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Predigt

Epiphanias

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Gnade sie mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus. Amen.

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arme hergetragen werden. Dann wirst du deine Lust sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen.

Jesaja 60, 1-6

HERR, segne dein Wort an uns, Dein Wort ist die Wahrheit. Amen.

Liebe Gemeinde!
Was in der Heiligen Nacht verborgen und abseits geschehen ist – im kleinen, unwichtigen Bethlehem; in einer armen Familie, die unbedeutend war – das wird nicht von der reichen, grellen, großen, wichtigen Welt überrollt. Der Sohn der Maria, der in Altkleiderresten eingewickelt auf Stroh, beim Viehfutter liegt, ist der Stern. Und alles andere verblaßt gegen ihn.
Epiphanias – wir nennen den heutigen Tag das Fest der Erscheinung. Der Sohn Gottes präsentiert sich. Er zeigt, wer er ist, er veröffentlicht sein Profil-Bild: So will er gesehen werden, so soll er gesehen werden, so wird er gesehen und erkannt werden.
Das heutige Evangelium führt es uns vor Augen. Die Weisen aus dem Morgenland kommen aus dem Nichts, vom Rande der Welt, aus der vollkommenen Fremde, und suchen dieses verborgene, arme Kind. Sie sind die ersten der weiten Welt, die von ganz draußen, aus der hoffnungslosen Gottesferne, die nicht einmal weiß, daß sie Gott nicht kennt, aus der Nacht zum Licht kommen. – Das Kind wirkt und ruft zu sich, und der Ruf wird gehört. Aber wie? Ein Stern? Am Himmel? So hoch, daß wegen dem Säugling in der Krippe 1000e Kilometer weit weg die schlausten Männer ihrer Zeit losgehen, und keine Ruhe haben, bis sie das Kind finden?
Und diese Wissenschaftler, die alles wissen, was man wissen kann, beten an. Sie bezeugen, daß dieses Kind höher ist, als alles, was sie wissen und kennen. Die Weisen machen aus dem Kind nicht etwas Morgenländisches. Sie machen aus dem Kind nicht ein Teil ihres Systems, wie man eine Briefmarke zu anderen Briefmarken ins Album klebt, oder wie man einen neuen Stern ins Lehrbuch einträgt und benennt. – Nicht Jesus kommt ins Album der Weisen, sondern die Weisen sind die ersten in Jesu Album. Jesus wird nicht Teil ihrer Sammlung, sondern sie werden Teil von Jesu Sammlung. Nicht die Weisen definieren Jesus, sondern Jesus definiert sie. Die Weltgeschichte geht nicht über Jesus hinweg, sondern hier klopft das Herz der Weltgeschichte.
Das ist Epiphanias: Jesus, der in Bethlehem geboren ist, wird von niemandem definiert – von Augustus nicht, der die ganze Menschheit durch einen Befehl in Bewegung setzt, von Herodes nicht, der mit geliehener Macht Schrecken verbreitet, von Pilatus nicht, der über die Soldaten Befehl hat, auch nicht von den Hohenpriestern, Pharisäern oder Schriftgelehrten, auch nicht von der Volksmasse in Israel, sondern Jesus definiert sich selbst; er definiert, wer zu ihm gehört, und was aus allen wird, die ihm angehören.
Wobei, man sollte nicht sagen, daß Jesus sich selbst definiert. Er läßt sich zwar von keinem Menschen definieren, aber er ist kein Individualist oder Anarchist, der nichts über sich anerkennt. Er läßt sich definieren durch die Verheißung Gottes in der Heiligen Schrift. Wer Jesus nur als eine historische Gestalt verstehen will, dem entgeht fast alles. Um Jesus zu erkennen, brauchen wir das Wort, das ihn angekündigt hat. Das ist sein Profil.
Unser Predigttext ist solch ein Wort, von dem Jesus sich definieren ließ. Als Jesus seine erste Predigt in einer Synagoge in Nazareth hielt, las er aus dem Buch der Propheten Jesaja, ein Kapitel weiter, Kapitel 61, und seine Predigt war: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Augen.“ (Lukas 4, 21).
Auch unser Predigttext erfüllt sich im Neuen Testament, im Machtbereich Jesu. Und wir sind auch im Machtbereich Jesu – oder etwa nicht? Lassen wir uns von etwas anderem definieren, als von der Botschaft Jesu? – Vielleicht von unserem Stolz, oder von unserer Angst, oder von unserem Erfolg, oder von unserem Scheitern? Von unserer Beliebtheit oder von unserer Einsamkeit? – Wie wir uns selbst definieren, das ändert ncht Jesu Profil in unserem Leben! – Und darum erfüllt sich dieses Wort der Schrift auch vor unseren Augen.
„Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt.“
Jesus bringt Licht. Jesus ist der Grund, aufzustehen. Das ist sein Profil. So definiert er sich. Im Johannes-Evangelium sagt er unzweideutig: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Johannes 8, 12; 9, 5; 12, 46). Jesaja hat das angekündigt. Das Licht der Welt wird in Israel, in Jerusalem, ankommen und aufscheinen, und nicht mehr ausgehen. Er hört nicht auf, zu scheinen und zu leuchten.
„Siehe Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker“ – Der Schatten des Todes will uns definieren: Du bist sterblich! – Die Finsternis der Lüge, vor allem des Selbstbetrugs, bedeckt uns. In uns selbst ist Finsternis, über die wir erschrecken müssen. Finsterer Haß, finsterer Neid, finstere Verzweiflung. Die greifen nach unserer Seele und wollen uns definieren. Es kann so dunkel werden, daß man den nächsten Schritt nicht sehen kann – auch als ein ganzes Volk.
„aber über dir geht auf der HERR und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ Trotz aller Bosheit der Menschen, und aller Finsternis der Gottesferne ist Jesus doch in diese Welt gekommen. „Das Licht scheint in der Finsternis“, schreibt der Evangelist Johannes, „ und die Finsternis hat es nicht ergriffen.“ (Johannes 1,5) – Die Finsternis hat es nicht verschluckt. Dieses Licht ist Licht geblieben und bleibt es. An einer Stelle im Evangelium kommt einer aus dem Schatten des Todes zu Jesus, ein Aussätziger, und bittet um Licht: „HERR, wenn willst, so kannst Du mich wohl reinigen.“ Ein tödlich ansteckender Mann. Und Jesus streckt die Hand aus, rührt den Halbtoten an, und spricht zu ihm: „Ich will’s tun, sein gereinigt.“ (Matthäus 8, 3-4). Der Aussätzige hat Jesus nicht angesteckt; Jesus hat ihn geheilt. Das Licht ist nicht im Todesschatten untergegangen, sondern das Licht der Welt hat den Mann aus der Finsternis herausgeholt. Das ist schon das ganze Evangelium. Jesus bringt das Licht, das stärker ist als alles Dunkel – in uns, oder außer uns. Er hat in Kapernaum, in Jerusalem ohne Unterbrechung geleuchtet und hell gemacht, und er tut es ununterbrochen bis heute. Das ist sein Profil.
„Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.“ – Wir haben schon gehört von den Weisen, die zu diesem Lichte gezogen sind. Sie kannten sich in der Welt bestens aus, auch am Sternenhimmel. Sie konnten alle Fragen beantworten, alles berechnen, ja, vorhersagen. Sie waren die hellsten Köpfe. Und nun lassen sie alles liegen und suchen das Licht. Auf einmal kommt ihnen alles finster vor. Alles, was Menschen ausgedacht haben, und planen. Sie haben keine Ruhe, denn sie müssen den Gott, der das alles geschaffen hat, kennenlernen. Ohne Gott ist das ganze Wissen ohne Boden, ohne Ziel, ohne Segen.
Das Licht geht auf und scheint, und macht damit deutlich: Das Licht ist nicht in mir. Im Gegenteil: „Das Licht ist in die Welt gekommen, doch die Menschen liebten die Finsternis mehr, als das Licht, denn ihre Werke waren böse.“ (Johannes 3, 19). Wenn Menschen zum Licht kommen, dann ist das ein Wunder, dann ist das etwas, was das Licht selber wirkt.
Die Kirche, die Gemeinde, jeder Christ, ist eine Wirkung des Lichts. Wir sind Kinder des Lichts. (Johannes, 12, 36; Epheser 5,9). Das Licht aus dem Neuen Testament, das Licht aus Bethlehem und Jerusalem, definiert uns, zeigt uns, wer wir sind.
„Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir.
Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arme hergetragen werden.“ Wir sind nicht allein. Wir sind sind im Album des Lichtes, wir sind Teil der Sammlung Jesu. Wir sind in derselben Menschenmenge, zu der die Weisen aus dem Morgenland gehören, und knien mit ihnen vor dem Kind. Mit uns beten mehr Menschen an, als wir uns vorstellen können.
In der Finsternis, im Schatten des Todes, ist jeder allein, trostlos allein. Das ist jetzt vorbei. Ein für alle Mal vorbei. „Hebe deine Augen auf und sieh umher.“ Im Stall und um in herum kommen Menschen herbei und es sammelt sich. Söhne kommen von ferne. Wir hätten uns sonst sicher nicht kennengelernt. Wer weiß, was wir uns ohne dieses Licht zu sagen gehabt hätten. Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Die Töchter werden auf dem Arme herbeigetragen werden. Gott will, daß sie dabei sind. Wenn getragen werden muß, dann wird eben getragen. Es ist genug Licht für alle da. Es wird niemals weniger.

„Dann wirst du deine Lust sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt.“ – Der Prophet Jesaja spricht mit dem Volk Israel, und wir hören dabei zu. Jesaja spricht zu denen, die Gott beim Wort genommen haben, und am Ende sind. Mit sich selbst und mit der Welt, und vielleicht auch mit Gott am Ende sind. Weil es zuviel Finsternis gibt. Jesaja verspricht ihnen, daß sie vor Freude strahlen werden, daß ihr Herz neu anfangen wird zu schlagen, und sich nicht weiter verschließen wird, sondern sich öffnen wird, für das, was passiert. Jesus sagt in Kapernaum: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Augen.“ Was Gott damals gemeint hat, was er im Sinn hatte, das ist jetzt da. Denn ich bin da. Und von ganz wo anders, wie aus dem Nichts, kommen Menschen, gehören dazu und bringen Gaben mit. Spenden, Zeit, Phantasie, Liebe. Das kann man sich nicht ausdenken. Und das ist alles Teil vom Licht, das über uns aufgeht.
„Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen,
Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen.“ – Waren die Weisen aus dem Morgenland aus Saba? Aus Arabien? Irgendwann kamen auch Menschen aus Arabien zu diesem Licht. Jesaja hat es kommen sehen, und alle seine Hörer und Leser haben sich 500 Jahre lang schon darauf gefreut. Wir treten in diese Freude ein, die zum Profil Jesu gehört. Er läßt sich nicht festlegen durch das, was wir verdorben haben. Im Stall von Bethlehem werden wir alle reich. Die Wunder, die wir erleben, gehören allen. Wenn mir gerade kein Wunder geschieht, dann kann ich mich immer noch mit denen freuen, die ein Wunder erleben.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Beitragsbild: Edward Burne-Jones (1833-1898), Die Anbetung der Heiligen Drei Könige, 1904