Reminiszere

Von | März 14, 2022
Predigtbild

Gnade sei mit euch und Friede,
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

36 Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hier, solange ich dorthin gehe und bete.
37 Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen.
38 Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir!
39 Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser
Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!
40 Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?
41 Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.
42 Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, daß dieser Kelch an mir vorübergehe, ohne daß ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! 43 Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf.
44 Und er ließ sie und ging abermals hin und betete zum dritten Mal und redete dieselben Worte.
45 Dann kam er zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, daß der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird.
46 Steht auf, laßt uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.

Matthäus 26, 36 – 46

Lieber Herr Jesus, laß uns nicht verschlafen, was du für uns getan hast und tust. Segne Dein Wort bitte jetzt an uns. Amen.


Liebe Gemeinde!
Petrus, Johannes und Jakobus hatte Jesus schon einmal beiseite genommen. Das war auf einem hohen Berg. Dort sahen sie Jesus in der Verklärung, in seiner Herrlichkeit, Überlegenheit, in seiner Göttlichkeit, alles leuchtete an ihm. (Matthäus 17). Das war bei einem wichtigen Übergang – Jesus machte sich auf nach Jerusalem, nachdem er gute drei Jahre als Wanderprediger das Reich Gottes angekündigt hatte. Jesus hat klar angekündigt, daß sein Weg nach Jerusalem ein Weg des Leidens und der Opfers war. Petrus, Jakobus und Johannes sollten sehen und bezeugen: Es ist der Sohn Gottes, der diesen Weg geht.
Heute hören wir, wie Jesus wieder diese drei Jünger als Zeugen beruft. Wieder ist es ein wichtiger, folgenschwerer Übergang. Es sind die letzten Stunden, bevor Jesus gefangengenommen wird. Direkt davor hat Jesus mit seinen Jüngern die Passamahlzeit gegessen und dann das Abendmahl eingesetzt. Die Gemeinschaft zwischen Jesus und seinen Jüngern wurde einmal noch erlebt; und Jesus hat dabei seinen Leib und sein Blut den Jüngern übertragen, gegeben. Zugleich hat er aber auch klar gemacht, daß sein Leib geopfert und sein Blut vergossen wird.
Während dieser engen, vertrauensvollen und persönlichen Gemeinschaft hat Jesus aber auch klar gemacht, daß Judas ihn ausliefern, Petrus ihn verleugnen, und alle Jünger ihn verlassen würden. Die Gemeinschaft wird aufhören, und Jesus wird seinen letzten Weg ganz allein gehen. Er wird verhaftet und unfrei, ohne Macht und Selbstbestimmung in die Hände der Sünde fallen, und er wird sterben.
An diesem Übergang geht er in den Garten oder Hof Gethsemane, betet ein einmaliges Gebet, und stellt sich dann den Verfolgern.
Petrus, Johannes und Jakobus sollen bezeugen, wie Jesus diesen Übergang vollzieht.
Es ist das Kreuz vor dem Kreuz, der Tod vor dem Tod.
Jesus spürt an seinem Leib und an seiner Seele den Schrecken und das Grauen des Todes auf ihn zukommen. Und, es ist klar: Er muß und wird den Weg ganz ganz alleine gehen. Kein Mensch wird ihn begleiten oder ihm beistehen oder ihn trösten.
In Gethsemane wird das klar. Jesus steht uns allen gegenüber. Auch die Apostel, Petrus und die anderen, stehen auf unserer Seite in diesem Gegenüber. Wenn Jesus mit ihnen spricht, dann spricht er auch mit uns.
Jesus ist an Leib und Seele erschüttert. Alles wankt und zerfließt, seine Kräfte verlassen ihn.
„Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.“ Der Tod hat ihn schon erfaßt. Es gibt keinen Trost mehr. Die Jünger sollen bei ihm bleiben, und er geht doch weg. Sie sollen da sein, und er kann doch nichts mehr von ihnen haben. Sie können ihn nicht mehr erreichen.
Doch sollen sie bleiben. Laßt uns daraus lernen: Wir sollen der Trauer nicht ausweichen. Auch wenn wir scheinbar keinen Unterschied machen. Laßt uns im Namen Jesu nicht ausweichen, wenn Trauernde unter uns sind.
Dann kommt dieses unglaubliche Gebet: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber.“
Die Bibel spricht von dem Zornesbecher, den Gott zu trinken gibt. Die Propheten Jesaja und Jeremia sprechen davon.
Jeremia 25,15: „Denn so sprach zu mir der HERR, der Gott Israels: Nimm, Jeremia, diesen Becher mit dem Wein meines Zorns aus meiner Hand und laß daraus trinken alle Völker, zu denen ich dich sende, daß sie trinken, taumeln und toll werden vor dem Schwert, das ich unter sie schicken will.“ Der furchtbare Trank in dem Kelch ist die Bosheit, die Menschen tun, so wie diese Bosheit bei Gott ankommt und Seinen heiligen Zorn erweckt. Gott ist in Seiner Schöpfung, gerade auch in jedem Menschen anwesend und Ihn trifft das Unrecht ohne Filter. Wenn Gott uns in Seine Wirklichkeit zurückholt, dann gehört dazu, daß wir von der eigenen Sünde getroffen werden. Die Sünde träumt natürlich davon, daß das niemals geschehen wird. Aber so wahr es einen Gott gibt, so wahr gibt es diesen Zornesbecher.
Jesus soll nun einen Kelch trinken – aber darin ist nicht das Ergebnis der eigenen Gottlosigkeit, sondern Gottes Enttäuschung und Zorn über alles Unrecht, alle Gottlosigkeit, die Du und ich uns geleistet haben.
Können wir überhaupt anfangen, uns vorzustellen, was das für eine bittere, herbe, brennende Finsternis war, die Jesus an Leib und Seele in sich aufnehmen mußte?
Uns erreichen Bilder von unschuldigem Leiden aus dem Krieg in der Ukraine – da kommt Zorn auf! Menschen, die sonst sanft und friedlich sind, wünschen auf einmal, daß die Verantwortlichen hingerichtet werden, im Namen der Gerechtigkeit. – Was braut sich aber in deinem Kelch zusammen? – Ist es nicht so, daß es einen heiß und kalt den Rücken runterläuft, wenn man sich vorstellt, daß vielleicht EINE Sache mich einholt und ich für alle Konsequenzen gerade stehen muß – wie ist es erst, wenn ich die Suppe für jemand anders auslöffeln muß!
„Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber.“ Es ist ja nicht der Tod allein, sondern Gottes gerechtes Gericht über alles Unrecht der Menschen. Das ist der Kelch.
Jesus bittet, daß er diesen Kelch nicht trinken muß. Er legt es in die Hände seines himmlischen Vaters. Gott hatte einmal zu Jerusalem gesprochen, bei Jesaja: „So spricht dein Herrscher, der HERR, und dein Gott, der die Sache seines Volks führt: Siehe, ich nehme den Taumelkelch aus deiner Hand, den Becher meines Grimmes. Du sollst ihn nicht mehr trinken.“ (Jesaja 51, 22). Gott kann den Kelch auch zurücknehmen. Die Möglichkeit gibt es.
Was geschieht hier? Jesus bringt erneut seine ganze Person unter den Willen seines himmlischen Vaters. Petrus, Johannes und Jakobus, und mit ihnen auch wir, hören mit, wie alles, was Jesus tut und auch leidet, Gottes Wille ist, der gemeinsame Wille zwischen Gott dem Vater und dem Sohn. Kein Zwang, nur Freiheit und Liebe, und völlige Übereinstimmung. Aber doch eine Übereinstimmung von Person zu Person.
Die Apostel, und die Gemeinde, das sind wir, werden Zeugen von diesem wunderbaren Gespräch und Gebet.
„Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Ist das ein Widerspruch? Hatte Jesus einen eigenen Willen, der möglicherweise dem Willen des himmlischen Vaters widerstrebte? Nein. Doch als wahrer Mensch mußte und wollte Jesus alles, was er an Willen, Angst, Schrecken, Leiden in sich hatte, unter den göttlichen Willen bringen. Im Hebräerbrief wird uns gesagt: „Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.“ (Hebräer 5, 7-8). Die Hingabe, die Liebe, das Leiden sollte vollständig, ganz, und ohne Vorbehalt, einfach ganz sein.
Bevor er vor der Weltöffentlichkeit hingerichtet wird, verurteilt im Namen des Gesetzes, des Volkes und im Namen Gottes, hat er Klarheit mit Gott, Gewißheit mit Gott.
Im Johannes Evangelium betet Jesus noch bevor er in den Garten Gethsemane geht: „Vater, ich heilige mich selbst für die Jünger, damit auch sie geheiligt werden.“ (Johannes 17, 19).
Das ist der Jesus, der dann auf seine Verfolger zugeht, sich stellt, und sagt: „Ich bin’s!“. Bevor er gefangen wird, hat ist er schon durch seine Liebe und Bereitschaft gebunden. Die Soldaten können nicht nicht so fest binden, die Liebe in Jesus ist schon entschlossener. Es ist eine Liebe, die nur Zuwendung ist, und jenseits aller Bitterkeit, und mit einer Antwort auf alles Unrecht.
Weil Jesus sich durch dieses Gebet, ein schweres Gebet, geheiligt hat, geht er mit einer großen Überlegenheit und Freiheit seinen Verfolgern entgegen. Sie müssen ihn nicht jagen.
Da, wo wir Menschen völlig unfrei sind, hilflos, machtlos und ausgeliefert, da ist dieser Schmerzensmann, dieses Lamm Gottes ganz frei.
Wenn Gott dich schon nach deinen eigenen Maßstäben konsequent beurteilen würde – so, wie du andere beurteilst – dann müßtest du schon verstummen und schwitzen. Wenn aber erst die Zehn Gebote kommen, die dir zeigen, daß Gott immer ganz bereit war, dich auf Seinem Weg zu halten, und du wolltest nicht, wenn Gott dich und mich nach dem Gesetz des Lebens und der Wahrheit zur Verantwortung zieht, dann wird es eng. Wenn ein Mensch mit Leib und Seele auf einmal so sehr wünscht, etwas ungeschehen machen zu können, und es gibt keine Möglichkeit, kein Aus noch Ein. Man spürt den Tod, man kann sich nicht bewegen.
Da kommt dieser Jesus von Gethsemane, der kann sich da bewegen, wo wir nicht die Freiheit haben, und sagt: Ich bin der Weg, ich bin die Tür. (Johannes 14,6 + 10, 7). Der hat das alles hinter sich und unter sich. Für jeden, der an ihn glaubt. Er hat den Kelch getrunken, und wie!
Glauben bedeutet dann: „Das war bei mir auch nötig!“ Nicht nur abstrakt, sondern mit einem Erschrecken über sich selbst. Mit Reue, mit Sich an den Kopf Fassen.
Zum Glauben gehört dann aber vor allem:
Wir trinken aus einem anderen Kelch. Aus dem heilsamen Kelch (Psalm 116, 13). Dem Kelch des Neuen Testaments.
Da trinken wir von der Beweglichkeit Jesu, die seine göttliche Liebe ihm ermöglicht hat, und uns zur Liebe zurückfinden läßt, zur Freude und zum Mut. Einer Beweglichkeit, die am Ende auch aus dem Grab aufersteht.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.