2. Passionsandacht

Die Fußwaschung. Fresko von Giotto di Bondone in der Cappella degli Scrovegni, Padua

Das Lamm, das erwürget ist,
ist würdig, zu nehmen
Kraft und Reichtum, und Weisheit und Stärke,
und Ehre und Preis und Lob.
Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

1 Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, daß seine Stunde gekommen war, daß er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.
2 Und beim Abendessen, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten,
3 Jesus aber wußte, daß ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und daß er von Gott gekommen war und zu Gott ging,
4 da stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich.
5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.
6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen?
7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren.
8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir.
9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!
10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als daß ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.
11 Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein.
12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe?
13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch.
14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.
15 Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.
16 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr und der Apostel nicht größer als der, der ihn gesandt hat.
17 Wenn ihr dies wißt – selig seid ihr, wenn ihr’s tut.

Johannes 13, 1-17

Liebe Gemeinde!
Ein einfacher Grundsatz bei Vertrauen und Kommunikation ist: Teile deine Absichten mit! – Sag, was du tust, und warum du es tust!
Jeder wünscht sich das von anderen; jeder tut sich schwer damit. Wenn Wort und Tat übereinstimmen, tut das der Seele gut. Unwahrheit und Lüge sind für die Seele tödlich.
Jesus ist gekommen, die Werke des Teufels zu zerstören (1. Johannes 3, 8). Ein Hauptwerk des Teufels ist die Lüge – Jesus sagt es überdeutlich: „Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er Lügen redet, so spricht er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge.“ (Johannes 8, 44b).
Jesus ist die Wahrheit in Person, und in der Welt ist die Lüge Normalität. Der Weg Jesu ist der Weg der Wahrheit durch die Welt der Lüge.
Bei der Fußwaschung teilt Jesus seine Absicht mit. „Wißt ihr, was ich euch getan habe?“ Erkennt ihr die Wahrheit in meinem Tun? Merkt ihr, wie Wort und Tat vollkommen übereinstimmen?
Es ist der letzte Abend in Freiheit mit seinen Jüngern.
Es ist nicht irgendein Abend – sondern es ist der Abend vor dem Passafest. Das Fest, das Gottes Eingreifen für seine Leute begeht und feiert. Das Lamm wird geschlachtet, mit dem Gott sich selbst verpflichtet hatte, Israel aus der grausamen Übermacht des Pharaos zu befreien.
Und es war Vollmond. Das Licht der Sonne strahlte in die Finsternis hinein. Und es war Frühlingsbeginn: Die Finsternis war auf dem Rückzug. Das Licht kommt, und geht nicht wieder.
Alles deutet auf Übergang – das Wort „Passa“ bedeutet auch: Vorübergehen – von der Knechtschaft zur Freiheit, von der Finsternis zum Licht. Das alles ist aber nur heilsam, wenn es auch der Übergang von der Lüge zur Wahrheit ist.
Wir kennen die Fußwaschung. Jesus, der Herr und Meister seiner Jünger, steht auf, legt sein Obergewand ab, zieht sich wie ein Diener an, und tut, was ein Diener tut. Er wäscht seinen Jünger den Straßenstaub von den Füßen. Das ist man Gästen schuldig. Doch das tun nicht-jüdische Sklaven. Es ist verkehrte Welt, wenn Jesus, der sonst als Gastgeber, als Lehrer und Herr auftritt, so aus der Rolle fällt. Der Höchste tut das Niedrigste. Der Würdevollste tut das Peinlichste. Der Freie tut das, wozu Menschen sonst gezwungen werden müssen. Was jeder meidet, wenn er es irgend kann, das tut er.
Petrus protestiert. „Solltest du mir die Füße waschen?“ – Warum eigentlich nicht? Warum protestiert Petrus? Von einem Sklaven hätte er den Dienst sicher angenommen. Warum wollen wir nicht enttäuscht werden von Menschen, die wir verehren? Wir wollen nicht irren, wir wollen uns nicht getäuscht haben, wir wollen nicht daneben liegen. Für Petrus ist Jesus ein Ideal. Wenn ein Ideal zertrümmert wird, dann hab ich mich getäuscht. Das ist bitter.
Doch Jesus ist nicht das, was Petrus aus ihm macht. Petrus ist noch nicht in der Wahrheit, die Jesus bringt. Petrus glaubt zu wissen, wer Jesus ist. Eine höhere Meinung, höhere Verehrung und Hingabe kann man nicht für einen Menschen haben, wie Petrus für Jesus hatte.
Doch Jesus muß ihm sagen: „Was ich jetzt tue, das verstehst du nicht, du wirst es aber hernach erfahren.“ Jesus muß sagen, was er tut, was seine Absicht ist. Jesus ist Diener, aber zuerst ist er ein Diener der Wahrheit.
Petrus kann sich absolut keinen Grund vorstellen, weshalb er diesen Dienst von Jesus annehmen sollte: „Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!“
„Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir“, sagt Jesus dann direkt. Petrus kann Jesus nur haben, wenn er Jesus als den niedrigsten Diener für den peinlichsten Dienst annimmt und bejaht. Entweder Jesus wäscht dir die Füße, oder du hast nichts mit ihm zu tun. Jesus gibt es nur mit Fußwaschung, oder gar nicht.
Petrus meint dann, verstanden zu haben: „Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!“ – Besser kann er nicht antworten, doch zugleich muß man Petrus fragen: Ist Jesus dazu in die Welt gekommen? Daß du besser gewaschen wirst? Ist der Staub auf deiner Haut die Finsternis, die Knechtschaft, die Lüge, die du dringend loswerden mußt? Ist das die Erfüllung von Gottes Verheißung?
Jesus antwortet: „Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als daß ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.“ – Wie ist Petrus denn bereits gewaschen? Jesus sagt ihm: Du hast schon einen größeren Dienst von mir angenommen – der dich als ganze Person schon versorgt hat. Die Füße sind dagegen eine Kleinigkeit.
Petrus liegt also doppelt daneben: Nicht nur will er das nicht annehmen, was Jesus ihm geben will, sondern er hat nicht erkannt, daß er schon mehr von Jesus angenommen hat.
Also: Petrus verehrt Jesus, aber im Grunde weiß er nicht, wer Jesus ist, denn er erkennt Jesu Absicht nicht. Und auf Jesu Absicht kommt kein Mensch.
Als Jesus dann noch tiefer sinken mußte, als der Sklave fürs Fußwaschen – als Jesus unter die Übeltäter gerechnet wurde: Da sagten alle Jünger: „Nimmermehr!“ Da war ihr Ideal erst recht zerstört. Da mußten sie sagen: „Wir hofften, er würde Israel erlösen“ (Lukas 24, 21) – aber, unausgesprochen: „Wir haben uns getäuscht.“
Doch Jesu Tod ist nicht das, was Menschen aus ihm machen: Ein Scheitern, eine Katastrophe, ein Drama, oder ein Fluch. Die Wahrheit über Jesu Tod sagt er selbst.
Die Fußwaschung zeigt den Jüngern, wie Jesus seinen kommenden Tod selbst versteht, welche Absicht er mit seinem Tod hat.
Denn Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße bei vollem Bewußtsein: Er wußte, daß seine Stunde gekommen war, er wußte, daß ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und daß er von Gott gekommen war und zu Gott ging. Es war ein Tun bei göttlichem Bewußtsein.
Er zeigt seinen Jüngern die Wahrheit über seinen Tod. Der Tod am Kreuz ist ein Dienst an seinen Jüngern. Ein Dienst der Reinigung. Ein Dienst Befreiung. Ein Dienst, der Licht und Wahrheit bringt. Vergebung.
Jesus hatte Petrus schon längst reingewaschen – hatte Petrus nicht ganz am Anfang, bei der ersten Begegnung gesagt: „Herr, gehe weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch“? (Lukas 5, 8). Doch Jesus ist nicht weggegangen. Er hat Petrus geduldig getragen und ertragen. Dagegen war Füßewaschen nichts.
Liebe Gemeinde!
Die Wahrheit ist: Jesus und Vergebung sind untrennbar. Wer meint, keine Vergebung zu brauchen, der hat Jesus nicht. Wer aber Jesus hat, der hat vor allem Vergebung.
Jesus hat seine Absicht nicht nur deutlich mitgeteilt, er hat sie auch erfüllt. Wort und Tat passen zusammen, wie sonst nie. Sein Kreuz hat Wahrheit, Licht und Freiheit gebracht.
Seine Jünger haben das erfahren.
Diese Erfahrung hat eine Frucht: Jesu Jünger sollen einander vergeben. „Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.“ (Johannes 12, 26).
Licht, Befreiung und Wahrheit kommen mit dieser Vergebung.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.

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