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Predigt

3. Sonntag nach Trinitatis

Und alsbald am Morgen hielten die Hohenpriester Rat mit den Ältesten und Schriftgelehrten und dem ganzen Hohen Rat, und sie banden Jesus, führten ihn ab und überantworteten ihn Pilatus.

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen

Und alsbald am Morgen hielten die Hohenpriester Rat mit den Ältesten und Schriftgelehrten und dem ganzen Hohen Rat, und sie banden Jesus, führten ihn ab und überantworteten ihn Pilatus. Und Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Du sagst es. Und die Hohenpriester beschuldigten ihn hart. Pilatus aber fragte ihn abermals: Antwortest du nichts? Siehe, wie hart sie dich verklagen! Jesus aber antwortete nichts mehr, sodass sich Pilatus verwunderte.
Er pflegte ihnen aber zum Fest einen Gefangenen loszugeben, welchen sie erbaten. Es war aber einer, genannt Barabbas, gefangen mit den Aufrührern, die beim Aufruhr einen Mord begangen hatten. Und das Volk ging hinauf und bat, dass er tue, wie er zu tun pflegte. Pilatus aber antwortete ihnen: Wollt ihr, dass ich euch den König der Juden losgebe? Denn er erkannte, dass ihn die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten.

Lukas 15, 1 – 10

Lieber Herr Jesus, such und finde uns durch Dein Wort und schenke uns Anteil an Deiner Freude. Amen.

Liebe Gemeinde!

Suchen und Finden ist eine menschliche Urerfahrung. Wieviel Zeit und innere Kraft wird aufgewendet! Wenn ich etwas suche, wird es auf einmal viel wichtiger, als sonst.
Jeder kann mit dem Hirten mitfühlen, der alles tut, das verlorene Schaf zu finden.
Jeder kann mit der Frau mitfühlen, die das ganze Haus auf den Kopf stellt, um die eine kleine Münze zu finden, die aus ihrem Brautschmuck gefallen ist.
Alles andere muß warten, alles andere ist erstmal unwichtig.
Und dann die Erleichterung und Freude, wenn das Schaf oder die Münze gefunden ist.
Das wird gerne erzählt, und die Freude geteilt.
Jesus offenbart uns, daß es diese menschliche Urerfahrung bei Gott gibt.
Gott sucht, Gott sucht das Verlorene.
Da geht es schon los: Gott weiß und sieht doch alles! Gott sucht – das ist doch absurd!
Wie könnte Gott einen Menschen verlieren? – Wie einen Schlüssel, der genau in der Tasche ist, wo ich zuletzt nachgucke, und dann fällt mir ein, daß ich ihn ja da hingetan hatte?
Gott rief Adam im Paradies: „Wo bist du?“ – Gott wußte natürlich, wo Adam sich versteckte. Doch Gott wollte, daß Adam frei und voller Vertrauen bei ihm ist, und auf ihn zukommt. Darum hat Gott sich nicht distanzlos auf gezwungen, sondern gerufen.
Adam war verloren, und Eva auch, weil sie die Freiheit und das Vertrauen zu ihrem Schöpfer zerstört hatten. Wenn Gott sie mit „Da hab ich dich!“ gestellt hätte, dann hätte Gott sie dingfest gemacht, aber hätte Adams und Evas Vertrauen gefunden? –
Jesus faßt das Herz Gottes für jetzt so zusammen:
Gottes Herz ist davon erfüllt und durchdrungen, das Verlorene zu suchen.
Wir Menschen sind Gott abhanden gekommen. Nicht, weil Gott so schusselig und gedankenverloren wäre.
Wir sind Verlorene, weil wir Sünder sind. Wir haben unsere Freiheit und das kindliche Zutrauen gegenüber Gott verloren. Das macht uns zu Verlorenen.
Wir sind so verloren, daß wir es meistens gar nicht merken.
Wenn wir nicht beten, dann scheint uns das nichts auszumachen. Für Gott ist das mindestens so, wie wenn ein Kind nicht meldet, ob es nachts gut angekommen ist. Mindestens. Wir danken Gott nicht – und uns scheint es nicht zu fehlen, doch bei Gott ist es mindestens so, wie wenn ich mich frage, ob ein ganz ganz wertvolles Paket vielleicht nicht angekommen ist, weil die Person unbekannt verzogen ist.
Wir vernachlässigen den Sonntagsgottesdienst, und empfinden dabei keinen Mangel. Doch für Gott ist es mindestens so, wie wenn ich im Gewühl der Stadt mit meine Kind verabredet bin, und es ist einfach nicht da am verabredeten Ort, zur verabredeten Zeit.
Was geht Eltern durch den Kopf, wenn das passiert? – Hatte mein Kind einen Unfall? Ist es gar in der Macht von bösen Menschen? Oder Eltern fühlen schon, wie das Kind sich verlassen fühlt, bedroht in einer fremden Umgebung, raus aus allem, ganz allein. Die Zeit des Suchens ist bleiern und drückend.
Jesus macht uns klar, daß Gott, der Vater, der Schöpfer Himmels und der Erde, so über uns fühlt.
Wegen unserer Sünde.
Gott fühlt anders über unsere Sünde, als wir.
Wir reden uns da raus. Empfinden die Bedrohung nicht. Wir vergleichen uns mit anderen – und halten uns für etwas Besseres. Das ist Heuchelei. So war das mit den Schriftgelehrten und Pharisäern.
Oder wir verzweifeln. Wir glauben, daß wir nun keine Freude, keinen Segen und keinen Frieden mehr verdient haben, weil wir Fehler gemacht haben. So war das mit den Zöllnern und Sündern. Die hatten aufgegeben. Sie konnten sich nicht mehr vorstellen, daß es anders werden konnte mit ihnen und ihrem Leben.
Dann kommt Jesus und sucht. „Des Menschensohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ (Lukas 19.10).
Jesus ist die göttliche Suche. Heute muß gesagt werden: Gott ist dann am meisten und am deutlichsten Gott, wenn, und weil Er sucht.
Und der Mensch ist der, den Gott sucht.
Die ganze christliche Religion ist Gottes Suchaktion.
Jede Predigt, jede Kirchenmusik, jedes Gebet und Lied: Gott googelt uns.
Und wie eingangs gesagt: Er sucht uns nicht wie die Polizei, um uns zu stellen. Das könnte er jederzeit tun.
Gott sucht unsere Freiheit und unser Vertrauen.
Er sucht unsere Antwort auf Seine Liebe.
Die Bibel nennt diese Antwort Buße.
Es ist kein beliebtes Wort. Es ist so unbeliebt wie das Wort „Entwöhnung“ für Süchtige. Doch gibt es kein besseres Wort.
Buße ist eigentlich nichts anderes, als daß Gott mich findet und sich freut.
Gott freut sich, wenn Seine Liebe und loslöst von Götzen aller Art, nach denen wir süchtig geworden sind. Diese Götzen machen bei uns Vertrauen und Liebe zu Gott unmöglich. Sie verhindern das Gebet, und die Liebe.
Wir müssen lernen, uns mit neuen Augen, Ohren und Herzen wahrzunehmen. Während wir hier vor uns hinleben – in Selbsttäuschung oder Verzweiflung, hat Gott schon eine Suchaktion gestartet, uns und unsere Freiheit und Freude zu retten. Sein Wille zur Freude ist Sein größter Wille.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Beitragsbild:

Nicolaes Maes: Christus vor Pilatus
Drittel 17. Jh., Leinwand, 216 × 174 cm
Budapest, Magyar Szépmüvészeti Múzeum
Land: Niederlande (Holland)
Stil: Barock
[Maes, Nicolaes. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei, S. 6894 (c) 2005 The Yorck Project]