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Predigt

Trinitatis

Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von Neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie kann dies geschehen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bist du Israels Lehrer und weißt das nicht? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben; ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sage? Und niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn.

Johannes 3, 1-13

Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, wir rufen Dich an: Sende Dein Licht und Deine Wahrheit, daß sie uns leiten und bringen ins ewige Leben. Amen.

Liebe Gemeinde!

Spötter, auch gebildete Spötter, die viel gelesen haben, sagen schnell: Das Wort „Dreieinigkeit“ findet man nicht in der Bibel. Warum sagen sie das? Am Ende deshalb, daß wir lieber auf sie hören und ihre Klugheit bewundern, und anfangen, an dem Glauben der Christenheit zu zweifeln. Als wäre es ein Fehler gewesen, schon in der allerfrühsten Christenheit bei der Taufe zu bekennen: „Ich bekenne Gott, den Vater des Alls, ich bekenne Jesus, den HERRN und Heiland, und den Heiligen Geist der im Wasser ist und die Reinigung vollzieht.“ So formuliert es Justinus der Märtyrer ein Jahrhundert nach Christus, und wenig später prägt der lateinische Theologe Tertullian das Wort „trinitas“ –Dreieinigkeit – um das Geheimnis anzusprechen, daß Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist ein Gott, aber drei Personen ist. Tertullian starb im Jahr 220. NACH Christus, natürlich! – Aber hat Gott sich erst 200 nach Christus in drei geteilt? Ändert Gott sich jedesmal, wenn Menschen sich etwas über ihn ausdenken? Nein! – Tertullian hat mit seiner Wortprägung eine biblische, christliche Wahrheit zusammengefaßt und auf den Punkt gebracht!
Wir finden das Wort nicht im Neuen Testament, aber Jesus selbst sagt ja im Taufbefehl: Tauft sie im Namen des Vaters und der Sohnes und des Heiligen Geistes. (Matthäus 28, 19), und Paulus grüßt die Gemeinde in Korinth mit dem apostolischen Gruß, den wir zu Beginn der Predigt gehört haben: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft der Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.“ (2. Korinther 13, 14) – und daß das drei Götter sein sollen, oder drei Drittel von Gott, wird niemals gesagt, sondern die Drei sind ein Gott, und doch als Personen unterschieden.
Doch jetzt zu Nikodemus! Was wir im Evangelium heute hören, ist ein trinitarisches Geschehen. Also Nikodemus erlebt Gott als den Dreieinigen. Und wir, wenn wir bei Nikodemus mithören, begegnen ebenso dem dreieinigen Gott.
Nikodemus ist einer von ganz Oben in Israel. Einer, der alles erreicht hat, was ein Mensch in Israel erreichen konnte. Als Pharisäer im Hohen Rat. Dort kam man nur hin, wenn im Lebenslauf keine Lücken waren. Jahre, ja, Jahrzehnte mußte man sich dem Studium und der Übung gewidmet haben. Disziplin im Denken und Tun. Jede Situation vor Gott bringen und nach seinem Willen fragen. Ununterbrochen wachen über sich selbst und über Israel; jede Entwicklung prüfen und beurteilen. Nikodemus hatte keine Scheu vor er Öffentlichkeit und keine Angst vor Fragen. Er war Experte. Er hatte die Antworten. Ganz Israel sah auf ihn uns seinesgleichen und dachte: Uns geht es gut! Solange Gott uns solche begabten Menschen schenkt, kann es mit uns weitergehen, dann brauche wir uns um die Zukunft keine Sorgen machen!
Nikodemus kommt zu Jesus bei der Nacht. Er kommt allein und im Verborgenen. Er sucht Licht. Obwohl er alles weiß, sucht er Licht, Licht für sich selbst, obwohl er alles erreicht hatte, was man in Israel erreichen konnte, sucht er einen Weg aus der Finsternis. – Anders als andere, die Jesus in der Nacht suchten, um ihn zu fangen und zu beseitigen. Es waren auch „Diener der Pharisäer“ die mit ihrem eigenen Licht – „Fackeln und Lampen“ – in den Garten Gethsemane kamen, um Jesus zu binden, zu widerlegen, und öffentlich auszulöschen. (Johannes 18,3). Sie brachten ihr eigenes Licht mit, um Jesus auszuleuchten, zu durchschauen und bloßzustellen – bis hin zum Todesurteil und ans Kreuz.
Nikodemus sucht Jesus nicht, um ihn zu fangen. In der Nacht muß Jesus zeigen, was er kann und wer er ist!
Nikodemus spricht ihn an, wie ein anständiger höflicher und gebildeter Mensch spricht: „Meister, wir wissen, daß du bist ein Lehrer, von Gott gekommen, denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“ – Höflicher geht es nicht. Nikodemus ist voller Anerkennung, Bewunderung. Das ist doch die beste Voraussetzung für ein bereicherndes Gespräch! Nikodemus gafft nicht nur auf die Sensation der Wunder. Es geht doch um die Lehre, daß Mensch aufgeklärt und informiert werden! Mit dieser Eröffnung des Gesprächs macht Nikodemus nichts falsch! Kein einziger Mensch könnte mit dem Finger auf ihn zeigen, und ihm einen Fehler nachweisen – alles richtig gemacht! Ist das nicht die allerbeste Grundlage für einen Dialog, einen Austausch? Muß Jesus nicht dankbar und erleichtert sein: Endlich jemand, der sich für mich interessiert, endlich jemand, der mich ernstnimmt, endlich jemand, mit dem ich sozusagen auf Augenhöhe sprechen kann über das, worauf es ankommt, was wichtig ist?
Es kommt anders!
„Wahrlich, wahrlich ich sage dir, es sei denn, daß ein Mensch von neuen geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen!“
Was ist das? –
„Wahrlich wahrlich“ -im Original: Amen Amen. Etwa: „Bei Gott“. Eine feierliche Aussage, die keine Diskussion zuläßt. Mit allem was Nikodemus mitbringt, kann Jesus nichts anfangen. Es ist unbrauchbar. Darüber darf es keinen Zweifel geben.
„Ich sage dir“ – also: Ich rede, du hörst zu. Das ist die Richtung. Das ist kein Dialog. Da ist keine gegenseitige Wertschätzung und Höflichkeit. Jesus braucht keine Bewunderung. Er hat es nicht nötig, „Ehre von Menschen anzunehmen.“ (Johannes 5, 41). Er ist, wer er ist, auch wenn niemand ihn mag oder ernstnimmt.
„Ein Mensch“ – Jesus sagt nicht einmal „Du“, geschweige denn „Lieber geschätzter Kollege!“, oder „Nikodemus“. Sondern: „Ein Mensch.“ Nikodemus findet sich auf einmal eingereiht unter alle anderen Menschen. Er steht Jesus gegenüber zusammen mit allen denen, die Nikodemus bewunderten oder respektierten. Mit diesem Wort: „Ein Mensch“ schaut Jesus durch alle Bildung, alle Übung, alle Entwicklung, allen Fortschritt durch, auf das, was Nikodemus zusammen mit allen anderen Menschen verbindet: Sie stehen vor Gott. Vor Gott gibt es kein Ansehen der Person. Alles, was NIkodemus mitbringt, was andere an ihm schätzen oder bewundern, worauf er stolz ist, oder dankbar, das alles verschwindet im Dunkel der Nacht. Er ist ein Mensch, mehr nicht.
„wenn er nicht von Neuem geboren ist“ – das ist das Eine, was passieren muß. Neue Geburt. Nicht nur die Zöllner und Huren müssen eine Kehrtwendung machen. Nicht nur die Betrüger und Hasser und Ungebildeten haben ein Problem mit Gott. Du auch. Gott muß mit dir neu anfangen. Was nötig ist, ist eine Geburt. Nicht eine Kraftanstrengung, nicht eine Intensivkurs. Du kannst da nichts machen. Du wurdest geboren, du mußt neu geboren werden.
„Sonst kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ – Er kann nicht sehen, was Gott tut. Und wer das nicht sehen kann, der kann nichts sehen, worauf es ankommt.
Jetzt hat Nikodemus keine Antworten mehr. Jetzt fragt er genau so dumm wie alle seine Hörer, die ihn sonst immer so bewundern und an seinen Lippen hängen. Nikodemus fragt wie ein absoluter Anfänger in der ersten Klasse:
„Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er auch wieder in seiner Mutter Leib gehen, und geboren werden?“ – Wenn ich nichts tun kann, was ist dann möglich? Ich sehe nichts! Die Nacht ist nicht nur draußen, sondern in mir!
„Es sei denn, daß ein Mensch geboren werde aus dem Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Gott muß den Heiligen Geist schenken, und er schenkt ihn im Wasser der Taufe. – Keine Diskussion. Kein Zweifel. So spricht Jesus. Nikodemus ist voller Bücher, und nun schnappt er einen Buschstaben nach dem anderen auf.
Wo ist hier die Dreieinigkeit Gottes?

  1. Nikodemus erlebt sich als ein Geschöpf. Er ist nicht, was
    er aus sich selbst gemacht hat, sondern er ist „Mensch“. Er ist Geschöpf, Gott hat ihn geschaffen, nicht er selbst.
  2. Jesus sagt, er ist „Fleisch“ –also er will ohne Gott sein,
    was er ist. Er ist sterblich, aber er ist auch ein Sünder. Es muß was geschehen – so sieht Gott das. – Das ist Gott der Vater: Er ist der Schöpfer. Er hat uns gemacht. Im gegenüber werden wir schuldig.
  3. Doch Gott der Sohn spricht mit dem Sünder. Gott der
    Sohn ist das fleischgewordene Wort Gottes. Gott spricht durch ihn – und Jesus kommt als Wort Gottes zu uns in unsere Nacht und Dunkelheit hinein. Aber er hört nicht auf genau das zu sagen, was gesagt werden muß. Unsere Mißverständnisse werden nicht zu seinem Grab. Jesus erleidet alle Mißverständnisse und steht aus ihnen auf.
    Das ist Gott der Sohn.
  4. Gott der Heilige Geist geht vom Vater und von dem Sohn
    aus und schafft neues Leben. Neues Verständnis, neue Geburt. Während Nikodemus Jesus reden hört, kommt der Heilige Geist mit dem Wort und handelt schon im Verborgenen, und Nikodemus ist schon nicht mehr der Alte. Nikodemus hat Jesus im Hohen Rat verteidigt (Johannes 7, 50), und hat Jesus auch ehrfürchtig begraben (Johannes 19, 39).
    Das ist ein und derselbe Gott. Vater Sohn und Heiliger Geist sich deutlich voneinander unterschieden, und doch nicht verschiedene Götter. Es ist ein Gott, der schafft und uns zur Verantwortung zieht, und dann uns das Wort der Lebens gibt und alle Widerstände in uns überwindet. Also Licht in die Nacht hineinbringt. –Während Jesus mit Nikodemus spricht, und Nikodemus seine Fragen stellt, wird er vor Gott ein neuer Mensch, er wird neu geboren.
    Und wir? – Hören wir nicht auch mit Nikodemus auf Jesus? Müssen wir nicht auch erkennen, daß wir vor Gott Anfänger sind? Hat der Heilige Geist nicht in uns auch schon einen Anfang gemacht? – Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist ist über uns, bei uns und in uns.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Beitragsbild:
Österreichischer Meister: Heilige Dreifaltigkeit
Anfang 15. Jh., Holz, 117 × 115 cm
London, National Gallery
Land: Österreich
Stil: Spätgotik
[Österreichischer Meister. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei, S. 8756 (c) 2005 The Yorck Project]