Kategorien
Predigt

Zweiter Advent

Gnade sei mit euch und Friede
von dem, der da ist und der da kommt,
von Jesus Christus,
welcher ist der treue Zeuge
und der Erstgeborene von den Toten,
und ein Herr über die Könige auf Erden.
Amen.

15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.
16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.
Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.
17 Warum läßt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, daß wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!
18 Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.
19 Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.
Ach daß du den Himmel zerrissest und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen,
1 wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, daß dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müßten,
2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen! –
3 und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Jesaja 63, 15 – 64, 3

Lieber Herr Jesus, wo Du bist, da ist auch das Wort des Lebens – bitte erreich uns, hol uns ein, hol uns ab mit dem, was in Deinem Namen aus der Heiligen Schrift gesagt und gehört wird. Amen.

Liebe Gemeinde!

Was kann man über den Himmel sagen?
Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Nicht nur die Erde, sondern H i m m e l und Erde. „Himmel“ zuerst.
Wie Jesus uns auch beten lehrt: Dein Wille geschehe …. „wie im H i m m e l, so auf Erden.“ Also hier auch der Himmel zuerst.
Der Himmel ist etwas anderes, als die Erde, ja ein Gegenteil oder auf jeden Fall ein Gegenüber zur Erde.
Es ist einer der dramatischsten Bitten des Alten Testaments: „Ach, daß Du, Gott, den Himmel zerrissest und führest herab!“ Darum müssen wir uns über den Himmel Gedanken machen; und zwar den Himmel als etwas, was uns überwältigend angeht, so daß wir diese dramatische, verwegene, ja ich möchte sagen wilde und rücksichtslose Bitte verstehen – und das heißt ja: Daß es unsere Bitte wird.
Eins ist klar: Der Himmel ist nichts Gleichgültiges – er ist nicht einfach irgendwo – oben oder weit weg; denn dann würden Menschen nicht zu Gott schreien: Zerreiß ihn und komm herab!
Wer so ruft, für den ist der unzerrissene Himmel eine Not.
Der Himmel ist zuerst – vom Himmel aus geschehen Dinge auf der Erde. Was auf Erden geschieht, das fängt im Himmel an. Ohne Himmel versteht man die Erde nicht. So ist das in der Bibel. Nur auf die Erde gucken ist nicht mal die halbe Wahrheit.
Bei Mose hören wir, daß der Himmel uns unter die Haut gehen muß: „Der Himmel, der über deinem Haupt ist, wird ehern werden und die Erde unter dir eisern.“ (5. Mose 28, 23). So spricht Gott mit Israel. So wird es, wenn Israel sich von seinem Gott abwendet. Der Himmel wird ehern, also hart, unbeweglich, verschlossen, abweisend, bedrohlich. Und – wieder als Zweites und als Folge: Die Erde unter dir wird eisern. Wie im Himmel, so auf Erden. Gott hält Seine Gaben zurück. So muß Israel es nochmal hören: „Der Zorn des HERRN wird den Himmel über euch zuschließen, so daß kein Regen kommt und die Erde ihr Gewächs nicht gibt.“ (5. Mose 11, 17). Und damit das Ganze den Menschen auch unter die Haut geht, muß Mose im Namen des HERRN sagen: „Ich will euren Stolz und eure Halsstarrigkeit brechen, und will euren Himmel wie Eisen und eure Erde wie Erz machen.“ (3. Mose 26, 9).
Wir merken also:
Was auf der Erde geschieht, das kommt vom Himmel her. Gott handelt vom Himmel aus und wirkt auf der Erde.
Aber auch: Was wir Menschen auf der Erde tun, ja auch reden und denken, das kommt im Himmel an. Es gibt diese Dimension.
Wir vergessen diese Dimension zu unserem eigenen Schaden.
Also: Der Himmel ist die Überlegenheit, aus der Gott auf der Erde bei uns Menschen handelt. Und: Wir beziehen uns auf den Himmel, ob wir es wollen, oder nicht, denn es kommt im Himmel an, was wir tun, sagen und denken.
Jesaja hat Israel vor sich, ein Volk unter einem verschlossenen Himmel. Gott spricht nicht mehr. Gottes Gaben kommen nicht mehr. Die Bedeutung der Wörter wird immer kleiner, sie sagen immer weniger, das Schweigen wird größer. Der Segen bei der Arbeit und in der Familie und in der Ehe versickert, etwas anderes wird spürbarer: Der Fluch. Du bist Erde – von der Erde bist du genommen, und zur Erde sollst du werden. (1. Mose 3, 19). Mit anderen Worten: Alles, was mehr ist als Materie, mehr als Chemie ist, das kommt dir wie Nichts vor. Glauben ist ein Schein, Lieben ist ein Trug und Hoffnung ist ohne Begründung.
Israel mußte mit eigenen Augen ansehen, wie die Babylonier unter Nebuchadnezar Israel alles wegnahmen und zerstörten: Die geschützte Grenze, die Hauptstadt Jerusalem, in Jerusalem den Tempel, dazu die Personen, die Israel zu dem machten was es war, nämlich Gottes Volk – Priester, Hohepriester, das Königshaus – alles zerstört, verbrannt, umgebracht oder verschleppt.
Verschloß das den Himmel? Es öffnete den Himmel sicher nicht. Doch was den Himmel vollends verschloß war eins: Das Gewissen. Jesaja hatte Israel vor sich, das wußte: Wir haben uns von Gott abgewandt. Mit Gedanken, Worten und Werken haben wir überdeutlich gemacht, daß Gott uns egal ist. Nun sind wir ihm egal. Wir hätten es wissen können. Damit ist der Himmel zu.
Nun zum Predigttext selbst! Er ist ein Gebet. Ein Ruf und ein Flehen unter dem eisernen Himmel. Ein Gebet gegen Eisen. Das ist schon verwegen!
„So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.“ Gott soll sich Israel wieder zuwenden. Wenn sich etwas ändern soll, dann muß das im Himmel beginnen. Was nicht im Himmel beginnt, hat keinen Bestand. Israel hatte Gott ja schon erlebt als barmherzigen Helfer. Hat Gott sich etwa verändert? Ist er ein anderer geworden? Natürlich nicht! Gott will aber, daß wir Ihn bitten, Sich selbst, also Gott zu sein.
„Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.
Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.“ Abraham und Israel – also Jakob – waren die Stammväter. Sie standen für die Identität des Volks. Doch war es keine rein menschliche Identität. Abraham, Isaak und Jakob waren längst gestorben und bei Gott. Ein menschliches Pflegen der Erinnerung war machtlos gegen den eigenen Zweifel. Gott ist Israels Vater. Warum? Weil Gott selbst Abraham gerufen hat, und damit ein neues Volk ins Leben gerufen hat. Israel gibt es nur deshalb, weil Gott es will. Dieser Wille macht Gott zum Vater. Ich will, daß es dich gibt. Das ist väterliche Sprache. Du sollst leben!, sagt ein Vater zu seinem Kind. (Hesekiel 16, 6). Darum gibt es Israel überhaupt. Und darum erlebt es die Not. Hier kann Israel nicht Menschen fragen oder mit Menschen verhandeln, sondern muß zu dem rufen, der es gemacht hat. Israel muß sagen: „Gott, du hast mich gewollt. Was jetzt? Willst du, daß es uns noch gibt, oder nicht?“ Du bist Vater und Erlöser. Das definiert dich, Gott, für uns.
„Warum läßt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, daß wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!
Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.“
Menschen schrecken oft auf, erinnern sich an Gott, und das erste, was ihnen gegenüber Gott einfällt ist: „WARUM?“ Warum das Leiden? Warum diese Enttäuschung?
Unter dem eisernen Himmel und auf der harten, abweisenden Erde spricht das Volk Gottes anders: Gott, warum läßt du es so weit kommen, daß wir von Deinen Wegen abirren? Wie kannst Du es zulassen, daß unsere Herzen auch hart werden, wie der Himmel und die Erde? Was für ein Gebet! Ein verwegenes Gebet! Soll Gott jetzt daran schuld sein, daß wir seine Gebote übertreten? Daß wir nicht glauben? – So könnte es sich anhören! Aber es ist anders. Zuerst im Himmel. Wenn etwas anders werden soll, dann muß es vom Himmel kommen. Darum macht das Gebet hier die Not zu einer Sache zwischen Israel und Gott. Das ist der notwendige Anfang.
„Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.“ Auf der Erde ist nichts Gutes zu erwarten. Wenn Menschen irgendeine Macht haben, werden sie sie gegen Gott anwenden. Sünde hat den Drang, sichtbare Zeichen für Gott zu beseitigen, und Menschen, die Gott bezeugen, zum Schweigen zu bringen. Zunächst jedenfalls. Die Sünde richtet sich unter dem harten Himmel ein, und erwartet nichts mehr von oben. Sie rechnet nicht mehr mit Gott.
„Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.“ Jetzt wird die Situation theologischer. Jetzt geht es nicht mehr um eigene Probleme. Hier wird gesagt: Gott, du hast uns gewollt. Wenn es so weiter geht, dann sind wir ein Beweis gegen dich. Wenn es so weiter geht, dann kann man an uns sehen, daß Du, Gott, keinen Unterschied machst. Dein Name wurde über uns genannt – da war der Himmel hell, freundlich und offen. Aber das ist jetzt nicht mehr. Also: Gott, wenn es Dich gibt, dann muß etwas mit Deinem Volk passieren! Wenn Gott nicht existiert hätte, hätte Israel auch nicht existiert. So wahr Du lebst, Gott, so wahr laß uns auch leben! – So wie Jesus dann zu seinen Jüngern sagte: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ (Johannes 14, 19).
Jetzt versteht ihr hoffentlich etwas besser, was die Bitte bedeutet: „Ach, daß du den Himmel zerrissest und führest herab!“ Gott, es muß vom Dir kommen, im Himmel anfangen! Brich das Eisen über uns durch! Das unpersönliche, stumme, harte, abweisende, anklagende Schicksal! Alles, was uns daran erinnert, daß wir Dich verlassen haben, schieb es beiseite!
Es ist kein Wunder, wenn Jesaja dann eine dramatische Sprache gebraucht. Von Bergen, die zerfließen, von kochendem Wasser und brennendem Reisig. Wenn Gott diesen ehernen Himmel öffnet, dann sind Energien am Werk, die für uns unvorstellbar groß sind. Ja, Jesaja sagt, das kannst du dir nicht ausdenken. „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.“
Advent heißt ja Ankunft. Der Sohn Gottes kommt an. Er kommt als Antwort vom Himmel auf diese unglaubliche Bitte gegen den eisernen Himmel. Advent heißt ja auch Vorbereitung. Gott hat das Kommen Jesu auch mit diesem Text vorbereitet. Jesaja mußte Israel so beten lehren. Sonst hätte niemand in Israel Jesus erkannt oder verstanden. Warum sollte es mit uns anders sein? Was ist mit dem Himmel über uns? Sind wir auf Gottes Wegen unterwegs? Erwarten wir von Jesus, daß er tatsächlich den Himmel öffnet? Er hat es vor! Zu den ersten Jüngern sagt er: „Ihr werdet große Dinge sehen – Wahrlich, wahrlich ist sage euch, von nun an werden ihr den Himmel offen sehen, und die Engel Gottes hinauf und herabsteigen auf des Menschen Sohn. (Johannes 1, 51). Der Apostel Paulus kannte dieses Gebet aus Jesaja und schreibt den Christen in Korinth: Das konnte sich keiner ausdenken, als Jesus zu uns kam: „Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht : »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«“ (1. Korinther 2, 9).

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.