5. Sonntag nach Trinitatis

Predigt

Gnade, Barmherzigkeit und Friede
von Gott, dem Vater,
und von Jesus Christus!

1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.
3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.
4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte …

Mose 12, 1-4

HERR, segne diese Worte an unseren Herzen. Amen.

Liebe Gemeinde!
Abram ist 75 Jahre alt, als der HERR ihn ruft, alles zu verlassen, was er kennt, um alles zu bekommen, was er noch nicht kennt.
Was kennt Abram? Er kennt seine Familie, sein Zuhause, sein Vaterland. Mit 75 Jahren wird Abram mit seiner Frau Sarai ganz integriert gewesen sein. Mit 75 konnte ihn wenig noch überraschen. Mit 75 Jahren war er inzwischen Vorbild für die nächsten Generationen für alles, was richtig und anerkannt war. Sie wußten, was sie hatten, und was sie noch vom Leben erwarten konnten.
Und dann sprach der HERR – denn Abram nicht kannte! – zu Abram – der es nicht gesucht oder erwartet hatte – Geh! Geh hin! Raus aus dem Vaterland, weg von deiner Verwandtschaft. Laß das ererbte Haus hinter dir.
Laß mich deine Zukunft sein, sagt Gott. Ich bin dein Leben. Das war natürlich schon vorher wahr, denn Gott hatte Abram geschaffen und am Leben erhalten. Doch nun sollte Abram es erfahren. Diese Wahrheit, daß Gott aus dem Nichts schafft, und das, was ist, gegen das Nichts erhält und bewahrt, diese Wahrheit sollte Abram mit seiner Frau in einer Weise erfahren, daß die ganze Menschheit sich mitfreuen kann, ja, diese Erfahrung Abrams und Sarai – die Gott dann später Abraham und Sara nennen wird – ist der Maßstab für das, was Gott im Menschen sucht, und finden will. Wer das hat, was Abraham hat, der braucht vor Gott keine anderer mehr werden, der ist für alle Zeiten bei Gott angekommen, für alle Zeiten bei Gott in Sicherheit. Das hat sich nach 3500 Jahren nicht geändert. Es ist der Glaube Abrahams, oder es ist nichts.
Abram soll alles hinter sich lassen. Nur sich selbst und seine Frau soll er mitnehmen. Und … ja, und das ist ja die Zukunft, das Leben, ja, damit hat er Gott selbst bei sich: Abraham soll die Verheißung mitnehmen. Sie niemals aus dem Sinn lassen, sondern unter allen Umständen festhalten.
„Ich werde dir ein Land zeigen.
Du sollst ein großes Volk sein.
Du sollst einen großen Namen haben.
Du sollst ein Segen sein.
Ich werde segnen, die dich segnen;
ich werden verfluchen, die dich verfluchen.
In dir werde ich alle Völker segnen.“
Jede einzelne Aussage ist ganz und gar göttlich.
Jede dieser Aussagen ist der Anfang von etwas, was Abraham überhaupt nicht aus sich selber ist. So sind göttliche Verheißungen. Sie verheißen, was nur Gott selbst geben kann. Sie sind kein Befehl. Abraham soll nicht auf sich selbst schauen, auch nicht im Geringsten einen Gedanken daran verschwenden, ob er dazu in der Lage ist, ein großes Volk zu sein, oder einen großen Namen zu haben, oder ein Segen zu sein, sondern diese Verheißung von Gott soll für Abraham die einzige und größte Realität sein. Wenn er sie hat, fehlt ihm nichts. Wenn er sie verliert, dann hat er alles verloren. Und wie behält er sie, durch den Glauben. Darüber werden wir heute noch mehr hören.
Abraham hat kein Land. Er hat auch keine Macht, Land zu erobern. Wenn er einmal Land haben soll, dann, weil Gott es ihm aus heiterem Himmel gibt.
Abraham ist kein großes Volk. Er und Sara haben nicht einmal ein Kind. Es wird auch keine Kinder mehr geben. In dem Alter. Wenn Abraham also ein Volk wird, dann wird Gott dieses Volk aus dem Nichts schaffen. Das Volk kann nur gänzlich aus Gottes Schöpfermacht gemacht werden.
Abraham hat keinen Namen – wenn er seine Heimat verläßt, dann ist er ein Niemand, ein Namenloser. In der Fremde wird sich seine Spur verlieren. Wenn er dort in der Zukunft, im neuen Land eine Identität haben soll, einen Namen –so daß man wirklich ihn meint, wenn man von ihm spricht, wenn Abrahams Identität nicht durch Mißverständnisse und Fremdheit komplett aufgelöst und vernichtet werden soll – dann wird Gott diesen Namen, diesen Ruf, diese Identität aus dem Nichts schaffen. Sie wird etwas, sein, was Abraham nicht schon bei sich trägt, sondern Abraham wird diese Identität als ein Geschenk des Himmels, von Gott selbst bekommen.
Du sollst ein Segen sein. Eine Gabe Gottes für die Menschheit. Wie kann ein Mensch sich so etwas vornehmen? Das wäre eine niederschmetternde Überforderung! Wenn das wahr werden soll, dann muß Gott das wissen. Das muß Gott selbst geben.
Die Verheißung ist etwas ganz anderes als ein Befehl oder eine Aufgabe. Ein Befehl richtet sich an Deinen Willen: Tu das, was ich dir sage! – Ein Befehl zielt auf eine Tat. Die Verheißung zielt auf Glauben. Darum wird uns auch gesagt: „Abram g l a u b t e dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.“ (1. Mose 15, 6). Dieser Glaube, der von nichts wissen kann oder wissen will, als daß, was er in der Verheißung hört, und sich selbst niemals sagen könnte – dieser Glaube macht Abraham zu dem Menschen, mit dem Gott alles wahrmachen will. Gott steht diesem Abraham mit Seiner ganzen Gottheit zur Verfügung.
Mit anderen Worten: Abraham hatte alles in dem Moment, als er losging. Alles andere war eine Frage der Zeit. Abraham hatte das Land, er hatte den Nachkommen, weil er Gott in Gottes Verheißung hatte. Durch den Glauben.
Liebe Gemeinde: Das klingt völlig übertrieben. Der Gott der Bibel, der wirkliche lebendige Gott ist ein Gott der Übertreibung. Vor allem Übertreibt Er die Liebe. Von dieser Übertreibung leben wir.
Abraham muß uns interessieren, denn im Neuen Testament ist er absolut wichtig.
Der Hebräerbrief macht uns klar: „Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wußte nicht, wo er hinkäme.“ (Hebräer 11, 8), und weiter: „Durch den Glauben empfing auch Sara, die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte. Darum sind auch von dem einen, dessen Kraft schon erstorben war, so viele gezeugt worden wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres, der unzählbar ist.“ (Hebräer 11, 11-12). Durch den Glauben waren Abraham und Sara alles.
Auch der Apostel Paulus zeigt auf Abraham: (Römer 4, 16 ff)
„Der ist unser aller Vater – wie geschrieben steht (1. Mose 17,5): »Ich habe dich gesetzt zum Vater vieler Völker« – vor Gott, dem er geglaubt hat, der die Toten lebendig macht und ruft das, was nicht ist, daß es sei. 18 Er hat geglaubt auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen war, daß er der Vater vieler Völker werde, wie zu ihm gesagt ist (1. Mose 15,5): »So zahlreich sollen deine Nachkommen sein.« 19 Und er wurde nicht schwach im Glauben, als er auf seinen eigenen Leib sah, der schon erstorben war, weil er fast hundertjährig war, und auf den erstorbenen Leib der Sara. 20 Denn er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern wurde stark im Glauben und gab Gott die Ehre 21 und wußte aufs Allergewisseste:
Was Gott verheißt, das kann er auch tun. 22 Darum ist es ihm auch »zur Gerechtigkeit gerechnet worden« (1. Mose 15,6). 23 Daß es ihm zugerechnet worden ist, ist aber nicht allein um seinetwillen geschrieben, 24 sondern auch um unsertwillen, denen es zugerechnet werden soll, wenn wir glauben an den, der unsern Herrn Jesus auferweckt hat von den Toten.“
Genau wie Abraham und Sara sich nicht nach ihren eigenen Möglichkeiten gerichtet haben – daß sie mit 90 und 100 Jahren noch einmal ein Kind bekommen würden, sondern Gott beim Wort nahmen, so sollen wir auch uns daran festhalten, daß Gott der Vater Jesus den gekreuzigten von den Toten auferweckt hat. Es ist dasselbe Vertrauen, daß sich festhält an den Gott, der tun kann, was Er sagt.
Nun kann und muß man fragen: Nun. Abraham hat Gottes Ruf offensichtlich so klar gehört, daß es keinen Zweifel geben konnte. Wo ruft Gott mich denn? Was verspricht Gott mir denn? Einen Nachkommen, wie Abraham, oder ein Land?
Viele stellen diese Frage, und rechnen nicht mit einer Antwort. Sie können und wollen sich nicht vorstellen, daß Gott sie ruft.
Doch Paulus sagt uns: Wer an Jesus glaubt, der glaubt wie Abraham. Und, ja, uns wird gesagt: Durch den Glauben bist du ein Nachkomme Abrahams. Durch den Glauben an Jesus bist du ein Erbe des Segens, den Gott Abraham verheißen hat.
Paulus sagt das ganz deutlich im Brief an die Römer, Kapitel 9: „Nicht das sind Gottes Kinder, die biologisch von Abraham abstammen, sondern nur die Kinder der Verheißung werden als seine Nachkommenschaft anerkannt.“ (Römer 9, 8). Kinder der Verheißung – das ist: Menschen, die durch das Hören von Gottes Ruf neue Menschen sind.
Ja, Jesus selbst faßt das alles zusammen. Im Johannes-Evangelium bekennt Jesus sich in einmaliger Weise zu Abraham. Er sagt sinngemäß: Als Abraham glaubte, da glaubte er an mich. Also, wer an Jesus glaubt, der glaubt haargenau wie Abraham. Hören wir uns das doch an!
In einer heftigen Auseinandersetzung im Tempel spricht Jesus zu den Juden, die ja sagten: „Abraham ist unser Vater“ (Johannes 8,33): „Abraham, euer Vater, wurde froh, daß er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen? Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham wurde, bin ich.“ (Johannes 8, 56-58). Hier spricht Jesus als der Sohn Gottes, der ewig ist. Abraham, der glaubte, daß Gott ihm einen Sohn geben würde, ein Land – vor Gott war dieser Abraham ein Mensch, der Gott zutraute, aus dem Nichts zu schaffen – „dem, das nicht sei, zu rufen, daß es sei.“ – Durch den Glauben hatte Abraham einen Gott, der von den Toten auferweckt. Das ist der Gott Jesu Christi. Darum sagt Jesus: Abraham hat an mich geglaubt. Wer an mich glaubt, der glaubt mit Abraham, der glaubt wie Abraham, der ist damit ein Nachkomme Abrahams, ein Kind Gottes.
Wo hörst du also Gottes Ruf? Wenn du den Ruf zu Jesus Christus hörst, dann ruft dich derselbe Gott, der Abraham gerufen hat. Das Evangelium ist Gottes Ruf für dich. Wenn du davon hörst, wie Jesus Gottes Verheißung – also Gottes Zusage und Versprechen zu uns Menschen gebracht hat, wenn dir gesagt wird: Dieser Jesus wurde von uns Menschen durch das Kreuz ins Nichts befördert – doch Gott der Vater hat ihn aus diesem Nichts auferweckt, und im Namen des Auferstandenen spreche ich mit dir hier in dieser Kirche – dann erreicht dich derselbe Ruf, wie der Ruf, den Abraham hörte.
Übrigens: Das neutestamentliche Wort für Kirche heißt „Ekklesia“. Das bedeutet wörtlich: „Die herausgerufene Versammlung.“ Die Versammlung aller, die Gottes Ruf folgen.
Wir sitzen hier als Erbgemeinschaft des Segens Abrahams. Unser Erbe ist jetzt nicht ein bestimmtes Land, oder ein bestimmtes Volk. Unser Erbe ist die vollständige Vergebung aller Sünden, und einen festen Platz im ewigen Leben, einem Leben mit Gott. Das ist mehr als ein Land oder ein Volk. Dann haben wir den Geber aller Länder und den Schöpfer aller Völker. Dann haben wir die Weisheit und die Liebe in allen Gaben, die wir uns nur wünschen könnten.
Darum kann ein Psalm sagen: „HERR, wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ (Psalm 73, 25).

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


Beitragsbild:

Gestaltung: Lioba Fenske

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