Osternacht

Der HERR ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.
Die Gnade unseres Herr Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

1 Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.
2 Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.
3 Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott.
4 Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.

Kolosser 3, 1-4

Gebet: Lieber Jesus, unser Herr, sei du unsere Auferstehung und unser Leben, wecke und finde den Glauben in uns, den der Tod nicht einfangen kann, und sei bitte so lieb, ihn zu schützen, auch vor uns selbst. Amen.

Liebe Gemeinde!
Geheimschriften! Ich meine die, die man erst nicht sieht, und nur dann, wenn sie erhitzt werden. Wer war nicht in seiner Kindheit davon fasziniert! Da liegt ein Blatt Papier – man sieht und vermutet nichts, aber: wenn man das Blatt dann richtig behandelt, dann wird die Schrift sichtbar. Mit Zitronensaft soll das funktionieren. Man schreibt mit Zitronensaft, und wenn man dann das Blatt Papier über eine Flamme hält, dann – o Wunder – offenbart sich wie aus dem Nichts die geheimnisvolle Schrift auf dem Papier. Man muß nur aufpassen, daß es nicht anbrennt!
Dieses Bild könnte uns helfen, die Worte des Apostels Paulus zu begreifen.
Es geht und die Geheimschrift Gottes in unserem Leben.
Paulus sagt: Was Gott durch den Glauben in euch schafft, das ist eine Geheimschrift – sie ist verborgen. Aber das wird nicht immer so bleiben. „Wenn Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden in Herrlichkeit.“ Wenn Jesus am Ende der Welt sich offenbaren wird – das wird sein wie die brennende Flamme, die dann die Geheimschrift Gottes auf dem Papierblatt unseres Lebens sichtbar machen wird. Früher hat man ja noch fotografische Filme „entwickelt“. Da war zunächst auch nichts zu sehen. Wenn der Film mit der richtigen Chemie behandelt wurde, dann kamen die Aufnahmen ans Licht – was bis dahin unsichtbar war, das wurde offenbar.
Wir Christen tragen Gottes Geheimschrift. Unser Predigttext sagt das mit kräftigen Worten:
„Ihr seid mit Christus auferstanden.“ Wie und wann? Als ihr getauft wurdet. Paulus schreibt an die Römer: „Wißt ihr nicht, daß alle, die wir in Christus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft, auf daß, wie Christus ist auferwecket von den Toten …. auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ (Römer 6). Die Taufe ist der Anfang. Gott fängt an mit Seiner Tinte in unserem Leben zu schreiben. Als erstes wird unser Name im Himmel aufgeschrieben (Lukas 10, 20). Wir sind durch die Taufe dazu berufen und bestimmt, ewiges Leben von Gott zu bekommen. Ein Leben, das nicht vom Tod geprägt, bestimmt, überschattet und runtergezogen und entstellt wird.
Diese Wahrheit ist eine geheime Schrift. Sie ist nicht offenbar. Ohne den Glauben kann man sie nicht sehen. Der Glaube kennt sie aber. Das Osterevangelium ist auch ein Teil der Geheimschrift Gottes in unserem Leben. Wir tragen das Geheimnis in uns, daß Jesus, der Sohn Gottes, der gekreuzigt wurde, auferstanden ist. Die Mächte des Todes konnten ihn nicht halten. Die Mächte des Todes konnten seine Taten nicht ungeschehen machen, sie konnten seine Worte nicht zum Schweigen bringen, sie konnten seine Liebe nicht auslöschen.
Das ganze Leben, und alle Worte Jesu zeigen uns aber, daß er alles, was er war, nicht für sich selber war, sondern für alle. Seine Auferstehung ist eine ansteckende Auferstehung, und keine isolierte Auferstehung. Darum nimmt er alle mit, die an ihn glauben.
„Darum sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.“ Jesus ist dazu auferstanden, für immer Recht zu behalten. Der Auferstandene spricht und handelt im Namen, mit der Kraft – und das heißt: Mit der Endgültigkeit Gottes. Er spricht, er tut – und nimmt nichts zurück.
Das sollte uns interessieren. Brennend interessieren! Darum sucht, was überlegen ist, wo Christus ist. Sucht, was nach allem, was bleiben wird, wenn diese Welt vorbei ist. Alles, was wir sehen und fühlen, ist vergänglich. Alles, was wir begehren, ist jetzt schon vergänglich. Was bleibt? Alles, was Jesus in uns bewirkt. Daß wir glauben, daß wir lieben, daß wir hoffen – das ist nicht eine Wirkung der Welt. Es ist nicht eine Wirkung unserer Entscheidung, oder unserer Erziehung, oder unserer Kultur.
Glaube: Daß Gott unser himmlischer Vater ist, der uns gewollt hat und will. Daß Jesus unsere Fehler trägt und Vergebung eröffnet. Daß der Heilige Geist uns Mut macht und in eine Gemeinde einfügt. Das alles sind Buchstaben der Geheimschrift Gottes. Sie ist jetzt schon da, diese Spur, und sie ist es, was am Ende offenbar werden wird.
Weil wir es aber jetzt nicht so sehen können, wie wir alles andere sehen können, sollen wir es suchen. Wir sollen danach trachten. Auf jeden Fall sollen wir als Christen nicht so leben und denken, als würde es diese Geheime Schrift Gottes nicht geben.
Wie weit dieses Suchen und Trachten geht, sagen uns die Worte:
„Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott.“
Das klingt erst einmal widersinnig, paradox. Denn wenn die Gemeinde in Kolossä schon tot ist, warum schreibt Paulus ihr einen Brief? „Ihr seid gestorben.“ So etwas kann nur im Wort Gottes eine sinnvolle Aussage sein.
Kurz davor wird uns gesagt, wie es gemeint ist: „Wenn ihr mit Christus den Mächten dieser Welt abgestorben seid.“ (Kolosser 2, 20). Wie ist Jesus denn den Mächten dieser Welt begegnet? Wie trat er dem Pilatus, den Hohenpriestern, aber auch den Soldaten, dem Verräter? Jesus war völlig unbeeindruckt. Sie hatten keine Macht über ihn. Er blieb immer ganz derselbe, der er immer gewesen war. Wir müssen das ausweiten: Jesus war zum Beispiel vom Geld gänzlich unbeeindruckt, er war von der Macht des Augenscheins, von der Macht des Begehrens, der Angst, von allem, was uns so beeindruckt, und aufscheucht und umtreibt, völlig unbeeindruckt. Er war dem allem abgestorben. Er hat selber gesagt: „Ich lebe von dem, was Gott sagt.“ (Matthäus 4, 4; 5. Mose 8,3) Und an einer anderen Stelle sagt er: „Meine Speise ist die, daß ich den Willen tue meines Vaters im Himmel.“(Johannes 4, 34). Weil er das lebte – darum konnte niemand ihm das Leben nehmen, weder die Hohenpriester, noch Pilatus, oder die Soldaten. So war Jesus den Mächten der Welt abgestorben. Er war von ihnen unbeeindruckt.
Wir tragen die Geheimschrift Gottes in und an uns. Die kann uns niemand nehmen. Und sie wird am Ende bleiben. Sie ist unser verborgenes Leben. Wer auf Gott hört, der wird gewissermaßen für die Welt taub. Darum wollen Christen immer wieder Gottes Wort hören, weil sie dann mehr von der Geheimschrift an sich tragen, die offenbar werden wird.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


Beitragsbild:
Die Osterkerze leuchtet in der dunklen Kirche

Karfreitag

Das Lamm, das gewürget ist,
ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum,
und Weisheit und Stärke,
und Ehre und Preis und Lob.
Gnade sei mit euch und Friede,
von Gott unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus. Amen.

32 Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, daß sie mit ihm hingerichtet würden.
33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.
34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.
35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.
36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig
37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber!
38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.
39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!
40 Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?
41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!
43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.
44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde,
45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riß mitten entzwei.
46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.
47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! 48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.
49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die
Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Lukas 23, 32-49

Gebet: O Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünde der Welt, erbarm dich unser, und gib uns deinen Frieden. Amen.

Liebe Gemeinde!
Heute ist die Grundsteinlegung der Kirche. Zwischen Vorher und Nachher ist ein himmelweiter Unterschied. Karfreitag ist der EINE Tag, der aus der Menschheit nicht mehr weggedacht werden kann. Es gibt einfach zu viele Kreuze überall, wo die Menschen sind, die können nicht auf einmal gelöscht werden. Sie alle zeigen auf das eine Kreuz, an dem der Sohn Gottes, der König der Juden, der Messias Israels hing. Hier wird das Alte alt, und das Neue bleibt ewig neu. Hier beginnt die Zukunft, die Gott für die Menschheit festgelegt hat. Ein altes Lied zum Palmsonntag sagt: „Gott herrscht vom Holz herab.“ Vom Kreuz aus beweist Gott, daß er Gott ist. Das wird bis zum Ende der Welt jeden vor den Kopf stoßen. Das kannst du dir nicht ausdenken. Vor allem: Hier am Kreuz und heute am Karfreitag etabliert Gott nicht nur für die Menschheit allgemein, sondern für dich und mich Seine göttliche Schaltstelle, wo Er, Gott, alles zum Guten wendet, alles. Das Kreuz ist der Hebel, der jede Last bewegen kann und bewegen wird. Und die größte Last ist nicht der Tod, sondern das, was den Tod verursacht, und die Ursache eines jeden Todes ist die Anklage von Gottes Gesetz. Du hast Gottes Gebot übertreten. Das ist der Grund, warum du dein Leben verlierst. Wenn es Hilfe geben soll, dann muß es hier Hilfe geben. Wenn es eine göttliche Macht gibt, dann muß sie sich gegen diese Last, die uns alle so fürchterlich runterzieht, dann muß sie sich gegen diese Last beweisen.
Der Heilige Lukas hat Augenzeugen befragt, und einen Bericht über den Karfreitag für uns zusammengestellt. Ohne den vollständigen Beistand Gottes, des Heiligen Geistes, hätte Lukas nicht ein passendes Wort gefunden, ohne die Inspiration und Eingebung des Heiligen Geistes hätte Lukas keine zwei Wörter nebeneinander setzen können, ohne zu verstummen und zusammenzubrechen unter dem, was da geschah.
Lassen wir uns nun vom Bericht des Lukas leiten. Es ist ein Schritt mit dem Heiligen Geist nach dem anderen.
Es fängt schon damit an, daß Jesus mit zwei verurteilten Verbrechern gekreuzigt wird. Einen zur Rechten, und den anderen zur Linken. Jesus mitten drin. Mit dieser Gesellschaft präsentiert Jesus sich der Weltöffentlichkeit. Das ist die schwächste, hoffnungsloseste Öffentlichkeitsarbeit. Die Verbrecher sind dort, weil das Gesetz sie zwingt. Jesus ist dort, weil der himmlische Vater ihn sendet, und weil die Liebe ihn zwingt. Daß es Verbrecher gibt, ist alt. Leider aber auch immer wieder neu. Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, fragten sich viele Menschen: „Hat die Menschheit noch nicht gelernt?“ Nein. Die Menschheit lernt nicht. Um dieses Alte alt werden zu lassen, geht Jesus unter die Verbrecher. Wenn Gott hier nichts Neues schaffen kann, dann gibt es eben nichts Neues. Über 500 Jahre früher hatte der Prophet Jesaja gesagt: „Er ist unter die Übeltäter gerechnet.“ (Jesaja 53, 12). Jesus geht ganz in das Alte, was nicht vergehen will, in die Sünde hinein. Da rekrutiert er, da sammelt er sein Volk.
Das Neue ist also: Der von keiner Sünde wußte, wurde für uns zur Sünde gemacht. So sagt es uns die Epistel, die wir eben gehört haben. (2. Korinther 5, 21). Gott der Vater hat Gott den Sohn zur Sünde gemacht; und Gott der Sohn hat das erduldet, gehorsam erduldet. Das ist wirklich ganz neu.
Dann kommt das Gebet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Sie machen Gott kaputt, und merken es nicht. So sind wir Sünder: Wir machen Gott kaputt und jammern dann, daß wir ihn nicht sehen. Das ist das Alte, was immer wieder neu ist. Es ist zum Verzweifeln.
Die Soldaten wußten ganz genau, was sie taten. Kreuzigen war ihr Handwerk. Sie waren Teil vom römischen System. Das System funktionierte. Das war alt. Aber es wurde nicht alt. Immer wieder aufs Neue kommen Systeme, die Menschen finden, die es nicht geben sollte. Alle vier Evangelisten sagen uns: Jedes System hätte Jesus gekreuzigt. Auch eine Demokratie. Das ist alt. Das Neue ist: Jesus vergibt ihnen. Er unterbricht den Teufelskreis von Rache, Vergeltung. Überhaupt ist Beten der Anfang von allem Neuen. Nicht-Beten, das ist alt. Jesus betet aus dem Nichts. Im extremen Leiden sieht er noch, wie die Soldaten sich selbst schaden, wenn sie ihn kreuzigen, und bittet seinen Vater, diesen Schaden zu verhindern. Das wird immer neu sein, immer ein Anfang. Dieses eine Gebet ist der Hebel. Im System der Welt wußten die Soldaten, was sie taten. Jesus betet, und fängt sein System an, es ist das Reich Gottes.
Die Soldaten behandeln ihn schon wie einen Toten: Sie würfeln um seinen letzten Besitz, seine Kleider. Das ist alt. Und immer wieder neu. Wehrlose werden beraubt. Das ungenähte Gewand hatte Jesus wahrscheinlich von seiner Mutter. Jetzt bestimmt der blinde Zufall, wem es gehören soll. Die Liebe darin wird brutal gelöscht. Das ist alt. Das Neue ist: Jesus betet einen Psalm, der genau das beschreibt: Sie teilen meine Kleider unter sich, es ist Psalm 22. Sie wissen nicht, was sie tun, sie erfüllen eine Prophezeiung. Danke, Soldaten! Noch ein Beweis, daß Jesus von Gott kommt! Das ist neu. Jesus lebt noch, und wir schon wie ein Toter behandelt. Jesus nimmt diese Unmenschlichkeit auf sich, damit Gott alle finden kann, die darunter begraben sind. Er nimmt das auf sich, um die Verlorenen zu finden, die ihre Identität verloren oder selbst zerstört haben. Das ist etwas Neues, das nicht alt werden kann. Das ist gut für uns alle. Auf jeden Fall für die, die fühlen, wie ihre Identität ihnen entgleitet, und keiner ist da, das aufzuhalten. Der Sohn Gottes ist schon da. Die Soldaten befördern ihn dort hin. Da findet er die verlorenen Seelen. Das ist neu, und wird immer neu bleiben.
Dann kommt der Spott. Die Hohenpriester stimmen auf einmal mit den Massen überein, ja sie stimmen mit den Verbrechern überein, mit denen sie sonst niemals zu tun haben würden: „Andern hat er geholfen, und kann sich selber nicht helfen!“ In seinem Leiden leistet Jesus die größte Inklusion aller Zeiten. Hohepriester, Verbrecher und die Leute da draußen. Sie sind sich alle einig über ihn. Im Spott. Das ist alt. Und immer wieder neu. Das Alte triumphiert: Jesus hat doch nichts Neues gebracht! Es bleibt alles beim Alten. Das Böse siegt immer. Dann lieber spotten. Ist es nicht furchtbar? Die größte Ökumene ist die der Spötter, der Zyniker: Helfen lohnt sich nicht, am Ende ist der Helfer der Dumme. Das ist das System der Welt. Die Spötter sind aber die Erbärmlichsten, die am dringendsten Hilfe brauchen. Jesus sieht das, und im Leiden schafft er ihnen Hilfe. Das ist neu. Die Spötter werden alt aussehen. Neu wäre es, wenn sie dann seine Hilfe annehmen.
Schließlich berichtet uns der Evangelist zwei Wunder. Wir erleben mit, wie Gott der Vater das Gebet seines Sohnes schon erhört. Wir hören von zwei Menschen, die Jesus in sein Reich aufnimmt in der letzten Stunde seines Lebens. Der erste ist der Schächer, der neben ihm hängt. Er ist genau das Menschenmaterial, das Jesus für sein neues System sucht: Dieser Verbrecher, der sein Leben nie wieder gut machen kann. Es ist ein weggeschmissenes Leben, dem Terror gewidmet. Dieser Mann sagt: Ich hänge zu recht hier. Dieser Jesus aber nicht. Das ist neu. Dann sieht er auch noch, daß Jesus hier der wirklich mächtige ist: „Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Er sieht und spürt, wie das Alte alt wird, und erkennt, daß Jesus das Neue, das Ewige bringt. „Denk an mich!“ Mehr nicht. Aber das ist der Anfang. Und Jesus antwortet: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Der, den das System der Welt schon abgeschrieben hat, aufgegeben – der spricht hier als der Herr des Paradieses, als der, der die Macht hat, Seelen ins Paradies zu bringen. Das ist neu, das wird nicht mehr alt. Dieses: „Gedenk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ – diese Worte hat der Heilige Geist aus dem Nichts in das Leben des Schächers hineingesprochen. Da hat die Kirche angefangen, der wir heute angehören. Das ist der Anfang der neuen Schöpfung, die nicht veralten wird.
Der zweite Kandidat ist der Hauptmann, der Offizier, der dafür gesorgt hat, daß auf Golgota richtig gekreuzigt wird. Der Verbrecher war gegen Rom, dieser Hauptmann repräsentierte Rom. Im System der Welt waren sie Gegensätze, Feinde. Aber hier werden sie in das neue System Jesu eingefügt. Der Schächer sagt: „Dieser hat nichts Unrechtes getan.“ Und der Hauptmann sagt: „Fürwahr, dieser ist ein frommer Mann gewesen.“ Das sagt ein Offizier. Offiziere sind äußerst sparsam mit anerkennenden Worten. Damit gibt er ja zu: Ich habe Unrecht getan. Wenn es wieder gut werden soll, dann kann das nur Gott machen.
Das sind die Mitgliednummern 1 und 2 von unserem Verein. Ein Terrorist und ein Folterer. Sie stehen dafür, daß das Alte endlich alt geworden ist, und daß das Neue bleiben wird.
Wenn Gott mit ihnen unter dem Kreuz etwas anfangen konnte, dann doch auch mit dir.
Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


Beitragsbild:

The Crucifixion
Francesco Botticini (1446–1497) (attributed to)
The National Gallery, London

Gründonnerstag

Das Lamm, das gewürget ist,
ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum,
und Weisheit und Stärke,
und Ehre und Preis und Lob.
Gnade sei mit euch und Friede,
von Gott unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus. Amen.

16 Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?
17 Denn ein Brot ist’s: So sind wir viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.

Korinther 10, 16-17

Gebet: O Jesus Christus, unser lieber Herr, Du Brot des Lebens, Speise für unsere Seelen – hilf uns heute abend, Deine mächtige Liebe in dem Sakrament des Altars zu erkennen und anzunehmen. Amen.

Liebe Gemeinde!
Eine junge Christin war in Indien als Touristin unterwegs. Es war eine andere, eine faszinierende Welt, und das in vielen Hinsichten. So kam sie zu einem Tempel, der besonders beeindruckend sein sollte. Hier wurde aber erwartet, daß man beim Eintreten etwas Erde, die der Gottheit geweiht war, auf die Zunge bekommt, um dann eintreten zu können. „Was ist schon dabei? Ich glaub ja nicht daran!“, und schon hatte sie den trockenen Staub im Mund und geschluckt und war durch die Tür und schaute sich die Bilder, Farben und Figuren im Inneren des Tempels an. – Was ist schon dabei?! – Der Körper und die Seele haben da ihre eigenen Gesetze. Sie erzählte mir, daß sie danach eine Bindung und eine Belastung spürte, von der sie erst wieder frei war, als sie diese Begegnung vor Gott aussprach und sich davon lossagte. Es war nur ein wenig Erde, es ging nur um eine kleine aufregende Besichtigung, und doch war es größer, auf jeden Fall größer als sie. Sie konnte diese Begegnung nicht einfach als ein Urlaubserlebnis unter anderen ablegen und wie ein Foto einkleben. Es war eher so, als würde sie die Macht verlieren, und sie als Person würde in ein anderes Album geklebt werden. Großer Unterschied! Ungefähr so groß wie: Nicht ich verdaue das Essen, indem ich es in mein Leben integriere, sondern mein Leben wird in eine andere Wirklichkeit integriert.
Heute abend hat Jesus eine Speise und einen Trank – und ein Essen und ein Trinken eingesetzt. In der Nacht, als er dem Tod übergeben wurde – von Judas, dem Verräter, von den Hohenpriestern, von Pilatus, von den Soldaten, von dem Volk – alle alle allesamt stimmten ein: Dieser Mensch muß weg! Und Jesus hat es ja kommen sehen! In dieser Nacht, als seine Vernichtung an Leib und Seele schon beschlossen war, und auch sein Gedächtnis ausgelöscht werden sollte, brachte Jesus seinen Leib und sein Blut dorthin, wo er, und wo Gott selbst, den Leib und das Blut haben wollte. Nach dem Willen des Pontius Pilatus, der Hohen Priester und des Volks sollte dieser Leib namenlos verwesen, ins Nichts hinein, und alles sprach dafür, daß das so kommen würde. Doch Jesus legt fest: „Mein Leib, der für euch aus Liebe und in Freiheit gegeben wird, gehört allen, die zu mir gehören. Mein Blut, in dem das Leben ist, das als ein Opfer bewußt und freiwillig vergossen wird, das gehört allen, die zu mir gehören.“ Vor den Augen der Welt wird er am Kreuz vernichtet, aber in den Augen Gottes und in den Augen des Glaubens geschieht dieses Opfer der Liebe. An diesem Abend legt Jesus fest, daß Seine Liebe nicht zerstört werden soll durch alles, was Menschen tun, in dieser Nacht, morgen am Karfreitag.
Jesus bleibt der Herr über Seinen Leib und Sein Blut. Kein Mensch, aber auch keine Tat, keine Macht, auch nicht der Tod, bestimmen über diesen Leib und dieses Blut. Jesus ist aus dem Grab auferstanden, mit einem verklärten Leib, der auch Blut in sich hatte.
Denken wir daran, wenn wir nun noch einmal hören, was Paulus schreibt:
„Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?“
Schon Paulus hat in seiner Gemeinde den Kelch genommen, der mit Wein gefüllt war, und hat ihn gesegnet. Wie? Mit den Worten, die er empfangen hatte, mit den Einsetzungsworten, die auch wir heute abend hören werden. Paulus hat das getan, weil Jesus selbst, als er das Neue Testament festlegte, gesagt hatte: „Solches tut zu meinem Gedächtnis!“. Das war ein Befehl, ein Befehl unter der Macht des HERRN, der sich aus Liebe geopfert hatte, und dessen Liebe über den Tod triumphiert hatte. Unter dieser Macht hat Paulus den Kelch und das Brot gesegnet. So wie wir es auch tun, so hat er die Worte aus dem Evangelium wiederholt. Dort hören wir, daß Jesus selbst auch den Kelch nahm, dankte, und sprach: „Trinket alle daraus, das ist das Neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen ist zur Vergebung der Sünden.“ Durch den Segen, durch die Einsetzungsworte wird der Kelch unter die Macht der Person gestellt, die diese Worte gesprochen und festgelegt hat. Natürlich auch sein Inhalt, der Wein. Jesus bestimmt, was dieses Brot und was dieser Wein ist.
Mit der Segnung, der Konsekration, werden auf Befehl des Herrn Jesu Brot und Wein ausgesondert, beiseite gelegt, ausgewählt für einen klar festgelegten Zweck. In der Liturgie soll das klar und deutlich sein. Die Elemente werden in besondere Gefäße getan und auf den Altar gelegt.
Oft wird gesagt und gefragt: Ja, aber war das denn in der Nacht, da er verraten war, auch so? Hatte Jesus silberne, oder sogar goldene Gefäße? Haben die Jünger gekniet? Und so weiter … Der große Unterschied ist einfach: Sie hatten Jesus leibhaft vor Augen, damit war alles besonders und heilig. Außerdem erfaßten die Jünger noch nicht, was da geschah. Sie rechneten ja mit nicht mehr, als mit einem Passamahl, wie es jedes Jahr gefeiert wurde. Liebe Gemeinde, wir wissen, daß dieses Mahl anders ist, als alle anderen Mahlzeiten, und darum ist das Geschirr anders, unsere Haltung anders. Darum werden der Glaube und die Liebe zu Jesus das mit Ehrfurcht zum Ausdruck bringen. Was wir da essen und trinken, das kommt von ganz ganz oben. Sollte ich da nicht niederknien? Soll es meinen Augen nicht gezeigt werden, daß es ein Schatz ist? Wenn ein Ehrengast kommt, dann zeige ich das in dem, was ich anziehe, ich räume auf, ich mache ihm Platz, so gut ich kann. Jesus ist der Ehrengast über alle Ehrengäste. Sollen irdische Ehrengäste es besser haben, als der Sohn Gottes?
Der Kelch wird gesegnet – mit Worten Jesu wird ausgesondert. Das Brot wird gebrochen – damit wird es zur Mahlzeit bestimmt, zur Austeilung. Das Brotbrechen hat keine symbolische Bedeutung: Etwa so wie das Brot jetzt gebrochen wird, so wurde Jesu Leib gebrochen. Man hört das immer wieder. Dabei sagt der Evangelist St. Johannes ausdrücklich, daß ihm kein Bein gebrochen wurde (Johannes 19, 35-36). Dem Brechen des Brotes entspricht das Einschenken des Weins – das wird ja auch nicht als Symbol für das Blutvergießen vorgeführt.
Und nun das große Wort: „Gemeinschaft“.
Der Kelch: ist der nicht die Gemeinschaft am Blut Christi?
Das Brot: ist es nicht die Gemeinschaft am Leib Christi?
Es wird auf jeden Fall eine Verbindung hergestellt. Die Elemente, Brot und Wein, schaffen durch die Einsetzung Jesu eine Verbindung zu Seinem Leib und zu Seinem Blut. Paulus spricht hier nicht von Gedanken oder Vorstellungen. Das Abendmahl ist nicht in erster Linie dazu da, Gedanken oder Vorstellungen herzustellen. Das ist eine Wirkung, aber nicht die Sache selbst. „Gemeinschaft“ heißt hier: Ich habe Anteil am Leib und Blut Christi. Es wird mir zu essen und zu trinken gereicht. Es wird Meins.
Vergessen wir aber nicht, daß Jesus die Macht über seinen Leib und sein Blut niemals abgibt oder verliert. Also wird das Sakrament nicht zu etwas, was ich daraus für mich mache. Es bleibt das, was Jesus daraus gemacht hat. Darum bekennt unsere Kirche auch, daß nicht nur die Gläubigen Jesu wahren Leib und wahres Blut im Abendmahl empfangen, sondern alle. Die einen zum Segen, die anderen zu ihrem Schaden.
Jesus ist als Person da. Aber er hat festgelegt, daß er als Leib und Blut da ist. Leib und Blut werden nur durch Gewalt voneinander getrennt. Das geschah beim Opfer. Jesu Tod, bei dem sein Leib und sein Blut getrennt wurden, war sein Opfer. Jesus will ungetrennt von seiner Opfertat bei seiner Gemeinde, bei uns sein. Die Gemeinschaft mit Ihm ist immer auch die Gemeinschaft mit seinem Opfer. Wir haben da keine Wahl! Nur so können wir Jesus haben – so, oder überhaupt nicht.
Was heißt es nun, Gemeinschaft an Jesu Opfer zu haben?
Die wichtigste Bedeutung ist: Die Liebe zu uns, die Jesus getrieben hat, diesen Weg für uns zu gehen, diese Liebe meint wirklich mich und dich, sie gilt uns, sie gehört uns. Diese Liebe findet sich in der Vergebung für unsere Sünden. Dafür hat Jesus sich ja geopfert. Daß es Vergebung für uns gibt. Wer das Abendmahl empfängt, der bekennt damit: Ich brauche Vergebung. Wer so lebt, daß es sich von Gott nichts sagen läßt, und mit seinem Nächsten unbarmherzig ist, der zeigt damit: Ich brauche keine Vergebung, der muß sich fragen, was er eigentlich beim Abendmahl sucht.
Die Gemeinschaft am Opfer Jesu bedeutet deshalb auch: Ich erkenne mich wieder in denen, die Jesus ausgeliefert und ans Kreuz gebracht haben. Mein Leben, meine Gedanken, meine Worte und meine Taten beweisen es: Ich wäre nicht besser gewesen als alle in der Passionsgeschichte. Unser Gesangbuch spricht das klar aus: „Wer hat dich so geschlagen, mein Heil, und dich mit Plagen, so schändlich zugericht? Du bist ja nicht ein Sünder wie wir, und unsere Kinder, von Übeltaten weißt du nicht. – Ich bin’s, ich sollte büßen, an Händen und an Füßen, gebunden in der Höll …“. Oder an anderer Stelle: „Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen? Ach, meine Sünden haben dich geschlagen …“. Das ist nicht hochfliegende Poesie. Wenn wir glauben, daß Jesus da ist, und daß wir ihm begegnen, dann ist dieses Bekenntnis Teil der Begegnung.
Doch das ist nicht das Ziel. Das Ziel ist die Heilung, die Vergebung, der Freispruch. Jesus ist das Lamm Gottes, das uns die Last abnimmt. Er kommt, um die Anklage zum Schweigen zu bringen.
Die Gemeinschaft am Brot und am Kelch bringt auch mit sich, daß die Teilhaber daran sich nicht verzweifelt an die Güter und Freuden dieses Lebens klammern, als gäbe es nichts danach. Die Gemeinschaft am Opfer Jesu schließt ein, daß auch wir zum Opfer bereit sind. Das Wertvollste haben wir schon, und nichts kann uns davon trennen. Das wird uns tragen und trösten, wenn wir in diesem Leben einmal verzichten müssen.
Liebe Gemeinde! Wäre es nicht traurig, wenn wir das Abendmahl feiern und empfangen würden, ohne diese großen Wahrheiten zu wissen? Ist es aber nicht auch so, daß kein Mensch von selbst auf diese Wahrheiten kommen kann? Darum finde ich es richtig, wenn wir vor einer Zulassung zu Abendmahl auf eine Verständigung dringen. Ich würde diese Verständigung gern noch viel gründlicher pflegen! Manche stören sich daran. Ich kann nicht verstehen, warum. Ein Christ wird doch gerne bezeugen, was er glaubt! Es gibt auch Christen, die mit Überzeugung vor dem ersten Abendmahlsempfang als Gäste zu mir kommen, und über diese Dinge sprechen. Es ist eine kostbare Gelegenheit für jeden Christen, mit Verantwortung zu tragen für diese Glaubensgeheimnisse, die uns anvertraut sind!
Die junge Frau, die in Indien ein wenig Staub vom Götzentempel nicht gut verdauen konnte, mußte merken: „Dies alles ist größer als ich!“
Beim Abendmahl soll alles darauf hindeuten, wie groß das ist, was da passiert.
Der gesegnete Kelch und das gesegnete Brot fügen uns ein die die große Tischgemeinschaft des Sohnes Gottes. Nicht wir verdauen das Sakrament, sondern das Sakrament veredelt uns. Etwas Größeres kann es nicht geben. Eine Tischgemeinschaft, die der Raum nicht begrenzen kann, auch nicht die Zeit. Wir haben dieselbe Begegnung, dieselbe Vergebung, denselben Trost wie die Apostel, wie alle Christen bisher – und auch mit denen, die noch kommen. Diese Tischgemeinschaft ist getragen von dem, der sich für einen jeden von uns feierlich entschieden hat, und alles getan hat, daß die Gemeinschaft nicht kaputtgeht.
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


Beitragsbild: Byzantinisches Mosaik der Fußwaschung der Jünger in der Kathedrale von Monreale , Italien

Judika

Das Lamm, das erwürget ist,
ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum
und Weisheit und Stärke
und Ehre und Preis und Lob.
Gnade sei mit euch und Friede,
von Gott unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

35 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, daß du für uns tust, um was wir dich bitten werden.
36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, daß ich für euch tue?
37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, daß wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. 38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wißt nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?
39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;
40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.
41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.
42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wißt, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.
45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Markus 10, 35-45

HERR, segne Dein Wort an uns, Dein Wort ist die Wahrheit. Amen.

Liebe Gemeinde!
„Ihr wißt nicht, was ihr bittet!“ – „Es ist nicht das, was du denkst!“
Johannes und Jakobus wollen dabei sein, wenn Jesus sein Reich verwirklicht. Sie wollen sich einbringen, wenn Jesus anfängt, seine Macht, seinen Willen endlich wirklich umsetzt. Ganz nahe! „Einer zur Rechen und den anderen zur Linken in deiner Herrlichkeit.“ Wir denken gleich: Die wollten Privilegien, sie wollten mit von dem Schein einfangen, der von Jesus ausgehen würde, ganz oben an sein, am Zentrum der Macht. Es gibt das. Das Menschen ein Gespür haben für Macht, und sich dann dranhängen und anpassen und einbringen, in der Hoffnung, daß sie ihr Leben absichern in jeder Hinsicht.
Aber überlegen wir kurz: Johannes und Jakobus hatten bis dahin Jesus gute drei Jahre begleitet. Sie hatten gesehen und gehört, wie Jesus wirklich Gutes tut. Jesus hat gepredigt wie kein anderer Mensch. Er hat die, die jeder übersieht, oder mit denen niemand klarkommt, beachtet, ja die Verlorenen gesucht und gefunden. Heilungen und Wunder. Ja, und nicht zu vergessen: Er hatte klare Antworten für die Überheblichen, für die Arroganten. Jesus war von keiner Macht beeindruckt.
Johannes und Jakobus konnten sich das nicht anders vorstellen: Wenn Jesus an die Macht kommt, dann wird es genau so weitergehen – also mindestens! – Das Reich Gottes konnte doch nur so aussehen, wie Jesus das bisher angedeutet hatte. Auch wir hätten uns das nicht anders vorstellen können. Das alles – Wunder, Heilung, Wort Gottes, das direkt vom Himmel zu Herzen geht – das alles, und noch viel mehr! Wer wollte da nicht dabei sein? Wer wollte da nicht sich voll und ganz einbringen, es unterstützen, und sich mitfreuen, wenn mehr geheilt wird, wenn mehr Hungernde gespeist werden, wenn mehr Erschrockene getröstet werden, wenn mehr Verlorene gefunden werden?
„Ihr wißt nicht, was ihr bittet!“, sagt Jesus. „Es ist nicht das, was ihr denkt“, sagt Jesus.
„Ihr wißt nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?“ – Der Weg zum Königsthron sieht anders aus, als ihr denkt! Der Übergang zur Macht wird nicht eine glatte Steigerung, nicht eine bequeme Aufwärtsbewegung sein. Es gibt da einen Kelch, es gibt da eine Taufe. Die biblische Sprache deutet damit Schweres, Hartes, Bitteres, Schmerzhaftes an.
Jesus hatte bis dahin mehrfach seinen Jüngern klargemacht, daß der Menschensohn würde leiden, ja auch sterben müssen. Johannes und Jakobus werden schon geahnt haben, daß Taufe und Kelch in diesem Fall kein Zuckerschlecken bedeuten.
Aber sie waren entschlossen, sie waren bereit. Ist doch klar – wenn es um Gottes Sache geht, dann muß man bereit sein, etwas auf sich zu nehmen. Sie hatten schon mitbekommen, daß Jesus im Kampf stand, daß er Feinde hatte, die sein Reich unbedingt verhindern wollten.
„Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir.“ Sie trauen es sich zu.
Wissen sie jetzt, was sie bitten?
Liebe Gemeinde, wissen wir, was wir bitten, wenn wir im Reich Gottes dabei sein wollen? Wenn wir bereit sind, im Reich Gottes eine Aufgabe übernehmen? Als ich mich für das Predigtamt entschied, da hatte ich auch Vorstellungen: Dienst am Wort Gottes in Seiner Gemeinde. Das kann nur eine Freude sein. Seelsorge, Unterricht, Kirchenmusik, Liturgie …. es war eine schöne Aussicht für mich. Daß es auch mühsam sein könnte, das dachte ich mir schon. Ich war bereit. Aber wußte ich, was ich bitte, worauf ich mich einlasse?
Jesus macht Johannes und Jakobus klar: Er, Jesus, ist nicht derjenige, der von Oben nach Unten Privilegien verteilt. „Zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.“ Im Machtbereich Jesu sortieren sich die Verhältnisse einfach anders. Wer dabei sein will, wenn Jesus, der Sohn Gottes seine Macht ausübt, der wird auf ganz andere Weise befördert und an seinen Platz gebracht.
Doch zunächst hören wir, wie die anderen Jünger reagieren:
„Als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.“ Was? Die beiden wollen höher stehen als wir? Sie wollen im Vorfeld in geheimen Verhandlungen sich ihren Platz sichern? – Unmöglich!! – Aber warum eigentlich? – Wollten sie selber einen Ehrenplatz haben? Wollten sie Johannes und Jakobus nicht über sich akzeptieren?
Keiner der Zwölf wollte ganz unten sein. Das war jetzt klar.
Darum muß Jesus sie noch einmal beiseite nehmen.
„Ihr wißt, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“
Nicht nur Johannes und Jakobus, sondern alles 12 Jünger hatten nun offenbart, daß sie vom Reich Gottes, von der Macht Jesu noch nichts begriffen hatten. Wer nach oben will, der wird Jesus dort nicht antreffen. Das ist so, wie wenn man Jesus oben in der Kapitänsbrücke eines Schiffes vermutet und sucht, und er ist unten im Maschinenraum.
Jesus hat eine andere Macht, und die übt er anders aus.
Die Jünger hatten bis jetzt nur die Spitze des Eisbergs gesehen. Die schönen und guten Erlebnisse mit Jesus waren die Spitze des Eisbergs. Das alles aber war getragen von dem, was Jesus im Verborgenen tat und erlitt.
Während Jesus zum Beispiel einen Blinden heilte, trug er in sich die große Last, daß Gottes Schöpfung so angetastet war. Der Sohn Gottes durchlitt die Finsternis, die sogar sehende Menschen in sich hatten. Er heilte ja die Blinden, um den SEHENDEN die Augen zu öffnen. Denn wer nicht überall Gott selbst am Werk sieht und Gott unablässig dankt und preist, der ist bei sehenden Augen blind.
Jesus sprach zu solchen, die sich für sehend halten: „Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde.“ (Johannes 9, 41). Jesus trägt die Gottesferne, die Blindheit für Gott, er begibt sich unter sie, mit unendlicher Geduld.
Jede Heilung, jede Predigt war im Verborgenen ein Kampf für uns Menschen an einer Stelle, die wir nicht merken. Ein Kampf gegen den Unglauben. Das ist der schwerste Kampf. Es ist ein blutiger Kampf. Das Kreuz, das Leiden, diese ganze Schrecklichkeit ist der Eisberg, der im Verborgenen die Wunder und alles Positive des Reiches Gottes trägt und hervorbringt.
Jesus übt Macht aus durch Dienst.
„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ Er ist wie ein Arzt, der um das Leben eines Patienten kämpft, und dabei oft noch gegen den Patienten kämpfen muß. Es muß tiefer gehen als unsere Dummheit. Er muß tiefer gehen, als unseren Egoismus, er muß tiefer gehen, als unsere Trägheit. Da tut Jesus sein Ding, das ist sein Reich.
Am Karfreitag wird das offenbar, was schon die ganze Zeit passiert. Jesus betet für uns alle: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Wir sind alle auf der Seite von den Hohenpriestern, Pilatus, den Soldaten, den Spöttern …. unser tägliches Verhalten beweist das. Denn jeder, der oben sein will jeder, der die beneidet, die oben sind, handelt so.
Johannes und Jakobus mußten noch erkennen, daß Jesus noch einen großen Dienst an ihnen vorhatte. Sie mußten noch erkennen, daß die verborgene Masse des Eisbergs sie erreichen mußte. Dieser unglaubliche Dienst des Sohnes Gottes, der sich unter die Last begab, bis dahin, daß er sein Leben hingab.
Wer von uns ist denn bereit, einzusehen, daß dieser Dienst für sich notwendig ist?
Im Reich Gottes, ja auch in der Gemeinde im Gottesdienst ist es auch so. In der unsichtbaren Welt ist kein anderer als Jesus selbst durch sein Kreuz damit beschäftigt, uns zu dienen, uns zu heilen, unsere Augen aufzutun, uns an Leib und Seele zu speisen. Da ist seine Macht.
Und man kann wirklich die Erfahrung machen: Wenn ich diese Macht der Gnade einmal erlebt habe, dann sehe ich die Gemeinde, die Kirche, den Gottesdienst, mit anderen Augen. Jesus sammelt und sortiert anders als die Welt, anders als die Mächtigen dieser Welt.
Wer im Reich Gottes eine Aufgabe hat, der wird an Stellen dienen müssen, mit Schwächen kämpfen, da würde die Welt der Mächtigen sich an den Kopf fassen. Aber wir wissen, Jesus ist noch tiefer, noch geduldiger …. mit mir.
Im Reich Gottes wissen wir das voneinander, früher oder später. Das ist keine Drohung, sondern ein unerschütterlicher Trost.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.

Okuli

Gnade sei mit euch und Friede,
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

1 Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte.
2 Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!
3 Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.
4 Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.
5 Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iß!
6 Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
7 Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iß! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
8 Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.
9 Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia?
10 Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, daß sie mir mein Leben nehmen.
11 Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben.
12 Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.
13 Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.

1. Könige 19, 1-13

HERR, segne Dein Wort an uns, Dein Wort ist die Wahrheit. Amen.

Liebe Gemeinde!
Schon wieder ein ernster Predigttext! Doch ernste Dinge wollen angesprochen werden. Wir müssen wissen, daß wir mit den ernsten, schweren Dingen nicht alleine fertig werden müssen, oder auch können.
Ein lebensmüder Prophet, der Gott bittet, zu sterben: „Es ist genug! So nimm nun, HERR, meine Seele! Ich bin nicht besser, als meine Väter.“
Das ist jetzt nicht deine oder meine Depression. Hier ist einer, der alles gegeben hat – nur für Gott. Elia hatte ohne menschliche Rückendeckung das Volk Israel zu Gott zurückgerufen. Er hat am eigenen Leib den Zorn von Menschen erlitten, die keinen Gott über sich anerkannten, sich nichts sagen ließen, und aus ihren Begierden eine Religion nach der anderen machten. Elia hat im Namen des HERRN, des Schöpfers Himmels und der Erde, gegen Baal gekämpft.
Baal – Ein Götze, der Erfolg, Reichtum, Fruchtbarkeit, Rausch, Wollust versprach, der das Begehren der Menschen nach alledem ganz und gar als berechtigt bejahte und gegen Opfer alle Wünsche erfüllte. Das Leben ist erst wirklich, wenn ich es steigere, intensiviere. Leben an sich ist nichts, es muß Erfolg her, es muß Besitz her, alle Sinne – die Augen, die Ohren, der Gaumen, die Zunge – die müssen alle durch intensive Erfahrungen überwältigt und in Rausch gebracht werden. Der Mensch lebt erst, wenn sich alles steigert, groß wird, viel wird, immer mehr, immer krasser. Das hat seinen Preis. Opfer sind nötig, den Götzen herumzukriegen. Aber die Opfer nimmt der Mensch gern auf sich, wenn er glauben darf, daß der Götze, diese unheimliche Macht, seine tiefen Sehnsüchte versteht und bestätigt.
„Du willst das? Du kannst nicht anders? Ich versteh das.“ So spricht Baal. Gott spricht anders.
Die rauschhaften Opfer und Feste ließen es fühlen: Hier ist alles möglich! Die Erfüllung meiner Sehnsüchte ist in Reichweite, das Ende meiner Sorgen ist nahe!
Das war unwiderstehlich, wie eine Hypnose. Israels König Ahab hatte eine Frau geheiratet, die kannte sich damit aus, Isebel. Ein König, der die Bedürfnisse des Volkes eins zu eins bediente, wenn das kein Programm war! Da war der eine Gott Israels mit Seinen Geboten aus dem Sinn verschwunden. Ja – irgendwie durfte er sicher vorkommen, aber den Baal durfte niemand aufhalten.
Dann kommt Elia. Er ruft zurück. Gegen die ganze Hypnoseist es schier aussichtslos. Doch schließlich kam es zu dem Showdown auf dem Berg Karmel. – Gott der HERR, oder Baal!
Gott ließ ein Wunder für Elia geschehen. Die Baalspriester sahen auf einmal alt aus. Der Prophet hat sie auf Gottes Befehl alle getötet. Ein furchtbarer Auftrag. Im Neuen Testament gibt es das nicht, aber die Wahrheit, für die Elia kämpfte gegen den Baal, die gilt auch im Neuen Testament.
Jetzt hatte Israel einen spektakulären Beweis für Gottes Überlegenheit. Das Volk akzeptiert das. Aber die Mächtigen nicht. Isebel, die Königin, droht Elia mit dem Tod.
Und dieses Mal stellt Elia sich nicht, sondern läuft „um sein Leben“ – um seiner Seele willen. Nicht aus Angst.
Elia denkt: Wenn ein eindeutiges Wunder die Königin nicht überzeugt, dann muß Gott selbst an ihr handeln.
Propheten haben es nicht leicht.
Elia hat alles gegeben. Aber das Ergebnis ist: Die Bosheit läßt sich nicht überzeugen. Elia bekommt einen Einblick in die Macht, die das Böse über Menschen haben kann. Wie Menschen alles dem Götzen in den Dienst stellen. Den Verstand, die Gefühle, die Macht, alles. Es gibt keine Schwachstelle. Wer mit Gott unterwegs ist, kann solche Erfahrungen machen.
Elias muß weg. Er braucht neue Klarheit. Wie kann es weitergehen? Hat Gott überhaupt noch etwas mit ihm vor? Ist er zu weit gegangen?
Ganz allein in die Wüste, in die Einsamkeit. Ganz allein mit seinen Gedanken und Gefühlen, seinen Erinnerungen.
Die Einsamkeit macht, daß man seinen eigenen Gedanken immer mehr glaubt. Die eigenen Gefühle sind die ganze Wirklichkeit, es scheint nichts anderes zu geben.
„Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.“ Er sieht keinen Weg mehr – NACHDEM er schon Dinge getan hatte, die für einen Menschen über die Kraft gehen! Das ist keine Lebensmüdigkeit, die von Torheit oder Götzendienst kommt. Er leidet das alles, weil er Gott gedient hat.
Es ist alles vergeblich. Die Menschen bleiben, wie sie sind. Gottes Wort wirkt nicht. Baal hat zwar nicht Himmel und Erde geschaffen, aber die Herzen besitzt er, und die Gedanken gängelt er, die Lüge verdreht jede Wahrheit.
Elia sieht nicht mehr, was Gott tut. Vielleicht hatte er sich zu genau ausgemalt, wie die Königin Isebel ihm Recht gibt, und mit der Baal-Religion aufhört. Und das Gegenteil war gekommen.
Ohne es zu merken, machen wir Gott auch Vorschriften, oder lassen Erwartungen bei uns zu: Gott muß doch …. oder wenn Gott nicht jetzt, oder bald, …. dann ….. Und das führt dazu, daß wir nichts anderes mehr sehen können.
Elia sieht keinen Weg mehr. Leib und Seele verweigern sich.
Er schläft. Seine Gedanken schweigen, die inneren Stimmen verstummen, die Szenarien und Bilder, die er immer wieder beschwört, die knallhart beweisen, daß es keinen Weg gibt, diese Bilder weichen. Solch ein Schlaf ist eine Gabe Gottes. Nehmen wir ihn dankbar an!
Das nächste ist ein Engel. Ein Brot, ein Wasser. Keine Lösung für die Weltgeschichte, oder für das Volk Israel, kein Programm gegen Baal. Sondern eine Kleinigkeit für Elia. Eine göttliche Kleinigkeit. Mit Sterben ist erstmal nichts, Elia, soviel ist klar.
Ein Wink von Gott, wie ein Gruß. Doch dieser Gruß meint Elia. Den erschöpften, verschmachteten, verzweifelten Elia. Dieser Elia ist Gottes Elia. Gott kann das, in Kleinigkeiten ganz da sein. Gott erhört Elias Gebet – aber ganz anders – nicht mit dem Tod, nicht mit der Bekehrung von Isebel, sondern mit dem Zeichen: „Nimm das: iß, trink, ich will, daß es dich gibt.“
Einmal schläft Elia noch. Und noch einmal schickt Gott einen Engel. Noch bevor die Zweifel, die Bilder, die Stimmen zurückkommen können, noch einmal Brot und Wasser. Erst jetzt hört Elia: „Du hast einen weiten Weg vor dir.“
Und dann geschieht das Ungeheuerliche: 40 Tage und 40 Nächte
geht er „in der Kraft der Speise“. Die Kraft der Speise ist, daß sie eine Kleinigkeit von Gott ist. Das können wir nicht diätetisch ausrechnen. Unsere Seele kann Kräfte empfangen und dem Leib weitergeben. Wenn Gott sie anspricht, ist alles möglich.
Elia kommt zu dem Berg, wo Gott durch Mose das Gesetz gegeben hatte, wo Gott den Bund mit seinem Volk Israel geschlossen hatte. Für den Glauben können Orte sprechen – oder doch helfen sie, sich zu erinnern, daß Gott gesprochen hat. Mose wurde auch einmal von Israel enttäuscht, Israel hatte sich das goldene Kalb zum Gottesbild gemacht. Da ging Mose auch in eine Felskluft und sagte: Gott, laß mich deine Herrlichkeit sehen. (2. Mose 34).
Gott fragt jetzt Elia: Was tust du hier? – Das ist kein Vorwurf. Diese Frage ist wie das Wasser und das Brot eine göttliche Kleinigkeit. Elia soll reden, aber nicht mehr im sinnlosen Selbstgespräch, sondern vor seinem Gott.
„Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, daß sie mir mein Leben nehmen.“ Er sagt es, wie es ist. Wie es für ihn ist. Wie alles gegen Gott spricht. Wie Gott scheinbar nichts tut. Wie die Macht der Lüge und des Bösen ungehemmt triumphiert.
Könnten wir das? Ganz ohne Filter? Wenn man über das Gebet spricht, dann kann man sich über Bitten und Danken verständigen, auch über Loben. Aber Klagen? „Es hilft nicht, zu klagen!“ Oh wie anständig das klingt! Elia zeigt uns: Klagen hilft ganz gewaltig. Klagen vor Gott, natürlich. Aber so richtig.
Faktenchecker werden feststellen, daß nicht alles stimmt. Elia war nicht allein. Gott wußte von 7000 in Israel, die nicht ihre Knie vor dem Baal gebeugt hatten. Aber das macht nichts. Elia klagt. Er klagt über die Gottesferne vor Gott. Das sollte mehr passieren. Vor Gott. Aus unserem Herzen. Klagen darüber, daß Baal sich so durchsetzt, und wir Christen ihn schon respektieren, einfach, weil er die Menschen so im Griff hat. Klagen, daß Gottes Wort uns so unklar vorkommt, oder so fremd.
Gott fragt. In dieser Frage: „Was ist, Elia?“ eröffnet Gott einen Schutzraum für Elia – dieser Schutzraum fängt alles alles auf, denn der Schutzraum ist göttlich. Elia muß nicht mehr seine Gebete ängstlich mithören, nein, alles muß raus. Vor Gott. Paulus sagt: Wir wissen nicht, was wir bitten sollen, sondern er, Heilige Geist vertritt uns aufs beste mit unaussprechlichem Seufzen. (Römer 8, 26).
Gott erhört das Gebet. Aber wieder anders. Elia erlebt einen Windsturm, ein Erdbeben und ein Feuer. Alle drei sind Gottes Diener, Gott hat sie in seiner Macht. (Psalm 104, 4). Vielleicht hatte Elia gemeint, daß Gott mit Sturm, Erdbeben und Feuer die Baalskönigin Isebel strafen sollte. – Ähnlich hatten auch die Apostel Johannes und Jakobus einmal zu Jesus gesagt: „Herr, willst du, so wollen wir sagen, daß Feuer vom Himmel falle und sie verzehre. – Nämlich auf die Feinde Jesu – Jesus aber wandte sich um und wies sie zurecht.“ (Lukas 9, 54-55). Darum nannte Jesus die beiden dann auch „Donnerskinder“ (Markus 3, 17).
Wir Menschen können uns Gottes Handeln nicht anders vorstellen. Doch Gott war nicht im Sturm, Erdbeben und Feuer, sondern in einem sachten Wind, ein einem gnädigen und freundlichen Wind.
Elia mußte viel Schweres ertragen als Prophet, als Mann Gottes. Unvorstellbar für uns. Doch damit war Gott nicht am Ziel. Das Ziel ist die Freundlichkeit Gottes. Der Heilige Geist ist das, aus dem wir Kinder Gottes neu geboren werden. Sturm, Wind und Feuer beseitigen manchmal, was nicht zu Gott paßt. Aber wenn es Gottes Kinder geben soll, dann schickt Gott seinen Heiligen Geist. Erst wenn der kommt, dann ist Gott mit uns am Ziel.
Das müssen wir glauben.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.

2. Passionsandacht

Das Lamm, das erwürget ist,
ist würdig, zu nehmen
Kraft und Reichtum, und Weisheit und Stärke,
und Ehre und Preis und Lob.
Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

1 Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, daß seine Stunde gekommen war, daß er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.
2 Und beim Abendessen, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten,
3 Jesus aber wußte, daß ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und daß er von Gott gekommen war und zu Gott ging,
4 da stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich.
5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.
6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen?
7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren.
8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir.
9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!
10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als daß ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.
11 Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein.
12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe?
13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch.
14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.
15 Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.
16 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr und der Apostel nicht größer als der, der ihn gesandt hat.
17 Wenn ihr dies wißt – selig seid ihr, wenn ihr’s tut.

Johannes 13, 1-17

Liebe Gemeinde!
Ein einfacher Grundsatz bei Vertrauen und Kommunikation ist: Teile deine Absichten mit! – Sag, was du tust, und warum du es tust!
Jeder wünscht sich das von anderen; jeder tut sich schwer damit. Wenn Wort und Tat übereinstimmen, tut das der Seele gut. Unwahrheit und Lüge sind für die Seele tödlich.
Jesus ist gekommen, die Werke des Teufels zu zerstören (1. Johannes 3, 8). Ein Hauptwerk des Teufels ist die Lüge – Jesus sagt es überdeutlich: „Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er Lügen redet, so spricht er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge.“ (Johannes 8, 44b).
Jesus ist die Wahrheit in Person, und in der Welt ist die Lüge Normalität. Der Weg Jesu ist der Weg der Wahrheit durch die Welt der Lüge.
Bei der Fußwaschung teilt Jesus seine Absicht mit. „Wißt ihr, was ich euch getan habe?“ Erkennt ihr die Wahrheit in meinem Tun? Merkt ihr, wie Wort und Tat vollkommen übereinstimmen?
Es ist der letzte Abend in Freiheit mit seinen Jüngern.
Es ist nicht irgendein Abend – sondern es ist der Abend vor dem Passafest. Das Fest, das Gottes Eingreifen für seine Leute begeht und feiert. Das Lamm wird geschlachtet, mit dem Gott sich selbst verpflichtet hatte, Israel aus der grausamen Übermacht des Pharaos zu befreien.
Und es war Vollmond. Das Licht der Sonne strahlte in die Finsternis hinein. Und es war Frühlingsbeginn: Die Finsternis war auf dem Rückzug. Das Licht kommt, und geht nicht wieder.
Alles deutet auf Übergang – das Wort „Passa“ bedeutet auch: Vorübergehen – von der Knechtschaft zur Freiheit, von der Finsternis zum Licht. Das alles ist aber nur heilsam, wenn es auch der Übergang von der Lüge zur Wahrheit ist.
Wir kennen die Fußwaschung. Jesus, der Herr und Meister seiner Jünger, steht auf, legt sein Obergewand ab, zieht sich wie ein Diener an, und tut, was ein Diener tut. Er wäscht seinen Jünger den Straßenstaub von den Füßen. Das ist man Gästen schuldig. Doch das tun nicht-jüdische Sklaven. Es ist verkehrte Welt, wenn Jesus, der sonst als Gastgeber, als Lehrer und Herr auftritt, so aus der Rolle fällt. Der Höchste tut das Niedrigste. Der Würdevollste tut das Peinlichste. Der Freie tut das, wozu Menschen sonst gezwungen werden müssen. Was jeder meidet, wenn er es irgend kann, das tut er.
Petrus protestiert. „Solltest du mir die Füße waschen?“ – Warum eigentlich nicht? Warum protestiert Petrus? Von einem Sklaven hätte er den Dienst sicher angenommen. Warum wollen wir nicht enttäuscht werden von Menschen, die wir verehren? Wir wollen nicht irren, wir wollen uns nicht getäuscht haben, wir wollen nicht daneben liegen. Für Petrus ist Jesus ein Ideal. Wenn ein Ideal zertrümmert wird, dann hab ich mich getäuscht. Das ist bitter.
Doch Jesus ist nicht das, was Petrus aus ihm macht. Petrus ist noch nicht in der Wahrheit, die Jesus bringt. Petrus glaubt zu wissen, wer Jesus ist. Eine höhere Meinung, höhere Verehrung und Hingabe kann man nicht für einen Menschen haben, wie Petrus für Jesus hatte.
Doch Jesus muß ihm sagen: „Was ich jetzt tue, das verstehst du nicht, du wirst es aber hernach erfahren.“ Jesus muß sagen, was er tut, was seine Absicht ist. Jesus ist Diener, aber zuerst ist er ein Diener der Wahrheit.
Petrus kann sich absolut keinen Grund vorstellen, weshalb er diesen Dienst von Jesus annehmen sollte: „Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!“
„Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir“, sagt Jesus dann direkt. Petrus kann Jesus nur haben, wenn er Jesus als den niedrigsten Diener für den peinlichsten Dienst annimmt und bejaht. Entweder Jesus wäscht dir die Füße, oder du hast nichts mit ihm zu tun. Jesus gibt es nur mit Fußwaschung, oder gar nicht.
Petrus meint dann, verstanden zu haben: „Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!“ – Besser kann er nicht antworten, doch zugleich muß man Petrus fragen: Ist Jesus dazu in die Welt gekommen? Daß du besser gewaschen wirst? Ist der Staub auf deiner Haut die Finsternis, die Knechtschaft, die Lüge, die du dringend loswerden mußt? Ist das die Erfüllung von Gottes Verheißung?
Jesus antwortet: „Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als daß ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.“ – Wie ist Petrus denn bereits gewaschen? Jesus sagt ihm: Du hast schon einen größeren Dienst von mir angenommen – der dich als ganze Person schon versorgt hat. Die Füße sind dagegen eine Kleinigkeit.
Petrus liegt also doppelt daneben: Nicht nur will er das nicht annehmen, was Jesus ihm geben will, sondern er hat nicht erkannt, daß er schon mehr von Jesus angenommen hat.
Also: Petrus verehrt Jesus, aber im Grunde weiß er nicht, wer Jesus ist, denn er erkennt Jesu Absicht nicht. Und auf Jesu Absicht kommt kein Mensch.
Als Jesus dann noch tiefer sinken mußte, als der Sklave fürs Fußwaschen – als Jesus unter die Übeltäter gerechnet wurde: Da sagten alle Jünger: „Nimmermehr!“ Da war ihr Ideal erst recht zerstört. Da mußten sie sagen: „Wir hofften, er würde Israel erlösen“ (Lukas 24, 21) – aber, unausgesprochen: „Wir haben uns getäuscht.“
Doch Jesu Tod ist nicht das, was Menschen aus ihm machen: Ein Scheitern, eine Katastrophe, ein Drama, oder ein Fluch. Die Wahrheit über Jesu Tod sagt er selbst.
Die Fußwaschung zeigt den Jüngern, wie Jesus seinen kommenden Tod selbst versteht, welche Absicht er mit seinem Tod hat.
Denn Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße bei vollem Bewußtsein: Er wußte, daß seine Stunde gekommen war, er wußte, daß ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und daß er von Gott gekommen war und zu Gott ging. Es war ein Tun bei göttlichem Bewußtsein.
Er zeigt seinen Jüngern die Wahrheit über seinen Tod. Der Tod am Kreuz ist ein Dienst an seinen Jüngern. Ein Dienst der Reinigung. Ein Dienst Befreiung. Ein Dienst, der Licht und Wahrheit bringt. Vergebung.
Jesus hatte Petrus schon längst reingewaschen – hatte Petrus nicht ganz am Anfang, bei der ersten Begegnung gesagt: „Herr, gehe weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch“? (Lukas 5, 8). Doch Jesus ist nicht weggegangen. Er hat Petrus geduldig getragen und ertragen. Dagegen war Füßewaschen nichts.
Liebe Gemeinde!
Die Wahrheit ist: Jesus und Vergebung sind untrennbar. Wer meint, keine Vergebung zu brauchen, der hat Jesus nicht. Wer aber Jesus hat, der hat vor allem Vergebung.
Jesus hat seine Absicht nicht nur deutlich mitgeteilt, er hat sie auch erfüllt. Wort und Tat passen zusammen, wie sonst nie. Sein Kreuz hat Wahrheit, Licht und Freiheit gebracht.
Seine Jünger haben das erfahren.
Diese Erfahrung hat eine Frucht: Jesu Jünger sollen einander vergeben. „Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.“ (Johannes 12, 26).
Licht, Befreiung und Wahrheit kommen mit dieser Vergebung.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.

Reminiszere

Gnade sei mit euch und Friede,
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

36 Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hier, solange ich dorthin gehe und bete.
37 Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen.
38 Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir!
39 Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser
Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!
40 Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?
41 Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.
42 Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, daß dieser Kelch an mir vorübergehe, ohne daß ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! 43 Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf.
44 Und er ließ sie und ging abermals hin und betete zum dritten Mal und redete dieselben Worte.
45 Dann kam er zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, daß der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird.
46 Steht auf, laßt uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.

Matthäus 26, 36 – 46

Lieber Herr Jesus, laß uns nicht verschlafen, was du für uns getan hast und tust. Segne Dein Wort bitte jetzt an uns. Amen.


Liebe Gemeinde!
Petrus, Johannes und Jakobus hatte Jesus schon einmal beiseite genommen. Das war auf einem hohen Berg. Dort sahen sie Jesus in der Verklärung, in seiner Herrlichkeit, Überlegenheit, in seiner Göttlichkeit, alles leuchtete an ihm. (Matthäus 17). Das war bei einem wichtigen Übergang – Jesus machte sich auf nach Jerusalem, nachdem er gute drei Jahre als Wanderprediger das Reich Gottes angekündigt hatte. Jesus hat klar angekündigt, daß sein Weg nach Jerusalem ein Weg des Leidens und der Opfers war. Petrus, Jakobus und Johannes sollten sehen und bezeugen: Es ist der Sohn Gottes, der diesen Weg geht.
Heute hören wir, wie Jesus wieder diese drei Jünger als Zeugen beruft. Wieder ist es ein wichtiger, folgenschwerer Übergang. Es sind die letzten Stunden, bevor Jesus gefangengenommen wird. Direkt davor hat Jesus mit seinen Jüngern die Passamahlzeit gegessen und dann das Abendmahl eingesetzt. Die Gemeinschaft zwischen Jesus und seinen Jüngern wurde einmal noch erlebt; und Jesus hat dabei seinen Leib und sein Blut den Jüngern übertragen, gegeben. Zugleich hat er aber auch klar gemacht, daß sein Leib geopfert und sein Blut vergossen wird.
Während dieser engen, vertrauensvollen und persönlichen Gemeinschaft hat Jesus aber auch klar gemacht, daß Judas ihn ausliefern, Petrus ihn verleugnen, und alle Jünger ihn verlassen würden. Die Gemeinschaft wird aufhören, und Jesus wird seinen letzten Weg ganz allein gehen. Er wird verhaftet und unfrei, ohne Macht und Selbstbestimmung in die Hände der Sünde fallen, und er wird sterben.
An diesem Übergang geht er in den Garten oder Hof Gethsemane, betet ein einmaliges Gebet, und stellt sich dann den Verfolgern.
Petrus, Johannes und Jakobus sollen bezeugen, wie Jesus diesen Übergang vollzieht.
Es ist das Kreuz vor dem Kreuz, der Tod vor dem Tod.
Jesus spürt an seinem Leib und an seiner Seele den Schrecken und das Grauen des Todes auf ihn zukommen. Und, es ist klar: Er muß und wird den Weg ganz ganz alleine gehen. Kein Mensch wird ihn begleiten oder ihm beistehen oder ihn trösten.
In Gethsemane wird das klar. Jesus steht uns allen gegenüber. Auch die Apostel, Petrus und die anderen, stehen auf unserer Seite in diesem Gegenüber. Wenn Jesus mit ihnen spricht, dann spricht er auch mit uns.
Jesus ist an Leib und Seele erschüttert. Alles wankt und zerfließt, seine Kräfte verlassen ihn.
„Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.“ Der Tod hat ihn schon erfaßt. Es gibt keinen Trost mehr. Die Jünger sollen bei ihm bleiben, und er geht doch weg. Sie sollen da sein, und er kann doch nichts mehr von ihnen haben. Sie können ihn nicht mehr erreichen.
Doch sollen sie bleiben. Laßt uns daraus lernen: Wir sollen der Trauer nicht ausweichen. Auch wenn wir scheinbar keinen Unterschied machen. Laßt uns im Namen Jesu nicht ausweichen, wenn Trauernde unter uns sind.
Dann kommt dieses unglaubliche Gebet: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber.“
Die Bibel spricht von dem Zornesbecher, den Gott zu trinken gibt. Die Propheten Jesaja und Jeremia sprechen davon.
Jeremia 25,15: „Denn so sprach zu mir der HERR, der Gott Israels: Nimm, Jeremia, diesen Becher mit dem Wein meines Zorns aus meiner Hand und laß daraus trinken alle Völker, zu denen ich dich sende, daß sie trinken, taumeln und toll werden vor dem Schwert, das ich unter sie schicken will.“ Der furchtbare Trank in dem Kelch ist die Bosheit, die Menschen tun, so wie diese Bosheit bei Gott ankommt und Seinen heiligen Zorn erweckt. Gott ist in Seiner Schöpfung, gerade auch in jedem Menschen anwesend und Ihn trifft das Unrecht ohne Filter. Wenn Gott uns in Seine Wirklichkeit zurückholt, dann gehört dazu, daß wir von der eigenen Sünde getroffen werden. Die Sünde träumt natürlich davon, daß das niemals geschehen wird. Aber so wahr es einen Gott gibt, so wahr gibt es diesen Zornesbecher.
Jesus soll nun einen Kelch trinken – aber darin ist nicht das Ergebnis der eigenen Gottlosigkeit, sondern Gottes Enttäuschung und Zorn über alles Unrecht, alle Gottlosigkeit, die Du und ich uns geleistet haben.
Können wir überhaupt anfangen, uns vorzustellen, was das für eine bittere, herbe, brennende Finsternis war, die Jesus an Leib und Seele in sich aufnehmen mußte?
Uns erreichen Bilder von unschuldigem Leiden aus dem Krieg in der Ukraine – da kommt Zorn auf! Menschen, die sonst sanft und friedlich sind, wünschen auf einmal, daß die Verantwortlichen hingerichtet werden, im Namen der Gerechtigkeit. – Was braut sich aber in deinem Kelch zusammen? – Ist es nicht so, daß es einen heiß und kalt den Rücken runterläuft, wenn man sich vorstellt, daß vielleicht EINE Sache mich einholt und ich für alle Konsequenzen gerade stehen muß – wie ist es erst, wenn ich die Suppe für jemand anders auslöffeln muß!
„Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber.“ Es ist ja nicht der Tod allein, sondern Gottes gerechtes Gericht über alles Unrecht der Menschen. Das ist der Kelch.
Jesus bittet, daß er diesen Kelch nicht trinken muß. Er legt es in die Hände seines himmlischen Vaters. Gott hatte einmal zu Jerusalem gesprochen, bei Jesaja: „So spricht dein Herrscher, der HERR, und dein Gott, der die Sache seines Volks führt: Siehe, ich nehme den Taumelkelch aus deiner Hand, den Becher meines Grimmes. Du sollst ihn nicht mehr trinken.“ (Jesaja 51, 22). Gott kann den Kelch auch zurücknehmen. Die Möglichkeit gibt es.
Was geschieht hier? Jesus bringt erneut seine ganze Person unter den Willen seines himmlischen Vaters. Petrus, Johannes und Jakobus, und mit ihnen auch wir, hören mit, wie alles, was Jesus tut und auch leidet, Gottes Wille ist, der gemeinsame Wille zwischen Gott dem Vater und dem Sohn. Kein Zwang, nur Freiheit und Liebe, und völlige Übereinstimmung. Aber doch eine Übereinstimmung von Person zu Person.
Die Apostel, und die Gemeinde, das sind wir, werden Zeugen von diesem wunderbaren Gespräch und Gebet.
„Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Ist das ein Widerspruch? Hatte Jesus einen eigenen Willen, der möglicherweise dem Willen des himmlischen Vaters widerstrebte? Nein. Doch als wahrer Mensch mußte und wollte Jesus alles, was er an Willen, Angst, Schrecken, Leiden in sich hatte, unter den göttlichen Willen bringen. Im Hebräerbrief wird uns gesagt: „Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.“ (Hebräer 5, 7-8). Die Hingabe, die Liebe, das Leiden sollte vollständig, ganz, und ohne Vorbehalt, einfach ganz sein.
Bevor er vor der Weltöffentlichkeit hingerichtet wird, verurteilt im Namen des Gesetzes, des Volkes und im Namen Gottes, hat er Klarheit mit Gott, Gewißheit mit Gott.
Im Johannes Evangelium betet Jesus noch bevor er in den Garten Gethsemane geht: „Vater, ich heilige mich selbst für die Jünger, damit auch sie geheiligt werden.“ (Johannes 17, 19).
Das ist der Jesus, der dann auf seine Verfolger zugeht, sich stellt, und sagt: „Ich bin’s!“. Bevor er gefangen wird, hat ist er schon durch seine Liebe und Bereitschaft gebunden. Die Soldaten können nicht nicht so fest binden, die Liebe in Jesus ist schon entschlossener. Es ist eine Liebe, die nur Zuwendung ist, und jenseits aller Bitterkeit, und mit einer Antwort auf alles Unrecht.
Weil Jesus sich durch dieses Gebet, ein schweres Gebet, geheiligt hat, geht er mit einer großen Überlegenheit und Freiheit seinen Verfolgern entgegen. Sie müssen ihn nicht jagen.
Da, wo wir Menschen völlig unfrei sind, hilflos, machtlos und ausgeliefert, da ist dieser Schmerzensmann, dieses Lamm Gottes ganz frei.
Wenn Gott dich schon nach deinen eigenen Maßstäben konsequent beurteilen würde – so, wie du andere beurteilst – dann müßtest du schon verstummen und schwitzen. Wenn aber erst die Zehn Gebote kommen, die dir zeigen, daß Gott immer ganz bereit war, dich auf Seinem Weg zu halten, und du wolltest nicht, wenn Gott dich und mich nach dem Gesetz des Lebens und der Wahrheit zur Verantwortung zieht, dann wird es eng. Wenn ein Mensch mit Leib und Seele auf einmal so sehr wünscht, etwas ungeschehen machen zu können, und es gibt keine Möglichkeit, kein Aus noch Ein. Man spürt den Tod, man kann sich nicht bewegen.
Da kommt dieser Jesus von Gethsemane, der kann sich da bewegen, wo wir nicht die Freiheit haben, und sagt: Ich bin der Weg, ich bin die Tür. (Johannes 14,6 + 10, 7). Der hat das alles hinter sich und unter sich. Für jeden, der an ihn glaubt. Er hat den Kelch getrunken, und wie!
Glauben bedeutet dann: „Das war bei mir auch nötig!“ Nicht nur abstrakt, sondern mit einem Erschrecken über sich selbst. Mit Reue, mit Sich an den Kopf Fassen.
Zum Glauben gehört dann aber vor allem:
Wir trinken aus einem anderen Kelch. Aus dem heilsamen Kelch (Psalm 116, 13). Dem Kelch des Neuen Testaments.
Da trinken wir von der Beweglichkeit Jesu, die seine göttliche Liebe ihm ermöglicht hat, und uns zur Liebe zurückfinden läßt, zur Freude und zum Mut. Einer Beweglichkeit, die am Ende auch aus dem Grab aufersteht.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.

Invokavit

Die Gnade unseres HERRN, Jesus Christus,
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Amen.

1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.
2 Denn er spricht (Jes 49,8): »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!
3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde;
4 sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten,
5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten,
6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,
7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den
Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,
8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig;
9 als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet;
10 als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.

2. Korinther 6, 1-10

HERR, sende uns jetzt Deinen Heiligen Geist, der unsere Ohren offenhält und unsere Gedanken beruhigt, damit wir nichts verpassen. Amen.

Liebe Gemeinde!
Im Urlaub in Südafrika besuchten wir ein angesagtes Restaurant, das hat nur eine handvoll Gerichte auf der Karte – aber man muß sich anmelden, denn es ist gut. Urig und gut. Gebügelte Zeitungen dienen als Tischtuch, Wachspapier als Teller.
An meinem Platz konnte ich auf dem „Tischtuch“ Sonderangebote eines Supermarkts lesen – „Reduziert – aber nur noch bis zum Wochenende! Zugreifen! Einmalige Gelegenheit! Solange Vorrat reicht!“ – Das in fetten Buchstaben mit aufdringlichen Farben. Die Preise waren gut – aber von 2019. Das Angebot war vorbei. Ein Tor, wer jetzt noch Hoffnung hatte, Rotebeete für 35 Rand zu bekommen!
JETZT! Das ist der Moment, in dem es sich entscheidet! Jetzt gilt das Angebot! Jetzt zugreifen und glücklich sein – oder ewig trauern. Man muß die günstige Stunde erkennen!
Davon spricht der Apostel Paulus heute zu uns.
„Wir ermahnen euch“ – wir sprechen dringend mit euch, es ist ernst, alles hängt davon ab! – „daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.“ Gott will für euch da sein – jetzt, heute. Gott will ganz und gar in allem euer Gott sein. Die günstige Zeit hat Gott sehr zeitig angekündigt – denn so hören wir bei dem Propheten Jesaja – gut 600 Jahre vor Christus:
„Denn er spricht (Jes 49,8): »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.«“
Gottes Zeit ist eine Zeit der Erhörung. Was ist Erhörung? Es ist eine Antwort – aber nicht irgendeine Antwort, sondern eine Antwort ist so ist, daß Du Dich in ihn wiederfindest, eine Antwort bei der Du weißt: Es ist alle gut. Darum erklärt der Prophet im Namen Gottes: „Ich erhöre dich – und damit fängt meine Hilfe an. Die gute Zeit beginnt.“ Erhören ist eine gute Antwort, weil ich darin erfahre, daß meine Stimme, die Stimme meines Herzens, Gottes Herz erreicht hat. Die Rufe der Angst, des Zweifels, der Not, vor allem aber die Stimme des Schreckens: Kann es sein, daß ich mein Leben verfehlt habe? – Die Stunde in der du weißt: Gott gibt mir jetzt eine Antwort auf diese quälende Frage – das ist eine gute Stunde. Es gibt sie.
Und wann, wenn nicht jetzt!? – Genau das sagt uns jetzt der Apostel: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Das ist deutlich genug. –
Wir haben heute den 6. März, im Jahr 2022 nach Christus. Paulus hat diesen Brief an die Korinther um das Jahr 60 nach Christus geschrieben. Dieses „JETZT!“ ist also 1960 Jahre alt. Viel älter als die Zeitung, die ich als Tischtuch hatte – mit Angeboten „JETZT zugreifen!“ von 2019. Das war das JETZT eines Supermarkts, das galt eine Woche, danach nicht mehr. – Und das „JETZT“ Gottes?
Es ist für uns Menschen sicher das Unbegreiflichste, daß Gott ein Gott des JETZT ist. „Siehe jetzt ist die Zeit der Gnade; siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ – Wenn dieses Angebot nur eine Woche gelten würde, hätte Paulus keinen Brief geschrieben, dann hätten die Korinther ihn auch nicht aufbewahrt, dann hätte die Christenheit diese Worte nicht als Worte des Heiligen Geistes für alle Zeiten als Heilige Schrift als Gottes Sprache angenommen. Wenn du den Apostel hörst, den Gott losgeschickt hat, dann kommt das JETZT Gottes zu dir.
Es ist schwer zu glauben. Für uns kann das Heute kaum etwas anderes sein als das Ergebnis von gestern. Was ich getan habe, hat seine Konsequenzen, was ich versäumt habe, macht viele Chancen kaputt. So ist es doch. Doch wenn Gott „JETZT“ sagt, dann ist Gott nicht durch dein gestern festgelegt oder gebunden. Das einzige, was Gott bindet, worauf Er sich festgelegt hat, ist das, was Er gesagt hat, Sein Wort. Gottes Wort bringt Gottes Jetzt, denn Gott bleibt der Sprecher Seines Wortes, Gott ist kein Supermarkt, darum gilt Sein Angebot, sobald, und solange Er mit dir spricht. Wenn Gottes Wort zu dir kommt, dann kommt der ganze Gott ganz zu dir. Ein erhörendes Wort.
Paulus ist ein Zeuge dafür. Er erinnert seine Gemeinde an die Erfahrungen, die er mit Gottes Wort gemacht hat.
Es ist eine atemberaubende Aufzählung:
„In großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten.“ Hinter jedem Wort steckt eine schwere Erfahrung. Mehr als einmal hat Paulus an seinem Leben verzagt (2. Korinther 1,8) – gesagt: Es ist vorbei! Ob er im Gefängnis war, gesteinigt wurde, denunziert wurde … doch, und darauf kommt es ihm an, und soll es uns ankommen: Paulus hat erfahren, daß alle diese schweren Dinge die Gnade Gottes nicht auslöschen, nicht ungeschehen machen, sondern daß er dann gerade Gottes Überlegenheit an seinem eigenen Leibe gespürt hat.
Er zählt das auf, was von außen über ihn hereinbricht: Schläge, Entbehrungen wie Hunger und Schlaflosigkeit –
aber nicht nur das, sondern auch Anstrengungen, die das Evangelium von ihm selbst fordern:
„in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,
in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den
Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken.“ Jedes Wort besagt eigentlich: Paulus hat sich nicht gehenlassen.
Lauterkeit: Seine Absichten waren immer ehrlich, vor Gott verantwortlich, ohne Hintergedanken.
Erkenntnis: Er hat sich immer um Gottes Wahrheit bemüht in jeder Situation:
Langmut: Er hat nicht aufgegeben.
Freundlichkeit: Er hat sich nicht zu Unfreundlichkeit hinreißen lassen.
Im Heiligen Geist: -Der Heilige Geist macht, daß Gottes Kinder ein Heute haben, was nicht von dem Gestern beherrscht wird. Der Heilige Geist benutzt das Wort der Bibel, um uns aus unserem Gestern in Gottes Heute zu holen.
In ungefärbter Liebe: Wieder ohne Hintergedanken, mit ungeteiltem Herzen. Das geht nur, wenn Gottes Jetzt uns ergriffen hat.
„In dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den
Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken.“ Wir Christen haben es nun mal mit dem Wort Gottes. Das ist das Wort, das wir uns selbst nicht sagen können, und auch nicht ausdenken können. Und wenn wir meinen, daß wir es kennen, dann wird es uns noch einmal überraschen. Es ist Gottes Kraft für uns. Es beschützt uns und begleitet uns, ja, geht vor uns her, bis wir im ewigen Leben bei Gott angekommen sind.
Doch wir haben das nur im Glauben. Ohne Glauben – ohne das Festhalten an Jesus sehen wir nur unser Jetzt, und nicht Gottes Jetzt.
So kann Paulus bekennen:
„In Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig;
als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet;
als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.“ – Paulus hat erlebt, wie man ihn als Gott verehren wollte – er hat nicht nachgegeben. Er mußte erleben, wie man ihn als Gotteslästerer steinigen wollte – das hat nicht überzeugt, Jesus zu verlassen.
Ein Christ kann es am eigenen Leibe spüren:
Ich bin unbekannt, unbedeutend, unwichtig;
ich sterbe, es ist vorbei;
ich bin traurig;
ich bin arm, ich habe nichts. Paulus war schon da, und unzählige Christen auch. Das ist nichts Neues.
Weil Gott ihn aber erhört hat, weil Jesus gekommen ist, und nach dem Tod am Kreuz auferstanden ist, ist das nicht alles, und nicht entscheidend. Denn Paulus müßte lügen, wenn er nicht auch sagen würde:
Ich bin bekannt, bei Gott und bei seinen Kindern, die für mich beten.
Ich lebe im Heute Gottes, denn Gott spricht mit mir.
Ich bin fröhlich, denn Gottes Liebe erreicht mich immer noch.
Ich beneide niemanden, der reich ist, aber Gott nicht kennt.
Durch das Evangelium, durch das Leben in der Gemeinde macht Gott mich zu einem Geschenk für andere. Das macht sie reich.
Der Teufel will uns dazu verführen, daß wir sagen: Jetzt nicht! Nicht jetzt! Wie tut er das? Er isoliert das, was wir sehen und fühlen, von dem, was wir hören. Jesus hatte 40 Tage und 40 Nächte gefastet. Der Hunger war real, das Gefühl war da. Der Versucher wollte dieses Gefühl als die einzige Realität hinstellen. Diese einzige Realität soll ihm das Recht geben, aus Steinen Brot zu machen.
Doch Jesus läßt sich nicht von dem isolieren, was Gottes Wort sagt. Darum antwortet er : „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das durch Gottes Mund geht.“ Jede Versuchung geht so: Wir sind mit dem allein, was unsere Augen uns zeigen, oder unser Leib uns fühlen läßt, und isoliert von dem, was Gott spricht. So war es mit Eva und Adam: Die Schlange sagte: Sollte Gott gesagt haben? – Und dann sahen sie die Frucht an, wie faszinierend sie war, und dann kam der Sündenfall.
Gott spricht und holt uns aus dieser Isolation heraus.
Dann sind wir fröhlich, und reich, und bekannt, und am Leben.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


Aschermittwoch

Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und von dem HERRN Jesus Christus, dem Sohn des Vaters, in der Wahrheit und in der Liebe, sei mit euch!

1 Als aber das Volk sah, daß Mose ausblieb und nicht wieder von dem Berge zurückkam, sammelte es sich gegen Aaron und sprach zu ihm: Auf, mach uns einen Gott, der vor uns hergehe! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Mose widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat.
2 Aaron sprach zu ihnen: Reißt ab die goldenen Ohrringe an den Ohren eurer Frauen, eurer Söhne und eurer Töchter und bringt sie zu mir.
3 Da riß alles Volk sich die goldenen Ohrringe von den Ohren und brachte sie zu Aaron.
4 Und er nahm sie von ihren Händen und bildete das Gold in einer Form und machte ein gegossenes Kalb. Und sie sprachen: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat!
5 Als das Aaron sah, baute er einen Altar vor ihm und ließ ausrufen und sprach: Morgen ist des HERRN Fest.
6 Und sie standen früh am Morgen auf und opferten Brandopfer und brachten dazu Dankopfer dar. Danach setzte sich das Volk, um zu essen und zu trinken, und sie standen auf, um ihre Lust zu treiben.
7 Der HERR sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt.
8 Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben’s angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat.
9 Und der HERR sprach zu Mose: Ich sehe, daß es ein
halsstarriges Volk ist.
10 Und nun laß mich, daß mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen.
11 Mose aber flehte vor dem HERRN, seinem Gott, und sprach: Ach HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast?
12 Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, daß er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und laß dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst.
13 Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.
14 Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.
15 Mose wandte sich und stieg vom Berge und hatte die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand; die waren beschrieben auf beiden Seiten.
16 Und Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben.
17 Als nun Josua das Geschrei des Volks hörte, sprach er zu Mose: Es ist ein Kriegsgeschrei im Lager.
18 Er antwortete: Es ist kein Geschrei wie bei einem Sieg und es ist kein Geschrei wie bei einer Niederlage, ich höre Geschrei wie beim Tanz.
19 Als Mose aber nahe zum Lager kam und das Kalb und das Tanzen sah, entbrannte sein Zorn und er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie unten am Berge
20 und nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und ließ es im Feuer zerschmelzen und zermalmte es zu Pulver und streute es aufs Wasser und gab’s den Israeliten zu trinken.

2. Mose 32.1-20

HERR, segne Dein Wort an uns, Dein Wort ist die Wahrheit. Amen.

Liebe Gemeinde!
Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten. Das Gegenteil von Gut ist gut gemeint. „Ich hab‘s nicht gewollt!“, ruft ein Schuldiger, und vor ihm ist der unübersehbare Beweis seiner Schuld.
Das goldene Kalb.
Es sollte ja nicht ein neuer, anderer Gott sein. Nein! „Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat!“ – kein anderer! Das war die gute Absicht. Der eine Gott, der sich Abraham, Isaak und Jakob offenbart hatte, der sich dem Mose im brennenden Dornbusch vorgestellt hatte – genau dieser Gott hatte Israel ja aus der Knechtschaft in Ägypten, aus dem Elend und der Hoffnungslosigkeit gerettet. Es sollte kein anderer Gott sein! Keine neue Religion, gar nichts!
Und doch …
Es ist das Gegenteil von gut.
Was denn?
In der Sprache der alten Theologie spricht man von dem „selbsterwählten Gottesdienst“. Man denkt sich etwas aus, oder hält etwas für notwendig, und meint, es passe haargenau zu dem, was man glaubt – aber es ist eine Idee von Menschen, und nicht Gottes Idee. Da hilft auch alle gute Meinung gar nichts.
Was war denn gewesen?
Mose – und Josua – waren als Repräsentanten des Volkes Israel auf dem Heiligen Berg Sinai und empfingen Gottes Gesetz – unter anderem vor allem die 10 Gebote. Mose hatte als Gottes Diener Israel durch manche Krise hindurch geführt. Und nun blieb er aus. Der Berg der Gesetzgebung wird als ein gefährlicher Ort beschrieben: Feuer, Rauch, Blitze gehen von ihm aus. So kam der nagende Zweifel: Kommt Mose überhaupt wieder? Lebt er überhaupt noch? – „Wir wissen nicht, was diesem Mann Mose widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat.“ Unsicherheit. Ungeduld. „Wir wissen nicht!“
Ungewißheit. Zweifel. „So lange war er noch nie weg!“
Eine kritische Situation. Irgendetwas konnte passieren – eine Menschenmasse ist in der Krise unberechenbar. Es muß etwas passieren, bevor Panik um sich greift. Ein Zeichen, damit alle wissen, wie es weitergeht.
Aus dieser guten Absicht spricht das Volk zu dem ersten Hohenpriester Israels, zu Moses Bruder Aaron: „Auf, mach uns einen Gott, der vor uns hergehe!“ Es muß weitergehen! Ein Gottesbild – ein Symbol für Gott, für seine Leitung, für seine Macht. Man kennt sich ja selbst: Unsicherheit, Zweifel, Ungewißheit und Ungeduld führen zu nichts Gutem. Wer weiß wozu man fähig ist! Lieber auf Nummer Sicher gehen! Dagegen kann niemand etwas haben! Das ist die gute Absicht.
Aaron der Hohepriester, der für Religion zuständig ist, erkennt die gute Absicht an. Das ist seine gute Absicht. Er will helfen. Endlich passen Religion und die guten Absichten des Volks zusammen. Endlich wollen Priester und Volk spürbar dasselbe, endlich verstehen sie sich gegenseitig, endlich ziehen Volk und Priester an demselben Strang, endlich kommen die Bedürfnisse des Volks bei dem Priester an, endlich geschieht etwas!
Aaron fordert das Gold von den Ohren und Händen, den Schmuck der Frauen und Kinder. Wie opferbereit doch das Volk ist! Es läßt sich begeistern, alle machen mit – noch nie war Gottesdienst so leicht, direkt und einfach! Man reißt die Ringe von den Ohren – es darf ruhig weh tun!
Erfüllt von guten Absichten und in dem Hochgefühl, endlich ganz aktuell zu sein, entsteht dann das Symbol dieses gemeinsamen guten Willens: Ein Bild aus Gold. Eine sichtbare Zusammenfassung des gemeinsamen Willens: Wir wollen, daß es weitergeht! Und das alles in guter Absicht: „sie sprachen: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat!“ Kein anderer Gott! Wir wollen nichts Neues, wir wollen nur Sicherheit, Hilfe gegen die Ungeduld, Überwindung des Zweifels.
Aaron hat nun den Finger am Puls der Volks, und fühlt, was jetzt dran ist: Ein Fest! Die Krise ist vorüber! Wir haben sie gemeistert, denn wir haben zusammengehalten. „Morgen ist des Herren Fest!“ Und es wird gefeiert und gefeiert und gefeiert. Und auf einmal endet die gute Absicht im Gegenteil von Gut. Das Volk ist sich einig, und Gottes Gebote sind auf einmal wie verschwunden. „Sie treiben ihre Lust“, wird da angedeutet. Sie verlieren alle Hemmungen. Alles in guter Absicht ….
Die guten Absichten und Gott – wir Menschen denken, die sind so nahe beieinander, daß man sie fast verwechseln könnte!
Der Rest ist bekannt: Diese ganze Religion, die nicht die Absicht hat, eine neue Religion zu bauen, ist auf keinen Fall die alte, richtige Religion, sie kommt nicht gut an. Mose muß sein eigenes Leben vor Gott aufs Spiel setzen und für das treulose Volk beten, ja, sich praktisch selbst opfern, damit Gott weitermacht. Mose bringt keine guten Vorsätze, keine guten Absichten mit – alles, was Mose in der Hand hat, ist, was Gott versprochen hat: „Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.“
Und am Ende dann die furchtbare Konsequenz: Ist das goldene Kalb da euer Gott? Ihr sollt euren Gott haben! Und nun muß Israel mitansehen, wie das goldene Bild vernichtet wird. Und dann müssen sie die Nichtigkeit und Schädlichkeit der selbsterwählten Religion am eigenen Leib spüren – sie müssen es trinken, was eigentlich nicht zum trinken ist. Ein Ende mit Schrecken.
Liebe Gemeinde! Was sagt uns das alles?
Gott will nur so gedient werden, wie er gedient werden will. Gott hatte Mose über sein Volk gesetzt, Aaron als der Bruder und Priester hatte nicht die Aufgabe, irgend einen Gottesdienst, irgendein Bild oder irgendein Fest auszurufen oder zu erfinden. Wir sollen das feiern, was Gott gesagt und getan hat. Was Gott sagt und tut, ist unvergänglich, und immer ganz für uns da. Gott segnet uns, wenn wir seinen Geboten folgen. Gott ist immer aktueller als alles, was wir sonst sehen und hören. Wenn wir Gott aktualisieren wollen, dann ist das ein Armutszeugnis, denn damit bekennen wir: Gott spricht nicht mit uns – oder er hat gesprochen, und wir hören ihn nicht mehr. Doch dieser Zustand soll uns in die Buße rufen, in die Umkehr, in die Besinnung. Wenn wir fühlen, daß Gott weit weg ist, dann muß was mit mir geschehen, nicht mit Gott.
Fast 100 % aller guter Absichten wollen Gott ersetzen. Wie oft hab ich als junger Mensch gehört, wenn es um Zweifel ging – vor allem um Zweifel an Gottes Wort -: Das ist alles nicht so – oder nicht mehr so – heute glaubt man das nicht mehr! Verantwortliche in der Religion tun so, als könnten sie den Glauben und den Gottesdienst nach Belieben, und aus Verständnis für die Bedürfnisse des Volks, der Menschen, oder wem auch immer, je nachdem, anpassen, ändern, oder neues als Gottesdienst verkündigen – und damit eine gefühlte Nähe zwischen Gott und dem Menschen herstellen. Es fängt noch nahe bei dem an, was man so kennt, doch über Nacht melden sich Bedürfnisse zu Wort, die keine Hemmungen dulden, die sich nichts sagen lassen.
Gott läßt uns Menschen manchmal warten. Das sollen wir aushalten.
Wenn Gott uns warten läßt, dann sollen wir uns besinnen auf das, was Gott schon gesagt und getan hat.
Die Ungeduld, wie wir sie bei dem Volk in Israel in dieser Geschichte beobachten, setzt das eine aktuelle Gefühl über alles, was Gott gesagt und getan hat. Gott erwartet, daß wir zu Zeiten gegen alles Gefühl ihm vertrauen. Das Gefühl hat nicht immer recht!
Darum Aschermittwoch, darum Verzicht und Fasten als eine Übung. Das Gefühl soll auf seinen Platz. Es ist keine Information, schon gar nicht eine Offenbarung des Willens Gottes. Jede Unsicherheit, jede Krise soll uns dahin führen, wo Gott eindeutig wird, und das ist sein Wort. „Allein die Anfechtung lehrt aufs Wort merken.“ Jesaja 28,19.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


Beitragsbild

Nicolas Poussin: Die Anbetung des Goldenen Kalb

1633-1637, Öl auf Leinwand, 154 × 214 cm
London, National Gallery
Kommentar: Pendant zu »Die Überquerung des Roten Meeres«
Land: Frankreich und Italien
Stil: Barock
[Poussin, Nicolas. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei, S. 9371 (c) 2005 The Yorck Project]

Andacht

IHR SÄT VIEL UND BRINGT WENIG EIN; IHR ESST
UND WERDET DOCH NICHT SATT; IHR TRINKT UND
BLEIBT DOCH DURSTIG; IHR KLEIDET EUCH UND
KÖNNT EUCH DOCH NICHT ERWÄRMEN; UND WER
GELD VERDIENT, DER LEGT’S IN EINEN LÖCHRIGEN BEUTEL.
HAGGAI 1,6.

Es ist doch alles da, und wir machen alles richtig! Es wird viel
gesät, es wird getrunken; man zieht sich an und verdient
Geld. Wir haben an alles gedacht! Und doch mangelt es:

Ihr sät viel – und bringt wenig ein.
Ihr esst – und werdet doch nicht satt.
Ihr trinkt – und bleibt doch durstig.
Ihr kleidet euch – und könnt euch doch nicht erwärmen.
Ihr verdient Geld – und legt es in einen löcherigen Beutel – da
fällt es wieder heraus und geht verloren.

Es ist alles da, wir tun das Richtige, und doch fehlt es!

Da kommt man ins Grübeln. Was haben wir falsch gemacht? Was haben wir übersehen? Vor allem, wenn sich das häuft. Nicht nur die Ernte ist karg, sondern auch die Kleider erfüllen nicht ihren Zweck. Nicht nur das Geld zerrinnt, sondern auch das Essen stärkt nicht. Das wird unheimlich! Wo ist der Zusammenhang? Wie kann man es erklären?

Diese Erfahrung machen einzelne Menschen oder auch Völker. Das Volk Israel kommt ins Nachdenken. Nach 70 Jahren Gefangenschaft – Exil – in der Weltstadt Babylon waren die Israeliten durch Gottes Eingreifen gegen alle menschliche Erwartung in ihr Heimatland zurückgekehrt. Gott hat sich über Sein Volk erbarmt und ihm einen neuen Anfang geschenkt.

Völlig klar, dass man da mit Schwung an den Wiederau8au ging! Und es klappte wunderbar. Häuser, Weinberge, Städte … sie erstanden wieder.

Doch dann kam es: Alles geriet ins Stocken. Und bei allem, was gelungen war, fehlte etwas. Der Segen fehlte. Aber den Segen haben wir ja nicht in der Hand. Segen ist ein Geschenk. Wie kommt Israel an den Segen?

Der Prophet Haggai muss in Namen Gottes mit dem Volk sprechen. Er richtet sich an die Verantwortlichen, den Statthalter Serubbabel und den Hohenpriester Jeschua, einen Sohn Jozadaks.

Im Monatsspruch fasst Haggai die Situation zusammen: Israel setzt sich ein, aber der Segen bleibt aus.

Das ist aber nicht die ganze Situation. Denn direkt davor sagt der Prophet: „Das Volk spricht: Die Zeit ist noch nicht da, dass man des HERRN Haus baue.“

Es ist noch nicht soweit! Erstmal muss das Überleben gesichert sein! Für den Tem‐ pel haben wir dann immer noch Zeit! Die Gottesdienste? 70 Jahre lang fanden keine Gottesdienste statt! Da kommt es doch auf das eine Jahr nicht an, oder?

So denken sich das die Menschen. Aus der Sicht Gottes sieht es aber anders aus: „Die Zeit des Tempels ist noch nicht da, aber die Zeit, dass ihr in Luxus‐Häusern wohnt, die Zeit ist da – und das Haus des HERRN muss wüst stehen.“ (Haggai 1, 2‐4).

Wer weiß, wann wohl die Zeit kommen wird, den Tempel zu bauen? Inzwischen gewöhnt man sich daran, dass es keinen Tempel gibt! Der Tempel kann warten!

Wir Menschen denken so. Es muss alles stimmen. Das kirchliche Leben, der Glaube soll nicht ein Opfer sein, sondern sich bequem ergeben.

Der Gottesdienstbesuch, die Aufgabe in der Gemeinde, die Zeit zum Gebet, die Spende, das Kümmern um jemanden – nicht jetzt! Und dann gewöhnt man sich daran.

Da meldet Gott sich zurück. Der Segen – wo ist er nur? Die Dankbarkeit vor Gott – warum kenne ich sie nicht mehr? Die Freude in der Familie und der Ehe, die Geduld miteinander, was ist nur passiert? Die Sorge, die Langeweile wächst.

„Achtet doch darauf, wie es euch geht!“ ruft der Prophet Haggai. Was ist mit dem Haus Gottes? Ist es in dein Leben eingebaut? Oder wartest du auf bequemere Zeiten? Die Zeit ist jetzt! Auch, wenn es nicht zu passen scheint. Auch wenn das eigene Haus dringend wichtig ist. Hol dir den Segen! Schon der Weg zur Kirche wird gesegnet sein!

Es gibt viel Klage darüber, dass bei uns Überfluss ist, aber doch die Seele zu kurz kommt. Sie braucht Segen! Sie braucht die Anrede, den Ruf, die Vergebung – das kommt von Gott allein.

Achtet doch darauf, wie es euch geht! – Serubbabel und Jeschua haben auf Haggai ge‐ hört. Sie und das ganze Israel wurden gesegnet vom Tempel Gottes aus.

Wir werden es erst erfahren, wenn wir uns auch auf den Weg machen. Die Zeit ist jetzt!


Beitragsbild:

Giovanni Fattori: Feldweg im Olivenhain

1890-1900, Holz, 19 × 33 cm
Florenz, Galleria d’Arte Moderna
Kommentar: Macchiaioli (Fleckenmalerei), Landschaftsmalerei
Land: Italien
Stil: Realismus
[Fattori, Giovanni. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei, S. 3578 (c) 2005 The Yorck Project]


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