nach seiner Erkenntnis zu handeln. Der Zöllner hat mit dem Feind des Volkes Gottes – den Römern – einen Bund geschlossen, nun kann er erpressen, betrügen, sich bereichern, so wie es ihm paßt oder wie er es schafft. Der Pharisäer braucht nicht zu hoffen, denn er ist auf der sicheren Seite. Er ist so gut, daß er als Vorbild alle andere belehren und beraten kann – und so von seinem Gutsein abgeben kann – ja wer ihn gut findet, der ist dadurch schon selber gut. Der Zöllner hat keine Hoffnung, denn er ist gefangen im Netz, in der Falle des Bösen. Er ist so schlecht, daß er sein Schlechtsein teilen kann – wer mit ihm an einem Tisch sitzt und ißt, der ist auch böse – ja, wer nicht voller Abscheu und Erregung auf ihn zeigt, und sich von ihm distanziert, der ist genau so böse, wie er.
Man merkt schon, das muß ein Drama geben, wenn Jesus eine Geschichte mit diesen beiden erzählt.
Sie gehen beide hinauf in den Tempel, um zu beten.
Das ist erstmal gut.
Wer nicht betet, was soll Gott mit dem anfangen? Wer nicht betet, hat keinen Gott. Wer betet, hat Zukunft. Wer nicht betet, ist schon Vergangenheit.
Also. Das haben die beiden gemeinsam, wenn sie auch sonst grundverschieden sind. Es ist nur die Frage, welche Zukunft Gott für diese Betern bereithält.
Mit wenigen Worten stellt Jesus uns den Pharisäer vor Augen. „Er stand für sich und betete so“ – er tritt in den Tempel ein wie in sein eigenes Zuhause. Hier gehört er hin. Überall bekommt er den Ehrenplatz – warum nicht auch hier? Jeder kann ihn sehen und ihm Recht geben. Das paßt so zusammen.
„Ich danke Dir, Gott“ – das kann sich hören lassen! Anders als die meisten Menschen, die immer nur von Gott etwas haben wollen, Ihn belästigen mit Wünschen und Bitten – Gott soll die Probleme lösen, die sie sich selbst gemacht haben. Nein! Dieser Mann weiß, was sich gehört. Er sagt „Danke!“. Wofür? – „Daß ich nicht bin, wie andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“ – Heutzutage, wenn man von Pharisäern spricht, dann meint man damit „Heuchler“. Doch dieser ist kein Heuchler. Er ist kein Räuber, kein Betrüger, kein Ehebrecher. Mit Gottes Hilfe. Das kann ihm niemand nachsagen. Nicht nur das! Er fastet zweimal in der Woche, und gibt 10% von allem, was er hat. Dazu ist zu wissen: Er tut mehr, als das Gesetz vorschreibt. Das Gesetz des Mose kannte Fasten für alle Israeliten am großen Versöhnungstag. Darüber hinaus war Fasten freiwillig. Natürlich half es beim Beten, und war gesund. – Zweimal in der Woche, das war Überproduktion, Planübererfüllung. Das schaffte nicht jeder, das kann man sagen! – Und den Zehnten sollte man geben. Das ja. Aber nur von dem, was man selbst geerntet hatte. Pharisäer hatten aber Zweifel, ob jeder Bauer auf dem Markt es so genau nahm. Es konnte ja sein, daß man etwas gekauft hatte, das noch nicht durch den Zehnten geheiligt worden war. Also gab der Pharisäer den Zehnten „von allem, was er hatte.“
Damit konnte der Pharisäern allen sagen und zeigen: „Seht? Es geht! – Ihr habt es nur noch nicht richtig versucht! – Wenn ihr es wirklich wollt, dann klappt das. Schaut auf mich!“ –
Ist das noch ein Gebet? Der Pharisäer dankt. Aber dankt er Gott für Seine Gaben? Sieht der Pharisäer denn seine Leistungen als Gottes Geschenke? Wenn er das wirklich täte, dann müßte er doch auf die Knie fallen und irgendwie staunen. Staunen über Gottes Güte, Gottes Großzügigkeit – Staunen darüber, daß so etwas sogar in seinem Leben möglich ist. Staunen darüber, daß das von Gott kommt.
Das ist das eine. Das andere wäre: Noch auf den Knien Gott bitten um Hilfe für „diesen Zöllner“. – Lieber Gott hol ihn heraus aus seiner Verstrickung, aus seinem Gefängnis!
Oder die Bitte: „Lieber himmlischer Vater, bewahre mich davor, schuldig zu werden, meinem Nächsten zu schaden.“ – Also kein Erschrecken über die gefährliche Lage des Zöllners, kein Erschrecken darüber, daß er selber plötzlich fallen könnte, und einen Fehler machen.
Kein Erstaunen, kein Erschrecken.
Finde den Fehler!
Wenn der Pharisäer nicht lügt – und das tut er nicht! – was denn sein Fehler? Denn Jesus sagt klar: Er ging nicht gerechtfertigt nach Hause, der Zöllner schon. Kein Mensch wäre darauf gekommen, daß der Pharisäer daneben liegt. Sein Fehler ist, daß er aus Gott einen Pharisäer macht. Er kopiert sich selbst in Gott hinein. Weil der Pharisäer mit sich zufrieden ist, dann soll Gott auch mit ihm zufrieden sein. Wenn alle Menschen den Pharisäer toll finden, dann muß Gott ihn auch toll finden. Der Pharisäer vergleicht sich mit den „anderen Leuten“ und mit „diesem Zöllner“ und stellt fest: Ich faste mehr, ich gebe den Zehnten besser – und sündige nicht, wie sie. Also kann Gott nichts gegen mich haben. Und wenn Gott nichts gegen mich haben kann, dann, ja dann habe ich alles erreicht.
Er hat sich selbst erhöht. „Gott hat nichts gegen mich, also muß er mich mögen.“
Ist Gott so?
Vielleicht kann der Pharisäer nur dann einen Menschen mögen, wenn er bei dem Menschen keine Fehler findet, vielleicht kann er nur dann einen Menschen anerkennen, wenn er von ihm bewundert wird.
Finde den Fehler!
Immer wieder warnt Jesus davor, daß wir uns mit anderen vergleichen. Der Pharisäer erhöht sich, indem er vergleicht. „Ich bin besser als dieser Zöllner, also bin ich gut.“ Damit ist er ´raus. Gott kann mit ihm nichts anfangen.
In der Bergpredigt sagt Jesus: „Wenn du Almosen gibst, dann soll deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut.“ – Warum? Ganz einfach: Dein Almosen ist ganz bei dem Mitmenschen, und nicht mehr bei dir! Es kommt bei Gott an, wenn es dich verläßt. Dann ist die Liebe selbstlos. – Sonst, so warnt Jesus, hast Du deinen Lohn dahin; schon gehabt. Wenn du Almosen gibst und dich darin spiegelst und vergleichst, dann ist dieser Vergleich alles, was du daraus haben wirst, dieser kurze Augenblick der Selbsterhöhung ist dein Lohn.
Aber: Deine gute Tat gehört deinem Nächsten und Gott. Dir nicht. Und wirkliche Liebe versteht das.
Der Pharisäer im Gleichnis muß Gott nochmal alles aufzählen, was er alles richtig getan hat, als ob es noch nicht bei Gott angekommen ist. Als ob das Gute erst durch den Vergleich mit anderen bei Gott ankommt. Wird Gott den Zöllner auch so verachten? Und wenn nicht? Ist der Pharisäer dann noch der bessere?
Finde den Fehler!
Jesus hatte kein Problem damit, daß der Pharisäer fastete, den Zehnten gab, und bestimmt nichts dagegen, daß er kein Räuber, kein Mörder, kein Ehebrecher war.
Der Fehler war: Er merkte nicht, wie sehr er Gott brauchte. Der Fehler war: Gott will nicht nur keine Probleme mit ihm haben; Gott will ihn lieben. Und hätte der Pharisäer aus Liebe gehandelt, dann wäre sein Fasten, seine Spenden, sein ganzer Anstand im Verborgenen aus Liebe bei dem Nächsten und bei Gott angekommen, und nicht mehr bei ihm. Seine guten Taten waren nicht die Früchte seines Gottvertrauens. Gott muß durch Beweise, Leistungen, Vergleiche, Zahlen bewegt werden. Das kommt bei Gott nicht an.
Über den Pharisäer wäre noch viel zu sagen. Doch bevor wir uns noch dabei erwischen, daß wir sagen: Danke Gott, daß ich nicht bin wie andere Menschen, zum Beispiel wie jener Pharisäer! – Wenden wir uns noch unbedingt dem Zöllner zu!
Er ist sich nur zu bewußt, daß etwas nicht stimmt. „Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust“ – Er traut sich nicht. Und das aus gutem Grund. Gott ist ganz weit weg. Der ganze Betrug, die ganze falsche Freude, der hohle Glanz, bricht über ihn herein. Der hilflose Zorn seiner Opfer holt ihn ein. Die ganze Anstrengung, seine Lebenslüge aufrecht zu erhalten wird ihm bewußt und brennt auf seiner Seele. Er steht von Ferne – denn er fühlt es: Jede Begegnung wird eine Anklage, jeder, der ihn sieht, wird ihn durchschauen, den Kopf über ihn schütteln und sich abwenden. Er kann die Augen nicht zum Himmel heben, denn er weiß: „Für mich gibt es keine Hilfe, es spricht alles gegen mich. Gott ist mein Feind, ich hab ihn zu meinem Feind gemacht.“ – Doch dann geschieht das Wunder: Er spricht: „Gott, sei mir gnädig, ich bin ein Sünder.“ Lieber Gott, es muß etwas geschehen, ich weiß nicht was! Das Leid, was ich durch Erpressung, Schadenfreude und Gier meinem Nächsten angetan habe, das verfolgt mich, und läßt mir keine Ruhe. Gib mir, was ich nicht in mir finden kann – Gott sei mir Sünder gnädig!
Das ist kläglich im Vergleich zum Pharisäer, ja peinlich. Also der Pharisäer wäre lieber gestorben, als so etwas zu sagen. Dieser Zöllner hat sich erniedrigt. Aber nicht so, wie man es denkt. Er hat sich einfach nichts vorgemacht. Er hat gebeichtet, die Wahrheit gesagt. Aber und das ist entscheidend: Vor Gott, als Gebet. Keine Grübelei, und Gedanken, die im Kreise drehen, keine Selbstanklage, oder Selbstbejammerung. Auch keine Fingerzeige auf alle anderen, die eigentlich schuld sind. Sondern: ICH. UNTEN. GOTT.
Aah, sagt Gott. Da haben wir ja was! Guck an. Der ist was für mich, sagt Gott. Jesus sagt: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause. Gott wird ihn erhöhen, Freiheit schenken. Und das, wohlgemerkt, liebe Gemeinde, bevor er auch nur einen Beweis geliefert hat, daß er was kann. So wie der Schächer am Kreuz, der sich dem Gekreuzigten zuwendet, und Jesus sagt zu ihm: „Heute wirst Du mit mir im Paradies sein.“ –
„Sich selbst erniedrigen“ – Das wird nie populär sein. Ich hatte überlegt, wie kann man es anders sagen? „Gott groß sein lassen“? oder: „Gott Raum geben“? – Das ist alles auch wahr. Aber der Schrecken über sich selbst, und das Staunen über Gott. Das muß sein. Und nicht Staunen über sich selbst und Schrecken über die Anderen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

10. Sonntag nach Trinitatis

Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist,
daß ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlaß in meinem Herzen habe.

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist,
daß ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlaß in meinem Herzen habe.
Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch,
die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen,
denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

Römer 9, 1-5

Liebe Gemeinde!

Tränen, Trauer, Schmerz – da ist Not, und wo Not ist, da wird alles andere erst einmal unwichtig. Wenn ein Kind weint, dann muß alles andere erst einmal warten. Wenn ein wichtiger Mensch traurig ist, dann wende ich mich ihm zu, und trage den Schmerz mit, und tue was ich kann, den Schmerz zu lindern, oder noch besser: zu beseitigen. Weg damit!
Schmerz ist etwas, das nicht sein soll, oder ein Zeichen von etwas, das nicht sein soll, und dringend, aus Not, besser gemacht werden muß.
70 Jahre nach Christus, also nicht ganz 40 Jahre nach Kreuz und Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus, wurde Jerusalem vom den Römern und Titus erobert und zerstört. Ein erbitterter Kampf mit furchtbaren Verlusten ging zu Ende. Eine unvorstellbare Erschütterung, scharfer Schmerz für das Volk Israel. Die Klagemauer in Jerusalem legt Zeugnis ab für eine tiefe Trauer über diese Katastrophe. Der Tempel – der Ort der Gegenwart Gottes, der Mittelpunkt der Religion Israels und Ort der Verheißung und Hoffnung, wurde dem Erdboden gleich gemacht, und damit der Gottesdienst Israels nach dem Gesetz des Mose mit seinen Opfern und der Priesterschaft unmöglich. Das ist bis heute so. Und bis heute wird das mit Tränen beklagt. Ein Schmerz und eine Not.
Und wir Christen? Warum ist dieses Ereignis in unserem Kirchenkalender? – Übrigens nicht ohne Diskussion und Debatte! – Was machen wir heute? Schauen wir schadenfroh auf diese Niederlage? Oder stimmen wir mit ein in die Klage Israels?
Weder, noch! Beides nicht!
Wie in allen Fragen, so müssen wir uns hier auch vom Wort Gottes in der Heiligen Schrift leiten lassen.
Im Evangelium haben wir von den Tränen unseres Herrn Jesus Christus gehört. Er weint über Jerusalem – warum? „Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zu deinem Frieden dient!“ – Jesus weint, weil Israel ihn nicht als den Messias, als den Erfüller von Gottes Verheißungen und Gesetz erkennt und annimmt. – In diesem Zusammenhang prophezeit Jesus dann die Zerstörung Jerusalems. Jesus weint darüber, „ daß es vor Israels Augen verborgen ist“ – und danach ist er von Schmerz erfüllt, daß Gott es zulassen wird, daß Jerusalem brutal zerstört wird. Jesus weint und trauert und hat Schmerzen über Israel, weil es ihn nicht annimmt. Das Evangelium hätte zu seinem Frieden gedient! – Und alle Nachfolger Jesu sollen diese Tränen und ihre Ursache mit großer Ehrfurcht bedenken. Wo Jesus weint, können wir nicht gleichgültig sein; was Ihm Schmerzen bereitet, können wir nicht schönreden, worüber er trauert, dürfen wir nicht irgendwie rechtfertigen.
Es kann uns also nicht gleichgültig sein, daß es Israeliten gab und gibt, die Jesus nicht als ihren König und Messias annehmen, wir können es nicht schönreden, daß das Volk, zu dem Jesus in erster Linie gekommen ist, ihn mehrheitlich abgelehnt hat; und wir können diese Ablehnung nicht rechtfertigen oder Verständnis dafür aufbringen. Die Tränen Jesu hindern uns daran.
Der Apostel Paulus würdigt die Tränen Jesu über Jerusalem 100- %ig angemessen auf seine Weise.
In unserem Predigttext spricht der Apostel Paulus von einem großen Schmerz. Und er macht deutlich, daß es nicht irgendein Schmerz ist – also nur Kopfschmerzen wie eine Krankheit, auch nicht ein persönlicher Kummer oder Ärger. Paulus spricht sehr feierlich: „Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, daß ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlaß in meinem Herzen habe.“ Er spricht die Wahrheit in Christus – also aus dem Glauben an Jesus heraus. Er hat sich in seinem Gewissen geprüft und am Zeugnis und Wirken des Heiligen Geists, also an dem Alten Testaments geprüft. Es ist also ein Schmerz und eine Trauer, die nicht nur privat ist, sondern die ein Teil der verbindlichen Verkündigung des Apostels Paulus. Wir kommen an seinem Schmerz nicht vorbei, so wie wir an den Tränen Jesu nicht vorbeikommen.
Paulus unterstreicht die Not, die ihm dieser Schmerz bereitet, mit Worten, die für einen Christen eigentlich unaussprechlich sind: „Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder“ – in seinem Schmerz hatte er schon den Wunsch, aus der Gemeinschaft mit Christus verbannt zu werden, wenn das helfen würde, daß seine Verwandten aus Israel zum Glauben an Jesus kommen. Er ist also bereit, sein Wertvollstes, sein Kostbarstes herzugeben. Man merkt also, wie ernst es dem Apostel Paulus ist um seine „Stammverwandten nach dem Fleisch.“
Das erinnert an Mose im Alten Testament. Als Mose auf dem Berge Sinai das Gesetz Gottes, die Zehn Gebote empfing, machte das Volk Israel unter Anleitung von Moses‘ Bruder Aaron das Goldene Kalb zum Götzen – einen sichtbaren, greifbaren Götzen gegen den unsichtbaren, unbegreiflichen Gott. Nachdem Mose dem Volk seine Schuld deutlich gemacht hatte, betete er noch einmal: „Ach, das Volk hat eine große Sünde getan, und sie haben sich einen Gott von Gold gemacht. Vergib ihnen doch ihre Sünde; wenn nicht, dann tilge mich aus dem Buch das du geschrieben hast.“ (2. Mose 32, 32). Mose will sich selbst opfern, um Israel von der Schuldenlast zu befreien. Doch Gott ließ sich darauf nicht ein. Mose mußte Israel weiter durch die Wüste führen.
Paulus würdigt die Tränen Jesu über Jerusalem auf seine Weise. Es ist ein Schmerz, eine Trauer und eine Not – und weil sie „in Jesus Christus“, „im Heiligen Geist“ und weil sein „Gewissen davon Zeugnis gibt“, ist dieser Schmerz angemessen. Der Grund ist also wahr. Die Tatsache, daß Israel das Evangelium nicht annimmt, Jesus nicht als seinen König annimmt, ist etwas, was der Apostel Paulus niemals gutheißen, befürworten oder neutral betrachten kann. Das ist nicht seine persönliche Meinung, sondern die Meinung Jesu, des Heiligen Geistes und damit des dreieinigen Gottes.
Paulus kommt von dieser Frage und diesem Schmerz nicht los, und er zählt das auf, was den Schmerz nicht vergehen läßt.

  1. Es sind seine „Verwandten nach dem Fleisch“ – die Juden sind seine Brüder, seine Familie, Sippe. Die gemeinsamen Großeltern, Vorfahren verbinden Paulus mit ihnen. Es bewegt mich, daß der Apostel in Christus, im Heiligen Geist, in seinem Herzen und Gewissen, wo es um die höchsten Dinge geht, an seine Verwandten, ja an sein eigenes Volk denkt. Diese menschliche Nähe und der christliche Glaube schließen sich nicht aus. Daß Familienmitglieder, Verwandte, auch große Teile des eigenen Volkes Christus und seine Gnade ablehnen, das kann einem Christen nicht gleichgültig sein. Je mehr Glaube da ist, und Liebe, um so größer wird der Schmerz deswegen sein. Beten wir für sie zu Gott, und trauen wir Gott uneingeschränkt zu, daß Er sie erreichen kann!
  2. Es sind die Erben Gottes – Paulus leidet deshalb unter der Situation, weil Gott Israel aufs beste für das Kommen Jesu vorbereitet hatte. Sie sind „Israeliten, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen“. In diesen Worten wird Gottes Weg mit Israel.
    „Herrlichkeit“ ist die wunderbare, glänzende, freundliche Anwesenheit Gottes. Die ganze Zuwendung und Begleitung – Gott hat sich Israel zu erkennen gegeben – sie jahrzehntelang durch die Wüste geleitet und gerettet. Feinde abgewehrt, wunderbar gespeist, sie ins Heilige Land kommen lassen, ihnen bei allen Fehlern immer wieder vergeben und neu angefangen. Das ist Gottes Freundlichkeit, die das Dunkel hell macht.
    „Kindschaft“ – Mit dieser Herrlichkeit war das Volk Israel wirklich von Gott gemeint. So wie gute Eltern ihre Kinder in eine gute Zukunft führen wollen, so hat Gott seinem Volk Israel eine ganz besondere Zukunft zugedacht.
    „Bundesschlüsse“ – Gott hat sich feierlich gebunden. „Ich bin der HERR, dein Gott!“ –
    „Gesetz“ – Der Wille Gottes, die Gebote – wissen, was von Gott trennt, das mit ihm verbindet – Klarheit darüber. Das Geheimnis des Lebens: Das hat Israel exklusiv und stellvertretend für alle Menschen empfangen. Dazu hat Gott auch Propheten gesandt und begabt und inspiriert, damit man in Israel aus jeder Situation zu Gott zurückfinden konnte.
    „Gottesdienst“ – Israel hatte die Gewißheit: Wie wir Gottesdienst feiern, so ist das von Gott gewollt, das kommt an. Man konnte voller Vertrauen bitten, danken, Buße tun, seine Aufgaben erfüllen, denn alles war vom Gottesdienst begleitet und beleuchtet.
    „Verheißung“ – Die Zukunft mit Gott. Das Versprechen, alles wahr zu machen. Der Grund, immer wieder zur Hoffnung zurückzufinden.
    Dieses alles bereitete Israel aufs beste vor, Jesus als den Sohn Gottes, als den Bringer von Gottes Gnade zu erkennen und anzunehmen.
    Israel war in der ersten Reihe, war mit Namen gemeint und gerufen.
    Paulus war das ja auch – und hat zunächst Jesus mit grimmiger Überzeugung abgelehnt. Doch als Jesus selbst sich Paulus in den Weg stellte, wurde das anders. Da hat Paulus das Erbe angenommen, was ihm zugedacht war. In Jesus wurde das ganze Alte Testament wahr und klar. Die Griechen, die Inder, die Römer – jedes andere Volk hätte Jesus nicht erkannt, nicht verstanden. Es mußte Israel. Und die 12 Apostel haben stellvertretend für die 12 Stämme Israels Jesus nachgefolgt und ihm zugehört, seine Taten bezeugt – bis hin zu seinem Tod am Kreuz, seine Grablegung und dann seine herrliche Auferstehung. Das konnten sie nur aufnehmen, weil sie im Alten Testament zuhause waren, darüber konnten sie nur richtig sprechen, weil Gott ihnen Worte im Alten Testament gegeben hatte. Mit griechischen Göttersagen und germanischen Heldengeschichten hätten sie das nicht geschafft.
    Jetzt verstehen wir den Schmerz des Paulus noch besser. Jetzt kommen wir den Tränen Jesu näher. Sie haben einen Ehrenplatz in der Kirche. Wir können nie so denken oder reden, als ob es sie nicht gebe!
    Das gilt für Israel bis heute. Paulus gibt uns keinen Grund, sich damit abzufinden, daß Israel Jesus nicht anerkennt. Also finden wir uns auch nicht damit ab.
    Doch es gilt auch für unsere Familie und Verwandten, und warum nicht auch für unser Volk?
    Paulus hat ja bei aller Liebe zu Israel das Evangelium vor den anderen Völkern nicht verschwiegen. Im Gegenteil! Also schließt die Sorge für die eigene Familie und das eigene Volk nicht aus, daß das Evangelium alle Menschen meint.
    Laßt uns wieder und wieder Gott dafür anflehen und bitten!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

9. Sonntag nach Trinitatis

Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.
Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, daß du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Jeremia 1, 4-10

Liebe Gemeinde!

Im Beruf kommt das Persönliche und das Allgemeine zusammen. „Er ist Pfarrer.“ Da wird nicht eine Haarfarbe oder Körpergewicht beschrieben, sondern eine Rolle, eine Aufgabe. Der Pfarrer predigt, unterrichtet, leitet eine Gemeinde. Durch diese Rolle und Aufgabe ist er auf Gemeindeglieder bezogen. Es gibt Aufgaben. Es gibt Begegnungen. Ein Beruf ist ein großer Reichtum. Ich lerne Menschen kennen, ich kann einen Unterschied machen, ich bin dabei, wenn Gott segnet.

Gott will das so. Gott will, daß wir Menschen in Berufen für einander da sind. Der Beruf ist der Rahmen, in dem Gott meine Person hineinstellt, um anderen Menschen zu dienen. Ich muß nicht von Null, aus dem Nichts mir ausdenken und aufbauen, wie ich für Menschen da sein kann oder soll. Ein Beruf ist schon vorher da, und ich ergreife ihn, oder Gott beruft mich in ihn, und schon bin ich ein anderer Mensch. Vor meiner Ordination wäre es eine Unverschämtheit, auf die Kanzel zu steigen und die Kinder Gottes mit meinen persönlichen Ideen zu belästigen. Mit dem Beruf hab ich Gottes Segen als Rückendeckung und Grundlage, wenn ich mit Seiner Hilfe Gottes Wort vor der Gemeinde auslege. Da wäre es eine Unverschämtheit, wenn ich mich drücken würde, oder bescheiden sein wollte.

Umgekehrt hört die Gemeinde zu, weil ich ein Amt habe, und nicht, weil ich sympathisch bin oder nicht.

Der Rahmen, den Gott gibt, ist dabei ganz entscheidend.

Ein Beitrag Dr. Martin Luthers zum christlichen Leben ist der Begriff „Beruf“. Gott ruft mich zu einer Aufgabe an meinem Nächsten.  – Natürlich gab es schon immer Berufe. Das Christentum fand Berufe vor. Doch entstand immer mehr die Vorstellung, daß ein Mensch Gott nur in religiösen Taten dienen kann. Man mußte Priester, Mönch oder Nonne sein. Es mußte Beten sein, Meditieren, Fasten, Abtrennung von der Welt, Ehelosigkeit  … Es mußte also eindeutig als religiös erkennbar sein. Dann war man von Gott berufen und tat Gottes Willen. Wenn man das nicht tat  – was dann? Dann spendete man eben, und unterstützte die Menschen, die solch ein sichtbares religiöses Leben führten.  

Doch, wenn Gott im 4. Gebot sagt: Du sollst Vater und Mutter ehren, dann heißt das: Gott will, daß es Väter und Mütter gibt – also steht Vater und Mutter Sein unter Gottes Schutz und unter Gottes Segen. Wer als Kind seine Eltern ehrt – der dient Gott, und wer Vater oder Mutter ist, den ruft Gott dazu, für die Kinder da zu sein, und wer das tut, der dient Gott.

Bei den Propheten war das Persönliche und das Allgemeine besonders dramatisch verknüpft. Als einzelne Menschen standen sie im Namen Gottes dem Volk Israel gegenüber. Oder sogar der ganzen Menschheit gegenüber.  – Jeremia hatte die schwere Aufgabe, praktisch alle Menschen zur Buße zu rufen. Das hört kein Mensch gern, ein stolzer, erfolgreicher Mensch schon gar nicht. Und ein Volk? Jeremia hatte viele Anfeindungen, Verleumdungen, Beleidigungen  hinzunehmen.

Da war es entscheidend, sicher zu sein: Gott will das. Diese Sicherheit gab Gott dem Propheten Jeremia in seiner Berufung.

Die schauen wir uns nun an.

„Und des HERRN Wort geschah zu mir:

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.“

Gott kennt mich. Von Anfang an – wie kein anderer, denn Er hat mich bereitet, geschaffen. Wenn wir einen Menschen kennen – dann können wir uns täuschen. Gott nicht. Er kennt uns von Innen, und weiß, wie alles in unserem Leben zusammenhängt.

Das heißt für Jeremia: Ich kenne Deine Grenzen besser als Du. Ich kenne Deine Stärken und Schwächen besser als Du.

  • Vor allem, aber laßt uns kurz festhalten, liebe Gemeinde: Jeremia ist bei Gott schon im Mutterleib eine vollständige Person. Wer daran zweifelt, daß es vor der Geburt Menschen und Personen gibt, der hat Gott gegen sich. Person ist nicht erst jemand, den ich wahrnehme und anerkenne.  –

Jeremia hat sich das nicht ausgedacht oder gewünscht. Gott hat ihn bestellt, eingesetzt. In einer bewegenden Rede sagt Jeremia in Kapitel 20, daß Gott ihn hereingelegt habe. Der Prophetenberuf ist keine Selbstdarstellung oder Wunscherfüllung. Einem Propheten geht es wie Gott in dieser Welt: Er wird verachtet, wie Gott verachtet wird; mißverstanden, wie Gott mißverstanden wird.

Es ist deshalb überhaupt kein Wunder, daß Jeremia sich entschuldigt:

„Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“  – Jeremia erkennt, wie groß die Aufgabe ist. Er kann es sich nicht vorstellen. Er schaut in sich hinein und sieht nichts, was ihn  qualifizieren würde. Nichts in ihm spricht dafür, öffentlich aufzutreten, ohne Ansehen der Person Gottes Willen zu verkündigen, Menschen zu überzeugen, mächtigen Menschen zu widersprechen …. er kann es sich nicht vorstellen. Und das ist nicht falsche Bescheidenheit. Die Aufgabe ist groß. Man kann sehr viel falsch machen. Es wird Gegenwind geben.

Also: Jeremia glaubt nicht an sich. Er traut sich das nicht zu, aus eigener Kraft mit seinen Gaben das Prophetenamt „schon hinzukriegen“.

Doch wie antwortet Gott? – „Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.

Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.“  Gott ruft Jeremia heraus aus seinen Gedanken, mit denen er sich selbst anguckt, sich selbst einschätzt, sich selbst beurteilt. Jeremia muß sich nicht selbst erfinden, wie man so sagt. Gott gibt vor, wo er hingehen soll, und was er sagen soll. Der Rahmen, in den Gott ihn stellt, tut mehr, als Jeremia als Person.  – Das erfährt man erst, wenn man im Beruf drin ist. Bei aller Mühe, aller Arbeit. Am Ende sind schauen wir zu und sind dabei, wie Gott selbst segnet und am Werk ist.

„Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir und will dich erretten.“ Jeremia soll und wird Gott kennenlernen, in seinem eigenen Leben. Gott zeigt ihm, was Er, Gott, kann. Aber nicht im Voraus. Glauben ist Vertrauen, und Vertrauen ist Wagen, und Wagen bedeutet, ich habe es nicht in der Hand. Ohne dieses Wagen wird Jeremia nie erfahren, wer Gott ist. Gott geht mit, wenn wir dorthin gehen, wo er uns sendet.

Und wenn wir unsicher sind darüber: Es gibt immer die 10 Gebote. Zum Beispiel 8. Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden. – Gott geht mit, wenn ich den Ruf eines Mitmenschen gegen Lästermäuler in Schutz nehme. Ich lerne Gott ganz neu kennen, wenn ich der Wahrheit mehr zutraue, als der Lüge oder der Halbwahrheit. Da schaue ich zu, wie Gott wirkt. Und die Furcht tritt in den Hintergrund.

„Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“  – Hier geschieht das, was Menschen nicht wahrhaben wollen. Gott spricht durch einen Menschen. Wer Jeremia hört, der hört Gott. Da wird es immer Protest geben. „Gott ist zu groß – ein einzelner Mensch mit seinen Schwächen und Fehlern kann nicht Gottes Wort sagen!“ – „Das ist eine Anmaßung! Für wen hält der Prophet sich eigentlich?“  –  Im Grunde geht es darum, daß der Mensch sich nichts sagen lassen will. Und doch braucht er das Wort des Lebens, das er sich selbst nicht sagen kann.  

Wir müssen umgekehrt darüber nachdenken. Warum sollte Gott nicht durch einen Menschen reden können? Warum sollte der allmächtige, allwissende Gott nicht gerade einen schwachen Menschen zu seinem Diener machen und Seinen Willen mitteilen? – Was wäre das für ein Gott, der sich nicht mitteilen kann?  Ein Gott, der sich nicht mitteilen kann, ist kein Gott. Und unser Gott „kommt und schweigt nicht“, wie es Psalm 50, 3 sagt.

„Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, daß du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“   – Eine schwere Aufgabe. Jeremia mußte seinem König entgegentreten. Er mußte dem Volk widersprechen. Er mußte mit ansehen, wie sein König und sein Volk nicht auf Gott hörten und dann Gottes Schutz und Hilfe verloren, weil sie sich auf sich selbst verließen. Sein König Jojachin wurde gefangengenommen, Israel vernichtend besiegt und erobert. Und man hat ihm dann vorgeworfen, daß er das mit seiner Predigt getan habe. Doch Gott sagt ihm, daß er dabei auch baut und pflanzt: Die Israeliten, die zu Gott zurückkamen, diejenigen, die die Hoffnung nicht aufgaben – bis ins Neue Testament. Da hat das Wort des Jeremia gewirkt, gebaut, gepflanzt. Wir gehören zu dem, was Jeremia gebaut und gepflanzt hat.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

8. Sonntag nach Trinitatis

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.
Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren ist?

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.
Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren ist?
Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.
Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.
Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden.
Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Gebet: HERR, sende Dein Licht und Deine Wahrheit, daß sie und leiten auf den Weg des Lebens. Amen.

Johannes 9, 1-17

Liebe Gemeinde!

Wie muß es sein: Blind geboren? Nicht nur kein Licht sehen, sondern auch kein Begriff von Licht zu haben? Alle um mich herum bewegen sich in der Wirklichkeit, sprechen über die sichtbare Welt. Und ich kann zwar hören und tasten – aber ich weiß alles nur vom Hören-Sagen. Der Blindgeborene bettelt. Das ist seine Existenz – er bettelt nicht nur um Geld zum Leben, er muß auch um Wissen betteln. Sicher, er fühlt und erfährt, ertastet vieles – vielleicht sogar intensiver, als die, die das Augenlicht haben. Aber ohne Erklärungen, Umschreibungen kann er sich überhaupt nicht zurechtfinden. Was er mit der Information anfängt, kann er niemals selbständig mit der Wirklichkeit vergleichen. Jeder, der sehen kann, kann ihn betrügen – er kann keine Gefahr sehen, die auf ihn zukommt – er weiß auch nicht, wie er selber aussieht, wie überhaupt ein Mensch aussieht … Ein schweres Schicksal. Gottes Wort nennt daher Menschen, die verloren sind und Gottes Hilfe dringend brauchen: Sie sitzen in der Finsternis (Matthäus 4, 16) – der Prophet Jesaja sagt, daß das Volk „im Finstern wandelt“, daß „Finsternis das Erdreich bedeckt und Dunkel die Völker bedeckt“ (Jesaja 60, 2).
Die Jünger sprechen dann die Frage aller Fragen aus – die „Warum?“-Frage. „Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren ist?“ Das ist die Warum-Frage in der Sprache ihrer Zeit. Im Gesetz des Mose heißt es – wir kennen es aus dem Katechismus (S. 1265 „Was sagt nun Gott von diesen Geboten allen?“): „Ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen,

aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“ Hier hören wir einen von einem klaren Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen. Gott läßt spürbare Folgen zu für Sünden – drei bis vier Generationen. Und Segen für das Halten von Geboten – tausend Generationen. Das allein wäre schon eine ganze Predigt! – Die Jünger wollen verstehen, was da passiert. Der arme Blindgeborene trägt ein schweres Leiden. Warum? Hat er gesündigt? Hat er etwas getan, das diese Strafe verdient? – Aber wann? Vor der Geburt? Oder haben seine Eltern sich schuldig gemacht? – Warum muß er dann leiden für etwas, was er nicht getan hat?
Liebe Gemeinde, die Warum-Frage ist sowas von verständlich. Jeder Mensch versteht sie. Das Buch Hiob im Alten Testament stellt sie mit unübertroffener Dringlichkeit.
Was sagt Jesus? Er beantwortet die Frage nicht so, wie sie gestellt ist. Er kommt mit keiner Erklärung oder Begründung aus der Vergangenheit. – Und wir Menschen könnten nur mit einer Ursache aus der Vergangenheit kommen. Denn eine Wirkung kommt erst nach einer Ursache.
„Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“
Das ist eine Antwort, die nur Jesus geben kann. Wenn irgendein anderer Mensch sie ausgesprochen hätte, dann wäre sie eine Anmaßung oder Betrug gewesen. Denn Jesus hebt den Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen, zwischen Leiden und Strafe auf. Er sagt sinngemäß zu dem Blindgeborenen: „Das hast Du nicht verdient!“ Das bedeutet: „Es gibt keinen Grund in der Vergangenheit, daß Du mit Blindheit geschlagen bist!“ – „Es muß nicht sein!“ – Wie gesagt, wenn Du oder ich so etwas sagen würden, dann wäre das Anmaßung oder Betrug. Anmaßung, denn: Wie kann ich es beweisen? Oder Betrug: Ich mache dem Blindgeborenen eine Hoffnung, die ich nicht erfüllen kann.
Der Grund, sagt Jesus, ist: „Daß die Werke Gottes an ihm offenbar werden“. An ihm soll für uns Menschen deutlich und erkennbar, ja sichtbar werden, was Gott tut, wie Gott handelt. An diesem armen Menschen soll eindeutig Gott sichtbar werden – er soll ein Gottesbeweis werden.
Das kann nur der Sohn Gottes sagen.
Die Antwort Jesu ist nicht übertragbar. Sie ist keine Philosophie, kein Programm, keine Methode, die man von der Person absondern kann. Wenn ich ein Rezept habe, dann kann ich, wenn ich gut genug bin, ohne Hilfe selbst ein Brot backen. Ich kann dann immer noch sagen: Es ist das Rezept meiner Mutter; aber meine Mutter muß nicht neben mir in der Küche stehen. Jesu Antwort ist kein Rezept. Er sagt nicht: Leute, Schuld und Leiden, Sünde und Strafe gibt es nicht! Im Grunde sagt er: Ihr stellt die Warum-Frage, und weiter kommt ihr nicht. Ihr werdet keine Antwort finden: ICH BIN die Antwort.
An einer anderen Stelle antwortet Jesus ähnlich. Man kam aufgeregt zu ihm und berichtete, wie die Römer im Tempel galiläische Pilger getötet hatten. „Warum?!?“ – Auch hier antwortet Jesus nicht im Sinne der Frage. „Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, daß diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.“ (Lukas 13, 2-3) Auch hier spricht das „ICH“ des Gottessohnes. Eine theoretische Antwort, die das erklärt, was passiert ist, wird euch nicht helfen. Glaubt an mich. Kommt zurück zu Gott.
Zurück zu unserer Geschichte. Jesus kommt als Gottes Antwort zu dem Blindgeborenen. Gottes Werk – Gottes heilendes Werk soll an ihm offenbar werden.
Jesus unterstreicht diese Bindung an seine Person und sagt: „Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ Wo Jesus ist da ist es Tag. Wo es Tag ist, da kann gehandelt werden. Das ist eine begrenzte Zeit. Ein Rezept, eine Philosophie, ein Prinzip, eine Theorie ist zeitlos. Sie gilt immer. Ein Tag, wie eine Person, ist zeitlich begrenzt. Man kann der Person begegnen, oder sie verpassen. Darum ist die Begegnung mit der Person „Jesus“ immer eine besondere Zeit, immer eine Zeit, in der die eigene Sünde oder die Sünde der Eltern mich nicht festlegen, sondern die Werke Gottes geschehen.
Wo Jesus nicht begegnet wird, da ist die Nacht, da niemand wirken kann, da werden wir durch die eigene Sünde und die Sünde der Eltern definiert. Da wird’s dann dunkel.
„Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ Das kann natürlich nur Jesus sagen. Mit ihm wird alles hell. Vor allem die Werke Gottes. Im Dunkeln kann man nichts unterscheiden, man weiß nicht, woher es kommt, man kann es nicht zuordnen. Bei Tag ist das anders. Bei Tag kann ich mich dem Guten nähern, und dem Bösen fliehen. Wo Licht ist, da ist diese Freiheit. Jesus bringt diese Freiheit.
Kommen wir zu dem Blindgeborenen. Wie soll er frei werden, wenn er die Freiheit doch gar nicht kennt. Jesus, das Licht der Welt, der Sohn Gottes, kommt zu ihm in die Finsternis. Er spuckt hörbar auf die Erde. Er schmiert den Brei auf die Augen des Blinden. „Du bist gemeint“, heißt das. Und zwar meine ich dich an deiner schwächsten, peinlichsten, traurigsten, kaputtesten Stelle. Und dann schickt Jesus ihn hin, zum Teich Siloah. Der Blinde sieht den Teich nicht, aber er kann sich durchfragen. Und waschen kann er sich auch. Und das Wunder geschieht. Er ist im Licht. Das Licht der Welt hat ihn erreicht und erleuchtet.
Der Evangelist Johannes merkt an, daß der Name des Teichs: „Gesandt!“ bedeutet. Damit wird deutlich: Es war nicht der Brei, es war nicht das Wasser – sondern es war die Sendung, die den Unterschied gemacht hat. Sendung – gesandt sein- das ist etwas zwischen Personen. Eine Person sendet eine andere. Gott der Vater hat Jesus gesandt, Jesus sendet den Blindgeborenen. Der Blindgeborene glaubt und gehorcht. Und das Licht ist da.
Liebe Gemeinde was sagt uns das? Wie können wir in denselben Tag, in dasselbe Licht eintreten, wie der Blindgeborene?

  1. Die Einsicht, daß wir Licht brauchen. Erkennen wir die Werke Gottes, sind sie uns offenbar, eindeutig? Von Geburt her: Nein. Wir sind blind für die Liebe Gottes in seinen Gaben. Wir sind blind für die Gefahr, die wir uns und anderen durch die Sünde bereiten. Unsere Augen und Ohren sind von Egoismus und Begehren geplagt und geblendet. Wir sind Blindgeborene. Wie der bettelnde Blindgeborene haben wir alles nur aus zweiter oder dritter Hand. Was Liebe ist, was Wahrheit ist, was Gott tut – wir hören davon, wie ein Blinder von der Farbe. Es könnte direkt vor unserer Nase sein, und wir merken es nicht. Wir haben keine Möglichkeit, unsere Gedanken mit Gottes Wirklichkeit zu vergleichen. Wir wissen nicht, ob wir uns täuschen. Wir ahnen nicht, ob wir uns dem Guten nähern und von dem Bösen entfernen. Vor unseren Mitmenschen wollen wir das nicht zugeben. Aber vor Gott sind wir Bettler – doch er will uns beschenken!
  2. Das Licht der Welt ist zu uns gekommen. Das Evangelium von Jesus Christus bringt uns dieses Licht. Doch dieses Licht kommt zu uns in unsere Finsternis. Jesus nimmt Irdisches, und macht eine Sendung, eine Mission daraus. Er wird Mensch. Er spricht menschliche Worte. Er setzt die Taufe ein. Er ruft, daß wir uns versammeln. Er verbirgt sich im Brot und im Wein. Er begegnet uns in der Handauflegung. Wer seine eigene Finsternis erkannt und erlebt hat, der erfährt: „Hier kommt das Licht der Welt zu mir in meinem Leben.“ Es ist eine besondere, einmalige Zeit. Die Antwort, die Licht bringt, ist eine Person. Die Wahrheit, die mein Leben braucht, ist diese Person. Keine Theorie, keine Analyse, kein Programm. Denn auch ich bin mehr als eine Theorie, als ein Programm. Das Licht der Welt macht mich zu einer Person vor Gott. Oder, wie die Epistel sagt: Ein Kind des Lichts.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

5. Sonntag nach Trinitatis

Diese Geschichte ist der Anfang von dem, was erst dann enden wird, wenn wir im Himmel sind.
Diese Geschichte gehört zum Evangelium, und deshalb wird sie niemals überholt sein, oder verblassen.

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth
2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!
5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.
6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.
7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.
8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.
9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,
10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.
11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Text: Lukas 5, 1-11

Gebet: HERR, segne Du nun Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde!
Diese Geschichte ist der Anfang von dem, was erst dann enden wird, wenn wir im Himmel sind.
Diese Geschichte gehört zum Evangelium, und deshalb wird sie niemals überholt sein, oder verblassen. Es wird auch niemals dazu kommen, daß schlaue oder gutmeinende Menschen erstmal dieser armen alten Geschichte helfen müßten, interessant oder wichtig zu werden.
Nicht wir, auch nicht der begnadetste Prediger pumpt diese Geschichte auf, sondern die Geschichte baut uns auf.
Das ist das Geheimnis des Neuen Testaments. Den meisten ist das Geheimnis völlig verborgen. Sie lesen es als Worte von längst vergangenen und verstorbenen; die Entwicklung hat sie abgehängt, die Technik hat sie überflüssig gemacht .. . Wie auch immer …
Vor den Augen der Welt erscheint es so, daß wir uns hier und heute mit ein paar Leuten abgeben – Jesus, den Wanderprediger aus Galiläa. Eine neugierige Menge Menschen – größtenteils unwichtige Menschen: Untere Klasse, Arbeiter, ohne Abschluß; Fischer und ihr Handwerk: Boote, Netze, Arbeit. Und das alles in einer unbedeutenden Stadt, an einem unbedeutenden See, in einem unbedeutenden Land ….
Jesus predigt das Wort Gottes. Damit ist das Ufer vom See Genezareth der Hauptort der Welt und stellt Rom, Athen, ja auch Jerusalem, sofort in den Schatten. Von unserem Berlin ganz zu schweigen. Ein Mensch, mit dem Gott spricht, ist am richtigen und besten Ort. Er muß weder nach New York, noch verpaßt er was in München oder Hamburg, oder an irgendeinem Strand. Liebe Gemeinde, diese Überzeugung muß uns erfüllen, sonst brauchen wir uns nicht auf den Weg zur Kirche machen.
Eine Menge hört zu, eine drängelnde Menge, die begierig ist, jedes Wort aufzunehmen – dagegen ist der Kommentar in den letzten Minuten eines Endspiels nichts. Liebe Gemeinde, das ist der Anspruch – nicht nur hier in der Annenstraße, sondern überall, wo das Evangelium laut wird.
Jesus sieht ein Boot und fordert, daß man ihm Platz macht, und er predigt, lehrt die Menge vom Boot aus. Ein unglaubliches Bild. Die Menschen stehen oder sitzen auf der festen Erde. Wir sind an die Erde gebunden. Die Erde bindet uns. Wir sind von Erde genommen, und werden wieder zu Erde werden. Die Schwerkraft zieht uns runter, wenn wir zu hoch hinauswollen, dann stürzen wir zur Erde ab. Wir wissen, wo wir dran sind. Das Meer mit seinen Tiefen und Wogen, mit seinen Stürmen und Gefahren: Das ist unberechenbar, zerstörerisch, bietet keinen festen Boden. Wer ins Boot steigt, hat diese Gefahren ständig im Blick, und erlebt sie auch.
Die Menschen stehen am Ufer, an der Grenze, dort, wo es einfach nicht weiter geht. Ob groß oder klein, jung oder alt, gebildet und nicht, reich oder arm, Mann oder Frau: Sie sind alle da angekommen, wo es für keinen weitergeht. Man denkt an den Tod. Der ist solch eine Grenze. Die Vergangenheit, die wir einerseits nicht ungeschehen machen können – und die uns auch unwiederbringlich entnommen ist. Ich kann die Schuld nicht ungeschehen machen – und die guten Zeiten nicht in jede Zukunft mitnehmen. Es gibt diese Grenze. Und von jenseits des Ufers, von jenseits der Grenze erreicht die Menschen das Wort des Lebens. Dieses Wort fällt nicht zur Erde (2. Könige 10, 10), es erreicht die Hörer – und wenn es die Hörer erreicht, werden die Hörer es durch ihre Schwachheit, Beschränktheit oder Selbstüberschätzung nicht zu Fall bringen. Im Gegenteil. Es wird sie aufrichten, bis zur Auferstehung von den Toten. Menschenwort haftet an der Erde. Fällt zur Erde. Oder wird vom Meer hin und her geschaukelt und geworfen, bis es schließlich untergeht. So ist es in der Geschichte. Hier haben wir ein Wort, daß über die Grenze kommt und ankommt und sein Ziel erreicht. Liebe Gemeinde, so ist es, wenn die Geschichte uns aufbaut. Wir brauchen sie nicht aufbauen.
Jesus lehrt von einem geliehenen Boot aus. Das erinnert mich daran daß Jesus ja auch einen Esel geliehen hat, um als der König von Israel in die Hauptstadt einzureiten. Jesus braucht Menschen. Das ist doppeldeutig. Einerseits erscheint er arm. Er hat kein eigenes Boot, keinen eigenen Esel, um seine Mission zu erfüllen. Ganz schön dürftig. Andererseits hat er die Freiheit und Autorität, genau das in Anspruch zu nehmen. Das Boot, den Esel. Das Gotteshaus, Mitarbeiter in der Kirche. Wir haben in der Epistel gehört, daß Gott einen anderen Weg einschlägt, als die Welt, auch die religiöse Welt erwartet. Gott erwählt was vor der Welt töricht ist, armselig, unspektakulär. Und damit beweist Jesus als der Sohn Gottes seine große Freiheit. Denn Armut, Torheit, Abgehängtes wird man leider Gottes immer in der Welt finden. Das hat Gott erwählt, Sein großes Ding auf der Welt zu tun. – Wir haben vor Gott die Pflicht, der unerschütterlichen Überzeugung zu sein, daß Gott unscheinbare Orte erwählt, bei uns neu anzufangen. Natürlich wird es das Evangelium auch in einer prächtigen Kirche in einer Weltstadt wie Paris geben. Aber die größte Pracht verblaßt, wenn dort gesagt wird: Lieber verzweifelter Sünder, Gott hat dich angenommen. Lieber Mann, der nach außen so selbstsicher erscheint, und innen doch ratlos ist: Hier ist der Weg. Jesus hat einen menschlichen Leib angenommen, und darum verfügt er über einen Raum, eine Adresse, ein Haus, damit Menschen wissen können, ich bin angekommen.
Kleine Zwischenbemerkung. Nun soll die altehrwürdigste Kirche der Christenheit, die Heilige Weisheit in Istanbul, wieder eine Moschee werden. Im Jahre 537 wurde sie geweiht. 1016 Jahre lang hat unser Herr Christus dort sein Wort, das über die Grenze hinüber zu den Menschen kommt, sagen lassen. 1453 wurde die Kirche nach der Islamischen Eroberung eine Moschee. 1935 wurde daraus ein Museum. Und nun wieder eine Moschee. Diese Nachricht muß uns mit Wehmut füllen. In der westlichen Christenheit werden jedes Jahr Kirchen entwidmet, und weltlich benutzt. Das kann uns nicht unberührt lassen. Sie alle waren heilige Orte der Begegnung. Nun nicht mehr. Haben Menschen versagt? Hat Gott sich zurückgezogen? Beides ist unheimlich! Um so mehr laßt uns die Orte lieben, wo wir uns an das Ufer drängen, an der Grenze zum Himmel und zur Ewigkeit.
Entscheidend ist nun, wie Jesus Menschen ruft.
Und laßt uns, wenn wir diese Episode betrachten auf keinen Fall vergessen oder loslassen, was wir eingangs gehört haben. Wir hören den Anfang unserer Geschichte als Christen. Was dort zwischen Jesus und Petrus sich abspielt, ist eine Weichenstellung für den Zug, in dem wir jetzt sitzen. Es ist alles unvergangen, als wären wir in der Menge am See Genezareth. Es ist sozusagen noch in der Luft.
Jesus ist in das Boot des Simon eingestiegen. Simon und sein Bruder Andreas besitzen dieses Boot. Das Fischerboot ist ihr Lebensunterhalt. Sie arbeiten damit. Und nun ist der Sohn Gottes eingestiegen. Man könnte meinen, sie tun dem armen Prediger einen Gefallen. Aber jetzt geht es los: Jesus bestimmt auch nach der Predigt über das Boot und über Simon: „Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“ Das ist ein Befehl. Jesus tritt auf als Herr. Die einzige Autorität, die er hat, ist sein Wort.
Petrus folgt diesem Wort. Seine Antwort ist bemerkenswert: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“ Als Fischer mit Erfahrung und Verstand spricht er das. Tagsüber sind die Fische unten in der Tiefe. Sie gehen nicht ins Netz. Das wäre von vornherein vergebliche Mühe, ja unsinnig, mit der Sprache unserer Epistel: Töricht. „Aber auf dein Wort!“ – Das ist der einzige Grund, warum er das tut. „Du hast es gesagt!“ Ist das schon Glaube? Oder will Simon danach dann sagen: „Ich habs ja gewußt! Ich habs ja gesagt!“? Es bleibt offen. Vielleicht war es für ihn selbst noch nicht eindeutig. Es muß eine merkwürdige Stimmung gewesen sein. Vor den Augen der Kollegen, mit dem Prediger im Boot mitten am hellichten Tag hinaus, dort wo das Wasser tief ist, also dort, wo die Fische am weitesten unterhalb der Netze waren. Seine Erfahrung, sein Fachwissen, sein Selbstvertrauen gerät ins Schwimmen, treibt unsicher mit dem Auf und Ab der Wellen.
Und das Wunder geschieht. Ein überwältigender Fang geht ins Netz – die Kollegen werden gerufen, zu helfen. Jesus, das fleischgewordene Wort Gottes, durch das Himmel und Erde und auch das Leben geschaffen wurde, hat es so gefügt.
Jetzt ist auch Simon an seine Grenze gestoßen. – Alles, was er gelernt hat, alles, was er bis dahin richtig gemacht hat verschwimmt vor ihm. In seinem eigenen Boot, da auf dem See, wo er sich sicher fühlte, wackelt alles.
„HERR, gehe hinaus von mir, ich bin ein sündiger Mensch!“ – Warum? Das Wunder zeigt ihm: Ich habe es nicht mit der Urgewalt des Meers zu tun, sondern mit dem, der das Meer geschaffen hat. Ich habe es mit meinem Schöpfer zu tun. Da wird dem Simon bewußt: Ich bin ein Sünder. Ich habe nichts in der Hand, alles klagt mich an, stellt mich in Frage. Meine Gedanken, Worte und Taten habe ich ohne meinen Schöpfer getan, gesagt und gedacht. – Diese Nähe Gottes erträgt er nicht. „Geh hinaus!“ – Laß mich mit meinem Leben allein, wie bisher! Ich will es alles nicht so genau wissen!
Doch Jesus beruft ihn zum Apostel. Es soll nun Menschen fangen. – Das heißt: Menschen zu Gott bringen. Petrus, der am Ende ist, ist für Jesus der Richtige. Denn da wird allen klar: Zu Petrus kommen die Menschen nicht, sondern zu seinem HERRN. Das ist der Anfang unserer Geschichte. Ein Simon, der bis dahin alles im Griff zu haben schien, gibt zu, daß er ein Sünder ist, verzichtet auf alle Ansprüche, und wird in den Dienst genommen. Wo Kirche ist, da wird auch dieser Schrecken sein. Und keine Kirche oder Gemeinde sollte so tun, als gäbe es diesen Schrecken nicht, oder als müßte er vermieden oder geleugnet werden. Der Schrecken der Buße.
Ein Letztes: Auch die Menschenfischer gehen am hellichten Tag ans Werk. Also öffentlich – ohne Geheimlehren, ohne geheime Taktiken. Das Evangelium von Jesus Christus ist überall dasselbe: Für Kinder, für Prediger, für Kranke für Gesunde, für Anfänger, für Erfahrene. Das, was gesagt wird, ist genau so gemeint, und an alle gerichtet. Die Welt meint oft, das sein töricht. Doch der Sohn Gottes braucht nicht im Trüben fischen. Jeder weiß, wo er dran ist, wir haben nichts zu verbergen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

4. Sonntag nach Trinitatis

Jesus war manchmal zornig. Wir kennen alle die Geschichte, wie Jesus mit einer Geißel aus Stricken die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel hinaustrieb, mit ihrer Ware, und die Tische der Geldwechsler umstieß und ihr Geld verschüttete.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).
21 Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Römer 12, 17-21

Gebet: Lieber himmlischer Vater, ohne die Hilfe Deines Heiliges Geistes muß uns Dein Wort verborgen sein, darum bitten wir Dich: Sende Deinen Heiligen Geist, der uns Dein Wort öffnet, wie Du es meinst, zu unserem ewigen Heil. Amen.

Liebe Gemeinde!
Jesus war manchmal zornig. Wir kennen alle die Geschichte, wie Jesus mit einer Geißel aus Stricken die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel hinaustrieb, mit ihrer Ware, und die Tische der Geldwechsler umstieß und ihr Geld verschüttete. Als seine Jünger einen mondsüchtigen Jungen nicht befreien konnten, reagiert Jesus sehr ungeduldig. (Matthäus 17, 17). Als er zum Grab seines Freundes Lazarus kommt, heißt es zweimal von Jesus: „ Er ergrimmte in seinem Geist“ (Johannes 11, 33+38). Über die undankbaren Menschen in den Städten Chorazin, Betsaida und Kapernaum, die von seinen Wundern unbeeindruckt, und undankbar für seine gewaltige Verkündigung waren, ruft er aus: „Wehe euch! Es wird den heidnischen Städten im Gericht Gottes besser ergehen als Euch!“ (Matthäus 11, 21-24). Über Menschen, die die Kinder Gottes mit Absicht am Glauben irre machen sagt er mit erschreckender Klarheit: „Für den wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.“ (Matthäus 18, 6).
Jesus kennt den Zorn über das Böse. Gottes Zorn über die Sünde ist nicht eine primitive und überwundene, altmodische Vorstellung, die vielleicht nur ins Alte Testament gehört, aber für moderne Christen unanständig und überholt wäre.
Gott ist heilig und gerecht. Er hat das Leben mit seinen Ordnungen geschaffen – und er liebt alles Lebendige mit väterlicher, göttlicher Liebe. Und alles, was Gottes Schöpfung und seine Ordnung antastet, zerstört, verletzt, in Frage stellt, verspottet, verdreht, fällt unter Seinen heiligen, gerechten und vernichtenden Zorn. Vor allem, wenn Menschen sich an Gottes Gnade vergreifen, wenn Menschen Gottes Geduld als Bestätigung ihres eigenen falschen Weges absichtlich mißverstehen, dann haben sie es nicht mit einem sanften, nachsichtigen, freundlichen Vater im Himmel zu tun. Gott ist dann als der Heilige und Gerechte ein Feind, der zürnt. Ein Feind, gegen den kein Mensch gewinnen kann. Auch im Neuen Testament nicht. Jesus nimmt das nicht zurück.
Es wäre noch viel darüber zu sagen. Was sagt der Predigttext?
Der Apostel Paulus schreibt uns Christen: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«“ –
Wir Christen sollen auf Rache und Vergeltung verzichten – und dem Zorn Gottes Raum geben. Schon das weltliche Recht hat den Grundsatz, daß man das Recht nicht in die eigene Hand nimmt. Ich kann nicht persönlich hingehen, und den Dieb, der mein Auto geklaut hat, fangen und einschließen, bis er mein Auto wieder hergibt. Dazu sind Polizei und Gericht da.
Ähnlich ist es mit der Rache. Die Rache ist ein sehr starkes Gefühl, und wenn man ihm nachgibt, kann es zerstören. Die Rache vermehrt das Unrecht und das Böse in der Welt. Denn die Rache lebt davon, daß ein Mensch sich an Gottes Stelle setzt. Wie so oft – der Mensch will sein wie Gott, und das fühlt sich wie eine große Steigerung es Ichs an. Ich bin beleidigt oder geschädigt. Ein schwerer Schmerz. Der Drang „heimzuzahlen“ macht sich bemerkbar. Wie du mir, so ich dir! Sehr oft wird mit Zinsen heimgezahlt. Das Ich verspricht sich Erleichterung, wenn sein Feind leidet. Doch es kommt ein Rausch hinzu. Ein Gefühl, das keine Grenzen kennt. Darin offenbart sich das Begehren, zu sein, wie Gott. Einen Gott haben und Rachegelüste schließen sich gegenseitig aus.
Paulus begründet das mit Worten aus dem Gesetz der Mose: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der HERR.“ Wer zur Rache greift, der greift nach dem, was Gott sich selbst vorbehalten hat. – Gott allein hat die Erkenntnis und die Macht, Unrecht richtig zu behandeln. Wer zur Rache greift, verleugnet Gott.
Unsere Aufgabe ist klar: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Das ist der Weg, auf dem Gott bei uns bleibt, uns segnet, schützt, tröstet, beisteht. Da lernen wir Gott als einen Helfer kennen. Kommt Rache ins Spiel, sind wir allein, dann lernen wir Gottes Zorn kennen.
Es ist einfach so: Die zehn Gebote gelten unter allen Umständen, auch wenn wir Unrecht erleiden. Paulus schreibt in einer Zeit, als Christen Feinde hatten. Unser Herz soll von Gutem und von Liebe erfüllt sein. Der Heilige Geist zeigt uns Liebe. Rache kommt nicht von Ihm.
„Gebt Raum dem Zorn Gottes.“ – Rache stellt sich Gott in den Weg. Wenn wir bei unserer Aufgabe bleiben, Frieden zu halten, Gutes zu tun, dann lassen wir dem gerechten und heiligen Gott den Vortritt. Er soll und wird meinen Feinden Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Nun. Was ist das? Das ist ein Wunder. Das gibt es nur, wo Gott einen neuen Menschen geschaffen hat. Einen neuen Menschen, der alles Vertrauen in Gott setzt. Einen neuen Menschen, der ohne Vorbehalt erkennt, daß sein Leben ein Geschenk seines Schöpfers ist. Diese Wahrheit ist größer als alles, was Feinde einem Christen antun können.
Winken wir da nicht längst ab? Was wird aus mir? Muß ich mir alles gefallen lassen? Muß man denn seinen Feinden recht geben? Hat man kein eigenes Recht?
Schwere Fragen sind das. Ein Teil der Antwort ist eine Rückfrage: Wie wirklich ist Gott denn für dich? Im Römerbrief hat Paulus vorher im 8. Kapitel festgestellt: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch Seinen eigenen Sohn nicht verschont hat – hat er uns mit ihm nicht alles gegeben? Wer will uns angreifen? Gott ist hier, auf unserer Seite. Wer will verdammen? Christus, der Auferstandene, ist hier auf unserer Seite und stellt sich vor uns.“ Ohne Glauben ist das alles verborgen. Für den Glauben ist es eine Realität. Und diesen Glauben schenkt Gott. Dazu ist Jesus gekommen, dazu gibt es Kirche, dazu sind wir hier. Es ist eine neue Kreatur, die wir aus eigener Vernunft und Kraft nicht schaffen. Rache ist die Realität, die wir vorfinden, auch in uns selbst. Wenn Gott etwas Neues bringt, dann muß es etwas anderes als Rache sein. Rache entsteht, wo man sich vom Bösen überwinden läßt. Mit Gottes Hilfe sollen wir das Böse mit Gutem überwinden.
Paulus zitiert dazu wieder das Alte Testament, die Sprüche des Königs Salomo: „wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« – Hier wird der teuflische Kreislauf von Vergeltung und Rache durchbrochen.
Was heißt: „Feurige Kohlen aufs Haupt sammeln“? – Die Vorstellung ist ja schon schmerzhaft. Glühende Kohlen auf den Kopf – und dann auch noch gesammelt, angehäuft. Da wird man alles tun, diese Kohlen loszuwerden! Auf jeden Fall unangenehm! Wenn ein Christ seinen hungernden Feind speist, oder dem dürstenden Feind tränkt, dann werden das dem Feind brennende Kohlen auf dem Kopf. Der Feind rechnet mit Rache. Die Rache bleibt aus, statt dessen das Gegenteil von Rache. Das brennt auf seiner Seele. Kann es sein, daß der Feind seine Feindschaft an sich selbst spürt? Daß Gott ihm mit diesen „feurigen Kohlen“ erfahren läßt, was er da eigentlich anrichtet? Vielleicht enden diese „feurigen Kohlen“ den Rausch, das Begehren, Gott gleich zu sein? Besinnt er sich, kehrt er um? Das ist in Gottes Hand.
Diese Worte sind Worte des Glaubens. Der Apostel, der sie uns sagt, ist derselbe Mann, der uns das Evangelium Christi sagt. Paulus sagt uns das nicht, um menschliche Macht über uns zu bekommen. Als würde er sagen: „Ein Christ muß sich alles gefallen lassen – vor allem von mir!“ Paulus führt uns zu Gott, damit wir von Gott Kraft und Hilfe empfangen. Auch mit diesen strengen, geheimnisvollen Worten.
Von keiner anderen Person wollen wir diese Worte hören und annehmen. Paulus verkündigt kein politisches Programm! Keine menschliche Instanz kann von uns verlangen: Laß dir alles gefallen, verzichte auf dein Recht – denn keine menschliche Instanz kann sich dann vor uns stellen wie unser Herr Jesus Christus. Als Petrus zu Jesus sagte: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt – was wird uns dafür? Jesus antwortete ihnen und sprach: Wer auf Familie und Besitz verzichtet hat, der wird es hundertfach wieder empfangen und das ewige Leben erben.“ (Matthäus 19, 27.29). Das kann uns nur Gott versprechen. Darum kann Gott von uns erwarten, das Böse mit Gutem zu überwinden.
Menschen untereinander können das nicht. Wir sollen für das Recht unseres Mitmenschen eintreten – jeder in seinem Bereich. Eltern sollen sich für ihre Kinder stark machen – nicht schwach. Lehrer sollen sich für ihre Schüler stark machen, nicht schwach. Beamte sollen sich für die Bürger des Landes stark machen, und nicht schwach. „Sich stark machen“ heißt hier jedoch nicht in erster Linie lauthals Forderungen an andere stellen, oder Neid wecken und ausleben, sondern stark sein mit den Gaben, die Gott mir gegeben hat, und damit für den Nächsten da sein. Nicht selbstgerecht auf andere schauen, was sie denn alles tun sollten und nicht getan haben!
Direkt nach unserem Predigttext spricht Paulus davon. Gott hat Strukturen geschaffen, mit denen Menschen in unserer gefallenen, unvollkommenen Welt das Schlimmste verhindern sollen. Mörder, Ehebrecher, Diebe, Betrüger sollen nicht freie Bahn haben. Und wenn solche bösen Menschen nicht freie Bahn haben, dann ist es deshalb, weil Gott Menschen gibt, die sich dafür einsetzen. Es ist ein Geschenk Gottes, wenn wir nicht in einer Wildnis leben, in der wir immer wieder bei Null anfangen müssen, sondern profitieren von dem, was andere vor uns aufgebaut, erkannt und organisiert haben. Gott gibt Menschen Macht und Autorität, um damit Segen zu ermöglichen und zu schützen. Wir Menschen können den Segen nicht machen – wir empfangen ihn! – aber wir sollen alle dazu beitragen, daß Gottes Segen nicht bei uns zerstört und unmöglich gemacht wird. Mörder, Ehebrecher, Diebe und Betrüger tun das aber. Wer Macht über Menschen hat, der hat die Macht dazu, das zu verhindern.
Wenn wir den Worten des Apostels folgen, dann sind wir nicht allein. Gott ist für uns – und wir können mit Gottes Hilfe für unseren Nächsten da sein. Hier können und sollen wir beitragen, so gut wir können. Ohne Rachsucht, ohne Egoismus, ohne Angst, auch ohne Selbstüberschätzung. Das ist das Neue. Rache – Vergeltung – Heimzahlen: Das ist das Alte.
Wir sollten nicht darauf warten, daß eine Zeit kommt, in der das Neue selbstverständlich ist. Diese Zeit wird nicht kommen wie ein politische Bewegung oder Entwicklung. Diese Zeit ist da, wo Jesus ist, und wo wir ihm nachfolgen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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