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Predigt

5. Sonntag nach Trinitatis

Ein Eigentor. Das ist sowas von peinlich! Das ist das eine, was jeder auf dem Fußballfeld vermeiden will, um jeden Preis! Die ganze Vorbereitung, das Training, der ganze Einsatz, der Schweiß und die Pein: Für nichts! – Für weniger als nichts! Ganz und gar die falsche Richtung – und alle Welt kann es sehen.

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben : »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben. Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

1. Korinther 1, 18-25

HERR, segne Dein Wort an uns, Dein Wort ist die Wahrheit. Amen.

Liebe Gemeinde!

Ein Eigentor. Das ist sowas von peinlich! Das ist das eine, was jeder auf dem Fußballfeld vermeiden will, um jeden Preis! Die ganze Vorbereitung, das Training, der ganze Einsatz, der Schweiß und die Pein: Für nichts! – Für weniger als nichts! Ganz und gar die falsche Richtung – und alle Welt kann es sehen.
Dazu kann es nur eine Steigerung geben: Daß absichtliche Eigentor. Nicht als Verrat, sozusagen um der Gegenseite zum Sieg zu verhelfen, sondern in der Überzeugung, daß man dabei selber gewinnt. Doch so dumm kann keiner sein. Ins eigene Tor schießen und dann meinen, man habe gewonnen.
Heute geht es um Eigentore.
Ob nun im Stadium oder im Fernsehen – die Fans und die Oberdiskutierer in Sachen Religion sind sich über der Apostel Paulus einig: Dieser Mann ist ein Fall von: „Eigentor mit Absicht in dem Wahn, damit zu gewinnen.“
Warum? Paulus predigt den gekreuzigten Jesus von Nazareth als Gottes Weisheit und Gottes Kraft.
Es ist ja eins, sich für einen Gescheiterten, ja Verfluchten, eine Letzten und Verlorenen von ganz unten zu begeistern – denn das ist ein Mensch am Kreuz: in jeder Hinsicht erledigt. Aber diese Person dann noch als Gottes Antwort, ja Gottes Einladung und Angebot für die gesamte Menschheit zu verkünden: Ja, was ist denn das? Kann ein vernünftiger Mensch das im Ernst denken, geschweige denn mit Überzeugung?
Es ist das Wort vom Kreuz. Das war der Bericht von dem, was auf Golgatha geschah. Aber was war da geschehen? – Ein Mensch wurde gekreuzigt. Das war damals nichts Neues.
Das Neue ist: Paulus verkündigt, und zwar in den Synagogen und auf dem Areopag in Athen – also in der Top Universität von damals – das eines dieser Kreuze Weltgeschichte, nein: Menschheitsgeschichte, um nicht zu sagen: Gottesgeschichte gemacht hat. Gottes Macht und Gottes Weisheit.
Gottes Macht: Ein Gekreuzigter soll Gottes Antwort auf die Macht der Todes sein. Vor allem soll die Kreuzigung Jesu und das Wort von diesem Kreuz genau die Macht in sich haben, mit der Gott uns Menschen das ewige, das erfüllte Leben ermöglicht. – Das konnten die Juden nicht akzeptieren. Sie forderten Zeichen – also Wunder. Das taten schon die Schriftgelehrten und Pharisäer: „Meister, wir wollten gerne ein Zeichen von dir sehen!“ (Matthäus 12, 38). – Das, nachdem Jesus einen Mann mit einer verdorrten Hand vor ihren Augen geheilt hatte – in der Synagoge, am Sabbat. (Matthäus 12, 13). Da war ihre Reaktion allerdings, daß „sie hinausgingen und einen Rat über ihn hielten, wie sie ihn umbrächten.“ (Matthäus 12, 14). Sie forderten Zeichen – Beweise von Gottes Macht, die sie dann auf ihrer Seite haben würden gegen alle Feinde Israels. Sie konnten sich Gottes Gesandten, den Messias, nicht anders vorstellen, als ein Übermenschen, der überlegen eingreift und zuerst einmal die Römer vernichtend schlägt. Danach konnte man dann weitersehen. Als Jesus einmal mit 5 Broten 5000 Mann mit Familien speiste, wollte man ihn greifen und mit Gewalt zum König machen. (Johannes 6, 15). Ein Held, ein Wundertäter, ein Sieger und ein Versorger – das wäre doch jemand, den Gott schickt! – Aber ein Gekreuzigter? Das ist doch ein Eigentor! Das ist nichts für uns! Was kann so ein Verlierer uns bieten, was wir nicht schon haben? Sollen wir mit ihm verlieren, gemeinsam mit ihm ans Kreuz gehen? Jesus von Nazareth kann einfach nicht der sein, auf den das Volk durch die Jahrhunderte gewartet hat, er kann nicht die Hoffnung und Identität Israels darstellen. – Niemals! Unser Gott ist kein Schwächling, kein Verlierer. Das Wort vom Kreuz ist den Juden ein Ärgernis.
In der anderen Kurve im Stadion gucken die Griechen zu. Sie fragen nach Weisheit – Einsicht in die Wirklichkeit – Erkenntnis in der Natur – was die Welt zusammenhält. Weisheit: Also guten Rat für ein erfülltes Leben, ein Leben mit weniger Schmerzen, mehr Freuden. Die Griechen waren damals in der ganzen Welt der Maßstab für Bildung, Geschmack und Lebensart. Man kam zu ihnen, um zu lernen, abzuschauen, Nachhilfe zu bekommen. Im Theater, in der Tragödie, schafften sie es sogar, den Schmerz und das Leiden schön, erhaben und heldisch darzustellen. Aber das Ideal war der Gott, der heiter und frei über allen Schmerz erhaben oben im Licht alles Niedrige und Häßliche weit weit hinter sich läßt. Wer da weiterhelfen konnte – oder es vormachen konnte, der war interessant und willkommen. Da kommt Paulus nach Griechenland und predigt von dem Sohn Gottes, der sich ans Kreuz nageln läßt ohne Kampf, der seinen Peinigern vergibt und am Ende klagt, daß Gott ihn verlassen habe. Das ist keine Weisheit! Das ist Torheit! – Wo ist hier die Schönheit? Wo ist auf Golgatha eine neue Erkenntnis, die es vorher noch nicht gab? Was kann man daraus lernen? Kann diese häßliche Erscheinung mir etwas geben, was ich nicht habe, kann dieser von allen Verachtete mein Leben schöner machen? – Ach nein! – Die Athener hatten denn auch ihren Spott – oder fragten: „Was will dieser Schwätzer uns sagen?“ (Apostelgeschichte 17, 18.32). Ein kolossales Eigentor, kann man nur sagen.
Paulus spricht aus Erfahrung. Es ist eine christliche Erfahrung. Das Wort vom Kreuz wird nie Teil der gepflegten oder aufgeregten Diskussion werden. Das Evangelium ist nicht dazu geeignet, im freundlichen Geben und Nehmen zum schönen Leben beizutragen.
Allerdings muß man klar sehen: Paulus sieht das Kreuz Jesu nicht als Eigentor. Aber warum?
Zunächst spricht er mit Israel. Man lese bei den Propheten! Gott hat angekündigt, daß Er wunderlich – also widersprüchlich, ja widersinnig handeln werde, jedenfalls nicht so, daß alle sofort Beifall klatschen. Paulus zitiert den Propheten Jesaja: „Ich will auch hinfort mit diesem Volk wunderlich umgehen, aufs Wunderlichste und Seltsamste, daß die Weisheit seiner Weisen vergehe und der Verstand seiner Klugen sich verbergen müsse.“ (Jesaja 29, 14). Gott wird so handeln, daß die Klugen und Weisen es unbegreiflich finden werden, unfaßbar. Wenige Verse vorher sagt Jesaja: „Darum sind euch alle Offenbarungen wie die Worte eines versiegelten Buches, das man einem gibt, der lesen kann, und spricht: Lies doch das!, und er spricht: »Ich kann nicht, denn es ist versiegelt«; oder das man einem gibt, der nicht lesen kann, und spricht: Lies doch das!, und er spricht: »Ich kann nicht lesen.« (Jesaja 29, 11-12). Gott hat angekündigt, daß Er so handeln wird, daß auch die Klügsten nicht daraus klug werden können. Sie werden ratlos davor stehen. Es ist ihnen ein Ärgernis. Gott ist ihnen auf einmal ganz fremd, und gar nicht vertraut.
Also: Gott wird sich selbst nicht untreu, wenn er mit Israel völlig anders handelt, als es Israel erwartet, oder sogar fordert. Die Heilige Schrift, das Alte Testament, der Prophet Jesaja selbst hat es angekündigt.
Aber ist Weisheit denn nicht eine Gabe Gottes? Sollen wir denn absichtlich töricht, also dumm und widersinnig handeln? Das kann doch nicht Gottes Wille sein?
Weiter im Text. Paulus schreibt:
„Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.“ – Die Welt, umgeben von Gottes Weisheit, hat Gott durch ihre eigene Weisheit nicht erkannt.
Gott muß anders handeln, als erwartet – warum? – Weil die Menschen sich selbst mit Gott verwechseln. Das wird uns hier gesagt. Die Menschheit ist von Gottes Weisheit umgeben, aber sie erkennt Gott nicht. Und wenn ein Mensch Gott nicht erkennt, dann erkennt er den nicht, der Himmel und Erde geschaffen hat. Wie merke ich denn, ob ich Gott erkenne? Ich habe Gott dann wirklich erkannt, wenn ich erkenne und erlebe, daß ich ohne Gott nichts bin – denn ich verdanke mich ihm GANZ. Es ist alles Sein Geschenk und Seine Gabe. Und Er, als der Geber steht hinter Seinen Gaben, und die Liebe und Weisheit in Seinen Gaben soll bei mir ankommen. Darum sagt und Gottes Wort völlig korrekt: „Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang.“ (Psalm 111, 10) Warum Furcht? Weil ich erkenne, daß ich ganz von Gott bin, also bin ich ohne Gott nichts. Die Furcht Gott sucht also Gott und Seinen Willen in allem. Die Furcht Gottes will eines vermeiden: Daß ich mich selbst mit Gott verwechsele. Darum sagt uns unser Katechismus bei jedem Gebot Gottes: „Wir sollen Gott fürchten und lieben.“
Paulus sagt nun den Juden, die Zeichen fordern, und den Griechen, die nach Weisheit fragen: Ihr habt Gott nicht erkannt, und wollt mit ihm verhandeln, gar über Sein Handeln eine Meinung haben? – Wenn ich nicht uneingeschränkt erkenne und erfahre, daß ich mich Gott, meinem Schöpfer verdanke, dann werde ich zwangsläufig glauben, daß ich mich mir selbst verdanke, oder anderen Instanzen: Den Sternen, oder anderen Göttern. Jedenfalls bleibe ich dem einen wahren Gott dann das Entscheidende schuldig, daß ich ihn Gott sein lasse über mich.
Dann besteht meine Weisheit darin, daß ich alles auf mich beziehe. Dann verwechselt der Mensch sich selbst mit Gott. Und das ist das ganz große, verhängnisvolle Eigentor, das beim Sündenfall geschehen ist.
Paulus sagt im Grunde: Liebe Juden und liebe Griechen – Ihr zeigt kopfschüttelnd auf Gott, daß er so widersinnig handelt, wenn er Seinen Sohn ans Kreuz gehen läßt – nennt das ein Eigentor. Aber an euer eigenes peinliches, katastrophales Eigentor denkt ihr nicht? Je weniger ihr Gott fürchtet, mit um so größerer Überzeugung nehmt ihr Anlauf, den Ball ins eigene Tor zu schießen, und dann seid ihr auch noch stolz darauf und wollt Gott Vorschriften machen, wie Er es denn richtig machen soll.
Die Anzeigetafel spricht gegen uns.
Paulus spricht an einer anderen Stelle im Brief an die Gemeinde in Rom, auch von diesem erschreckenden Eigentor von uns Menschen.
„Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt, sodaß sie keine Entschuldigung haben. Denn obwohl sie von Gott wußten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und
ihr unverständiges Herz ist verfinstert. Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild gleich dem eines vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere.“ (Römer 1, 21-22). Sie verwechseln sich selbst mit Gott – und machen sich selbst, oder Tiere oder andere Geschöpfe zu ihrem Gott: „Sie haben Gottes Wahrheit in Lüge verkehrt und das Geschöpf verehrt und ihm gedient statt dem Schöpfer“. Diese Verkehrung zeigt sich in jeder Sünde, die wir tun. Ob wir nun lügen, oder begehren, oder hassen, oder uns nichts sagen lassen – – es ist immer ein Symptom dafür, daß wir Gott nicht fürchten, daß wir konsequent vergessen: Ich verdanke mich ganz und gar Gott, ohne ihn bin ich nichts – mit ihm aber Alles.
Unser Eigentor ist, daß wir ohne Gott Alles sein wollen.
Konsequent wäre es nun, daß Gott das Eigentor gelten und uns verlieren läßt. Das wäre einleuchtend. Das wäre das Urteil des Gesetzes. Unser Gewissen weiß das. Wenn wir einmal aufwachen, dann steht das fest. Besser: Wenn Gott uns aufweckt mit Seinen heiligen Zehn Geboten, dann ist das klar.
Was ist aber jetzt das Wort vom Kreuz? So richtig in die Fußballsprache läßt sich das nicht übersetzen, aber ich will es versuchen!
Jesus hat als der Torwart der Gegenseite sich in unser Tor gestellt und alles getan, daß unser Eigentor nicht mehr gegen uns zählt. Und weil wir Menschen als Sünder leider mit großer Überzeugung und Leidenschaft Eigentore schießen, hat Jesus leiden müssen, um das zu erreichen. Das Ergebnis ist: Das Eigentor zählt nicht mehr gegen dich, die Anklage verurteilt dich nicht mehr. Denn der Sohn Gottes hat alles getan, was nötig war, diese Klage, diese Verdammnis zum Schweigen zu bringen.
Was also für die Weisen und Klugen wie ein Eigentor aussieht, ist deine Rettung. Da hat Gott für dich gepunktet.
Genug von Eigentoren und Fußball!
Wir Christen glauben einem Wort, daß immer fremd sein wird. Gott rief Abram im hohen Alter heraus – in ein Land, daß er nicht kannte. Er und Sarai sollten die Stammeltern eines großen Volks werden, im Alter von 80 plus Jahren. Das ist widersinnig. Als Jesus Petrus ruft, wie wir im Evangelium heute hören, will Petrus nicht damit zu tun haben: HERR, gehe hinaus von mir, ich bin ein sündiger Mensch!
Was haben Abram und Petrus gemeinsam?
Sie erkennen, daß sie ohne Gott nichts sind, aber mit Gott alles sind. Darum glaubt Abraham, daß Gott ihn und Sara wirklich zu Eltern machen wird. Paulus sagt das so: „Abraham hat Gott geglaubt als den, der die Toten lebendig macht und ruft das, was nicht ist, daß es sei.“ (Römer 4, 17). Und Petrus sagt am Ende, als Jesus ihm seine Verleugnung, also seine Schuld vorhält: „Herr, du weißt alle Dinge , du weißt, daß ich dich lieb habe!“ (Johannes 21, 17). Beide Abraham und Petrus haben aufgehört, Gott mit sich selbst zu verwechseln.
Das Wort vom Kreuz schafft das in uns Menschen. Jesus sagt: Hör auf, dein eigener Gott sein zu wollen – laß mich dein Gott sein. Ich kann das besser!
Um dieser Worte willen ist er gekreuzigt worden. Da hat er die Macht offenbart, die stärker ist, als der Tod, und die Weisheit ans Licht gebracht, die und wieder mit unserem Schöpfer verbindet.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Beitragsbild:

Konrad Witz: Petrusaltar, Fragment eines Altares der Petrus-Kathedrale in Genf, linker Flügel außen: Der Wunderbare Fischzug

1444, Tempera auf Holz, 132 × 154 cm
Genf, Musée d’Art et d’Histoire
Kommentar: Auftraggeber: Bischof François de Mies
Land: Deutschland und Schweiz
Stil: Spätgotik
[Witz, Konrad. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei, S. 12365 (c) 2005 The Yorck Project]