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Predigt

9. Sonntag nach Trinitatis

Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.
Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, daß du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Jeremia 1, 4-10

Liebe Gemeinde!

Im Beruf kommt das Persönliche und das Allgemeine zusammen. „Er ist Pfarrer.“ Da wird nicht eine Haarfarbe oder Körpergewicht beschrieben, sondern eine Rolle, eine Aufgabe. Der Pfarrer predigt, unterrichtet, leitet eine Gemeinde. Durch diese Rolle und Aufgabe ist er auf Gemeindeglieder bezogen. Es gibt Aufgaben. Es gibt Begegnungen. Ein Beruf ist ein großer Reichtum. Ich lerne Menschen kennen, ich kann einen Unterschied machen, ich bin dabei, wenn Gott segnet.

Gott will das so. Gott will, daß wir Menschen in Berufen für einander da sind. Der Beruf ist der Rahmen, in dem Gott meine Person hineinstellt, um anderen Menschen zu dienen. Ich muß nicht von Null, aus dem Nichts mir ausdenken und aufbauen, wie ich für Menschen da sein kann oder soll. Ein Beruf ist schon vorher da, und ich ergreife ihn, oder Gott beruft mich in ihn, und schon bin ich ein anderer Mensch. Vor meiner Ordination wäre es eine Unverschämtheit, auf die Kanzel zu steigen und die Kinder Gottes mit meinen persönlichen Ideen zu belästigen. Mit dem Beruf hab ich Gottes Segen als Rückendeckung und Grundlage, wenn ich mit Seiner Hilfe Gottes Wort vor der Gemeinde auslege. Da wäre es eine Unverschämtheit, wenn ich mich drücken würde, oder bescheiden sein wollte.

Umgekehrt hört die Gemeinde zu, weil ich ein Amt habe, und nicht, weil ich sympathisch bin oder nicht.

Der Rahmen, den Gott gibt, ist dabei ganz entscheidend.

Ein Beitrag Dr. Martin Luthers zum christlichen Leben ist der Begriff „Beruf“. Gott ruft mich zu einer Aufgabe an meinem Nächsten.  – Natürlich gab es schon immer Berufe. Das Christentum fand Berufe vor. Doch entstand immer mehr die Vorstellung, daß ein Mensch Gott nur in religiösen Taten dienen kann. Man mußte Priester, Mönch oder Nonne sein. Es mußte Beten sein, Meditieren, Fasten, Abtrennung von der Welt, Ehelosigkeit  … Es mußte also eindeutig als religiös erkennbar sein. Dann war man von Gott berufen und tat Gottes Willen. Wenn man das nicht tat  – was dann? Dann spendete man eben, und unterstützte die Menschen, die solch ein sichtbares religiöses Leben führten.  

Doch, wenn Gott im 4. Gebot sagt: Du sollst Vater und Mutter ehren, dann heißt das: Gott will, daß es Väter und Mütter gibt – also steht Vater und Mutter Sein unter Gottes Schutz und unter Gottes Segen. Wer als Kind seine Eltern ehrt – der dient Gott, und wer Vater oder Mutter ist, den ruft Gott dazu, für die Kinder da zu sein, und wer das tut, der dient Gott.

Bei den Propheten war das Persönliche und das Allgemeine besonders dramatisch verknüpft. Als einzelne Menschen standen sie im Namen Gottes dem Volk Israel gegenüber. Oder sogar der ganzen Menschheit gegenüber.  – Jeremia hatte die schwere Aufgabe, praktisch alle Menschen zur Buße zu rufen. Das hört kein Mensch gern, ein stolzer, erfolgreicher Mensch schon gar nicht. Und ein Volk? Jeremia hatte viele Anfeindungen, Verleumdungen, Beleidigungen  hinzunehmen.

Da war es entscheidend, sicher zu sein: Gott will das. Diese Sicherheit gab Gott dem Propheten Jeremia in seiner Berufung.

Die schauen wir uns nun an.

„Und des HERRN Wort geschah zu mir:

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.“

Gott kennt mich. Von Anfang an – wie kein anderer, denn Er hat mich bereitet, geschaffen. Wenn wir einen Menschen kennen – dann können wir uns täuschen. Gott nicht. Er kennt uns von Innen, und weiß, wie alles in unserem Leben zusammenhängt.

Das heißt für Jeremia: Ich kenne Deine Grenzen besser als Du. Ich kenne Deine Stärken und Schwächen besser als Du.

  • Vor allem, aber laßt uns kurz festhalten, liebe Gemeinde: Jeremia ist bei Gott schon im Mutterleib eine vollständige Person. Wer daran zweifelt, daß es vor der Geburt Menschen und Personen gibt, der hat Gott gegen sich. Person ist nicht erst jemand, den ich wahrnehme und anerkenne.  –

Jeremia hat sich das nicht ausgedacht oder gewünscht. Gott hat ihn bestellt, eingesetzt. In einer bewegenden Rede sagt Jeremia in Kapitel 20, daß Gott ihn hereingelegt habe. Der Prophetenberuf ist keine Selbstdarstellung oder Wunscherfüllung. Einem Propheten geht es wie Gott in dieser Welt: Er wird verachtet, wie Gott verachtet wird; mißverstanden, wie Gott mißverstanden wird.

Es ist deshalb überhaupt kein Wunder, daß Jeremia sich entschuldigt:

„Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“  – Jeremia erkennt, wie groß die Aufgabe ist. Er kann es sich nicht vorstellen. Er schaut in sich hinein und sieht nichts, was ihn  qualifizieren würde. Nichts in ihm spricht dafür, öffentlich aufzutreten, ohne Ansehen der Person Gottes Willen zu verkündigen, Menschen zu überzeugen, mächtigen Menschen zu widersprechen …. er kann es sich nicht vorstellen. Und das ist nicht falsche Bescheidenheit. Die Aufgabe ist groß. Man kann sehr viel falsch machen. Es wird Gegenwind geben.

Also: Jeremia glaubt nicht an sich. Er traut sich das nicht zu, aus eigener Kraft mit seinen Gaben das Prophetenamt „schon hinzukriegen“.

Doch wie antwortet Gott? – „Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.

Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.“  Gott ruft Jeremia heraus aus seinen Gedanken, mit denen er sich selbst anguckt, sich selbst einschätzt, sich selbst beurteilt. Jeremia muß sich nicht selbst erfinden, wie man so sagt. Gott gibt vor, wo er hingehen soll, und was er sagen soll. Der Rahmen, in den Gott ihn stellt, tut mehr, als Jeremia als Person.  – Das erfährt man erst, wenn man im Beruf drin ist. Bei aller Mühe, aller Arbeit. Am Ende sind schauen wir zu und sind dabei, wie Gott selbst segnet und am Werk ist.

„Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir und will dich erretten.“ Jeremia soll und wird Gott kennenlernen, in seinem eigenen Leben. Gott zeigt ihm, was Er, Gott, kann. Aber nicht im Voraus. Glauben ist Vertrauen, und Vertrauen ist Wagen, und Wagen bedeutet, ich habe es nicht in der Hand. Ohne dieses Wagen wird Jeremia nie erfahren, wer Gott ist. Gott geht mit, wenn wir dorthin gehen, wo er uns sendet.

Und wenn wir unsicher sind darüber: Es gibt immer die 10 Gebote. Zum Beispiel 8. Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden. – Gott geht mit, wenn ich den Ruf eines Mitmenschen gegen Lästermäuler in Schutz nehme. Ich lerne Gott ganz neu kennen, wenn ich der Wahrheit mehr zutraue, als der Lüge oder der Halbwahrheit. Da schaue ich zu, wie Gott wirkt. Und die Furcht tritt in den Hintergrund.

„Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“  – Hier geschieht das, was Menschen nicht wahrhaben wollen. Gott spricht durch einen Menschen. Wer Jeremia hört, der hört Gott. Da wird es immer Protest geben. „Gott ist zu groß – ein einzelner Mensch mit seinen Schwächen und Fehlern kann nicht Gottes Wort sagen!“ – „Das ist eine Anmaßung! Für wen hält der Prophet sich eigentlich?“  –  Im Grunde geht es darum, daß der Mensch sich nichts sagen lassen will. Und doch braucht er das Wort des Lebens, das er sich selbst nicht sagen kann.  

Wir müssen umgekehrt darüber nachdenken. Warum sollte Gott nicht durch einen Menschen reden können? Warum sollte der allmächtige, allwissende Gott nicht gerade einen schwachen Menschen zu seinem Diener machen und Seinen Willen mitteilen? – Was wäre das für ein Gott, der sich nicht mitteilen kann?  Ein Gott, der sich nicht mitteilen kann, ist kein Gott. Und unser Gott „kommt und schweigt nicht“, wie es Psalm 50, 3 sagt.

„Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, daß du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“   – Eine schwere Aufgabe. Jeremia mußte seinem König entgegentreten. Er mußte dem Volk widersprechen. Er mußte mit ansehen, wie sein König und sein Volk nicht auf Gott hörten und dann Gottes Schutz und Hilfe verloren, weil sie sich auf sich selbst verließen. Sein König Jojachin wurde gefangengenommen, Israel vernichtend besiegt und erobert. Und man hat ihm dann vorgeworfen, daß er das mit seiner Predigt getan habe. Doch Gott sagt ihm, daß er dabei auch baut und pflanzt: Die Israeliten, die zu Gott zurückkamen, diejenigen, die die Hoffnung nicht aufgaben – bis ins Neue Testament. Da hat das Wort des Jeremia gewirkt, gebaut, gepflanzt. Wir gehören zu dem, was Jeremia gebaut und gepflanzt hat.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.