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Predigt

6. Sonntag nach Trinitatis

Taufgedächtnis

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

16 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte.
17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.
18 Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.
19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Matthäus 28, 16-20

Jesus Christus, lieber HERR, von dem Berg in Galiläa siehst Du auf uns alle; Dein Vater hat uns Dir gegeben, und wir sollen nicht verloren gehen ( Johannes 17, 12). Du hast versprochen, bis zum Ende bei uns zu sein; bitte schenke uns heute Trost aus Deinem Versprechen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Nicht lange, nachdem ich nach Berlin gezogen war, bekam ich Post von dem benachbarten Evangelischen Pfarramt der Landeskirche; ich wurde als neues Gemeindeglied willkommen geheißen. Das war zwar freundlich, es traf aber nicht zu. Ich mußte zum Bürgeramt, um aus der Kirche auszutreten. Die Beamtin war nicht so freundlich. Sie fragte mich: Sind Sie denn evangelisch getauft? – Ich sagte: Ja, ich bin getauft. – Darauf sagte sie: Sehen Sie, daß können Sie nicht rückgängig machen. Einmal evangelisch – immer evangelisch! Und dann schaute Sie noch einmal in die Unterlagen, und sagte dann mit einem unbeschreiblichen Blick: …. und Sie sind von Beruf „Evangelisch-lutherischer Pfarrer“? Ich konnte es ihr nicht zu ihrer Befriedigung erklären. Aber wo sie recht hatte, da hatte sie recht: Die Taufe kann ich nicht rückgängig machen. Einmal getauft – immer getauft.
Die Taufe ist DIE Tatsache im Leben eines Menschen. Das kann nicht übertrieben werden. Und je mehr Menschen fragend gucken – so fragend wie die Beamtin, die es nicht begreifen konnte, daß ich als „Evangelisch-lutherischer Pfarrer“ aus der Evangelischen Kirche austreten wollte – also je mehr Menschen auf die Taufe gucken, und dann mit dem Katechismus fragen: „Wie kann Wasser solch große Dinge tun?“ – um so mehr muß ein Christ die Taufe groß machen.
Denn die Taufe tut, was Jesus tut. Ja; das ist ein christlicher Satz. Das ist keine übertriebene Meinung. Die Taufe tut das, was Jesus tut. So spricht jedenfalls schon mal unser Kleiner Katechismus, und den kann man wirklich nur zum eigenen Schaden und auf eigene Gefahr geringachten oder ignorieren.
Der Katechismus lehrt uns von Jesus Christus:
(Gesangbuch S. 1267): Jesus Christus hat … „mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst … von allen Sünden, vom Tod, und von der Gewalt des Teufels. … auf daß ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe.“
Und über die Taufe hören wir (Gesangbuch S. 1272): Die Taufe … „wirkt Vergebung der Sünde, erlöset vom Tode und Teufel, und gibt die ewige Seligkeit …“ – Die Aussagen stimmen überein: Jesus Christus erlöst uns von Sünde, Tod und Teufel, und schenkt uns das ewige Leben. Ja. Und die Taufe „wirkt, WIRKT Vergebung und gibt die ewige Seligkeit.“
Die Taufe tut, was Jesus tut.
Da können Menschen richtig unruhig werden, aber richtig.
Gerade auch Christen. „Die Taufe ist doch eine rein menschliche Tat! Das ist doch eine Anmaßung! Läßt Gott sich einfangen, so daß wir Menschen ihn zwingen, hier dieses Baby, daß doch nichts kapiert davon, daß Gott es rettet?“ Oder man sagt mit grimmiger Überzeugung: „So viele Menschen sind getauft und glauben nicht, und leben in Sünde; man sieht keinen Unterschied!“ – Allerdings. Traurig, aber wahr.
Tut die Taufe wirklich, was Jesus tut?
Es klingt sehr fromm, wenn gesagt wird: Menschen können Gott mit ihren Taten –also Worte wiederholen und Wasser gießen – nicht zwingen, Gott läßt sich nicht zwingen – und Menschen dürfen das nicht.
Auch klingt es recht ernst, wenn gesagt wird: So viele sind getauft, und es macht keinen Unterschied. Sie glauben nicht, sie halten die Gebote nicht ….. Tut da die Taufe auch das, was Jesus tut? Wirklich?
Nun. Als Jesus auf der Erde war, und zu einem erbärmlichen Menschen sprach: „Sei getrost mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“, da gab es auch Aufregung, und man sagte: „Wer kann Sünden vergeben, als allein Gott?“ (Markus 2, 7) – Ja, dieser lästert Gott! Mit anderen Worten: Als Jesus große Dinge tat, da war das auch nicht für alle, die es sahen und hörten, eindeutig gut und göttlich. Als er böse Geister verjagte, da gab es solche, die Gott dankten, aber es gab auch andere, die sagten: „Er treibt die Teufel aus durch der Teufel Obersten.“ (Matthäus 9, 34 und 12, 24).
Das zeigt uns: Jesus ist da, aber deshalb glauben nicht alle automatisch an ihn. Wer aber an ihn glaubt, der bekommt auch alles, was Jesus bringt und zu bieten hat.
Und jetzt kommt das Entscheidende: Der Glaube hat seinen ganzen Inhalt von Jesus selbst. Ohne Jesus gibt es keinen Glauben – jedenfalls nicht den Glauben, der von der Macht der Sünde, des Teufels und des Todes erlöst. Der Glaube glaubt niemals an sich selbst, sondern immer und nur ganz und gar an Jesus. Ohne Jesus kein Glaube. Mit Jesus genug Glaube. Genau so, wie Jesus alles kann, so sagt Jesus über den Glauben auch: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!“ (Markus 9, 23). Warum kann der Glaube alles? Weil der Mensch durch den Glauben nicht mehr mit seinen eigenen Möglichkeiten unterwegs ist, sondern weil Gott bei ihm ist.
Jesus schafft den Glauben im Menschen. Das ist wie eine Heilung, wie eine Totenauferweckung. Der Glaube ist niemals menschliche Möglichkeit, sondern Gottes Tat, Gottes Geschenk.
Das tut Jesus. Das Evangelium ist voll davon.
Zurück zur Taufe!
Unser Katechismus sagt nämlich ebenso: „Die Taufe wirkt Vergebung der Sünde, erlöst von Tod und Teufel und gibt die ewige Seligkeit ….. ALLEN, DIE ES GLAUBEN“
Aber, und das ist ganz entscheidend, der Glauben entsteht nicht aus sich selbst in uns Menschen – aus Entscheidung oder Begabung, oder verzweifeltem Nachdenken – sondern der Glaube bezieht sich auf etwas, was nicht im Menschen ist, sondern von außen kommt. Nämlich das Wasser der Taufe. Dieses Wasser tut, was Jesus tut.
Eben haben wir empörte Stimmen gehört, die sagen, daß man Gott nicht zwingen kann, indem man Gott an eine menschliche Tat wie die Taufe bindet. Dieselben Stimmen können und werden jetzt sagen: Wasser? Soll ich jetzt einem Zauber glauben?
Genauso haben im Neuen Testament Jesus, den Sohn Gottes vor sich gehabt, ihn gesehen und gehört, und dann gesagt: „Ist dieser nicht eines Zimmermanns Sohn? Kennen wir nicht seine Mutter und seine Geschwister? Woher kommen ihm solche Worte und Taten?“ (Matthäus 13, 55-56). „Ist dieser nicht Jesus, Josephs Sohn, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wieso spricht er dann, ich bin vom Himmel gekommen?“ (Johannes 7, 42). Das, was Jesus geschah, das geschieht auch der Taufe.
Kann Gott durch, und in diesem Menschen wirken? – Kann Gott durch schlichtes Wasser wirken? Der Zweifel an Jesus und der Zweifel an der Taufe sind so wenig zu trennen, wie der Glaube an Jesus und das Vertrauen auf die Taufe.
Es klingt fromm, wenn man sagt: Gott läßt sich nicht zwingen. Gott ist zu groß, zu sehr frei, zu erhaben, zu heilig, oder was auch immer – Gott ist zu groß für dieses Wasser und diese Handlung.
Aber was, wenn Gott sich zwingen läßt? Aber was, wenn Gott sich klein macht? Was, wenn nicht wir Menschen Gott zwingen oder klein machen, sondern Gott selbst?
Unser Gesangbuch singt in einem Abendmahlslied (163, 2 „Gott sei gelobet und gebenedeiet“): „HERR, dein Lieb so groß dich zwungen hat“. Es ist die große göttliche Liebe. Die hat Gott gezwungen. „Also hat Gott die Welt GELIEBT, daß er seinen eingbornen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Es war Liebe, die Gott gezwungen hat, als Mensch geboren zu werden, und in unendlicher Geduld mit uns Menschen zu reden, und zu heilen, zu rufen und einzuladen. Die Liebe hat ihn gezwungen, sich klein zu machen, daß wir ihm begegnen können, ohne zu vergehen. Das konnte kein Mensch sich ausdenken, darauf wäre keiner gekommen. Wir als Sünder schon garnicht. Sünder können sich überhaupt nicht vorstellen, daß Gott liebt. Sie können sich nur vorstellen, daß Gott straft oder gleichgültig ist, oder sich abwendet. Doch Gott hat sich zwingen lassen. Aus Liebe.
Gott hat sich zwingen lassen. Wenn Gott uns das nicht selber sagen würde, dann würde das kein Mensch glauben.
Darum ist Gottes Wort immer dabei.
Unser Katechismus sagt denn auch: „Die Taufe wirkt … alles … allen, die da glauben, WIE DIE WORTE UND VERHEIßUNG GOTTES LAUTEN.“
Die Taufe tut, was Jesus tut, weil Jesus sein Wort an die Taufe gebunden hat. Wenn wir Jesus glauben, dann glauben wir seinem Wort, und wenn wir seinem Wort glauben, dann halten wir uns im Glauben auch an die Taufe. Darum sagt uns auch der Katechismus – gepriesen sei der Katechismus! – „Das Wasser an sich tut es freilich nicht, sondern das Wort Gottes, das mit und bei dem Wasser ist, und der Glaube, der dem Wort Gottes im Wasser traut.“ (Gesangbuch S. 1273).
Die Taufe tut, was Jesus tut. Da kommen wir jetzt nicht mehr raus. Gott will das so.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Beitragsbild:

Fra Angelico: Aufnahme des Namens für die Taufe, Fragment eines Polyptychon

1434-1435, Tempera auf Holz, 26 × 24 cm
Florenz, Museo di San Marco
Land: Italien
Stil: Gotik, Frührenaissance
[Angelico, Fra. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei, S. 187 (c) 2005 The Yorck Project]