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Predigt

2. Sonntag nach Trinitatis

Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen.

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen

Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde. Ich wollte, dass ihr alle in Zungen reden könntet; aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch reden könntet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, damit die Gemeinde dadurch erbaut werde. Nun aber, liebe Brüder, wenn ich zu euch käme und redete in Zungen, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit euch redete in Worten der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre? Verhält sich’s doch auch so mit leblosen Dingen, die Töne hervorbringen, es sei eine Flöte oder eine Harfe: wenn sie nicht unterschiedliche Töne von sich geben, wie kann man erkennen, was auf der Flöte oder auf der Harfe gespielt wird? Und wenn die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zum Kampf rüsten? So auch ihr: wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist? Ihr werdet in den Wind reden. Es gibt so viele Arten von Sprache in der Welt und nichts ist ohne Sprache. Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht kenne, werde ich den nicht verstehen, der redet, und der redet, wird mich nicht verstehen. Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.

Korinther 14, 1-11. 23-25

HERR, laß uns Deinen Ruf hören und ihm folgen in der Kraft des Heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde!

Wir besitzen keine Videoaufnahme von den Gottesdiensten in Korinth. Es muß dort bewegend zugegangen sein. Zungenreden. Was das genau war, können wir nicht mehr wissen. Paulus setzt es als bekannt voraus, beschreibt es aber nicht ausreichend, als daß man es wiederholen oder nachmachen könnte. Das könnte sogar sein apostolische Absicht sein: Es kann nicht nachgemacht werden.
Es war eine Wirkung des Heiligen Geistes, und das heißt auf jeden Fall: Es kommt von Jesus Christus her und führt zu ihm hin. Das Zungenreden wird also eine besondere Wirkung des Glaubens gewesen sein, den alle Christen haben. Der Ausdruck einer tiefen Freude über die Liebe Gottes, der mich von dem Weg ins sichere Verderben gerettet hat. Das zeigte sich in einer Sprache, die nicht alltäglich war, ja ganz und gar individuell.
Das muß beeindruckend gewesen sein. Aber auch befremdlich.
Paulus sagt: Diese Gabe des Heiligen Geistes ist eine Sache zwischen mir und Gott allein. Wer das erlebt, kann das als Zeichen dafür erleben, daß das Evangelium ihn erreicht hat, daß Gott eine neue Schöpfung in ihm angefangen hat. Paulus hat das selbst erfahren.
Aber Paulus stellt fest: Das Zungenreden schafft keine Gemeinschaft. Denn eine Verständigung ist nicht möglich. Und Außenstehende werden sagen müssen: „Sie sind von Sinnen!“
Dieses besondere Gebet zwischen dem einzelnen Christen und Gott nützt sonst keinem, keiner versteht es und Paulus sagt dann: „Ihr werdet in den Wind reden.“
Nun gibt es heute christliche Gemeinschaften, die großen Wert auf das Zungenreden legen. In ihren Versammlungen wird dann in unbekannten Sprachen, wenn man das so nennen kann, geredet, gesungen, oder wie auch immer. Wie will man dem Gebot des Paulus gerecht werden, daß um der Liebe willen Verständlichkeit das Ziel sein muß? Es finden sich Menschen, die die Reden auslegen, oder deuten. Wenn das alles eine Wirkung des Heiligen Geistes sein soll, dann werden die Aussagen keine anderen sein, als die, die wir im Glaubensbekenntnis sprechen: Gott hat mich geschaffen; Jesus hilft uns aus der Not der Sünde; der Heilige Geist schafft neues Leben, fügt mich in die Kirche ein.
Paulus sagt aber in unserem Predigttext klar: Wer Zungenreden erlebt, der soll Gott darum bitten, daß es auch auslegen kann. Mit anderen Worten: Das, was mich bewegt, muß in Worte gefaßt werden, die auch andere verstehen. Und das bedeutet, daß das Zungenreden nicht in den öffentlichen Gottesdienst gehört, es ist eine Privatsache, die privat bleiben soll. Wenn sie hervorgehoben wird, dann wird sie eine Sensation. Und Sensationen schaffen Unsicherheit. Was soll man tun? Es nachmachen? Es heucheln? Oder an seinen eigenen Glauben zweifeln, weil man es nicht kann? Diese Fragen können in einem Gottesdienst nicht geklärt werden.
Paulus empfiehlt, um der Liebe willen klare und verständliche Rede über den Glauben anzustreben. Prophetische Rede. Woran erkennt man prophetische Rede? Sie erbaut. Sie schafft Glauben, sie stärkt Glauben. Und das heißt im Neuen Testament immer, wirklich immer: Glauben an Jesus Christus – den Sohn Gottes, der Mensch wurde, für uns ans Kreuz ging und von den Toten auferstand und von Gott alle Macht bekommen hat – auch die, von den Toten aufzuerwecken. Glauben ist nie irgendein Glaube an sich selbst oder an etwas Unbestimmtes. Darum verdeutlicht Paulus sofort, was prophetische Rede tut:
Sie ermahnt und tröstet.
Ermahnen heißt: Die Gebote Gottes so auslegen, daß ich aufwache und darüber erschrecke, wie sehr ich von Gottes Willen abgewichen bin. Ermahnen ist Bußpredigt. Ermahnen zeigt auf, wie sehr ich mir durch Übertreten von Gottes Geboten selbst den Tod bereite, und daß dringend was geschehen muß.
Trösten heißt: Gott vergibt dir. Dazu ist Jesus gekommen. Jesus sucht und findet das Verlorene und gibt nicht auf.
Dieses Ermahnen und Trösten muß verständlich sein. Und es will auch verständlich sein. Denn wenn ich einem Menschen aus Liebe vor seinem eigenen Verderben retten will, dann will ich ihn unbedingt mit der Sprache erreichen. Er soll wissen, daß er gemeint ist, und daß um sein Leben geht.
Schade! Paulus verdirbt doch irgendwie alles, oder? Erst stellt er die Zungenrede, die doch etwas Spannendes sein könnte, in den Hintergrund. Und dann sagt er von der prophetischen Rede, daß sie ermahnen und trösten soll. Hatten wir da nicht die Vorstellung von geheimnisvollen Vorhersagen? Übernatürlichen, exklusiven Blicken in die Zukunft? Wie gut wäre es doch, etwas über die Zukunft zu wissen! Was würde ich mit diesem Wissen tun? Ich würde sicher mein Leben absichern wollen vor unsichtbaren Gefahren. – Aber was dann?
Ist nicht die größte Gefahr, daß ich Gott verliere? Ist nicht die größte Sicherheit, daß Gott mich findet? – Darum ist Ermahnung und Tröstung die notwendige Rede, die wir Christen hören müssen! Ermahnung und Tröstung schaffen in uns den Menschen, der vor Gott und mit Gott ewiglich leben wird. Das will Gott bei uns bauen.
Paulus sagt dazu: Wenn das verständlich ausgesprochen wird, dann werden selbst Ungläubige und Unkundige – also Gäste, die zum ersten Mal dabei sind, zugeben müssen: Hier geht es auch um mich und mein Leben! – oder mit unserem Predigttext:
„Käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt;
was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, daß Gott wahrhaftig unter euch ist.“ – Ob er immer beglückt sein wird, zu hören, daß er auf dem falschen Weg ist? Sicher nicht! Wenn ich etwas verstehe, dann heißt es ja noch nicht, daß ich zustimme!
Verständlichkeit. Das ist wichtig. Und es wird viel darüber nachgedacht, ja auch gestritten. Im Gottesdienst kommen Dinge zur Sprache, die wir Menschen uns niemals selbst sagen könnten oder können. Deshalb gibt es Aussagen und Wörter, die nicht alltäglich sind. Denn die Dinge sind nicht alltäglich. Es kann aber sinnvoll darüber gesprochen werden. Manchmal wird beklagt, daß die Sprache in der Kirche nicht verständlich sei. Das kann damit zusammenhängen, daß ich nicht das höre, was ich gerne hören will. Wenn ich zum ersten Mal als ein Sünder angesprochen werde –als ermahnt und getröstet werde – dann ist das was Neues. Ein Sünder, der von sich überzeugt ist, der hört das nicht gern. Manchmal denke ich, daß Menschen schon hören und verstehen, aber es gefällt ihnen nicht, was sie da verstehen. Und dann weichen sie lieber aus. „Das versteht doch kein Mensch! Alte Sprache!“ oder was auch immer.
Streben nach prophetischer Rede. Das heißt nicht nur: Verständlich und deutlich sprechen. Es heißt auch: Verständliche und deutliche Sprache unterstützen und fördern. Nicht jeder muß öffentlich vor der Gemeinde predigen. Aber jeder kann in der Gemeinde sich dafür einsetzen, daß es immer wieder um Ermahnung und Tröstung geht. Nach prophetischer Rede streben heißt aber auch: Sich bemühen, das Gesagte zu verstehen: Selber mal in der Bibel nachlesen und nicht aufgeben, wenn da ein Wort steht, was man nicht kennt, oder wenn der Satzbau mal anders ist, als gewohnt. Es geht hier um heilige Dinge! Was weiß ich, was heilig ist?
Am Ende ist das Ziel ja nicht, daß alle gleichzeitig einander anpredigen. Das Ziel ist, daß wir alle miteinander Hören und im Gebet und Loblied darauf antworten. Am Ende ist das Ziel, daß wir alle die eine Stimme hören, die uns aus dem Grab zur Auferstehung und ins ewige Leben ruft. Die wird deutlich sein, sehr deutlich und verständlich! Darum sollen wir heute eine Sprache suchen und schätzen, die dazu paßt. Ermahnung und Tröstung.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Beitragsbild:
Meister aus Halberstadt: Paulus und die Empfänger seiner Briefe
um 1185, Pergament
Kommentar: Buchmalerei
Land: Deutschland
Stil: Romanik
[Meister aus Halberstadt. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei, S. 7500 (c) 2005 The Yorck Project]