Miserikordias Domini

Der HERR ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.
Die Gnade unseres Herr Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!
16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er
zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.
19 Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Johannes 21, 15-19

Lieber Herr und Heiland, führe uns zum frischen Wasser, zur Speise, die unsere Seele nährt. Amen.

Liebe Gemeinde!
Kein Mensch kann sich heute beklagen, daß die Bibel zu schwer sei, zu schwer zu verstehen.
Jesus fragt Petrus: Hast du mich lieb?
Und Petrus antwortet: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe.
Jedes Kind, das das Wort „Liebe“ einmal begriffen hat, und weiß was eine Frage und eine Antwort ist, und wer „Ich“ und „Du“ sind, kann dem Gespräch genauestens folgen und alles mitnehmen.
Hast du mich lieb? – Ja.
Eine Seele lebt in diesem Gespräch. Jede Seele lebt davon, diese Worte zu sprechen und zu hören. Da sein ist nicht genug. Geliebt werden muß einfach auch sein, und Liebe aussprechen, auch das muß sein.
Liebe Gemeinde, diese einfache Wirklichkeit soll uns durch dieses Evangelium leiten.
Jesus der Gekreuzigte und Auferstandene fragt Petrus. Petrus, der mit Jesus sterben wollte, und dann plötzlich schwur: „Ich kenne den Menschen Jesus nicht!“ Petrus, der dann über sich erschrocken war, und bitterlich geweint hatte. Petrus, der sich mit den Jüngern aus Furcht vor den Juden eingeschlossen hatte. Petrus, der das leere Grab gesehen hatte, und dann den Auferstandenen. Und geht er in den Alltag zurück: Fischen, das war ja sein Beruf gewesen, bevor Jesus ihn gerufen hatte. Doch Jesus stand schon am Ufer und hatte was mit Petrus vor.
Sie essen zusammen und dann kommt das Gespräch.
Dieser so ganz einfache Wortwechsel, der jede Seele berührt.
Aber jetzt müssen wir doch ein bißchen nachdenken.
Was geschieht eigentlich, wenn Jesus fragt?
Wenn wir fragen, dann wollen wir etwas hören, was wir nicht wissen. Oder wir brauchen Sicherheit, wo wir Zweifel haben. Dann fragen wir.
Aber Jesus? „Er kannte sie alle und bedurfte nicht, daß ihm jemand Zeugnis gab vom Menschen; denn er wußte, was im Menschen war.“ (Johannes 2, 25). Warum fragt Jesus, wenn er es schon wissen kann, ja, wenn er es schon genau weiß, besser, als Petrus es weiß?
Und warum fragt er Petrus, der sich so grob falsch eingeschätzt hatte! „Wenn sich auch alle sich an dir ärgern: Ich nicht!“ – „Und wenn ich mit dir sterben müßte, so will ich dich nicht verleugnen!“ – Ja. Wir wissen, wie es dann kam.
Welche Aussage konnte Petrus über sich machen?
Was kannst du über dich vor Gott sagen?
Was geschieht wenn der allwissende Jesus Petrus fragt, der über sich nichts mit Gewißheit aussagen kann? Soll er wieder von sich selbst enttäuscht werden?
Jesus fragt mit menschlichen Worten, die ein kleines Kind verstehen kann – aber der Sohn Gottes fragt mit göttlicher Macht, mit göttlicher Liebe. Seine Frage ist ein Handeln an seinem Jünger.
Die Frage schafft einen Schutzraum für Petrus.
Das muß Petrus aber erst noch erfahren.
Die Frage läßt Petrus erst einmal noch sich selbst fühlen. Seine Grenzen, seine Schwächen, seine Fehler werden Petrus noch einmal bewußt – sie fallen ihm aufs Herz, ins Gewissen.
Liebe Gemeinde! Es ist immer ein entscheidender Teil von Gottes Weg, daß du erkennst, wer du vor Gott bist. Du bist ein Geschöpf: Wir haben gesungen: „Er hat uns erschaffen, Ihm zur Ehr, und nicht wir selbst, durch Gottes Gnad ein jeder Mensch sein Leben hat.“ Geschöpf und Sünder. Mit peinlichen Fehlern. Mit Dingen, die wir nicht wieder gut machen können. Wer in Gottes Schutzraum soll, der kann nur als solcher hinein wie Gott ihn sieht. Als Geschöpf und Sünder. Das spürt Petrus an Leib und Seele. Schon, daß Jesus ihn mit „Simon, Sohn des Johannes“ anredet: Sohn seines Vaters. Mit dem Namen Simon – als solcher kam er zu Jesus und wußte nichts, keine Ahnung.
Du, der du dein Leben nicht in der Hand hast, und nicht weißt, was morgen sein wird – hast du mich lieb?
Petrus antwortet so, wie ein Geschöpf antworten kann: „Ja HERR; du weißt, daß ich dich lieb habe.“ Was für eine Antwort! Gott, du weißt es, ja, du weißt es am besten – besser als ich! Bitte, finde du selbst die Liebe, die in mir ist! Mit dieser Antwort ist Petrus in den Schutzraum eingetreten, den Jesus mit seiner Frage geschaffen hat.
Jesus fragt so, daß Petrus sich selbst neu kennen lernen kann und kennen lernen muß. Jesus fragt so, daß Petrus in der Liebe Gottes aufwacht.
Jesus fragt so, daß Petrus sich selbst als Geschöpf und Sünder fühlt, erfährt – mit allem Schmerz, allem Schrecken, aller Scham, das ganze Programm. Unser göttlich inspirierte Evangelist Johannes packt es in ein einziges Wort: „Petrus ward TRAURIG, daß Jesus zum dritten Mal zu ihm sagte: „Hast du mich lieb?“ Traurig. Es gibt eine Traurigkeit, die ist Teil von Gottes Weg mit dir. Paulus weiß davon, und schreibt: „Denn göttliche Traurigkeit wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemand gereut; die Traurigkeit aber der Welt wirkt den Tod.“ (2. Korinther 2, 10). Man muß sich nichts vormachen: Petrus ward traurig, ganz und gar, durch und durch. Er war mit sich am Ende. Aber die Liebe war da. „Ja HERR, du weißt alle Dinge, DU weißt, daß ich dich lieb habe.“
„Weide meine Lämmer.“
Da hat Petrus gerade den höchsten Auftrag von Gott bekommen.
Wie ist das? Eben hat Petrus alle Bewerbungsschreiben, alle Zeugnisse, alle Lebensläufe weggeschmissen und gelöscht – und dann: „Du bist eingestellt. Du hast den Job.“
„Weide meine Lämmer!“ – Petrus ist jetzt zuständig für die neugeborenen Gotteskinder. Verantwortung für ein Kind, ein neugeborenes erfaßt den ganzen Menschen. Jede Kraft ist nötig, für ein Kind dazusein.
Eben noch spürt Petrus seine absoluten Grenzen, und dann vertraut ihm Gott Seine Kinder an. Bei Kindern versteht niemand Spaß, auch Gott nicht.
Jesus muß beschlossen haben, daß Petrus der Richtige ist. Petrus, der die Liebe seinem HERRN in die Hände legt: „Herr, Du weißt, daß ich Dich lieb habe!“
Petrus hat das bestimmt nicht gesucht oder angestrebt. Petrus bleibt nichts anderes übrig, als sich nun so zu sehen, wie er von Jesus gesehen wird. Jesus sieht in ihm den, der sich um Gottes Kinder kümmert.
Jesus fragt – aber diese Frage führt Petrus dahin, daß er Gottes große Gnade erfährt.
Jesus beauftragt – aber dieser Auftrag zeigt, wie die Liebe Gottes alles trägt.
So ist das bis heute. Jesus, der auferstandene HERR, setzt Diener ein, die sich um Gottes Kinder kümmern. Diese Diener weiden die Gemeinde Gottes mit dem Wort Gottes und mit den Sakramenten, die Jesus gegeben hat: Die Heilige Taufe und das Heilige Abendmahl. Dazu auch die Lossprechung der Sünden.
Jesus ist zwischen seinen Dienern und der Gemeinde, er ist über seinen Dienern und der Gemeinde, und auch unter beiden, sie zu tragen.
Das kommt zum Ausdruck, ja, es wird Wirklichkeit, in einem kurzen Gespräch zwischen Pastor und Gemeinde. Der Pastor sagt: „Der HERR sei mit euch!“ – Und die Gemeinde antwortet: „Und mit deinem Geist!“ Auch so ein kurzes Gespräch, in dem alles, die ganze Geschichte zwischen Jesus und Petrus, vollständig enthalten ist.
„Der HERR sei mit euch!“ – Der Heiland sei mit euch, der, der für euch Mensch geworden ist, sei bei euch! Der, der das Verlorene gesucht hat, suche und finde euch! Der, der Sünde die Macht genommen hat, tue Sein Werk an euch! Der, der die Strafe Gottes für euch getragen hat, nehme eure Lasten ab! Der Überwinder des Todes schütze euch jetzt! – Das ganze Evangelium erreiche eure Seele und richte sie auf! Das ist alles in dem Gruß: „Der HERR sei mit euch!“ Jetzt soll Jesus an euch tun, was Er gerne tut!
„Und mit deinem Geist!“ – Da sagt die Gemeinde: Wir nehmen diesen Dienst an, weil Jesus selbst in diesem Dienst anwesend ist. Jesus soll auch an dem Diener tun, was er an uns tut. „Und mit deinem Geist!“ ist das eine Gebet der Gemeinde für den Pastor, in dem alles gesagt ist. Gott soll den Geist des Dieners segnen und schützen, damit der Dienst gut und richtig nach Gottes Willen verläuft. Seine Schwächen mögen Gott nicht aufhalten oder im Weg stehen.
Dieses Gespräch zwischen Pastor – was ja übersetzt „Hirte“ besagt! – und Gemeinde findet dreimal im Hauptgottesdienst statt. Es ist jedes Mal nötig.
Es geschieht noch etwas Unglaubliches dort nach dem Frühstück am See zwischen Jesus und Petrus.
Jesus deutet Petrus an, daß er als Märtyrer sterben wird: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.
Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!“ Petrus ist dann auch in Rom gekreuzigt worden.
Aber man bedenke: Petrus geht als Apostel in die Welt hinein und es steht fest: Am Ende wirst du geführt werden, wohin du nicht willst.
Was heißt das? Am Ende ist keine eigene Herrlichkeit: Reichtum, Erfolgt, Beliebtheit, Anerkennung von Menschen ….
Wenn Petrus jetzt doch losgeht und Jesus nachfolgt, was heißt das? Das heißt, daß er die Erfüllung seines Lebens jetzt schon bei sich hat. Die Erfüllung kommt nicht erst, irgendwann, wenn bestimmte Ziele erreicht wurden. Sondern jetzt. Wenn Jesus ihm vergibt, wenn der Auferstandene Petrus einen Platz im Reich Gottes gibt – das ist alles, das ist das Höchste. Das kann ein Kreuzestod am Ende nicht mehr kaputtmachen.
Und noch etwas: Petrus weidet die Lämmer und Schafe Gottes ohne Begehren, ohne Hintergedanken: Er sucht nichts für sich selbst in seinem Dienst: Keinen Reichtum, keine menschliche Anerkennung, keine Bestätigung. Das alles hat er schon überreichlich mit Jesus bekommen. Da kann er ganz anders für die Herde da sein.
Wenn die Liebe Gottes dich erreicht hat, dann wird Gott dir helfen, ganz für die Menschen da zu sein, die Gott dir anvertraut hat. Dann hast Du Gottes Liebe weitergegeben. Das ist das Größte.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


Beitragsbild: Ausschnitt aus ‚Auferstehungsikone‘, Ikonenmuseum Frankfurt

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