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Predigt

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr

Gnade, Barmherzigkeit und Friede
von Gott, dem Vater
und unserm HERRN, Jesus Christus.
Amen.

2 HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande
und hast erlöst die Gefangenen Jakobs;
3 der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk
und alle seine Sünde bedeckt hast;
4 der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen
und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:
5 Hilf uns, Gott, unser Heiland,
und laß ab von deiner Ungnade über uns!
6 Willst du denn ewiglich über uns zürnen
und deinen Zorn walten lassen für und für?
7 Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
daß dein Volk sich über dich freuen kann?
8 HERR, erweise uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!
9 Könnte ich doch hören,
was Gott der HERR redet,
daß er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,
damit sie nicht in Torheit geraten.
10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,
daß in unserm Lande Ehre wohne;
11 daß Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
12 daß Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
13 daß uns auch der HERR Gutes tue
und unser Land seine Frucht gebe;
14 daß Gerechtigkeit vor ihm her gehe
und seinen Schritten folge.

Psalm 85

Lieber Herr Jesus Christus, sortiere unsere Gedanken jetzt, damit wir das Entscheidende nicht verpassen, um Deiner Liebe willen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Ein ganzer Psalm als Predigttext. Das ist eine Herausforderung! Hier geht es nicht nur um Fakten und Gedanken, sondern es ist ja ein Gebet. Das Gebet richtet sich an Gott. Es ist nicht eine Meditation. Das Gebet bindet sich an Gott und erwartet von Gott eine Antwort, eine Erwiderung. Ein Gebet ist nur dann ein Gebet, wenn der Beter weiß, daß Gott das Gebet und den Beter hört. Das ICH des Beters (oder das WIR) sagt DU zu Gott.
Das ist sehr persönlich.
Der Psalm ist ein Gebet des Alten Testaments. Das Volk Israel hat ihn gebetet. Kann das unser Gebet werden? Manche meinen, es kann nur spontane und ganz persönliche Gebete geben. Dann hätte Gott der Heilige Geist das Buch der Psalmen verhindert. Es gibt aber 150 Psalmen und noch zahlreiche weitere Gebete in der Bibel. Also: Die Gebete des Alten Testaments will Gott haben.
Trotzdem: Wie kann dieser Psalm unser Gebet werden?
Andere Zeit, anderes Land, anderes Volk, andere Situation – doch kann und muß es zu unserem Gebet werden. Warum? Weil dieses eins der Gebete ist, auf das Jesus Christus die Antwort, Gottes Antwort ist.
Die Bitten in diesem Psalm hat Gott seinem Volk eingegeben, als Bereitung für das Kommen Jesu. Wer sich in diesen Psalm eingelebt hatte, der war darauf vorbereitet, Jesus als Gottes Antwort und Gebetserhörung zu empfangen. Wer diesen Psalm betete, der hielt den Platz hier auf der Erde frei für die Menschwerdung des Sohnes Gottes.
Dann kann, ja dann wird dieser Psalm auch unser Psalm werden, wenn wir diese Wahrheit im Blick behalten.
Hören wir jetzt wieder die ersten Verse:
„2 HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande
und hast erlöst die Gefangenen Jakobs;
3 der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk
und alle seine Sünde bedeckt hast;
4 der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen
und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:
5 Hilf uns, Gott, unser Heiland,
und laß ab von deiner Ungnade über uns!“
Das ist Gebetssprache! Sie spricht nach, was Gott vorgibt.
Die Bitte lautet ja: „Hilf uns, Gott, unser Heiland, und laß ab von deiner Ungnade über uns!“ – Bei Gott soll etwas passieren. Die Ungnade soll aufhören, und die Hilfe anfangen.
Die Bitte hat eine Grundlage: Gott, so warst Du doch, so bist Du doch! – Du bist doch schon vormals gnädig gewesen. Du hast doch schon vormals die Gefangenen Jakobs erlöst. Das hat es schon mal gegeben, daß Dein Zorn aufgehört hat – Gott, Du hast doch schon einmal Dein Volk nicht auf seine Fehler und Sünde und Missetat festgelegt, festgenagelt – das kannst nur Du, Gott selbst, ändern. Gott soll bitte mit Seinem Zorn aufhören.
Der Zorn Gottes. Niemand spricht gern über ihn. Daß Gott zürnt über Unrecht, über Undank, über Blindheit für Gottes Liebe, Taubheit für Gottes Gebote. – Unser Zorn, was uns Menschen aufregt oder empört, wo wir nach Strafe fordern – darüber können wir nicht genug reden. Mit weniger Recht.
Gottes Zorn ist eine Realität. Gott stellt sich in den Weg, Gott nimmt Seine Gaben zurück, behält Seinen Segen ein. Menschen wollen ohne Gott sein, dann läßt Gott es auch zu, zieht sich zurück. Das Leben wird leer, oder wird zerstört. Es kommt auf keinen grünen Zweig. Das Herz wird hart, die Hoffnung schwindet, die Wahrheit ist ohne Schutz. Der Himmel verschließt sich; was wahr und schön ist, muß sich verstecken, die Lüge und das Häßliche kommt hervor. Israel mußte es erleben, wie es umfassend in Frage gestellt wurde. Nicht nur von außen, durch übermächtige Feinde, sondern auch von innen, durch Zweifel; auch von oben: durch Anklage der 10 Gebote; und von unten: durch niedriges Begehren nach Reichtum, nach Rausch, nach Bequemlichkeit, nach Rache, nach Ehebruch. Die Beter sahen sich dem allem wehrlos ausgeliefert.
Das Gebet fing mit der Erkenntnis an: Bei Gott muß etwas passieren! Gott muß sich wenden von Seinem Zorn! – Gott ist nicht für dieses Elend, diese Not verantwortlich, sondern die Menschen. Wenn Gott nur einen Augenblick alle Konsequenzen unserer Missetat auf uns zurückfallen ließe, wir würden vergehen, verbrennen. Gott hatte den Betern des Psalms Seinen Zorn spüren lassen. Der Heilige Geist tat ein Wunder: Sie brachen nicht in Verzweiflung zusammen, sie verzagten nicht, sondern – gaben Gott recht und beteten – baten um ein Ende des Zorns, der gerechten Zorns. Das muß Gott der Heilige Geist selbst tun: Daß ich Gott bitte, etwas bei sich zu ändern. Ohne Wunder verzweifelt oder verstockt ein Mensch. Diese Bitte ist ein Wunder. Ein Wunder gegen die Anklage, die dir beweist, daß du Gottes Zorn verdienst; ein Wunder gegen die Erfahrung, daß du dich nicht ändern kannst – Gott soll sich ändern.
Gott hat sich von Seinem Zorn gewendet – das Neue Testament ist voll davon. Paulus schreibt an die Römer im 5. Kapitel: Gott erweist seine Liebe zu uns darin, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren, um wie viel mehr wird Jesus uns von Gotte Zorn retten?“ (Römer 5, 8-9). An die Galater schreibt Paulus: „Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns.“ (Galater 3, 13). Das Gebet des Psalms ist erhört. Wer den Zorn Gottes spürt, versteht diese Bitte am besten – er kann und wird sich in diesen Psalm am besten einleben. Der Heilige Geist hilft dir, diese Bitten aus der verborgensten und verzweifeltesten Not heraus zu Gott zu beten – und Gott wird Dir Jesus als die Antwort, als die Erhörung dieser Bitte zeigen und schenken.
„6 Willst du denn ewiglich über uns zürnen
und deinen Zorn walten lassen für und für?
7 Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
daß dein Volk sich über dich freuen kann?
8 HERR, erweise uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!“
Hier betet nicht ein Mensch, der selbstgerecht ist. Hier beten nicht Menschen, die sich nichts von niemandem sagen lassen. Das sind nicht Worte von Menschen, die sich an ihrem Besitz festhalten, oder die denken, sie werden sich aus allem herausreden können. Die Worte kommen aus einem Herzen, das an die Grenze gekommen ist: Willst Du den ewiglich über uns zürnen? Bist Du, Gott, unser Feind? Wird jede Sünde mich kaputtmachen? Wenn du das nicht so fühlst, dann bete trotzdem so, damit ein Elender es hört, der es braucht und sich nicht traut. Gottes Antwort ist schon da. Jesus versteht man viel besser, wenn weiß: Er ist Gottes Erhörung dieses Rufs. Darum ist Jesus gekommen.
„Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
daß dein Volk sich über dich freuen kann?“ Rückenwind statt Gegenwind; Erleichterung statt lähmender Last, Zuspruch statt Anklage; Leben statt Tod.
Dieser Psalm führt uns dahin, denn er führt uns zu seiner Erhörung, er trägt uns zum Sohn Gottes. Er hat den Fluch, die Anklage, den Zorn auf sich genommen. Er ist das Ende des Zorns, der Anfang des Lebens. „Erquicken“ ist ja nichts andres, als lebendig machen, erfrischen, aufbauen, die Erstarrung lösen.
„8 HERR, erweise uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!
9 Könnte ich doch hören,
was Gott der HERR redet,
daß er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,
damit sie nicht in Torheit geraten.“
Die Bitte wird ganz deutlich: Es kann nur Gnade sein. Gnade muß ganz und gar von Gottes Seite kommen. Gott soll sich für Dich entscheiden. Kannst Du das bitten? Der Psalm hilft dabei.
Die Beter von damals wußten: Wenn Gott sich so für uns entscheidet, dann muß er es auch sagen. Erst dann wird es eindeutig, erst dann kann man es glauben. Darum heißt es: „Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet, daß er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen.“ Jesus ist nie ohne diese Stimme – immer ist sein Wort bei ihm. Das ist das Evangelium. Der Glaube kommt aus dem Hören. Jesus ist das Ende des Unfriedens mit Gott. Er ist die Erhörung der Bitte: Gott, laß zwischen uns kein Streit mehr sein! „ … damit sie nicht in eine Torheit geraten“ – keine Dummheit begehen, nicht aufgeben, und sagen: „Es ist egal, ich kann mein Leben oder das Leben anderer einfach zerstören, er ist egal.“ Der Beter sieht das kommen und sagt: Gott, laß es nicht soweit kommen mit mir!“. Das Evangelium bewahrt uns vor dieser Dummheit. Wir sollen darum bitten: Gott bewahre mich vor der Torheit, die aus Verzweiflung kommt! Gott hilf, daß dieser Schmerz mich nicht dazu verführt, eine Torheit zu begehen!
Wenn ein Beter zugibt, daß diese Torheit in ihm steckt, und sie Gott anvertraut, dann weitet sich der Blick wieder:
„10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,
daß in unserm Lande Ehre wohne;
11 daß Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
12 daß Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
13 daß uns auch der HERR Gutes tue
und unser Land seine Frucht gebe;
14 daß Gerechtigkeit vor ihm her gehe
und seinen Schritten folge.“
Die Augen öffnen sich: Gottes Hilfe ist nahe, und nicht weit weg. Jesus ist der Gott, der uns begegnen und kennen lernen will. Er kommt zu denen, die im Gebet über sich selbst erschrocken waren – die Gott fürchten.
„Daß in unserem Lande Ehre wohne“ – Was für eine Bitte: Lieber Gott, laß es eine Stelle geben, wo wir nicht enttäuscht werden! Im Johannes-Evangelium hören wir: „Das Wort ward Fleisch – das ist Jesus, der als Gottes Wort an uns Mensch wurde – und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ Mitten in die Welt, die nicht nach Gott fragt, ist Jesus eingezogen, um dort zu wohnen. Gott läßt sich finden. Jesus ist die Erhörung dieser Bitte. – In Ihm begegnen sich Güte und Treue; bei ihm sind Gerechtigkeit und Friede unzertrennlich, ja, sie küssen sich. Er ist treu und zuverlässig. Sein ganzer Leib, Sein ganzes Leben ist nicht nur eine Erhörung dieses Psalms, sondern vor allem ein Beweis, daß Gott Seine Versprechen einhält. Gott ist stabil. Wer diesen Psalm mitbetet, und und so zu Gottes Antwort getragen wird, der wird stabilisiert. Die Treue wächst und geht nicht unter.
„Gerechtigkeit schaut vom Himmel“ – Der Himmel ist über uns bestimmt, was auf Erden geschieht. Gottes Zorn hatte den Himmel bedrohlich gemacht. Wo Jesus ist, da ist der Himmel offen. Unter diesem Himmel hat man ein Daseinsrecht. Das ist höher als alles, was auf der Erde passiert und setzt sich durch.
Liebe Gemeinde. So ein Psalm ist sehr groß. Während wir uns in ihn einleben, während wir nachsprechen, was Israel gebetet hat, bis Jesus kam, geschieht noch mehr mit uns. Er leitet uns an, auf die Wiederkunft Jesu zu warten und uns auf sie zu freuen. Die Freude darauf, daß Gott alle Zeichen Seines Zornes wegnehmen wird und alles, auch wir, aufstrahlen, weil Gott sich für uns entschieden hat.

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Beitragsbild:

Sandro Botticelli: Hl. Augustinus in betrachtendem Gebet
um 1480, Fresko, 152 × 112 cm
Florenz, Ognissanti
Kommentar: Auftraggeber: wahrscheinlich aus der Familie der Vespucci (Wappen)
Land: Italien
Stil: Renaissance
[Botticelli, Sandro. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei, S. 962 (c) 2005 The Yorck Project]