Gnade sei mit euch und Friede,
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.
1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth
2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!
5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.
6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.
7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.
8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.
9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,
10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.
11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.
Text: Lukas 5, 1-11
Gebet: HERR, segne Dein Wort an unserem Herzen und in unserem Leben, bis alles in Herrlichkeit endet. Amen.
Liebe Gemeinde!
Jesus predigt vom Boot aus. Seine Hörer stehen auf dem Land.
Was steht sich da gegenüber? Hier sehen wir, am Ufer gedrängt, eine wogende Menschenmenge. Sie haben festen Boden unter den Füßen, aber jeder ist von irgendwas getrieben. Alle wollen Jesus hören, sehen, oder sogar berühren. Es ist eine Massenbewegung, mit aller Unruhe, mit aller Mehrdeutigkeit, die eine Massenbewegung an sich hat.
Also einerseits: Wogende Menschenmasse auf festem Boden.
Und andererseits: Jesus schwebt, wankt, schaukelt im Boot. Das Boot ist auf den Wellen des Sees, die zum Ufer streben. Doch auf dem Boot sitzt Jesus und lehrt, predigt, sagt Gottes Wort.
Ich finde, daß das eine wunderbare Aussicht ist:
Hier die unsichere Menschheit, die allen möglichen Energien ausgeliefert und preisgegeben ist, unsicher und unruhig. Was hilft ihnen das Ufer, die Erde? In ihnen ist nichts fest und sicher!
Und dort Jesus, ruhig im schaukelnden Schiff sitzend, eine wiegende Kanzel, in überlegener Ruhe spricht er das aus, was feststeht: Das Wort Gottes. Ich möchte sagen: Vom Boot auf dem See aus schafft Jesus Seinen Hörern einen unerschütterlichen Felsen, ein Fundament unter die Füße. Im Hören fühlen die aufgescheuchten Menschen Gottes Erde unter ihren Füßen.
Das ist ein biblisches Bild. Bei der Erschaffung von Himmel und Erde hören, wir: „Die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“ (1. Mose 1, 2). Jesus, der Sohn Gottes ist zugleich das Wort Gottes, durch das alles geschaffen wurde (Johannes 1, 3), und das alles erhält (Hebräer 1,3). In der Kraft Gottes, des Heiligen Geistes, spricht der Sohn Gottes über den Wassern.
Im Vergleich zum Wort Gottes ist alles wüst, also chaotisch, und leer, also sinnlos, ohne Zusammenhang. Jesus spricht mit dem Chaos, mit der Finsternis, mit dem Nichts, und schafft Ordnung, bringt Licht und macht etwas aus dir, was chaosresistent und der Finsternis überlegen ist. Das ist der Glaube.
In Psalm 29 heißt es: „Die Stimme des HERRN erschallt über den Wassern, der Gott der Ehre donnert, der HERR, über großen Wassern. Die Stimme des HERRN ergeht mit Macht,
die Stimme des HERRN ergeht herrlich.“
Wir müssen uns noch länger bei dem Anblick aufhalten. Jesus ist nicht Teil der Masse. Jesus hat sich jeder Massenbewegung entzogen. Es hätte oft dazu kommen können. Er heilte unheilbar Kranke. Er trieb böse Geister aus. Er speiste eine hungernde Menge Menschen mit wenig Brot und Fisch. Man wollte ihn zum König machen, zum Messias ausrufen. Jesus machte nicht mit. Seine Mutter und seine Geschwister machten sich Sorgen um Jesus, weil alle was von ihm wollten (Markus 3, 20-21).
Jesus aber entzog sich konsequent. So hören wir in Markus 1, 35-38: „Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach. Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.“
Jesus bewahrt also einen Abstand zwischen sich und den Menschen. Ein Ausleger sagt: „Er mußte seine Predigt sichern, indem er auf den See flüchtete.“
Das ist für mich ganz klar: Jesus bleibt in allem, was er sagt und tut, und am Ende auch erleidet, ein absolutes Gegenüber zu jedem Menschen. Jesus und seine Hörer, also wir, haben keine gemeinsame Grundlage. Jesus stellt sich den menschlichen Wünschen, Bedürfnissen nicht zur Verfügung. Jesus wird niemals Teil vom menschlichen Chaos, Jesus ist auch nicht das Ergebnis von Chaos.
Leute, es ist unsere Aufgabe, das mit Gottes Hilfe festzuhalten. Immer wieder will man Jesus durchschauen, man will ihn zu einem Teil des menschlichen Chaos machen. Das geschieht, wenn man sagt: Jesus war ein Kind seiner Zeit. Er konnte nicht anders. Er wußte nicht alles. Er hat reagiert auf dies oder das. Das alles läuft auf eins hinaus: Man will unbedingt sagen: Jesus würde manches heute anders sagen oder tun. Wenn Jesus die Studien und die Erkenntnisse von heute hätte, dann … würde er anders über Mann und Frau sprechen, oder dann würde er die Menschen nicht durch einen blutigen Tod am Kreuz erlösen. Mit anderen Worten: Jesus würde sich dann nach dem richten, was uns beeindruckt. Jesus wäre von allem genau so beeindruckt, wie wir. Also Jesus muß sich anpassen, nicht müssen wir Menschen umkehren.
Das sind alles Redensarten der wogenden Menschenmenge am Ufer. Jesus aber ist eine Kleinigkeit entfernt, und spricht zu uns vom Schiff aus, über den Wassern. Jesus wird nicht Teil vom Chaos der Menschheit. Sonst wäre er kein Gegenüber mehr. Dann würde die Menschheit nicht mehr Gottes Wort hören, sondern nur sich selbst.
Jesus predigt das Wort Gottes über dem Wasser zur Erde hin.
Er sichert seine Predigt, damit sie frei bleibt, Gottes Wort bleibt, denn nur so kann uns Menschen geholfen werden.
Diese Sicherung ist scheinbar ganz klein. Jesus leiht sich ein Boot aus. Und dann bittet er Simon Petrus, mit dem Boot ein klein wenig vom Ufer weg zu fahren.
Und diese Kleinigkeit ist genug: „Die Stimme der HERRN geht mit Macht, die Stimme des HERRN geht herrlich.“ (Psalm 29).
Es ist ein kleiner Vorgang zwischen Menschen: Jesus bittet den Fischer Petrus, sein Boot zu benutzen, und eben mal vom Ufer weg zu fahren.
Und doch geschieht dann Großes: Gott selbst ist ganz da. Mitten aus der gesamten Wirklichkeit nimmt Jesus sich dieses Boot. Und dann bittet Er aus der gesamten Menschheit gerade diesen Simon. Genau so leiht er sich einen Esel aus, um als König von Israel in Jerusalem einzureiten. Genauso leiht er sich einen Saal in Jerusalem, um das Abendmahl einzusetzen. So „leiht“ er von den Soldaten des Pilatus einen Purpurmantel, um als König der Juden verspottet zu werden und vor seinem Volk zu erscheinen.
Als wahrer, ganzer, wirklicher Mensch erbittet er das Boot als Kanzel, und den Fahrdienst des Simon Petrus – und als ganzer, wahrer, wirklicher Gott steht er dann uns Menschen gegenüber und übt seine göttliche, unaufhaltbare Macht aus.
Jesus nimmt sich einen Ort, er bittet einen Menschen, und das Chaos hat ein Ende, der Friede auf Erden beginnt.
Jesus hat das Fischerboot und die Fischer, vor allem jetzt Simon Petrus in Seinen Dienst genommen. Jesus hat sie einbezogen, Er hat sie engagiert.
Und dann geschieht etwas Überraschendes: Jesus gibt den erfahrenen Fischern, die wissen, was sie tun, den Befehl, wieder auf den See zu fahren, und die Netze zum Fang auszuwerfen. Er sagt Fischern, daß sie fischen sollen. Merkwürdig, oder? Sie waren ja dabei, ihre Netze zu pflegen, so hören wir. Also sie sind ganz in ihrer Routine drin! Doch so sagt uns das Evangelium: „Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“
Wieder etwas Kleines. Tut das, was ihr immer tut! – – Trotzdem ist alles anders. Petrus antwortet: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“ Was ist anders?
1. Sie haben die ganze Nacht gearbeitet – also sie haben alles richtig gemacht, denn das war wohl die richtige Zeit, die Netze auszuwerfen, nämlich nachts. Und jetzt sagt Jesus, sie sollen es mitten am Tage tun.
2. Sie habe nichts gefangen – also die Erfahrung zeigt: Da ist nichts! Jetzt erwartet Jesus, daß sie gegen die eigene Erfahrung Überstunden schieben sollen.
Jesus führt Simon Petrus und seine Kollegen, das sind Andreas, sein Bruder, und das andere Brüderpaar Jakobus und Johannes, an eine Grenze: Sie sollen das tun, was sie immer tun – aber doch gegen die eigene Einsicht, gegen die Gewohnheit und gegen die Erfahrung.
Es ist einerseits dasselbe – aber das Vorzeichen ändert sich.
Simon Petrus spricht das ganz klar aus: „Auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“
Der Grund ist jetzt anders: „Auf dein Wort“ – Weil du es gesagt hast. Was ab jetzt geschieht, das geschieht unter einer neuen Überschrift: „Auf dein Wort! In deinem Namen, Jesus!“ Es wird jetzt eine Erfahrung mit Jesus. Das Boot ist dasselbe, die Netze sie dieselben, die sie gerade eben noch nach der erfolglosen Nacht gewaschen hatten. Das Gewässer des Sees ist auch noch dasselbe, das keinen Fang hergegeben hatte.
Das einzig Neue ist: Jesus ist da und befiehlt. Das ist jetzt der Grund für alles, was danach kommt. Jesus ist das Neue. Und durch Jesus wird Petrus auch neu. „Auf dein Wort!“ Petrus tut mitten in allem Alten, was ich eben aufgezählt habe, etwas anderes und neues, und Jesus ist der Grund. Jesus ist ein anderer Grund, Jesus ist der gute Grund. Sein Wort ist der beste Grund. Jesus ist der Grund dafür, daß alle das Alte nicht mehr das Neue wegspülen wird. Gott lebt in Jesus, Jesus lebt in seinem Wort, sein Wort lebt im Glauben des Simon, der Glaube lebt in der Tat, daß Simon dann tatsächlich mitten aus allem Alten heraus mit dem Boot und den Netzen losfährt.
Es wird jetzt eine Zeit mit Jesus, dem Sohn Gottes. Das ist die Neue Zeit. Der eigentliche Name dieser neuen Zeit, die mit Jesus, Seinem Wort, dem Glauben und der Frucht des Glaubens herbeikommt, ist ? – Das Reich Gottes. Das Boot in dem Simon Petrus sitzt, von dem Jesus aus gepredigt hat, ist jetzt das Reich Gottes.
Saß Jesus mit im Boot, als Petrus losfuhr? Es wird nicht direkt gesagt. Es ist auch nicht wichtig, denn durch den Gehorsam des Simon Petrus, durch seinen Glauben an das Wort Jesu ist Jesus ganz und gar dabei mit im Boot.
Und das Neue, das Reich Gottes, das Regieren Jesu zeigt sich. Es ist ein Wunder. Den Fischern gehen die Fische in die Netze. Sie müssen gewaltig Überstunden machen: „Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.“ Simon Petrus hat auf einmal ganz neue Probleme. Das alte Netz, das alte Boot ist überfordert von allem, was da „auf Jesu Wort“ geschieht. Und so ist auch der alte Simon Petrus überfordert, ja, überwältigt.
Jetzt überkommt das alles, das Neue, die Macht Jesu, den armen Simon Petrus. Ein Schrecken erfaßt ihn. Er ist nicht mehr Herr der Lage, auch nicht die Naturgesetze. Alle seine Kenntnisse und Erfahrungen helfen ihm nicht weiter; er ist an eine Grenze, an seine Grenze gekommen. Hier ist ein neues Gesetz, ein neues System: Jesus und das Reich Gottes.
Da merkt er mit Schrecken, wie tief er ohne Gott war und ist.
„Herr, geh hinaus von mir, ich bin sein sündiger Mensch.“ Wir denken: Was soll das? Er hat doch nur gesagt: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet, und haben nichts gefangen.“ Er hat doch nur gesagt, was ist, oder? Was ist daran so schlimm?
Das waren Worte, die in der Nacht, im Schlaf gesprochen wurden. Jetzt wacht Simon Petrus auf im Reich Gottes, und ihm wird bewußt, wie tief und weit weg von Gott er geschlafen hat.
Die Worte waren ein Symptom dafür. Und er erkennt, wie sehr er nicht auf gutem Grund war. Alles ist unsicher. Sünde macht unsicher. Sünde hat keinen guten Grund. Wenn Jesus kommt und spricht, muß man darüber erschrecken.
Aber das ist gut so. Jesus kann nur mit solchen etwas anfangen, wie es im Psalm heißt: „Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.“ (Ps. 51.19). Wenn Gott nicht verachtet, dann macht er groß, stark und schön für das Reich Gottes. Darum Simon Petrus jetzt: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Du wirst jetzt Menschen herausfischen aus dem Chaos der Weltgeschichte. Du wirst jetzt Menschen herausholen aus dem Teufelskreis von Schuld, Enttäuschung, aus der Gottesferne, die immer auch Liebesferne ist. Aus der Tiefe, wo jeder Fehler sich ganz austobt, bis alles kaputt ist, wo Mißtrauen die Herzen verzehrt. Raus da!
Das ist, was Apostel tun. Luther hat das so gesagt: „Da scheint und glänzt nichts, es ist ein gar geringe Ding anzusehen … aber es hat die Wirkung, daß er Gottes Reich mehrt, den Himmel füllt mit Heiligen, die Hölle plündert [und liebe Gemeinde, die Hölle ist nicht weit weg!] den Teufel beraubt [der jeden Menschen besitzen will, um ihn zunichte zu machen an Leib und vor allem an der Seele], dem Tode wehrt und der Sünde steuert.“
Das geschieht in der Kirche, die wir als apostolische Kirche bekennen.
Das hat Simon auf einmal als die größte Realität vor Augen. Darum folgt er dieser Realität, er wird Teil dieser Realität, die Reich Gottes heißt. Für die Welt ist er gestorben: „Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.“
Ich will mit einem persönlichen Wort zum Schluß kommen. Als ich vor 17 Jahren in diese Gemeinde kam, klagten manche treue Gemeindeglieder darüber, daß doch so wenig in den Gottesdienst kämen. Mit Gottes Hilfe antwortete ich: „Ich werde mich dieser Klage nicht anschließen, sondern habe mir vorgenommen, jeden, der kommt, als Gottes Wunder zu sehen und zu behandeln.“ Denn jeder, der kommt, um Gottes Wort zu hören, Gott zu bekennen, und ihn anzubeten, ist ein Beweis dafür, daß Petrus mit seinem Netz, also mit seiner Predigt im Namen Jesus, auf sein Wort hin – Menschen fängt, aufschnappt und zu Gott bringt.
Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne im Machtbereich Jesu unter allen Umständen und für immer. Amen.
5. Sonntag nach Trinitatis, 5. Juli 2026
Bild: „Der Wunderbare Fischzug“ (Konrad Witz, 1444)
