2. Sonntag nach Trinitatis

Gnade, Barmherzigkeit und Friede
von Gott, dem Vater,
und von Jesus Christus!

1 Und es geschah das Wort des HERRN zum zweiten Mal zu Jona:
2 Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage!
3 Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der HERR gesagt hatte. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß.
4 Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagereise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.
5 Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.
6 Und als das vor den König von Ninive kam, stand er auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche
7 und ließ ausrufen und sagen in Ninive als Befehl des Königs und seiner Gewaltigen: Es sollen weder Mensch noch Vieh, weder Rinder noch Schafe Nahrung zu sich nehmen, und man soll sie nicht weiden noch Wasser trinken lassen;
8 und sie sollen sich in den Sack hüllen, Menschen und Vieh, und zu Gott rufen mit Macht. Und ein jeder bekehre sich von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände!
9 Wer weiß? Vielleicht läßt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, daß wir nicht verderben.
10 Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.

Jona 3

O Jesus Christus, auch diese Worte müssen Dir dienen und uns helfen. Sortiere jetzt unsere Gedanken, daß wir nichts verpassen, was notwendig ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

40 Tage. Mein Bruder und seine Familie wurden einmal mitten in der Nacht von der Polizei besucht; es bestand akute Brandgefahr. Innerhalb von 30 Minuten mußten sie das Haus verlassen, um der Gefahr zu entkommen. Was kann man in 30 Minuten einpacken? – Gott sei Dank kam das Feuer nicht. Aber in dieser halben Stunde mußten er und seine Familie wissen, was zu ihrem Leben gehört, und was nicht.

Zurück zu der Stadt Ninive und dem Propheten und die 40 Tage!

Was für eine Predigt!

Jona der Israelit geht als ganz allein in die fremde Weltstadt – eine Tagereise – das ist tief hinein. Er kann nicht einen Rückzieher machen, er kann sich nicht distanzieren, er ist ganz drin.
Und jetzt kommt’s: „Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.“ – Da habt ihr’s, jetzt wißt ihr Bescheid.

Eine kurze Predigt. „Mit euch ist’s vorbei, es ist um euch geschehen, das war’s dann!“ – Was ist das? Eine Mut machende Predigt? Manchmal schwärmen Predigthörer und sagen: „Da kann ich etwas mitnehmen für den Alltag!“, oder es gilt als eine besondere Empfehlung: „Die Predigt holt mich ab, da, wo ich bin!“ – Was will man von Jonas Predigt sagen? Sie macht dem Alltag ein Ende! Da nehme ich nichts mit, sondern ich werde mitgenommen. Da werde ich nicht abgeholt, wo ich bin, sondern festgenagelt, wo ich bin.

Noch vierzig Tage – was ist euer Leben? Was könnt ihr mitnehmen? Was gehört zu deinem Leben? Was kann bestehen? Was ist so bei Gott angekommen, daß es bleiben wird?

„Noch 40 Tage, dann wird Ninive untergehen.“

Das Herz des Menschen will Ewigkeit; Ewigkeit für sich und seine Wünsche. Es soll alles weitergehen, oder besser werden. Man wünscht sich Botschaften, die das bestätigen. Jona mußte sagen, was keiner hören wollte. Das war sein Auftrag von Gott. Eine Bußpredigt. Es ist vorbei. Eure Gedanken, Worte und Werke schreien zum Himmel und klagen an. Was tut eine Bußpredigt? Sie legt Gottes Gebote so aus, daß du erkennen mußt: Ich vergehe! Eine Bußpredigt stellt dich vor den allmächtigen, heiligen, allwissenden Gott, der keine Ausreden anerkennt. Eine Bußpredigt macht dir klar: Keine einzige Sünde war nötig. Jede Sünde hättest du mit Gottes Hilfe vermeiden können. Mit jeder Sünde verlierst du mehr, als du meinst, mit ihr zu gewinnen. Mit jeder Sünde handelst du dir mehr Herzeleid ein, als du hofftest, zu vermeiden.

Jona hatte diese schwere Aufgabe, zu sagen: Es ist ganz anders, als du denkst. Die Hütte brennt schon. Deine Sünde ist ein Symptom für das Ende. Jede Lüge, jedes Begehren, von den offenkundigen Sünden ganz zu schweigen, ist ein direkter Angriff auf Gott selbst. Das ist keine Übertreibung. Wenn du belogen wirst, trifft es dich. Eine Lüge, die unnötig war, weil du bereit warst zu helfen, trifft noch tiefer. Wie muß das alles Gott treffen? Und was muß Gott tun, alles wieder zu ordnen und zu heilen, was du durcheinander gebracht hast?

Der Tod ist der Sünde Sold, lehrt Paulus (Römer 6, 23). Und Jona mußte der Stadt Ninive in seiner Predigt so etwas wie den Tod vor dem Tod antun, mit Gottes Gesetz zeigen, wie die Sünde jetzt schon den Tod in sich trägt.

Da glaubten die Leute von Ninive an Gott

Was heißt glauben an Gott? – Hier wird es uns gezeigt. Die Leute von Ninive werfen sich in Gottes Hand. Sie lassen alles hinter sich. Sie suchen keine Ausreden. Sie schicken Jona nicht mit Schimpf und Schande dahin, wo er hergekommen ist. Sie unterbrechen alles. Sie fangen neu an. Sie wollen nichts mehr ohne Gott tun. Aber das alles ist noch nicht der Glaube selbst, sondern das sind Symptome des Glaubens.

Der Glaube, der hinter dem allen steckt, ist erst einmal die Erkenntnis, die Realisation: Gott ist da, er war die ganze Zeit dabei, meine Gedanken, Worte und Werke kommen bei ihm an. Gott hat die Macht, mich zu schaffen, Gott hat mein Leben in der Hand. Er ist größer als alles, was ich fürchte, größer, als alles, was ich liebe …. Gott ist wirklicher alles, auch als ich.

Die Leute von Ninive glaubten an Gott. Das bedeutete: Gott ist die einzige Chance. Dieses intensive Vertrauen brach aus in Ninive.

Was danach kommt, sind Symptome davon: Daß sie fasteten und in Sack und Asche Buße taten. Sogar die Tiere sollen Buße tun!

Die Sache ist: Wenn Gott sich auf einmal mitten im Leben bemerkbar macht, dann ist auf einmal nichts mehr selbstverständlich. Die Seele hat das große Bedürfnis, einen Schnitt zu machen. Das ist heftig.

Auf jeden Fall hat dieses Fasten klar gemacht: So wie bisher, geht es nicht weiter. Das Fasten war dazu da, Abstand zu allem zu gewinnen, auch zu sich selbst – um Gott näher zu kommen.

Was war der Glaube hier? – Die Leute von Ninive gaben Gott recht. Ohne Vorbehalt. Ohne Rücksicht auf sich selbst.

Das ist ein Wunder. Ein notwendiges Wunder. Es muß sein.

Vielleicht?

„Wer weiß? Vielleicht läßt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, daß wir nicht verderben.“ So spricht der König. Das muß ein besonderer König gewesen sein, denn er hat die Stimmung im Volk nicht ausgenutzt, sondern er hat sich selbst auch unter Gott gestellt. Er hat auch Gott recht gegeben. Er hat erkannt, daß Gott ihm seine Macht anvertraut hatte. Dieser König wußte, daß es Fehler gibt, die nur ein König machen kann.

In seinen Worten ist viel vom Glauben ausgesagt. Vor allem der Aspekt: Gott recht geben.

In dem Wort: „Vielleicht“ wird klar gesagt: Wir verdienen das. Wenn es anders kommt, dann ist das Gottes eigene, gnädige Entscheidung. Wir sind in Gottes Hand.

Im Grunde ist es eine unmögliche Möglichkeit. Wie soll Gott etwas bereuen? Das übersteigt unseren Verstand. Wenn Gott wirklich Gott ist, dann ist er perfekt. Wie soll er dann etwas bereuen? Wir müssen bereuen, weil wir nicht perfekt sind. Wir machen Fehler, wir sehen nicht alles kommen, darum kennen wir Momente, in denen wir bereuen. Aber Gott? Wie soll Gott bereuen? Man muß aber sagen, daß diese Reue Gottes die einzige Chance ist. Auch wenn alles dagegen spricht, vor allem unsere Logik, dann muß dann doch hoffen, daß Gott eine Ausnahme macht.

Gottes Reue ist ein menschliches Wort. Gott bereut nicht einen Fehler oder einen Irrtum, sondern Gott beschließt, gnädig zu sein.

Die Leute von Ninive haben Gott so Gott sein lassen, wie Gott eben Gott sein will. Sie haben alles in Gottes Hände gelegt, und darum hält Gott sie mit seinen Händen.

Gottes Einladung

Unser Herr Jesus Christus mochte die Leute von Ninive. Sehr sogar. So sehr, daß wir eifersüchtig werden könnten. Jesus sagte zu den Zuhörern, die gerne Beweise und Wunder sehen wollten: „Die Leute von Ninive werden auftreten am jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen, die sie taten Buße nach der Predigt des Jonas, und siehe, hier ist mehr, als Jonas.“ (Matthäus 12, 41). Ninive wußte weniger von Gott und seinen Willen, als die Israeliten, die Jesus hörten. Und doch verstanden sie sofort, worauf es ankam.

Mit anderen Worten, Jesus hat der Predigt von Jona recht gegeben. Diese Predigt, die erschrocken hat, die nicht bestätigt hat, sondern verunsichert hat. Jesus hat selber auch zur Buße, zu Gott gerufen. Auch für Jesus ist klar, daß die Sünde im Verderben endet.

Aber eins muß man sagen: Bei Jesus muß man nicht mehr von einem „Vielleicht“ sprechen. Da ist die Gnade, die Vergebung nicht eine unmögliche Möglichkeit, die man sich nicht vorstellen kann. Bei Jesus muß man sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob Gott etwas bereut oder sowas.

Bei ihm ist die Gnade. Bei ihm ist die Vergebung. Bei ihm ist die Chance. Er ruft ja gerade die zu sich, die merken, daß etwas nicht stimmt, daß es so nicht weitergeht. Da ist der der Spezialist.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


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Gestaltung: Lioba Fenske

7. Sonntag nach Trinitatis

Gnade, Barmherzigkeit und Friede
von Gott, dem Vater,
und von Jesus Christus!

1 Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißt.
2 Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
3 Jesus aber ging auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern.
4 Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden.
5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, daß viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?
6 Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wußte wohl, was er tun wollte.
7 Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, daß jeder ein wenig bekomme.
8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus:
9 Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele?
10 Jesus aber sprach: Laßt die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer.
11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, so viel sie wollten.
12 Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt.
13 Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrig blieben, die gespeist worden waren.
14 Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.
15 Als Jesus nun merkte, daß sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein.

Johannes 6, 1-15

Lieber HERR, gib uns das Leben, das Du selbst in diese Worte gelegt hast; gib uns Ohren, die Dich selbst hören, was immer heilsam ist. Amen.

Liebe Gemeinde!
Erstmal kurz etwas über Wunder.
Wir haben ja eben von einem Wunder gehört. Jesus nimmt 5 Gerstenbrote und 2 Fische, DANKT – das ist essentiell! – läßt seine Jünger austeilen und speist damit über 5000 Menschen. Und es bleibt etwas übrig.
Das ist nicht normal. Von Jesus werden auch andere Wunder bezeugt. Zum Beispiel, daß er Kranke heilt, Besessene befreit, über einen Sturm gebietet …. Das sind Wunder. Da bleibt man erstmal stehen. Da ist der Verstand erst einmal verblüfft, oder in der Sprache der Bibel: Entsetzt, verstört, verwundert.
Meistens fragt man dann: Glaubst du, daß das wirklich geschehen ist? Glaubst du an Wunder? Ja oder nein?
Beides, Ja und Nein, beendet das Wunder.
Wenn ich Ja sage, dann stehe ich unter Druck, das Wunder zu erklären, oder zu wiederholen, oder es jemandem einzureden, der seine Zweifel hat.
Wenn ich Nein sage, dann stehe ich unter Druck, das, was berichtet wird, anders zu erklären. Im Sinne von: „EIGENTLICH passiert da etwas ganz Normales.“ Aber dann fragt man sich, warum die Menschen sich aufregen, und Jesus bewundern oder fürchten.
Beides, das „Ja“ und das „Nein“ läßt Gott aus dem Wunder raus. Es stehen zwei Menschen einander gegenüber und reden aufeinander ein. Da ist das Wunder weg.
Als Kinder Gottes gucken wir anders.
Die Bibel nennt diese Taten Jesu „Zeichen“. Ein Zeichen spricht aus sich, ein Zeichen spricht bleibend und fortwährend, ein Zeichen hört nicht auf, zu sprechen. Jesus zeigt uns etwas mit dem Zeichen. Jesus wartet darauf, daß wir das sehen, was er uns mit dem Zeichen zeigt.
Darum lassen wir um Gottes willen das Wunder stehen, und lassen es zeigen, und aus sich selbst zu uns reden.
Denn wir als Hörer sollen Teil von dem Wunder werden. Bei einem „Ja“ oder ein „Nein“ zwischen Menschen – also im Erklären von Wundern, oder im Zweifeln daran – da werden wir nicht Teil vom Wunder. Wir sollen aber.
Wie kann das aussehen?
1. Wir lassen das Wunder wirklich stehen.
Gott will, daß wir das hören. Gott übernimmt die Verantwortung. Ich muß diese Wundergeschichte nicht verantworten, beweisen, oder deine Zweifel überwinden. Ein Christ soll das Wunder stehen lassen und bezeugen. Gott hat etwas mit dem Wunder vor. Das muß ich Gott überlassen.
2. Wir freuen uns daran.
Gott läßt das so berichten. Es ist ja ohne Zweifel etwas Gutes. Hungrige werden gespeist. Jesus dankt dem himmlischen Vater für Seine Gaben, und gibt sie weiter. Wenn es auch übernatürlich ist – es ist gut. Jesus benutzt seine Göttlichkeit, um sich zu kümmern. Er überrumpelt nicht, er dient. Er blendet nicht, sondern nimmt sich der Not an. Es ist eine gute Macht am Werk, so unerklärlich oder gar unheimlich sie scheint – sie ist gut, die Macht im Wunder. Sie zielt auf den Menschen als Gottes Ebenbild. Sensationen, Mirakel schüchtern ein und demütigen, ja, geben der Lächerlichkeit preis. Von Jesus hört man das nie. In Seinen Wundern ist niemals Schadenfreude oder Selbstgefälligkeit. Allein das ist schon ein Wunder. Auch die Berichte sind völlig frei davon. Die Jünger prahlen niemals mit ihrem wundertätigen Herrn.
3. Wir gönnen es denen, die es erlebt haben.
Das Wunder stehen lassen bedeutet auch, daß man nicht ängstlich oder mißtrauisch fragt: Wo ist mein Wunder? Warum geschieht bei mir kein Wunder? Wo ist Gott mit Seinen Wundern, wenn man Ihn braucht? – Sondern sich mit denen freuen, die es erlebt haben, und es ihnen gönnen. Hier waren über 5000 Menschen in Not, sie hatte Hunger, und Jesus speist sie, macht sie satt. Wie gut für sie! Wie wunderbar muß es sein, so unerwartet gespeist zu werden! Wie herrlich muß es sein, so unverhofft eine Sorge loszuwerden!
Um Gottes willen lassen wir das Wunder stehen und zerreden wir es nicht mit unseren Fragen und Ja oder Nein!
Um Gottes willen freuen wir uns daran. Hier ist einfach etwas, was größer ist als wir, und es bedroht uns nicht. Das ist gut.
Um Gottes willen gönnen wir es denen, die es erlebt haben – und lassen wir unseren kleinlichen, mißtrauischen, neidischen Egoismus hinter uns und freuen wir uns mit ihnen.
Dann wären wir auf dem besten Wege, Teil des Wunders zu werden.
Jetzt aber zu Johannes 6! Betrachten wir das Speisungswunder behalten wir im Herzen fest: Stehen lassen, freuen, gönnen! Das wird Gott segnen.
Jesus geht mit seinen Jüngern auf einen Berg. Er führt sie über das Irdische hinaus. Jesus relativiert, was seine Jünger auf der Erde herumtreibt. Er nimmt sie mit sich. Sie sollen sein, wo er ist (Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren. Johannes 12, 26). Wer Jesus nachfolgt über den verliert die Welt ihre Macht. Wenn wir hier versammelt sind, und diese Worte hören, beten was Jesus gelehrt hat, tun, was Jesus aufgetragen hat – dann geschieht etwas, was nicht von der Welt bestimmt ist, dann geschieht etwas, was nicht von unserem Fleisch bestimmt ist, also von uns als Egoisten ohne Gott. Wir sollen wissen: Was hier passiert, ist nicht Wirkung einer bösen oder zerstörerischen Macht. Wir sind mit Jesus auf dem Berg.
Viele Menschen folgen Jesus nach, wegen der Zeichen, die er an den Kranken tut. – Was wir hier hören, was Gott uns hier gibt, ist für viele gemeint.
In den Medien hört man von Kirchenaustritten, davon, wie unwichtig die Kirche und das Christentum geworden sind. Wo Jesus ist, werden viele sein. Das sollen wir nicht mit Ja oder Nein zerreden, sondern stehenlassen, und um Gottes willen glauben, daß wir Teil davon sind. Nicht erst sein WERDEN, sondern schon SIND.
Es ist kurz vor dem Passahfest. Das Fest des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten. Das Fest der Befreiung aus dem gnadenlosen System, das Israel beweisen will, daß sein Gott nichts ist.
Aus aller Welt werden Juden in Jerusalem durch Gottes Wort sich eingliedern in das Volk, das aus Ägypten rausging. Gott hat es dann mit wunderbarem Brot vom Himmel, Manna, gespeist. Beim Passahfest hat Israel nicht zweifelnd und mißtrauisch gesagt: Wo ist mein Manna heute? – Sondern es hat sich mit denen gefreut, die es vor Jahrhunderten bekamen. Im 6. Kapitel Johannes wird Jesus noch sagen: „Ich bin das Brot, das vom Himmel gekommen ist.“
Was Jesus jetzt weiter tut, ist sehr wichtig: Er führt seine Jünger an die Grenze. Jesus läßt es zu, daß die Jünger die Grenzen ihrer Möglichkeiten ganz klar und deutlich erfahren.
Jesus hebt seine Augen auf. Er sieht, daß die Massen kommen. Was er sagt und tut, hat nicht nur die im Blick, die schon da sind. Auch das, was Jesus bei uns in unserer kleinen Gemeinde sagt und tut, hat nicht nur uns allein im Blick. Du bist gemeint – aber nicht nur du!
Dann fragt er Philippus: „Wo kaufen wir Brot, daß diese essen?“
„Wir“! Jesus, der Sohn Gottes, bezieht Menschen ein in Seiner Mission. Sie sollen dabei sein, wenn Er tut, was nur Er als der Sohn Gottes tut, um Menschen zu retten.
„Das sagte er aber, ihn zu prüfen …“ – mit anderen Worten: Jesus führt Philippus an die Grenze. Was kann ich, was kann ich nicht? Was ist möglich, was nicht?
Philippus sagt nüchtern, was los ist: „200 Silbergroschen Brot sind nicht genug.“ Vielleicht war das das Budget der Jünger. Man hat ausgerechnet, daß 1600 kg Brot damit gekauft werden konnten. Das wären 300 Gramm Brot pro Familie. Knapp. Aber im Grunde war damit bewiesen – wir sind überfordert.
Das wird unterstrichen mit dem Wort des Andreas: „Es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische – aber was ist das unter so viele?“ Man könnte sagen, daß Philippus Kapitalist ist, weil er ausrechnet, was Geld möglich macht, und Andreas Sozialist – weil er sieht, wie er mit dem vorhandenen jedem gerecht werden kann – Planwirtschaft. Beide liefern den Beweis, daß Jesus sie an eine Grenze geführt hat. Jesus führt Menschen an die Grenze, damit sie lernen, Gott und Mensch zu unterscheiden. Unterscheiden, was Gott tut, und was Menschen tun können.
In einem Lied „Mein lieber Gott soll walten“ findet sich die ergreifende und humorvolle Strophe: „Andreas hat gefehlet, Philippus hat gezählet,
sie rechnen wie ein Kind.
Mein Jesus kann addieren und kann multiplizieren,
auch da, wo lauter Nullen sind.“
Erst, als den Jüngern völlig klar ist, daß sie der Situation überhaupt nicht gewachsen sind, ordnet Jesus an, daß die Menschenmenge sich lagert. Die Jünger sind auf einmal Gastgeber für 5000 Familien, und der Kühlschrank ist ja praktisch leer, und alle Läden haben zu. Die 5000 Männer erwarten jetzt etwas! Etwas muß jetzt kommen. Die Jünger werden das überdeutlich gespürt haben. Wie kümmerlich werden ihnen die 5 Gerstenbrote und 2 Fische vorgekommen sein! Wie leer werden sich ihre Hände angefühlt haben!
Und genau wie Jesus durch Seinen Blick die vielen Menschen zum Teil der Situation gemacht hatte, so macht Er durch Danken den himmlischen Vater zum Teil der Situation. Wir unterschätzen das dauernd. Erst wer dankt, hat wirklich. Erst wer Gott dankt, hat die Liebe Gottes, die Gott in Seine Gaben gelegt hat.
Dann geben die Jünger weiter, was Jesus ihnen gibt. Einfach das. Von mal zu mal. Was wir Jesus anvertrauen, ist nicht mehr dasselbe. Das müssen wir glauben. Was wir Jesus anvertrauen, das geht in den Himmel, in das Paradies, und wird uns neu gegeben.
Alle werden satt.
Und dann kommt die Sache mit dem König.
Jesus merkt, daß sie ihn zu König machen wollen.
Zum Brot- und Bauchkönig. Die Menschen wollen nicht an eine Grenze geführt werden, im Gegenteil. Es soll keine Grenze mehr geben. Das bedeutet aber: Sie wollen nicht Gott kennenlernen. Sie wollen nicht erleben, daß Gott alles tut und alles gibt. Sie wollen nicht erfahren, daß ihre Hände leer sind, bis Gott sie füllt. Jesus läßt sich nicht zum König machen. Warum? Weil er schon der König ist. Wenn Menschen ihm Macht geben würden, dann wäre er von den Wünschen der Menschen abhängig. Ein Gott, der unsere Wünsche erfüllt – ohne Grenze, ohne Bitten, ohne Danken – das wäre kein Gott. Da wären unsere Wünsche unsere Götter. Das endet leider tödlich.
Jesus macht da nicht mit, weil er will, daß wir Gott kennenlernen. Jesus geht den Weg weiter, bis Er die Schattenseite aller unserer Wünsche ausbadet. Er geht den Weg weiter, bis er uns zeigt, was wir am dringendsten brauchen: Nämlich, daß Gott uns unsere Schuld abnimmt und wegträgt. Wir wissen ja, wo dann geschrieben stand: Jesus von Nazareth, der Judenkönig. Da haben die Jünger zugleich ihre eigenen Grenzen und Gott kennengelernt. Denn unsere wirkliche Grenze ist: Daß ich mir meine Schuld nicht selbst vergeben kann. Da kann nur Gott handeln. Da ist Jesus der König.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


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Gestaltung: Lioba Fenske

5. Sonntag nach Trinitatis

Gnade, Barmherzigkeit und Friede
von Gott, dem Vater,
und von Jesus Christus!

1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.
3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.
4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte …

Mose 12, 1-4

HERR, segne diese Worte an unseren Herzen. Amen.

Liebe Gemeinde!
Abram ist 75 Jahre alt, als der HERR ihn ruft, alles zu verlassen, was er kennt, um alles zu bekommen, was er noch nicht kennt.
Was kennt Abram? Er kennt seine Familie, sein Zuhause, sein Vaterland. Mit 75 Jahren wird Abram mit seiner Frau Sarai ganz integriert gewesen sein. Mit 75 konnte ihn wenig noch überraschen. Mit 75 Jahren war er inzwischen Vorbild für die nächsten Generationen für alles, was richtig und anerkannt war. Sie wußten, was sie hatten, und was sie noch vom Leben erwarten konnten.
Und dann sprach der HERR – denn Abram nicht kannte! – zu Abram – der es nicht gesucht oder erwartet hatte – Geh! Geh hin! Raus aus dem Vaterland, weg von deiner Verwandtschaft. Laß das ererbte Haus hinter dir.
Laß mich deine Zukunft sein, sagt Gott. Ich bin dein Leben. Das war natürlich schon vorher wahr, denn Gott hatte Abram geschaffen und am Leben erhalten. Doch nun sollte Abram es erfahren. Diese Wahrheit, daß Gott aus dem Nichts schafft, und das, was ist, gegen das Nichts erhält und bewahrt, diese Wahrheit sollte Abram mit seiner Frau in einer Weise erfahren, daß die ganze Menschheit sich mitfreuen kann, ja, diese Erfahrung Abrams und Sarai – die Gott dann später Abraham und Sara nennen wird – ist der Maßstab für das, was Gott im Menschen sucht, und finden will. Wer das hat, was Abraham hat, der braucht vor Gott keine anderer mehr werden, der ist für alle Zeiten bei Gott angekommen, für alle Zeiten bei Gott in Sicherheit. Das hat sich nach 3500 Jahren nicht geändert. Es ist der Glaube Abrahams, oder es ist nichts.
Abram soll alles hinter sich lassen. Nur sich selbst und seine Frau soll er mitnehmen. Und … ja, und das ist ja die Zukunft, das Leben, ja, damit hat er Gott selbst bei sich: Abraham soll die Verheißung mitnehmen. Sie niemals aus dem Sinn lassen, sondern unter allen Umständen festhalten.
„Ich werde dir ein Land zeigen.
Du sollst ein großes Volk sein.
Du sollst einen großen Namen haben.
Du sollst ein Segen sein.
Ich werde segnen, die dich segnen;
ich werden verfluchen, die dich verfluchen.
In dir werde ich alle Völker segnen.“
Jede einzelne Aussage ist ganz und gar göttlich.
Jede dieser Aussagen ist der Anfang von etwas, was Abraham überhaupt nicht aus sich selber ist. So sind göttliche Verheißungen. Sie verheißen, was nur Gott selbst geben kann. Sie sind kein Befehl. Abraham soll nicht auf sich selbst schauen, auch nicht im Geringsten einen Gedanken daran verschwenden, ob er dazu in der Lage ist, ein großes Volk zu sein, oder einen großen Namen zu haben, oder ein Segen zu sein, sondern diese Verheißung von Gott soll für Abraham die einzige und größte Realität sein. Wenn er sie hat, fehlt ihm nichts. Wenn er sie verliert, dann hat er alles verloren. Und wie behält er sie, durch den Glauben. Darüber werden wir heute noch mehr hören.
Abraham hat kein Land. Er hat auch keine Macht, Land zu erobern. Wenn er einmal Land haben soll, dann, weil Gott es ihm aus heiterem Himmel gibt.
Abraham ist kein großes Volk. Er und Sara haben nicht einmal ein Kind. Es wird auch keine Kinder mehr geben. In dem Alter. Wenn Abraham also ein Volk wird, dann wird Gott dieses Volk aus dem Nichts schaffen. Das Volk kann nur gänzlich aus Gottes Schöpfermacht gemacht werden.
Abraham hat keinen Namen – wenn er seine Heimat verläßt, dann ist er ein Niemand, ein Namenloser. In der Fremde wird sich seine Spur verlieren. Wenn er dort in der Zukunft, im neuen Land eine Identität haben soll, einen Namen –so daß man wirklich ihn meint, wenn man von ihm spricht, wenn Abrahams Identität nicht durch Mißverständnisse und Fremdheit komplett aufgelöst und vernichtet werden soll – dann wird Gott diesen Namen, diesen Ruf, diese Identität aus dem Nichts schaffen. Sie wird etwas, sein, was Abraham nicht schon bei sich trägt, sondern Abraham wird diese Identität als ein Geschenk des Himmels, von Gott selbst bekommen.
Du sollst ein Segen sein. Eine Gabe Gottes für die Menschheit. Wie kann ein Mensch sich so etwas vornehmen? Das wäre eine niederschmetternde Überforderung! Wenn das wahr werden soll, dann muß Gott das wissen. Das muß Gott selbst geben.
Die Verheißung ist etwas ganz anderes als ein Befehl oder eine Aufgabe. Ein Befehl richtet sich an Deinen Willen: Tu das, was ich dir sage! – Ein Befehl zielt auf eine Tat. Die Verheißung zielt auf Glauben. Darum wird uns auch gesagt: „Abram g l a u b t e dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.“ (1. Mose 15, 6). Dieser Glaube, der von nichts wissen kann oder wissen will, als daß, was er in der Verheißung hört, und sich selbst niemals sagen könnte – dieser Glaube macht Abraham zu dem Menschen, mit dem Gott alles wahrmachen will. Gott steht diesem Abraham mit Seiner ganzen Gottheit zur Verfügung.
Mit anderen Worten: Abraham hatte alles in dem Moment, als er losging. Alles andere war eine Frage der Zeit. Abraham hatte das Land, er hatte den Nachkommen, weil er Gott in Gottes Verheißung hatte. Durch den Glauben.
Liebe Gemeinde: Das klingt völlig übertrieben. Der Gott der Bibel, der wirkliche lebendige Gott ist ein Gott der Übertreibung. Vor allem Übertreibt Er die Liebe. Von dieser Übertreibung leben wir.
Abraham muß uns interessieren, denn im Neuen Testament ist er absolut wichtig.
Der Hebräerbrief macht uns klar: „Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wußte nicht, wo er hinkäme.“ (Hebräer 11, 8), und weiter: „Durch den Glauben empfing auch Sara, die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte. Darum sind auch von dem einen, dessen Kraft schon erstorben war, so viele gezeugt worden wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres, der unzählbar ist.“ (Hebräer 11, 11-12). Durch den Glauben waren Abraham und Sara alles.
Auch der Apostel Paulus zeigt auf Abraham: (Römer 4, 16 ff)
„Der ist unser aller Vater – wie geschrieben steht (1. Mose 17,5): »Ich habe dich gesetzt zum Vater vieler Völker« – vor Gott, dem er geglaubt hat, der die Toten lebendig macht und ruft das, was nicht ist, daß es sei. 18 Er hat geglaubt auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen war, daß er der Vater vieler Völker werde, wie zu ihm gesagt ist (1. Mose 15,5): »So zahlreich sollen deine Nachkommen sein.« 19 Und er wurde nicht schwach im Glauben, als er auf seinen eigenen Leib sah, der schon erstorben war, weil er fast hundertjährig war, und auf den erstorbenen Leib der Sara. 20 Denn er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern wurde stark im Glauben und gab Gott die Ehre 21 und wußte aufs Allergewisseste:
Was Gott verheißt, das kann er auch tun. 22 Darum ist es ihm auch »zur Gerechtigkeit gerechnet worden« (1. Mose 15,6). 23 Daß es ihm zugerechnet worden ist, ist aber nicht allein um seinetwillen geschrieben, 24 sondern auch um unsertwillen, denen es zugerechnet werden soll, wenn wir glauben an den, der unsern Herrn Jesus auferweckt hat von den Toten.“
Genau wie Abraham und Sara sich nicht nach ihren eigenen Möglichkeiten gerichtet haben – daß sie mit 90 und 100 Jahren noch einmal ein Kind bekommen würden, sondern Gott beim Wort nahmen, so sollen wir auch uns daran festhalten, daß Gott der Vater Jesus den gekreuzigten von den Toten auferweckt hat. Es ist dasselbe Vertrauen, daß sich festhält an den Gott, der tun kann, was Er sagt.
Nun kann und muß man fragen: Nun. Abraham hat Gottes Ruf offensichtlich so klar gehört, daß es keinen Zweifel geben konnte. Wo ruft Gott mich denn? Was verspricht Gott mir denn? Einen Nachkommen, wie Abraham, oder ein Land?
Viele stellen diese Frage, und rechnen nicht mit einer Antwort. Sie können und wollen sich nicht vorstellen, daß Gott sie ruft.
Doch Paulus sagt uns: Wer an Jesus glaubt, der glaubt wie Abraham. Und, ja, uns wird gesagt: Durch den Glauben bist du ein Nachkomme Abrahams. Durch den Glauben an Jesus bist du ein Erbe des Segens, den Gott Abraham verheißen hat.
Paulus sagt das ganz deutlich im Brief an die Römer, Kapitel 9: „Nicht das sind Gottes Kinder, die biologisch von Abraham abstammen, sondern nur die Kinder der Verheißung werden als seine Nachkommenschaft anerkannt.“ (Römer 9, 8). Kinder der Verheißung – das ist: Menschen, die durch das Hören von Gottes Ruf neue Menschen sind.
Ja, Jesus selbst faßt das alles zusammen. Im Johannes-Evangelium bekennt Jesus sich in einmaliger Weise zu Abraham. Er sagt sinngemäß: Als Abraham glaubte, da glaubte er an mich. Also, wer an Jesus glaubt, der glaubt haargenau wie Abraham. Hören wir uns das doch an!
In einer heftigen Auseinandersetzung im Tempel spricht Jesus zu den Juden, die ja sagten: „Abraham ist unser Vater“ (Johannes 8,33): „Abraham, euer Vater, wurde froh, daß er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen? Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham wurde, bin ich.“ (Johannes 8, 56-58). Hier spricht Jesus als der Sohn Gottes, der ewig ist. Abraham, der glaubte, daß Gott ihm einen Sohn geben würde, ein Land – vor Gott war dieser Abraham ein Mensch, der Gott zutraute, aus dem Nichts zu schaffen – „dem, das nicht sei, zu rufen, daß es sei.“ – Durch den Glauben hatte Abraham einen Gott, der von den Toten auferweckt. Das ist der Gott Jesu Christi. Darum sagt Jesus: Abraham hat an mich geglaubt. Wer an mich glaubt, der glaubt mit Abraham, der glaubt wie Abraham, der ist damit ein Nachkomme Abrahams, ein Kind Gottes.
Wo hörst du also Gottes Ruf? Wenn du den Ruf zu Jesus Christus hörst, dann ruft dich derselbe Gott, der Abraham gerufen hat. Das Evangelium ist Gottes Ruf für dich. Wenn du davon hörst, wie Jesus Gottes Verheißung – also Gottes Zusage und Versprechen zu uns Menschen gebracht hat, wenn dir gesagt wird: Dieser Jesus wurde von uns Menschen durch das Kreuz ins Nichts befördert – doch Gott der Vater hat ihn aus diesem Nichts auferweckt, und im Namen des Auferstandenen spreche ich mit dir hier in dieser Kirche – dann erreicht dich derselbe Ruf, wie der Ruf, den Abraham hörte.
Übrigens: Das neutestamentliche Wort für Kirche heißt „Ekklesia“. Das bedeutet wörtlich: „Die herausgerufene Versammlung.“ Die Versammlung aller, die Gottes Ruf folgen.
Wir sitzen hier als Erbgemeinschaft des Segens Abrahams. Unser Erbe ist jetzt nicht ein bestimmtes Land, oder ein bestimmtes Volk. Unser Erbe ist die vollständige Vergebung aller Sünden, und einen festen Platz im ewigen Leben, einem Leben mit Gott. Das ist mehr als ein Land oder ein Volk. Dann haben wir den Geber aller Länder und den Schöpfer aller Völker. Dann haben wir die Weisheit und die Liebe in allen Gaben, die wir uns nur wünschen könnten.
Darum kann ein Psalm sagen: „HERR, wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ (Psalm 73, 25).

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


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1. Sonntag nach Trinitatis

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.
20 Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren
21 und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.
22 Es begab sich aber, daß der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.
23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. 24 Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. 25 Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. 26 Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, daß niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.
27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus;
28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.
29 Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören.
30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun.
31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Lukas 16, 19-31

HERR, segne Dein Wort an uns, Dein Wort ist die Wahrheit. Amen.

Liebe Gemeinde!
Das Thema des heutigen Sonntags lautet: „Apostel und Propheten“ – also: Beauftragte Gottes, die in Gottes Namen uns Gottes Wort sagen. Die Kirche ist apostolisch, wie Paulus schreibt: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist.“ (Epheser 2, 19-20). Was uns also zur Kirche macht, ist das Wort, was Gott uns durch die Apostel gegeben hat. Sie sind unsere Lehrer, wir sind ihre Schüler. Ein Christ ist immer bereit, von den Aposteln zu lernen und eine Kirche wird immer darauf achten, daß so gelehrt wird, wie die Apostel gelehrt haben.
„Apostel und Propheten“ – das heißt, die Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus ist heute Predigttext wegen ihres Schlusses: Dort sagt Vater Abraham zu dem Reichen Mann: „Sie – also deine Brüder – haben Abraham und die Propheten, die sollen sie hören.“
Was ist passiert?
Wir hören von dem Reichen Mann, der sich ein schönes Leben macht „herrlich und in Freuden“, und zwar „alle Tage“. Vor seiner Tür liegt der arme Lazarus, arm, krank – nur Hunde sind seine Freunde. Ein riesiger Kontrast!
Die Sprüche Salomo sagen uns: „Reiche und Arme müssen untereinander sein; der HERR hat sie alle gemacht.“ (Sprüche 22, 2). Dieser Kontrast begleitet die Menschheit. Wir müssen genau hinhören: Gott hat beide gemacht: Arm und Reich. An anderer Stelle hören wir: „Arme und Reiche begegnen einander: beider Augen erleuchtet der HERR.“ (Sprüche 29, 13). Gott kann und muß beiden, den Armen und den Reichen, die Augen öffnen. Mit Recht denken wir sofort: Gott muß dem Reichen die Augen öffnen, damit er die Not des Armen sieht. Ja, das muß Gott tun. Und wie kann Gott das tun? Durch Mose und die Propheten. Gottes Wort zeigt dem Reichen, daß sein Reichtum Gottes Gabe ist. Jesus sagt von dem reichen Kornbauer: „Kein Mensch lebt davon, daß er viele Güter hat.“ (Lukas 12, 15). Gottes Wort zielt auf das Herz des reichen Mannes, daß er sich erbarmt. Mose und die Propheten sind voll davon.
Jesus sagt etwas über den armen Lazarus, das mir sehr nachgeht:
„Er begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel“. Lazarus begehrte – was auch sonst, wenn man arm ist und hungert! Aber er begehrte nur das, was von des Reichen Tisch fiel. Lazarus war nicht von Neid erfüllt. Wir hören nicht, daß Lazarus gerne im Luxus leben wollte. Lazarus wollte sich sich sättigen mit dem, was dem Reichen nicht fehlen würde.
Liebe Gemeinde! Gott ist niemals für den Neid. Gottes Wort unterstützt den Neid nicht. Jakobus schreibt uns als unser Apostel: „Denn wo Neid und Streit ist, da sind Unordnung und lauter böse Dinge.“ (Jakobus 3:16).
Gott will durch sein Wort die Augen der Reichen und der Armen erleuchten. Beide sollen von Neid frei sein. Doch die Reichen sollen vor Gott verantworten, was sie tun mit dem, was Gott ihnen gegeben hat.
In unserer Geschichte kommt es nicht zu dieser Begegnung. Der Reiche Mann ist blind für die Not des Lazarus. Er kennt nur einen Genuß nach dem anderen. Er läßt sich von Gott nichts sagen. Darum ist er nach dem Tod auch von Gott getrennt. Lazarus aber, der trotz Armut und Krankheit vom Neid frei blieb, weil er sich Gott anvertraute, der kommt in Abrahams Schoß, also in die tröstliche Nähe Gottes. Gott tröstet ewiglich. Wenn du jetzt einen Kummer, einen Jammer, Tränen hast – der Trost ist jetzt schon bereit. Er wird kommen. Gib dich nicht dem Neid hin. Tu es nicht!
Jetzt will der Reiche Mann noch verhandeln. Seine Brüder sollen es besser haben, als er. Man stelle sich vor: Der Reiche Mann will von der Hölle aus Lazarus noch rumschicken! Seine Augen sind immer noch nicht über seine Situation erleuchtet! Der Reichtum kann einem wohl das Beten abgewöhnen! Beten ist etwas anderes als anklicken und bestellen.
Der Reiche Mann denkt: Wenn meine Brüder, die sicher auch so reich waren, wie er, wenn sie ein Wunder erleben, wie eine Totenauferstehung, das wird sie zum Nachdenken bringen!
Doch Abraham kennt uns Menschen besser. Eine Erscheinung oder eine Totenauferstehung ist für Menschen, die nicht auf Gott hören nur eine neue Sensation, mit der man angeben kann: „Hast du schon gehört? Stell dir vor! Der ist auferstanden! Wie unglaublich ist das!“ Und alle bleibt beim Alten.
So sind wir Menschen. Jede Sensation bestätigt uns nur, so weiterzumachen, wie bisher – besonders, wenn wir keine Sorgen haben.
Wenn etwas wirklich neu werden soll, dann soll der Mensch hören. Mose und die Propheten. Also Gottes Gebote und Gottes Verheißungen. Gesetz und Evangelium.
Neid schafft nicht neue Menschen. Und, liebe Gemeinde: Die Luft, die wir atmen, ist von Neid erfüllt. Gibt es ein politisches Programm, das ohne Neid auskommt? – „Das könntest Du haben! Das nimmt man dir weg!“ – Wenn jemand deinen Neid bestätigt, dann denkst du leicht: Der versteht mich, der meint es gut mit mir, der wird meinen Wunsch erfüllen. – Das fühlt sich zunächst gut an. Aber was ist passiert: Du hast dich von ihm abhängig gemacht. Er bestimmt über dich – jedenfalls so lange, wie der Neid dich besitzt.
Gottes Gesetz verbietet den Neid.
Dann werden die Augen erleuchtet.
Wir denken oft: Wenn ein Wunder geschieht, dann wird mir der Glaube leichter fallen.
Heute hören wir: Der Glaube kommt aus dem Hören, oder wie Paulus sagt: Der Glaube kommt aus der Predigt. (Römer 10, 17).
Man glaubt’s nicht, aber es ist so. Meistens sind Predigten nicht sensationell. Aber Gott hat beschlossen, durch Apostel und Propheten uns vom Neid zu heilen. Und diese Heilung ist der Anfang vom Himmel bei uns.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


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TRINITATIS

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.
33 O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!
34 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jesaja 40,13)
35 Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, daß Gott es ihm vergelten müßte«? (Hiob 41,3)
36 Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Römer 11, 32-36

Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, heilige uns in Deiner Wahrheit, Dein Wort ist die Wahrheit. Amen.

Liebe Gemeinde!
Wenn du als Christ gefragt wirst: „Wer ist Gott?“, oder: „Was ist Gott?“ dann kann die Antwort nur lauten: Gott ist der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. EIN Gott in Drei Personen. Doch diese drei Personen sind alle ganz Gott, und doch sind es nicht drei Götter.
Das übersteigt unseren Verstand, keine Frage. Drei und doch Einer – Einer und doch drei?
Ist es nicht besser, mit Paulus zu sagen: „Unbegreiflich!“ – „Unerforschlich!“ – „Wer hat des HERRN Sinn erkannt?“ Oder einfach philosophisch sagen: „Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen“?. Warum nicht einfach von „Gott“ und „Jesus“ reden? Wäre das nicht viel einfacher? Vielleicht sogar auch attraktiver? Gerne wird darauf hingewiesen, daß das Wort: „Dreieinigkeit“ oder „Dreifaltigkeit“ nicht in der Bibel steht. Außerdem ist die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes für das Gespräch mit Juden und Moslems eine Belastung: Glauben wir nicht alle an denselben Gott? Solange wir Christen die Dreieinigkeit – Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist – bekennen, lehren und anbeten, dann ist es auf jeden Fall fraglich, ob Christen, Juden und Moslems denselben Gott anbeten.
Nun. Paulus spricht von „unbegreiflich!“ und „unerforschlich!“ – aber er schweigt nicht. Also: Paulus sagt nicht: Hier gibt es nichts zu erkennen! Paulus macht Ernst damit, daß unser menschlicher Verstand auch ein Geschöpf ist und deshalb seine Grenzen hat. Doch ein Geschöpf hat einen Schöpfer, und das heißt: Auch wenn ich als Geschöpf meine Grenzen nicht überschreiten kann, so ist Gott der Schöpfer durch diese Grenze nicht gebunden oder eingeschränkt. Wenn wir als Geschöpfe Gott nicht erkennen können, dann heißt das nicht: „Also gibt es keine Gotteserkenntnis!“; sondern es heißt: „Wenn es Gotteserkenntnis geben soll, dann muß Gott selbst sie uns schenken. Und wo es Gotteserkenntnis gibt, da hat Gott selbst sie geschenkt.“ Unser Katechismus sagt uns das: „Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen HERRN, glauben oder zu ihm kommen kann, SONDERN … sondern der Heilige Geist“ ist tätig geworden. Wir sind geistlich arm (Matthäus 5, 3), sagt Jesus in der Bergpredigt, Gott aber ist reich – aber nicht reich für sich selbst, sondern er teilt uns seinen Reichtum mit. Unser Predigttext steigert die geistliche Armut, und nennt sie „Ungehorsam“ – Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam. Durch die Sünde sind wir nicht nur arm vor Gott, sondern sind es auch mit Willen. Der Sünder verweigert sich Gott, und ist vor Gott verschlossen.
Doch das sagt Gott dir nicht, um dich in der Verweigerung zu verstoßen, sondern um sich zu erbarmen. Darauf kann kein Mensch von sich aus kommen.
Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist beziehen sich auf dich als Gottes Geschöpf.
Gott hat dich aus dem Nichts geschaffen. „Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst“ (Psalm 100, 3). Da ist auch niemand Gottes Ratgeber gewesen. Es ist alles „von ihm“. Er hat uns nicht nur gemacht, sondern Er erhält uns auch. Die ganze Welt, in der wir leben, alles, was uns am Leben erhält, können wir nicht machen, sondern wir empfangen es aus Gottes Hand. Auch, daß Menschen zusammen leben und für einander da sind, ist in Gottes Hand. Es ist Gottes Gabe. Ich könnte jetzt unseren Katechismus wieder und wieder zitieren. Zum Vaterunser, bei den Worten: „unser tägliches Brot gib uns heute“ hören wir, nach dem Essen und Trinken: „fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Mitarbeiter, fromme und getreue Oberherren, gute Regierung, gute Freunde, treue Nachbarn…“ (Gesangbuch S. 1662). Wir sind aus dem Nichts geschaffen, und aus dem Nichts kommen alle diese Gaben Gottes auf uns zu.
Für einen Sünder ist das eine tiefe Beleidigung. Ein Sünder will nicht daran erinnert werden, daß er nicht Gott ist. Ein Sünder haßt es, daß er von Gott abhängig ist. Dem Sünder ist diese Abhängigkeit eine Schande, und er will immer beweisen, daß es diese Abhängigkeit nicht gibt. Ein Sünder sieht nur das Nichts, aus dem er geschaffen ist, weiter nichts. Die Liebe Gottes, der Vaters, die aus dem Nichts schafft, will er nicht wahrhaben.
Doch Gott bleibt trotzdem Gott. Jedes von Gottes Geboten macht uns klar: Du bist nicht Gott. Du bist nicht der Herr. Darum sollst Du nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht begehren … Die Gebote erinnern uns daran, daß wir ohne Gott nichts sind – aber mit Gott eben Seine Kinder. Gott bleibt der Vater, der Seine Kinder liebt.
Doch das ist nicht alles, was über Gott zu sagen ist.
Gott ist zu uns gekommen, und damit wird alles anders. Der Sohn Gottes ist zu uns Menschen in unsere Nichtigkeit hineingekommen. Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Wer Jesus begegnet, der begegnet Gott, wer Jesus hört, der hört Gott selbst, was Jesus erlitten hat, das hat Gott erlitten. Was Jesus verspricht, das ist göttlich und verlangt unseren Glauben. Alles, was über Gott den Schöpfer gesagt wurde, wird man andeutungsweise auch außerhalb des Neuen Testaments finden. Doch schon die große Frage: „Was tut Gott mit dem Sünder?“, diese Frage wird entweder gar nicht beantwortet, oder sehr unterschiedlich. Im Grunde sind wir Menschen wegen der Sünde ratlos.
Deshalb ist es ein göttliches Wunder aus dem Nichts unserer Unvorstellbarkeit, daß Gott der Vater Seinen Sohn sendet, Mensch zu werden. Der Vater ist Gott, aber auch der Sohn ist Gott. Der, der sendet und beauftragt, ist Gott, aber auch der, der gesandt wird, der gehorcht, und den Auftrag ausführt, ist ganz und gar Gott. Die Liebe, die sendet, und sagt: Geh hin, und hilf den Menschen! – und die Liebe, die gehorcht: Ja, ich mach’s! – das ist dieselbe eine Liebe. Und diese Liebe bleibt ungebrochen bestehen vom ersten Moment der Menschwerdung an, die ganze Zeit auf der Erde mit den Menschen, – vor allem bleibt diese Liebe zwischen dem Vater und dem Sohn bestehen im Leiden am Kreuz, im Tod. Und das ist das Unglaubliche, was sich kein Mensch ausdenken kann. Hier ist niemand Gottes Ratgeber gewesen! –
Die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes sagt uns: Diese Übereinstimmung zwischen Gott Vater und Gott Sohn ist eine Beziehung, die schon immer in Gott selbst war. Jesus sagt selbst im Johannesevangelium in einem Gebet zu Seinem himmlischen Vater: „Du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war.“ (Johannes 17, 24). Alles was wir von Jesus wissen und hören, ist in der Ewigkeit begründet. Darum konnte unsere Sünde, unsere Verweigerung gegenüber Gott, Jesus nicht aufhalten. Darum konnte Jesus in die Gottesferne hineingehen, wie wir es am Kreuz sehen. Er hat sie als Mensch und als Gott erlitten. Aber Er hat Gott wieder in unser Nichts hineingebracht. Hören wir wieder unseren Katechismus: „Jesus Christus hat mich verlornen und verdammten Menschen erlöst – er ist in mein Nichts hineingekommen – nicht mit Gold und Silber, sondern mit seinem heiligen teuren Blut, und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben.“
Nun stehen wir aber wieder vor dem Nichts. Denn wie soll das zusammen kommen? – Wenn ein Mensch erstmal merkt, wie weit er von Gott weg ist, wie weit er von Glaube, Hoffnung, Liebe weg ist – und gleichzeigt das Evangelium hört : Dieser Jesus ist Gottes Antwort für dich, so sieht Gottes Liebe aus! – Da ist man wieder ratlos. Was soll man damit anfangen? Viele Menschen hören das Evangelium, und danach ist die Verweigerung noch stärker. Das gibt es immer wieder.
Da ist Gott der Heilige Geist. Der ist im Evangelium tätig. Wenn Jesus als der Sohn Gottes und der gekreuzigte und auferstandene vor Augen gestellt wird, dann ist Gott der Heilige Geist dabei und schafft die Menschen neu, daß sie sich nicht mehr verweigern. Das muß schon Gott selber tun. Dieser Heilige Geist geht von dem Vater und dem Sohne aus. Er tut, was sie wollen. Er geht in unser Leben hinein und schafft aus dem Nichts Glaube, Liebe und Hoffnung. „Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Ein jeder Geist, der bekennt, daß Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, der ist von Gott.“ (1. Johannes 4, 2). Dieser Geist ist nicht eine menschliche Kraft. Er ist nicht die Wirkung eines Einzelnen auf dich, auch nicht die Wirkung eines Kollektivs, wie die Kirche, oder einer Partei, oder einer Ideologie, oder einer Medienmacht, auch nicht das Ergebnis meiner Veranlagungen, sondern die Wirkung Gottes.
Liebe Gemeinde! Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das ist der Gott Jesu Christi. Wir können nur sinnvoll und heilsam über Jesus, sein Kreuz und Gottes Liebe zu uns sprechen, wenn wir davon erfüllt sind, daß diese drei Personen ganz und gar Gott sind, und untereinander nicht nur einig sind, sondern EINES, EINER.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


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Pfingsten

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

1 So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.
2 Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.
3 Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: Er sandte seinen Sohn
in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch,
4 damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern
nach dem Geist.
5 Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt.
6 Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist
Leben und Friede.
7 Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag’s auch nicht.
8 Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen.
9 Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.
10 Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.
11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Römer 8, 1-11

O Jesus, unser Herr – Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Hilf uns, Dich genau so zu hören und Dir so zu vertrauen, wie es sich gehört. Amen.

Liebe Gemeinde!
Der Heilige Geist macht uns klar, daß seit Jesus alles anders ist.
Ohne den Heiligen Geist kann niemand das erkennen.
Mit dem Heiligen Geist wird das klar – so klar, daß mit dem Wort „alles“ auch dein eigenes Leben gemeint ist.
Der Heilige Geist macht klar, daß für dich mit Jesus alles anders ist. Ohne den Heiligen Geist kann man Jesus bewundern, und von seinen Worten und Taten fasziniert sein. Ohne den Heiligen Geist kann man sogar sagen: Kaum eine Persönlichkeit hat so auf die gesamte Menschheit gewirkt, wie er. Wie wäre die Welt heute, wenn Jesus nicht erschienen wäre?
Kann man Jesus aus der Weltgeschichte wegdenken? Nein. Kannst du Jesus aus deinem Leben wegdenken? – Wie will man darauf antworten? Der Heilige Geist, also Gott selbst, kann und wird die Antwort geben.
Wie lautet die Antwort? – Mit Jesus ist alles anders, weil Jesus den Teufelskreis durchbrochen hat.
Ein Teufelskreis ist eine ausweglose Situation. Man kann nicht gewinnen. Und es ist schrecklich, ja, tödlich.
Paulus nennt den Teufelskreis aller Teufelskreise: Er lautet:
Das Gesetz Gottes ist machtlos. Gottes Gesetz soll Leben schützen, kann aber nicht lebendig machen. Gottes Gesetz kann die Sünde aufdecken, aber nicht verhindern oder aus der Welt schaffen.
Das Gesetz Gottes ist wahr, man kann ihm nicht widersprechen. Aber diese Zustimmung schafft die Sünde nicht aus der Welt. Das Gesetz Gottes hat immer recht. Immer. Jedes Gebot gilt immer. Und es muß auch gelten – ich will ja nicht getötet werden. Also soll ich auch nicht töten. Das ist ja nur ein Beispiel.
Was ist nun der Teufelskreis? – Gottes Gebote haben recht; ich kann nicht anders, als sie anerkennen – aber: Trotzdem werde ich schuldig. Das Gesetz klagt mich an, es deckt die Sünde auf. Ich kann nicht gewinnen.
Was passiert? Ich gebe auf, oder ich verdränge, bin entmutigt, oder trotzig. Paulus sagt: Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde (Römer 3, 20). Weiter hören wir: Das Gesetz richtet Zorn an, macht aggressiv gegen Gott (Römer 4, 15) – ja: ohne Gesetz ist die Sünde tot, unbewußt, aber als das Gesetz kam, wurde die Sünde lebendig, bewußt (Römer 6, 8-9).
Ja, liebe Gemeinde, wenn es nicht in der Bibel stehen würde, dann würde ich mich nicht trauen, es zu sagen: Gott hat sein Gesetz in unsere Situation hineingeschickt, „daß die Sünde mächtiger würde.“ (Römer 5, 20). Da haben wir den Teufelskreis: Gott ist gegen die Sünde, Gottes Gesetz ist gegen die Sünde, und hat Recht – aber aber aber? Da sitzt die Sünde frech und dreist und geht nicht weg. Das Gesetz macht alles nur noch schlimmer.
Das ist eine tödliche Wahrheit für uns.
Aber erst müssen wir fragen: Warum ist das so? – Das Gesetz Gottes ist ohne Fehler, vollkommen und heilig (Psalm 19,8, Römer 7, 12). Der Fehler ist bei uns: Das „Gesetz ist durch das Fleisch geschwächt“ – „denn das Fleisch unterwirft sich dem Gesetz Gottes nicht, und kann es auch nicht.“ Fleisch. Man muß aufpassen. Paulus sagt nicht: „Leib“. Gott hat unseren Leib gut geschaffen, und Gott liebt unseren Leib, mehr als wir unseren Leib lieben können. Sonst hätte Jesus nicht menschlichen Leib von der Jungfrau Maria angenommen. Gott liebt unseren Leib so sehr, daß er uns in der Ewigkeit leiblich bei sich haben will.
Paulus sagt nicht „Leib“, sondern „Fleisch.“ Damit meint er alles in und an uns, das sich von Gott nichts sagen läßt. Das kann der Leib sein, kann aber auch der Verstand oder die Seele sein. „Fleisch“ – daß ist der Mensch, der immer wieder will, daß Gott nicht Gott ist, der will, daß Gott ihn in Ruhe läßt mit Seinen Geboten und Seinem Willen.
„Fleisch“ – das ist der Mensch, der am liebsten selber an Gottes Stelle wäre. Darum sagt Paulus auch: Fleischlich gepolt, oder gesinnt sein: Ist eine Feindschaft gegen Gott. Jede Sünde greift Gott mit Anlauf direkt an. – Und was ist das Ergebnis? „Fleischlich gesinnt sein ist der Tod.“ Denn Gott läßt es nicht zu, daß wir Gott werden. Darum stellt Er sich in den Weg. Das bedeutet den Tod.
Das Gesetz hat also eine völlig undankbare Aufgabe: Es muß uns zeigen, was an der Sünde tot ist. Gottes Gesetz zeigt uns: Du stiehlst? – Das ist dein Tod. Du lügst? – Das tötet dich. Du begehrst? – Das beweist, daß du für Gott gestorben bist.
Und was tut das Fleisch? – Es sagt: Und ob! Jetzt lebe ich erst recht! Wenn ich lügen will, kannst du Gesetz mich nicht aufhalten. – Das ist der Teufelskreis.
Man kann das alles im Römerbrief Kapitel 7 nachlesen. Gott hat Recht. Ich kann Gott nicht widersprechen, aber ich kann ihm nicht Recht geben. Da fängt der Tod an. Das ist der Teufelskreis.
Paulus spricht es deutlich aus: „ So fand sich’s, daß das Gebot mir den Tod brachte, das mir doch zum Leben gegeben war.“ (Römer 5, 10).
Das ist die Zusammenfassung der menschlichen Existenz.
Meistens verdrängen wir das. Es ist wie ein Elektrozaun. Lieber nicht dahingehen. Sonst gibt es einen Schock.
Es ist wie ein schwarzes Loch. Es verschluckt alles Licht, und bringt kein Licht.
Aber es bleibt eine Realität. Der Tod ist eine Realität. Und die Macht der Sünde bleibt eine Realität. Aber? Man kann nichts machen. Es ist das Gesetz der Sünde und des Todes.
Jesus ist in diesen Teufelskreis gekommen. Jesus hat den Elektrozaun angepackt, er ist in das schwarze Loch gegangen.
„Gott sandte Seinen Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches und verdammte die Sünde im Fleisch.“
Ohne den Heiligen Geist, ohne Gottes 100%ige Unterstützung, kommen wir hier nicht weiter. Die Wörter sind schnell gesagt, gehört und gelesen. Aber in diesem Satz wird der Teufelskreis durchbrochen. Das ist das Neue am Neuen Testament. Darum sprechen wir in der ganzen Welt von „vor Christus“ und „nach Christus“. Jesus hat am Kreuz die vollständige Anklage des Gesetzes auf sich genommen. Der Hohepriester hat geurteilt: Er ist des Todes schuldig. Und Pilatus hat ihn zur Kreuzigung überantwortet. Am Kreuz war ein Leib, aber kein Fleisch.
Jesus ist Mensch geworden, damit es einen Leib in der Weltgeschichte gab und gibt, in dem keine Feindschaft gegen Gott ist.
Sein Körper war der eine Leib, der Gott 100%ig recht gegeben hat.
Darum schreibt Paulus präzise: „Gott sandte seinen Sohn IN DER GESTALT des sündlichen Fleisches.“ Jesus hatte einen Leib wie wir, aber ohne Sünden.
Er hat die Finsternis im Schwarzen Loch durchlitten, ohne Teil von ihr zu werden. Er hat den Schlag des Elektrischen Zauns auf sich geleitet, ohne den Strom weiterzuleiten. Er hat den Fluch des Teufelskreises in sich aufgenommen, bis Ruhe war. Paulus spricht öfter davon: „Gott hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht.“ (2. Korinther 5, 21). „Christus wurde zum Fluch für uns.“ (Galater 3, 13).
Jesus hat sich mit Willen und Freiheit, aus Gehorsam gegen den himmlischen Vater und aus Liebe zu uns Menschen, die im Teufelskreis gefangen sind, genau dahin begeben, wo das Gesetz uns hinbringt: In den Tod. Jedes andere Kreuz ist nichts Neues. Doch dieses Kreuz von Golgatha ist das Neue: Hier stirbt eine Person freiwillig, aus Liebe. Gott hat Seinen Sohn „gesandt“, hören wir. „Geschickt“, „beauftragt“. Es ist alles durch den menschlichen Leib Jesu durchgegangen – der ganze Schock, die ganze lichtschluckende Finsternis – aber die göttliche Liebe und Treue war größer und stärker. Das ist das „Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus.“ So sagt es uns der Heilige Geist durch Paulus. Der Teufelskreis ist durchbrochen.
Überall, wo Jesus ist, wo Sein Leib ist, da ist endlich Ruhe.
„Das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat mich frei gemacht von dem Gesetz des Sünde und des Todes.“ Er hat es für dich und für mich getan. Das steht fest. Es ist nicht die Frage, ob ich das so sehen will oder kann. Gott läßt es dir und mir sagen: Für dich! So hat er es gemeint. Und das zählt. Natürlich können 10.000 Fragen und Einwände kommen. „Ich kann es mir nicht vorstellen!“ – „Ich fühle die Teufelskreis immer noch!“ – Alle diese Proteste sind Symptome des Fleisches, und wenn Jesus kommt und da ist, dann sind sie praktisch tot. Sie entscheiden nichts mehr.
Wir sollen geistlich gesinnt sein, und nicht fleischlich. Gott schenkt uns diesen Geist, Seinen Geist, wenn wir das Wort vom Kreuz hören. Ihr habt eben das Wort vom Kreuz gehört. Es ist das Evangelium das sagt: Da ist jemand, der hat wirklich den Teufelskreis gestoppt. Die Anklage der Gebote muß dich nicht mehr bestimmen. Die Feindschaft mit Gott hat Gott von Seiner Seite wirklich beendet. Der Heilige Geist wird mit unendlicher göttlicher Geduld deine Gedanken, deine Seele, deinen Leib dahin leiten, führen, tragen, daß genau das bei dir ankommt. Jesus hat zwischen uns Sündern und Gott Ruhe gebracht. Die Feindschaft ist beendet.
Hat die Sache nicht einen Haken? Für das Fleisch hat sie einen gewaltig großen Haken. Paulus sagt: „Wenn Christus in euch ist“ – also, wenn der Teufelskreis durchbrochen ist – „dann ist der Leib tot um der Sünde willen.“ Da ist ein Sterben, das uns nicht erspart bleibt. Was mit der Sünde zusammenhängt, hat sein Haltbarkeitsdatum überschritten. Wenn wir beichten, dann sagen wir das vor Gott. „Gott, das jämmerliche, traurige, störrige Fleisch hat es wieder mit mir versucht. Bitte, Gott, um Jesu willen, schenk mir die Ruhe! Zeig mir, das Haltbarkeitsdatum meiner Sünden.“
„Der Geist aber ist das Leben um der Gerechtigkeit willen.“ Wir sollen Gott in allem recht geben. Das Gesetz hat Recht, immer. Aber mit dem Heiligen Geist ist das nicht schlimm. Es gibt nicht nur ein Leben nach dem Tod, sondern auch ein Leben nach der Sünde. Ja, man stelle sich das vor! Einmal etwas tun ohne an sich zu denken. Einmal ein richtiges Gebet sprechen. Einmal helfen. Einmal dankbar sein. Einmal nicht aus dem Mangel heraus sich als Verlierer sehen. Einmal die Not des anderen als eigen Not zu Herzen nehmen. Einmal dem Nächsten Gottes Gaben so sehr gönnen, als hätte man sie selber bekommen. Der Heilige Geist macht überhaupt, daß man nicht mehr aus dem Mangel heraus denkt, und in grimmiger Unzufriedenheit seine Feindschaft gegen Gott zelebriert. Raus da!
Dazu ist Jesus gekommen. Das ist es was mit Ihm anders geworden ist. Das sollt ihr heute wissen. Amen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


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Himmelfahrt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

1 Im ersten Jahr Belsazars, des Königs von Babel, hatte Daniel einen Traum und Gesichte auf seinem Bett; und er schrieb den Traum auf und dies ist sein Inhalt:
2 Ich, Daniel, sah ein Gesicht in der Nacht, und siehe, die vier Winde unter dem Himmel wühlten das große Meer auf.
3 Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders als das andere.
4 Das erste war wie ein Löwe und hatte Flügel wie ein Adler. Ich sah, wie ihm die Flügel genommen wurden. Und es wurde von der Erde aufgehoben und auf zwei Füße gestellt wie ein Mensch, und es wurde ihm ein menschliches Herz gegeben.
5 Und siehe, ein anderes Tier, das zweite, war gleich einem Bären und war auf der einen Seite aufgerichtet und hatte in seinem Maul zwischen seinen Zähnen drei Rippen. Und man sprach zu ihm: Steh auf und friß viel Fleisch!
6 Danach sah ich, und siehe, ein anderes Tier, gleich einem Panther, das hatte vier Flügel wie ein Vogel auf seinem Rücken und das Tier hatte vier Köpfe, und ihm wurde große Macht gegeben.
7 Danach sah ich in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, ein viertes Tier war furchtbar und schrecklich und sehr stark und hatte große eiserne Zähne, fraß um sich und zermalmte, und was übrig blieb, zertrat es mit seinen Füßen. Es war auch ganz anders als die vorigen Tiere und hatte zehn Hörner.
8 Als ich aber auf die Hörner achtgab, siehe, da brach ein anderes kleines Horn zwischen ihnen hervor, vor dem drei der vorigen Hörner ausgerissen wurden. Und siehe, das Horn hatte Augen wie Menschenaugen und ein Maul; das redete große Dinge.
9 Ich sah, wie Throne aufgestellt wurden, und einer, der uralt war, setzte sich. Sein Kleid war weiß wie Schnee und das Haar auf seinem Haupt rein wie Wolle; Feuerflammen waren sein Thron und dessen Räder loderndes Feuer.
10 Und von ihm ging aus ein langer feuriger Strahl.
Tausendmal Tausende dienten ihm, und zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht wurde gehalten und die Bücher wurden aufgetan.
11 Ich merkte auf um der großen Reden willen, die das Horn redete, und ich sah, wie das Tier getötet wurde und sein Leib umkam und ins Feuer geworfen wurde.
12 Und mit der Macht der andern Tiere war es auch aus; denn
es war ihnen Zeit und Stunde bestimmt, wie lang ein jedes leben sollte.
13 Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht.
14 Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.

Daniel 7, 1-14

O Jesus, unser Herr – Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Hilf uns, Dich genau so zu hören und Dir so zu vertrauen, wie es sich gehört. Amen.

Liebe Gemeinde!
Ein Christ muß auf jeden Fall auch sagen können, warum die Himmelfahrt Christi gefeiert wird. Ohne Himmelfahrt wären wir nicht hier – oder wenn wir hier wären, dann wäre das ohne Himmelfahrt sinnlos.
Jesus garantiert für Seine Worte, weil er dort ist, wo nichts und niemand ihn aufhalten kann.
Im Himmel.
Das klingt so unwirklich, oder so abgehoben, weit weg von uns, weit weg von der Realität.
Doch bedenken wir: Am Anfang schuf Gott HIMMEL und Erde. Im Vaterunser sollen wir beten: Dein Wille geschehe wie im HIMMEL, so auf Erden. Alle Realität hat ihren Anfang im Himmel. Gottes Wille, der hier auf der Erde geschieht, hat bei Ihm im Himmel angefangen. Was Gott auf der Erde tut, das steht zuvor im Himmel fest.
Jesus ist gen Himmel gefahren, Er sitzt zur rechten Hand Gottes – das bedeutet: Jesus ist genau dort, von wo aus Gott alles bestimmt. Jesus ist im Himmel, zur Rechten Gottes, das heißt: Jesus ist in der Überlegenheit. Überlegen bedeutet ja nicht: Weit entrückt, bis in die Unwirklichkeit. Sondern „überlegen“ ist: Durch keine Situation festgelegt, sondern nur durch den eigenen Willen festgelegt. Es gibt ja die Redensart: „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“. Also: Wenn mich nichts aufhält, meinen Willen zu tun, oder meinen Willen zu bekommen, dann kann das himmlisch sein – wenn, ja, wenn … ich etwas Gescheites will.
Jesus ist im Himmel bedeutet also: Der Sohn Gottes ist mir und meiner Situation gegenüber völlig frei und überlegen. Er ist in der Lage, unter allen Umständen Seinen Willen bei mir zu tun.
Jesus im Himmel ist auch unserer Gemeinde gegenüber völlig frei und überlegen. Unsere Grenzen sind nicht Seine Grenzen. Aus Seiner Überlegenheit heraus, an unseren Schwächen vorbei, tut Er, was Er sich vorgenommen hat.
Jesus im Himmel ist auch der Situation in unserer Kirche überlegen, in unserem Land, in Europa, und überhaupt – ganz und gar nicht eingeschränkt. Jesus ist da, von wo aus Er jedes Seiner Worte bei den Menschen ohne Kompromiß wahrmachen kann und es auch tut. Jesus im Himmel: Das ist Jesus in der Überlegenheit. Jesus zur Rechten Hand Gottes, das ist Jesus in der Freiheit.
Nun kann man sagen: Das wissen wir von Gott. Gott ist allmächtig. Was ist zu Himmelfahrt neu? Was ist seit Himmelfahrt anders?
Wir feiern, daß kein anderer, als eben Jesus, gen Himmel aufgefahren ist. Jesus, wahrer Mensch und wahrer Gott. Jesus, der unter Pontius Pilatus gelitten hat, der gekreuzigt wurde, der der den Tod erlitten hat – der ist in die Überlegenheit und Freiheit Gottes gekommen. Er hat alle Macht, Er hat alle Möglichkeiten, Er hat das letzte Wort – Er ist nicht der Geschichte unterworfen, sondern die Geschichte muß Ihm dienen. Und anders als wirklich alle Politiker, erfüllt Er Seine Verheißungen. Er bringt Gottes Gnade wirklich. Er trennt ab von der Macht des Bösen. Er steht zu jedem Seiner Versprechen.
Jetzt aber zum Predigttext!
Dieser Text aus dem Alten Testament ist deshalb dem heutigen Feiertag zugeordnet worden, weil hier von einer menschlichen Gestalt die Rede ist, „wie eines Menschen Sohn.“
Der Prophet Daniel sieht und schreibt auf: „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht.
Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, daß ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.“ – Diese Person bekommt „Macht, Ehre und Herrschaft“ über alle Völker.
Aber jetzt kommt es darauf an, was sich davor abspielt.
Erstmal: Was ist das Besondere an dem Propheten Daniel?
Daniel sieht und schreibt das alles als machtloser Israelit, fern vom Heiligen Land. Er mußte miterleben, wie das Volk Israel als seine Macht vollständig verlor. Jerusalem wurde erobert, zerstört und verbrannt, – auch der Tempel Gottes. Die Mächtigen, die Könige, die Priester wurde gedemütigt, getötet, und verschleppt. Daniel wird in der Fremde zu einem mächtigen Mann – ständig versucht man, ihm seine Identität als Israelit auszulöschen. Das gelingt zwar nicht – aber als Israelit ist er machtlos. Zugleich erlebt er aber als Israelit, wie eine Weltmacht entsteht, wie sie handelt, wie sie Macht ausübt, und was die Macht mit Menschen – den Mächtigen und den Ohnmächtigen – tut.
Das müssen wir im Hinterkopf behalten, wenn wir nun dieses Nachtgesicht betrachten, dessen Ende, dessen gutes Ende, das Kommen des Menschensohns ist.
Daniel sieht ein Meer, das von den vier Winden aufgewühlt ist. Gewaltige, übermenschliche Energien und Kräfte toben und zeigen ihre Macht. In der biblischen Sprache ist das ein Bild für das Chaos der Weltgeschichte. Verschiedene Mächte aller Art wühlen in der Menschheit, Völker und Machtzentren kämpfen miteinander.
Dann sieht Daniel vier Tiere aus diesem Chaos aufsteigen. Und was für Tiere! Ein Löwe, ein Bär, ein Gepard, und ein namenloses Ungeheuer, mit zehn Hörnern, dem noch ein elftes Horn wächst.
Die Tiere sind nicht in einem natürlichen Zustand: Der Löwe hat Adlersflügel, geht aufrecht, wie ein Mensch, und bekommt ein menschliches Herz. Der Bär ist riesig, hat Rippen im Maul und bekommt den Befehl, viel Fleisch zu fressen. Der Gepard hat gar vier Köpfe und vier Flügel. Grotesk, unheimlich! Das letzte Tier hat, wie gesagt, 10 Hörner, und es wächst noch eins nach, es hat eiserne Zähne, und eiserne Füße. Und – furchtbar! – das nachwachsende Horn hat Menschenaugen.
Was soll man dazu sagen? Auf jeden Fall sollen diese Erscheinungen zeigen, wie Tiere, die an sich schon hervorragende Kräfte haben, ihre Kraft steigern, mit Flügeln, eisernen Zähnen, und so weiter. Eine vorhandene Macht wird weiter und weiter ausgebaut und gesteigert – über die Grenzen der Schöpfung hinaus. Es ist die Macht, die um ihrer selbst willen sich steigert. Sie ist eine Verzerrung von Gottes Schöpfung. Besonders die Kombination von Hörnern, eisernen Zähnen und dann … menschlichen Augen finde ich furchtbar. Es ist gerade genug da zu zeigen, daß es keine anonyme Naturgewalt ist, sondern daß eine menschliche Person, ein menschlicher Wille, der weiß, wie ich mich fühle – dieser Wille, der mein Menschsein einfach übergeht und niedertritt: Das trifft die Seele und tut extra weh.
Schon im Alten Testament, aber auch im Christentum hat man von Anfang an diese vier Gestalten als eine Weissagung über die Weltgeschichte als Geschichte der Macht verstanden. Der geflügelte Löwe sei das Reich, unter dem Daniel lebte, also das Babylonische Weltreich. Der Bär dann das Persisch-medische Reich; der Gepard das griechische Weltreich unter Alexander dem Großen, und schließlich das Römische Weltreich als das letzte unheimliche, grausame und übermächtige Gebilde.
Sie alle bauen ihre Macht zusammen aus Teilen der Wirklichkeit – der Löwe ist nicht nur Löwe, sondern er hat auch Flügel, das steigert seine Macht sofort. Diese Machtkonzentration ist aber ein Mehr von der Macht, die schon da ist. Durch das Chaos von Energien und Kräften kombinieren sich Machtfaktoren und steigern sich ins Unermeßliche. Waffen, Wirtschaft, Information. Bodenschätze, Wissenschaft, Menschenkenntnis, Energiequellen. Das wird gesammelt, geraubt, mit Propaganda und Medien vor den Seelen der Menschen aufgebaut …. Das letzte Tier brüllt große Worte. Die Zutaten sind noch aus Gottes Schöpfung, aber die Mischung, die Kombination die Anhäufung und die Dimensionen sind nicht mehr aus Gottes Schöpfung. Sie sind Ausdruck der Sünde, wie Gott sein zu wollen. Niemanden über sich zu haben, sich von niemandem etwas sagen zu lassen.
Daniel, der die Ohnmacht am eigenen Leib durchlitten hat, der die Widerlegung seines Volkes miterlebt hat, dem zeigt Gott den Weg und das Wesen der menschlichen Machtkonzentration – der Reiche. Unheimlich, schrecklich, unaufhaltsam, zerstörerisch. Und am Ende? Immer mehr hört man, daß neue Kombinationen der Macht sich Rüsten. Die Grenzen zwischen menschlichem Körper und Computer, zwischen eigenem Denken und Information sollen aktiv verwischt werden. Es ist doch jetzt schon so, daß man ohne Internet, ohne Codes auf einem Handy immer weniger am Leben teilnehmen kann. Transhumanismus ist das Ziel. Der menschliche Körper ist nicht privat oder ein Rückzugsort, sondern der Platz, wo Macht ausgeübt wird. Es wird offen darüber gesprochen, daß die Seele des Menschen durch Technik besetzt und beherrscht werden kann und soll. – Ein neues Beispiel für eine Kombination von Gottes Schöpfung, die den Menschen überwältigt.
Das ist unheimlich und einschüchternd.
Das Gefühl der Ohnmacht kann einen packen, wenn man das bedenkt.
Der Prophet Daniel erlebt das alles, und ihm wird gezeigt, daß diese scheinbar allmächtigen Systeme von Gott, dem Schöpfer, gerichtet werden. Sie werden zerfallen. Das brutale, machtbesessene Zusammenfügen von Gottes Geschöpfen zu Macht um ihrer selbst willen – Gott zieht den Stecker raus. Vom Himmel aus zieht Gott den Stecker raus.
Und dann? Gottes Wort sagt uns, daß Sein Ziel der Menschensohn ist. Der Menschensohn ist nicht das Ergebnis dieser Machtkämpfe. Der Menschensohn beteiligt sich nicht daran. Sondern der himmlische Vater übergibt ihm die Macht.
Jesus hat sich im Evangelium immer wieder den „Menschensohn“ genannt. Darum hat er niemals nach irgendeiner Macht gegriffen, oder sie programmatisch organisiert. Er wußte, daß Sein Vater ihm die Macht geben wird. Als der Sohn EMPFÄNGT er die Macht. Das ist gute Macht. Keine Steigerung, kein Aufpumpen, kein System ersetzt diese eine Tatsache: Der Menschensohn empfängt die Macht.
Jesus hat diese Worte aus Daniel direkt auf sich bezogen. Und wann? Genau dann, als er in den Augen der Weltmacht am schwächsten, am ohnmächtigsten dastand: Vor dem Hohenpriester. Der hatte Jesus direkt gefragt: „Bist der Messias, der Sohn Gottes?“ – Jesus sprach zu ihm: Du sagst es. Doch ich sage euch: Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels.“ (Matthäus 26, 63-64). Das war sein Todesurteil. Er, der gefangene, von allen Verlassene, ohne Armee, ohne Propaganda, ohne Finanzen – er soll das letzte Wort über die Hohenpriester haben? Pilatus, der Statthalter der Weltmacht, sagte zum Menschensohn: „Weißt du nicht, daß ich die Macht habe, dich zu kreuzigen, oder ich freizulassen?“ Jesus antwortet: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben herab gegeben wäre“ (Johannes 19, 11) – also von Gott. Jesus steht dafür, daß Gottes Macht empfangene Macht ist, und Macht ist, die von Menschengestalt verkörpert wird.
Das feiern wir zu Himmelfahrt. Jesus setzt Seine Überlegenheit für uns ein. Er übt Seine Macht aus mit menschlichen Worten. Mit Handauflegung, mit Vergebung, mit Gnade und Segen. Wenn alle sich ausgetobt haben, wird er noch der sein, den wir jetzt begegnen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


Beitragsbild:

Meister des Rabula-Evangeliums: Rabula-Evangelium, Szene: Christi Himmelfahrt

586, Pergament, 34 × 27 cm
Florenz, Biblioteca Medicea-Laurenziana
Kommentar: Buchmalerei, im Johanneskloster in Zagba entstanden
Land: Syrien
Stil: Spätantike
[Meister des Rabula-Evangeliums. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei, S. 7884 (c) 2005 The Yorck Project]

Rogate

Der HERR ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.
Gnade, Barmherzigkeit, Friede
von Gott, dem Vater,
und von dem HERRN Jesus Christus!

1 Und es begab sich, daß er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.
2 Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht:
Vater!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
3 Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag
4 und vergib uns unsre Sünden;
denn auch wir vergeben allen,
die an uns schuldig werden.
Und führe uns nicht in Versuchung.
5 Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote;
6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann,
7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.
8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.
9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.
10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete?
12 Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete?
13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Lukas 11, 1-13

HERR, lehre uns beten! Amen.

Liebe Gemeinde!
Eins wirst du niemals bereuen: Jedes Gebet.
Eins wirst du dir in Ewigkeit vorwerfen: Jedes versäumte Gebet.
So heißt es in Psalm 116:
„Stricke des Todes hatten mich umfangen, und Ängste der Hölle hatten mich getroffen; ich kam in Jammer und Not. Aber ich rief an den Namen des HERRN: O HERR, errette mein Seele!“ Mit anderen Worten: Alles war schrecklich, ABER ich betete. Das wird Gott nicht vergessen.
Umgekehrt: Alles war schrecklich. Gott wollte ganz und gar für mich da sein. Aber ich rief Ihn nicht an. – Wie konnte ich nur!
Beten ist eine Notwendigkeit. Wer sprechen, ja, wer denken oder auch nur rufen oder schreien kann, der kann auch beten.
Psalm 94,9 sagt uns: „Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören? Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen?“ Du kannst hören und sehen. Hast du dein Ohr gemacht, ja oder nein? Nein. Aber jemand hat es gemacht. Sollte Gott, der das Ohr wunderbar gemacht hat, selber etwa nicht hören? Wie absurd wäre das! Gott macht Augen, die sehen, aber Er soll selber blind sein und hilflos rumtappen? Komm, hör doch auf!
Was ich damit sagen will: Was du sprichst, denkst, schreist und rufst – das ist schon bei Gott angekommen. Es wird bei Gott 1000mal deutlicher und klarer gehört und vernommen, als du es aussprechen kannst. Sprache ist schon Gebet, denn sie kommt bei Gott an. Jetzt ist nur die Frage, welche Sprache ist gut für mich, welche Sprache will Gott erhören.
Oder wollen wir wie die Leute in der Bahn und auf der Straße sein, die hemmungslos vor sich hin ins Telefon reden – aber die Menschen, die vor ihnen sind, nicht meinen. Soll Gott unsere Worte hören, aber wir meinen nie ihn?
Jesus macht das Beten so einfach wie möglich, ja, so einfach, daß es uns unheimlich wird, weil alle Ausreden wegfallen. Wenn Jesus mit dir fertig ist, dann hast du einfach keinen Grund mehr, nicht zu beten. Wenn du dann noch nicht betest, dann eben ohne Grund. Das ist dann so absurd wie sagen: Ok. Gott pflanzt das Ohr, aber Gott mich hören? Nein.
Beten ist leider überhaupt nicht kompliziert, sondern unheimlich einfach.
Jesus betet selber. Oh wie kompliziert! Jesus ist doch Gottes Sohn, warum betet er? Er ist aber doch zugleich wahrer Mensch. Er betet, weil das zum perfekten Menschsein gehört. Er betet, damit seine Jünger richtig Lust bekommen, selber zu beten.
Darum fragen und bitten sie: „HERR, lehre uns beten!“ Das heißt hier: HERR, hol uns aus allen unseren Komplikationen, aus unserem Mißtrauen, aus unseren Grübeleien heraus, damit wir mehr Mensch sind vor Gott, und beten.
Das könnt ihr haben, sagt Jesus. Und dann schenkt er uns ein Wunder, nämlich das Vaterunser. Ist das zuviel gesagt? Übertrieben?
1. „Vater!“ – Erstes Wunder. Gott, den Schöpfer Himmels
und der Erde „Vater“ nennen. Ein Vater will, daß sein Kind da ist und lebt. Wer zu Gott „Vater“ sagt, hat alles gesagt: Gott will, daß es mich gibt. Gott, du wolltest, daß es mich gibt – darum: bitte! Da bin ich! – Das ist sofort eine himmelweit andere Situation, als wie wenn ich mit meinem Leben allein da sitze, nicht ein noch aus weiß, oder gelangweilt bin, und alles sinnlos finde, oder wie wenn ich glaube: Ich hab mir alles selber gemacht, und kann abgreifen, was ich will. Wer zu Gott „Vater“ sagt, sagt damit: Ok. Ich bin nicht Gott. Aber das ist nicht schlimm. Denn ich bin deshalb nicht nichts. Ich bin Sein Kind.
Das ist ein Wunder.
2. Dein Name werde geheiligt: Also: Gott, ich nenne dich
3. Vater. Aber wie Du mein Vater sein willst, das überlasse
ich ganz und gar Dir. Du bist heilig. Dein Name ist heilig. Bitte mach, daß ich es nicht mit Dir verderbe. Bitte sei immer wieder aufs Neue Gott und Vater für mich. Und laß es nicht zu, daß ich Dich nach meinen Wünschen umbaue, und am Ende aus Versehen mich selber anbete. Gott, bitte mach, daß ich mich nicht mir Dir verwechsle! Bleib mein Gegenüber, bleib, wer Du bist, Gott! – Diese Bitte ist schon wieder ein Wunder.
4. Dein Reich komme: Laß mich Deine Macht erfahren. Laß
mich dort sein, wo Du Dich durchsetzt. Gott, ich will dabei sein, wo Du alles beseitigst, was gegen Dich spricht, was Deine Werke zerstört, laß mich dabei sein, wo die Lüge ihre Macht verliert, wo Deine Liebe sichtbar wird – laß mich dabei sein! – Wer so betet, gibt zu, daß er gerne von dem befreit werden will von dem, was zwischen mir und Gott im Weg ist. – Wenn das kein Wunder ist!
5. Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag: So kann nur
bitten, wer alle Sorgen auf Gott wirft. Wer so bittet, ist bereit, in jeder Gabe den Geber zu schmecken, und Vitamin LG in sich aufzunehmen. LG = Liebe Gottes. Jesus ist immer gegen die Sorge, gegen jede Sorge. Du könntest beten. Das ist immer besser als nicht beten. – Schon wieder ein Wunder.
6. Vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben allen,
die an uns schuldig werden. – Wer diese Bitte ausspricht, der begibt sich in folgende Situation vor Gott: Ich brauche Vergebung, und zwar so dringend, wie Luft. Denn ich merke gerade, wie meine Torheit gegen mich spricht. Oh Gott, bitte nimm das weg! Das bin nicht ich! – Und weiter: „Wir vergeben allen, die an uns schuldig werden.“ – Was passiert da? – Du merkst folgendes: Wenn dir jemand Unrecht tut, dann wird ihn Gottes Gesetz so anklagen, daß er keine Chance mehr hat. Und Du sagst zu Gott: Bitte, Gott, mach ihn meinetwegen nicht fertig! – Ich glaube, auch diese Bitte ist ein Wunder.
7. „Und führe uns nicht in Versuchung.“ Da ist eine
notwendige Bitte. Denn nach all den Wundern kann einem schwindelig werden. Da kann es passieren, daß man sich völlig blöd vorkommt, und plötzlich in tiefe Zweifel stürzt. Wir kennen uns ja nicht so gut. Wie werde ich in bestimmten Situationen reagieren? Werde ich vielleicht vergessen, zu beten? Ist am Ende nicht doch alles eine Übertreibung? – O Gott, laß es nicht soweit kommen! Führe uns nicht in diese Versuchung! Amen.
Das ist ein richtiger atemberaubender Schnellkurs, den Jesus seinen Jüngern da gibt. Aber sie wollten ja! Da hat man ein Leben lang zu lernen. Das Vaterunser ist das Rückenmark aller Gebete. Jesus gibt und Sprache und Worte, die Gott nicht nur hört, sondern erhört. Zugleich Worte, die uns von A bis Z in den Bereich der Wunder versetzen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


Bild mit Text gestaltet von Lioba Fenske.

Jubilate

Der HERR ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.
Die Gnade unseres Herr Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

2 Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.

3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.

4 Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis

5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

6 Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern.

7 Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so.

8 Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag.

9 Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, daß man das Trockene sehe. Und es geschah so.

10 Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, daß es gut war.

11 Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume auf Erden, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist. Und es geschah so.

12 Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art. Und Gott sah, daß es gut war.

13 Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.

14 Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre

15 und seien Lichter an der Feste des Himmels, daß sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so.

16 Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.

17 Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, daß sie schienen auf die Erde

18 und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, daß es gut war.

19 Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.

20 Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels.

21 Und Gott schuf große Walfische und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, daß es gut war.

22 Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden.

23 Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.

24 Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so.

25 Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Und Gott sah, daß es gut war.

26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.

27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

29 Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise.

30 Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so.

31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

1 So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. 2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.

3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.

Mose 1 – 2,3

Allmächtiger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, von Dir, zu Dir und in Dir sind alle Dinge. Dir sei Ehre in Ewigkeit. Amen.

Liebe Gemeinde!
In unserem ältesten Osterlied: „Christ ist erstanden ..“ wir werden es zum Ausgang singen – es ist als deutsches Lied fast 1000 Jahre alt – singt die Christenheit: „Wär‘ er nicht erstanden, so wär‘ die Welt vergangen.“ Wäre Jesus nicht von den Toten auferstanden, dann hätten die Recht behalten, die ihn gekreuzigt hatten. Das hätte die Welt zerstört. Das singen wir wörtlich. Daß die Welt steht, verdanken wir Ostern. Das ist keine Übertreibung und keine Poesie. Christen glauben das von ganzem Herzen.
Doch wo ist da der Zusammenhang?
Wir haben den wunderbaren Bericht von der Schöpfung noch einmal gehört. Es sind so schlichte, fast kindliche Worte, und zugleich erhaben und voller Geist und Vollmacht. Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt: Aus nichts,schafft Gott ganz überlegen : Das Licht, das Leben, Pflanzen, Tiere, Menschen. Er schafft Ordnung aus dem Chaos. Das alles in überwältigender Größe, Vielfalt, mit ungeheuren Kräften und Energien. Das auf der einen Seite – und auf der anderen Seite Jesus von Nazareth, geboren von der Jungfrau Maria, geboren in Bethlehem, gekreuzigt in Jerusalem. – An ihm hängt es, daß die Welt nicht vergangen ist?
Im Nizänischen Glaubensbekenntnis bekennt die Christenheit: „Ich glaube … an den Einen Herrn, Jesus Christus …. durch welchen alles geschaffen ist.“ Jesus Christus, als der ewige Sohn Gottes war an der Schöpfung Himmels und der Erden beteiligt, ganz entscheidend beteiligt. Im Neuen Testament wird das mehrfach bezeugt und klar ausgesagt.
So hören wir im Epheserbrief: Gott hat alle Dinge geschaffen durch Jesus Christus. (Epheser 3, 9), und im Kolosserbrief: Durch Christus ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare. (Kolosser 1, 16).
Überdeutlich sagt uns das der Evangelist Johannes im Anfang seines Evangeliums: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbige war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nicht gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (Johannes 1, 1-4). Und einer geht noch: Der Hebräerbrief lehrt uns: Gott hat durch Seinen Sohn die Welt gemacht ….der trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort. (Hebräer 1, 2-3).
Da haben wir den Zusammenhang: „Wär er nicht erstanden“ – wäre also der Sohn Gottes, der als Wort Gottes die Welt geschaffen hat, und mit seinem Wort trägt, wenn der im Tod geblieben wäre, „so wär‘ die Welt vergangen.“
Zwischen dem Nichts und dem All sind nicht unzählige zufällige Übergänge, sondern das eine persönliche Wort Gottes, das selbst Gott ist. Keine Entwicklung kann das, was das Wort Gottes tut.
Die menschliche Vernunft kann nur sagen: „Aus nichts kommt nichts.“ Zwischen Nichts und Etwas ist eine unendliche Kluft.
Doch Gott sagt uns, was zwischen Nichts und Etwas ist: Sein Wort, das selbst Gott ist.
Genau, wie das Nichts nicht hervorbringen kann – wenn Gott nicht spricht: „Es werde!“ – so kann auch die Finsternis kein Licht hervorbringen. Die Finsternis weiß nichts vom Licht. Daß es Licht gibt, verdanken wir Gott in Seinem Wort. Das Wort überbrückt sofort die unendliche Kluft zwischen Finsternis und Licht. Die Finsternis, sich selbst überlassen, kann nicht mit unendlichen Zufällen und Übergängen Licht machen. Das Wort tut es. Das Wort ist dazwischen, dabei.
Das ist das Geheimnis der ganzen Schöpfungsgeschichte.
Chaos kann nicht Ordnung hervorbringen, doch Gottes Wort schafft eine Feste, ein Firmament, stabile Koordinaten mit Oben und Unten, eine Matrix und ein Schauplatz für alles. Zwischen Chaos und Ordnung ist Gottes Wort.
Das Wort kommt zuerst – im Wort ist die ganze Realität schon da. Von einem blinden Prozeß hören wir in dem Schöpfungsbericht ganz und gar nichts. Jedes Werk spricht Gott erst aus und dann verwirklicht Er es. Es ist alles Wille und Absicht. Unendliche Zufälle und Übergänge können auch niemals „gut“ genannt werden. Doch Gott heißt Seine Schöpfung immer wieder gut.
Die Gewässer und das Trockene wissen nichts vom Leben, könnten es auch niemals hervorbringen. Doch Gott spricht: „Die Erde sprieße mit Pflanzen“ – die wachsen und leblose Elemente in sich aufnehmen, die auch das Licht in sich aufnehmen, und das alles in einen lebendigen Organismus einbauen – und diese leblosen Elemente fügen sich so zusammen, daß es Samen und Früchte gibt. Das Leben hat es in sich, weiterzugehen, sich zu vermehren. Zwischen Tod und Leben ist eine Unendlichkeit, die das Leblose niemals von sich aus überbrücken kann, doch Gott tut es, mit Seinem Wort. Sein Wort ist zwischen und über Tod und Leben.
Schließlich schafft Gott den Menschen in Seinem Bild. Der Mensch besteht auch aus leblosen Elementen, der Mensch hat mit Pflanzen und Tieren viele viele Gesetze des Lebens gemeinsam, und nun schafft der Gott des Wortes ein sprachliches Lebewesen mitten in der Schöpfung. Zwischen sprachlosem Leben ohne Wort und uns Menschen mit der Sprache ist eine Kluft. Kein Papagei, kein Hund, der Befehle ausführt, kann uns darüber hinwegtäuschen, daß wir Menschen mit der Sprachfähigkeit himmelweit von allen Geschöpfen sind. Ein sprachloses Wesen kann seinem Nachkommen niemals Sprache beibringen. Zwischen uns und dem Rest der Schöpfung ist das Wort. Das göttliche Wort. – Das ist der Zusammenhang: „Wär‘ er nicht erstanden, so wär‘ die Welt vergangen.“ Der Sohn Gottes trägt es alles mit seinem mächtigen Wort. Er bewahrt die Schöpfung. Ohne ihn kann die Schöpfung nicht bewahrt werden.
Vor allem aber wir selbst. Wir leben davon, daß Gott mit uns spricht. Im Evangelium hören wir die Worte des Lebens. Wir können das nicht wörtlich genug nehmen. Wenn wir Jesus begegnen, dann begegnen wir dem göttlichen Wort, das hinter unserer Wirklichkeit steht.
„Wär‘ er nicht erstanden, so wär‘ die Welt vergangen.“ Das bedeutet auch, daß keine Wirklichkeit das Evangelium unwahr machen kann, oder widerlegen oder überholen. Paulus faßt das so zusammen: „Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“(Römer 8, 38-39).

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


Beitragsbild: Luca Giordano: Fresken in der Galerie des Palazzo Medici-Riccardi in Florenz, Szene: Die Erschaffung des Menschen

Miserikordias Domini

Der HERR ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.
Die Gnade unseres Herr Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!
16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er
zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.
19 Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Johannes 21, 15-19

Lieber Herr und Heiland, führe uns zum frischen Wasser, zur Speise, die unsere Seele nährt. Amen.

Liebe Gemeinde!
Kein Mensch kann sich heute beklagen, daß die Bibel zu schwer sei, zu schwer zu verstehen.
Jesus fragt Petrus: Hast du mich lieb?
Und Petrus antwortet: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe.
Jedes Kind, das das Wort „Liebe“ einmal begriffen hat, und weiß was eine Frage und eine Antwort ist, und wer „Ich“ und „Du“ sind, kann dem Gespräch genauestens folgen und alles mitnehmen.
Hast du mich lieb? – Ja.
Eine Seele lebt in diesem Gespräch. Jede Seele lebt davon, diese Worte zu sprechen und zu hören. Da sein ist nicht genug. Geliebt werden muß einfach auch sein, und Liebe aussprechen, auch das muß sein.
Liebe Gemeinde, diese einfache Wirklichkeit soll uns durch dieses Evangelium leiten.
Jesus der Gekreuzigte und Auferstandene fragt Petrus. Petrus, der mit Jesus sterben wollte, und dann plötzlich schwur: „Ich kenne den Menschen Jesus nicht!“ Petrus, der dann über sich erschrocken war, und bitterlich geweint hatte. Petrus, der sich mit den Jüngern aus Furcht vor den Juden eingeschlossen hatte. Petrus, der das leere Grab gesehen hatte, und dann den Auferstandenen. Und geht er in den Alltag zurück: Fischen, das war ja sein Beruf gewesen, bevor Jesus ihn gerufen hatte. Doch Jesus stand schon am Ufer und hatte was mit Petrus vor.
Sie essen zusammen und dann kommt das Gespräch.
Dieser so ganz einfache Wortwechsel, der jede Seele berührt.
Aber jetzt müssen wir doch ein bißchen nachdenken.
Was geschieht eigentlich, wenn Jesus fragt?
Wenn wir fragen, dann wollen wir etwas hören, was wir nicht wissen. Oder wir brauchen Sicherheit, wo wir Zweifel haben. Dann fragen wir.
Aber Jesus? „Er kannte sie alle und bedurfte nicht, daß ihm jemand Zeugnis gab vom Menschen; denn er wußte, was im Menschen war.“ (Johannes 2, 25). Warum fragt Jesus, wenn er es schon wissen kann, ja, wenn er es schon genau weiß, besser, als Petrus es weiß?
Und warum fragt er Petrus, der sich so grob falsch eingeschätzt hatte! „Wenn sich auch alle sich an dir ärgern: Ich nicht!“ – „Und wenn ich mit dir sterben müßte, so will ich dich nicht verleugnen!“ – Ja. Wir wissen, wie es dann kam.
Welche Aussage konnte Petrus über sich machen?
Was kannst du über dich vor Gott sagen?
Was geschieht wenn der allwissende Jesus Petrus fragt, der über sich nichts mit Gewißheit aussagen kann? Soll er wieder von sich selbst enttäuscht werden?
Jesus fragt mit menschlichen Worten, die ein kleines Kind verstehen kann – aber der Sohn Gottes fragt mit göttlicher Macht, mit göttlicher Liebe. Seine Frage ist ein Handeln an seinem Jünger.
Die Frage schafft einen Schutzraum für Petrus.
Das muß Petrus aber erst noch erfahren.
Die Frage läßt Petrus erst einmal noch sich selbst fühlen. Seine Grenzen, seine Schwächen, seine Fehler werden Petrus noch einmal bewußt – sie fallen ihm aufs Herz, ins Gewissen.
Liebe Gemeinde! Es ist immer ein entscheidender Teil von Gottes Weg, daß du erkennst, wer du vor Gott bist. Du bist ein Geschöpf: Wir haben gesungen: „Er hat uns erschaffen, Ihm zur Ehr, und nicht wir selbst, durch Gottes Gnad ein jeder Mensch sein Leben hat.“ Geschöpf und Sünder. Mit peinlichen Fehlern. Mit Dingen, die wir nicht wieder gut machen können. Wer in Gottes Schutzraum soll, der kann nur als solcher hinein wie Gott ihn sieht. Als Geschöpf und Sünder. Das spürt Petrus an Leib und Seele. Schon, daß Jesus ihn mit „Simon, Sohn des Johannes“ anredet: Sohn seines Vaters. Mit dem Namen Simon – als solcher kam er zu Jesus und wußte nichts, keine Ahnung.
Du, der du dein Leben nicht in der Hand hast, und nicht weißt, was morgen sein wird – hast du mich lieb?
Petrus antwortet so, wie ein Geschöpf antworten kann: „Ja HERR; du weißt, daß ich dich lieb habe.“ Was für eine Antwort! Gott, du weißt es, ja, du weißt es am besten – besser als ich! Bitte, finde du selbst die Liebe, die in mir ist! Mit dieser Antwort ist Petrus in den Schutzraum eingetreten, den Jesus mit seiner Frage geschaffen hat.
Jesus fragt so, daß Petrus sich selbst neu kennen lernen kann und kennen lernen muß. Jesus fragt so, daß Petrus in der Liebe Gottes aufwacht.
Jesus fragt so, daß Petrus sich selbst als Geschöpf und Sünder fühlt, erfährt – mit allem Schmerz, allem Schrecken, aller Scham, das ganze Programm. Unser göttlich inspirierte Evangelist Johannes packt es in ein einziges Wort: „Petrus ward TRAURIG, daß Jesus zum dritten Mal zu ihm sagte: „Hast du mich lieb?“ Traurig. Es gibt eine Traurigkeit, die ist Teil von Gottes Weg mit dir. Paulus weiß davon, und schreibt: „Denn göttliche Traurigkeit wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemand gereut; die Traurigkeit aber der Welt wirkt den Tod.“ (2. Korinther 2, 10). Man muß sich nichts vormachen: Petrus ward traurig, ganz und gar, durch und durch. Er war mit sich am Ende. Aber die Liebe war da. „Ja HERR, du weißt alle Dinge, DU weißt, daß ich dich lieb habe.“
„Weide meine Lämmer.“
Da hat Petrus gerade den höchsten Auftrag von Gott bekommen.
Wie ist das? Eben hat Petrus alle Bewerbungsschreiben, alle Zeugnisse, alle Lebensläufe weggeschmissen und gelöscht – und dann: „Du bist eingestellt. Du hast den Job.“
„Weide meine Lämmer!“ – Petrus ist jetzt zuständig für die neugeborenen Gotteskinder. Verantwortung für ein Kind, ein neugeborenes erfaßt den ganzen Menschen. Jede Kraft ist nötig, für ein Kind dazusein.
Eben noch spürt Petrus seine absoluten Grenzen, und dann vertraut ihm Gott Seine Kinder an. Bei Kindern versteht niemand Spaß, auch Gott nicht.
Jesus muß beschlossen haben, daß Petrus der Richtige ist. Petrus, der die Liebe seinem HERRN in die Hände legt: „Herr, Du weißt, daß ich Dich lieb habe!“
Petrus hat das bestimmt nicht gesucht oder angestrebt. Petrus bleibt nichts anderes übrig, als sich nun so zu sehen, wie er von Jesus gesehen wird. Jesus sieht in ihm den, der sich um Gottes Kinder kümmert.
Jesus fragt – aber diese Frage führt Petrus dahin, daß er Gottes große Gnade erfährt.
Jesus beauftragt – aber dieser Auftrag zeigt, wie die Liebe Gottes alles trägt.
So ist das bis heute. Jesus, der auferstandene HERR, setzt Diener ein, die sich um Gottes Kinder kümmern. Diese Diener weiden die Gemeinde Gottes mit dem Wort Gottes und mit den Sakramenten, die Jesus gegeben hat: Die Heilige Taufe und das Heilige Abendmahl. Dazu auch die Lossprechung der Sünden.
Jesus ist zwischen seinen Dienern und der Gemeinde, er ist über seinen Dienern und der Gemeinde, und auch unter beiden, sie zu tragen.
Das kommt zum Ausdruck, ja, es wird Wirklichkeit, in einem kurzen Gespräch zwischen Pastor und Gemeinde. Der Pastor sagt: „Der HERR sei mit euch!“ – Und die Gemeinde antwortet: „Und mit deinem Geist!“ Auch so ein kurzes Gespräch, in dem alles, die ganze Geschichte zwischen Jesus und Petrus, vollständig enthalten ist.
„Der HERR sei mit euch!“ – Der Heiland sei mit euch, der, der für euch Mensch geworden ist, sei bei euch! Der, der das Verlorene gesucht hat, suche und finde euch! Der, der Sünde die Macht genommen hat, tue Sein Werk an euch! Der, der die Strafe Gottes für euch getragen hat, nehme eure Lasten ab! Der Überwinder des Todes schütze euch jetzt! – Das ganze Evangelium erreiche eure Seele und richte sie auf! Das ist alles in dem Gruß: „Der HERR sei mit euch!“ Jetzt soll Jesus an euch tun, was Er gerne tut!
„Und mit deinem Geist!“ – Da sagt die Gemeinde: Wir nehmen diesen Dienst an, weil Jesus selbst in diesem Dienst anwesend ist. Jesus soll auch an dem Diener tun, was er an uns tut. „Und mit deinem Geist!“ ist das eine Gebet der Gemeinde für den Pastor, in dem alles gesagt ist. Gott soll den Geist des Dieners segnen und schützen, damit der Dienst gut und richtig nach Gottes Willen verläuft. Seine Schwächen mögen Gott nicht aufhalten oder im Weg stehen.
Dieses Gespräch zwischen Pastor – was ja übersetzt „Hirte“ besagt! – und Gemeinde findet dreimal im Hauptgottesdienst statt. Es ist jedes Mal nötig.
Es geschieht noch etwas Unglaubliches dort nach dem Frühstück am See zwischen Jesus und Petrus.
Jesus deutet Petrus an, daß er als Märtyrer sterben wird: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.
Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!“ Petrus ist dann auch in Rom gekreuzigt worden.
Aber man bedenke: Petrus geht als Apostel in die Welt hinein und es steht fest: Am Ende wirst du geführt werden, wohin du nicht willst.
Was heißt das? Am Ende ist keine eigene Herrlichkeit: Reichtum, Erfolgt, Beliebtheit, Anerkennung von Menschen ….
Wenn Petrus jetzt doch losgeht und Jesus nachfolgt, was heißt das? Das heißt, daß er die Erfüllung seines Lebens jetzt schon bei sich hat. Die Erfüllung kommt nicht erst, irgendwann, wenn bestimmte Ziele erreicht wurden. Sondern jetzt. Wenn Jesus ihm vergibt, wenn der Auferstandene Petrus einen Platz im Reich Gottes gibt – das ist alles, das ist das Höchste. Das kann ein Kreuzestod am Ende nicht mehr kaputtmachen.
Und noch etwas: Petrus weidet die Lämmer und Schafe Gottes ohne Begehren, ohne Hintergedanken: Er sucht nichts für sich selbst in seinem Dienst: Keinen Reichtum, keine menschliche Anerkennung, keine Bestätigung. Das alles hat er schon überreichlich mit Jesus bekommen. Da kann er ganz anders für die Herde da sein.
Wenn die Liebe Gottes dich erreicht hat, dann wird Gott dir helfen, ganz für die Menschen da zu sein, die Gott dir anvertraut hat. Dann hast Du Gottes Liebe weitergegeben. Das ist das Größte.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


Beitragsbild: Ausschnitt aus ‚Auferstehungsikone‘, Ikonenmuseum Frankfurt

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