Himmelfahrt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

1 Im ersten Jahr Belsazars, des Königs von Babel, hatte Daniel einen Traum und Gesichte auf seinem Bett; und er schrieb den Traum auf und dies ist sein Inhalt:
2 Ich, Daniel, sah ein Gesicht in der Nacht, und siehe, die vier Winde unter dem Himmel wühlten das große Meer auf.
3 Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders als das andere.
4 Das erste war wie ein Löwe und hatte Flügel wie ein Adler. Ich sah, wie ihm die Flügel genommen wurden. Und es wurde von der Erde aufgehoben und auf zwei Füße gestellt wie ein Mensch, und es wurde ihm ein menschliches Herz gegeben.
5 Und siehe, ein anderes Tier, das zweite, war gleich einem Bären und war auf der einen Seite aufgerichtet und hatte in seinem Maul zwischen seinen Zähnen drei Rippen. Und man sprach zu ihm: Steh auf und friß viel Fleisch!
6 Danach sah ich, und siehe, ein anderes Tier, gleich einem Panther, das hatte vier Flügel wie ein Vogel auf seinem Rücken und das Tier hatte vier Köpfe, und ihm wurde große Macht gegeben.
7 Danach sah ich in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, ein viertes Tier war furchtbar und schrecklich und sehr stark und hatte große eiserne Zähne, fraß um sich und zermalmte, und was übrig blieb, zertrat es mit seinen Füßen. Es war auch ganz anders als die vorigen Tiere und hatte zehn Hörner.
8 Als ich aber auf die Hörner achtgab, siehe, da brach ein anderes kleines Horn zwischen ihnen hervor, vor dem drei der vorigen Hörner ausgerissen wurden. Und siehe, das Horn hatte Augen wie Menschenaugen und ein Maul; das redete große Dinge.
9 Ich sah, wie Throne aufgestellt wurden, und einer, der uralt war, setzte sich. Sein Kleid war weiß wie Schnee und das Haar auf seinem Haupt rein wie Wolle; Feuerflammen waren sein Thron und dessen Räder loderndes Feuer.
10 Und von ihm ging aus ein langer feuriger Strahl.
Tausendmal Tausende dienten ihm, und zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht wurde gehalten und die Bücher wurden aufgetan.
11 Ich merkte auf um der großen Reden willen, die das Horn redete, und ich sah, wie das Tier getötet wurde und sein Leib umkam und ins Feuer geworfen wurde.
12 Und mit der Macht der andern Tiere war es auch aus; denn
es war ihnen Zeit und Stunde bestimmt, wie lang ein jedes leben sollte.
13 Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht.
14 Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.

Daniel 7, 1-14

O Jesus, unser Herr – Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Hilf uns, Dich genau so zu hören und Dir so zu vertrauen, wie es sich gehört. Amen.

Liebe Gemeinde!
Ein Christ muß auf jeden Fall auch sagen können, warum die Himmelfahrt Christi gefeiert wird. Ohne Himmelfahrt wären wir nicht hier – oder wenn wir hier wären, dann wäre das ohne Himmelfahrt sinnlos.
Jesus garantiert für Seine Worte, weil er dort ist, wo nichts und niemand ihn aufhalten kann.
Im Himmel.
Das klingt so unwirklich, oder so abgehoben, weit weg von uns, weit weg von der Realität.
Doch bedenken wir: Am Anfang schuf Gott HIMMEL und Erde. Im Vaterunser sollen wir beten: Dein Wille geschehe wie im HIMMEL, so auf Erden. Alle Realität hat ihren Anfang im Himmel. Gottes Wille, der hier auf der Erde geschieht, hat bei Ihm im Himmel angefangen. Was Gott auf der Erde tut, das steht zuvor im Himmel fest.
Jesus ist gen Himmel gefahren, Er sitzt zur rechten Hand Gottes – das bedeutet: Jesus ist genau dort, von wo aus Gott alles bestimmt. Jesus ist im Himmel, zur Rechten Gottes, das heißt: Jesus ist in der Überlegenheit. Überlegen bedeutet ja nicht: Weit entrückt, bis in die Unwirklichkeit. Sondern „überlegen“ ist: Durch keine Situation festgelegt, sondern nur durch den eigenen Willen festgelegt. Es gibt ja die Redensart: „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“. Also: Wenn mich nichts aufhält, meinen Willen zu tun, oder meinen Willen zu bekommen, dann kann das himmlisch sein – wenn, ja, wenn … ich etwas Gescheites will.
Jesus ist im Himmel bedeutet also: Der Sohn Gottes ist mir und meiner Situation gegenüber völlig frei und überlegen. Er ist in der Lage, unter allen Umständen Seinen Willen bei mir zu tun.
Jesus im Himmel ist auch unserer Gemeinde gegenüber völlig frei und überlegen. Unsere Grenzen sind nicht Seine Grenzen. Aus Seiner Überlegenheit heraus, an unseren Schwächen vorbei, tut Er, was Er sich vorgenommen hat.
Jesus im Himmel ist auch der Situation in unserer Kirche überlegen, in unserem Land, in Europa, und überhaupt – ganz und gar nicht eingeschränkt. Jesus ist da, von wo aus Er jedes Seiner Worte bei den Menschen ohne Kompromiß wahrmachen kann und es auch tut. Jesus im Himmel: Das ist Jesus in der Überlegenheit. Jesus zur Rechten Hand Gottes, das ist Jesus in der Freiheit.
Nun kann man sagen: Das wissen wir von Gott. Gott ist allmächtig. Was ist zu Himmelfahrt neu? Was ist seit Himmelfahrt anders?
Wir feiern, daß kein anderer, als eben Jesus, gen Himmel aufgefahren ist. Jesus, wahrer Mensch und wahrer Gott. Jesus, der unter Pontius Pilatus gelitten hat, der gekreuzigt wurde, der der den Tod erlitten hat – der ist in die Überlegenheit und Freiheit Gottes gekommen. Er hat alle Macht, Er hat alle Möglichkeiten, Er hat das letzte Wort – Er ist nicht der Geschichte unterworfen, sondern die Geschichte muß Ihm dienen. Und anders als wirklich alle Politiker, erfüllt Er Seine Verheißungen. Er bringt Gottes Gnade wirklich. Er trennt ab von der Macht des Bösen. Er steht zu jedem Seiner Versprechen.
Jetzt aber zum Predigttext!
Dieser Text aus dem Alten Testament ist deshalb dem heutigen Feiertag zugeordnet worden, weil hier von einer menschlichen Gestalt die Rede ist, „wie eines Menschen Sohn.“
Der Prophet Daniel sieht und schreibt auf: „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht.
Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, daß ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.“ – Diese Person bekommt „Macht, Ehre und Herrschaft“ über alle Völker.
Aber jetzt kommt es darauf an, was sich davor abspielt.
Erstmal: Was ist das Besondere an dem Propheten Daniel?
Daniel sieht und schreibt das alles als machtloser Israelit, fern vom Heiligen Land. Er mußte miterleben, wie das Volk Israel als seine Macht vollständig verlor. Jerusalem wurde erobert, zerstört und verbrannt, – auch der Tempel Gottes. Die Mächtigen, die Könige, die Priester wurde gedemütigt, getötet, und verschleppt. Daniel wird in der Fremde zu einem mächtigen Mann – ständig versucht man, ihm seine Identität als Israelit auszulöschen. Das gelingt zwar nicht – aber als Israelit ist er machtlos. Zugleich erlebt er aber als Israelit, wie eine Weltmacht entsteht, wie sie handelt, wie sie Macht ausübt, und was die Macht mit Menschen – den Mächtigen und den Ohnmächtigen – tut.
Das müssen wir im Hinterkopf behalten, wenn wir nun dieses Nachtgesicht betrachten, dessen Ende, dessen gutes Ende, das Kommen des Menschensohns ist.
Daniel sieht ein Meer, das von den vier Winden aufgewühlt ist. Gewaltige, übermenschliche Energien und Kräfte toben und zeigen ihre Macht. In der biblischen Sprache ist das ein Bild für das Chaos der Weltgeschichte. Verschiedene Mächte aller Art wühlen in der Menschheit, Völker und Machtzentren kämpfen miteinander.
Dann sieht Daniel vier Tiere aus diesem Chaos aufsteigen. Und was für Tiere! Ein Löwe, ein Bär, ein Gepard, und ein namenloses Ungeheuer, mit zehn Hörnern, dem noch ein elftes Horn wächst.
Die Tiere sind nicht in einem natürlichen Zustand: Der Löwe hat Adlersflügel, geht aufrecht, wie ein Mensch, und bekommt ein menschliches Herz. Der Bär ist riesig, hat Rippen im Maul und bekommt den Befehl, viel Fleisch zu fressen. Der Gepard hat gar vier Köpfe und vier Flügel. Grotesk, unheimlich! Das letzte Tier hat, wie gesagt, 10 Hörner, und es wächst noch eins nach, es hat eiserne Zähne, und eiserne Füße. Und – furchtbar! – das nachwachsende Horn hat Menschenaugen.
Was soll man dazu sagen? Auf jeden Fall sollen diese Erscheinungen zeigen, wie Tiere, die an sich schon hervorragende Kräfte haben, ihre Kraft steigern, mit Flügeln, eisernen Zähnen, und so weiter. Eine vorhandene Macht wird weiter und weiter ausgebaut und gesteigert – über die Grenzen der Schöpfung hinaus. Es ist die Macht, die um ihrer selbst willen sich steigert. Sie ist eine Verzerrung von Gottes Schöpfung. Besonders die Kombination von Hörnern, eisernen Zähnen und dann … menschlichen Augen finde ich furchtbar. Es ist gerade genug da zu zeigen, daß es keine anonyme Naturgewalt ist, sondern daß eine menschliche Person, ein menschlicher Wille, der weiß, wie ich mich fühle – dieser Wille, der mein Menschsein einfach übergeht und niedertritt: Das trifft die Seele und tut extra weh.
Schon im Alten Testament, aber auch im Christentum hat man von Anfang an diese vier Gestalten als eine Weissagung über die Weltgeschichte als Geschichte der Macht verstanden. Der geflügelte Löwe sei das Reich, unter dem Daniel lebte, also das Babylonische Weltreich. Der Bär dann das Persisch-medische Reich; der Gepard das griechische Weltreich unter Alexander dem Großen, und schließlich das Römische Weltreich als das letzte unheimliche, grausame und übermächtige Gebilde.
Sie alle bauen ihre Macht zusammen aus Teilen der Wirklichkeit – der Löwe ist nicht nur Löwe, sondern er hat auch Flügel, das steigert seine Macht sofort. Diese Machtkonzentration ist aber ein Mehr von der Macht, die schon da ist. Durch das Chaos von Energien und Kräften kombinieren sich Machtfaktoren und steigern sich ins Unermeßliche. Waffen, Wirtschaft, Information. Bodenschätze, Wissenschaft, Menschenkenntnis, Energiequellen. Das wird gesammelt, geraubt, mit Propaganda und Medien vor den Seelen der Menschen aufgebaut …. Das letzte Tier brüllt große Worte. Die Zutaten sind noch aus Gottes Schöpfung, aber die Mischung, die Kombination die Anhäufung und die Dimensionen sind nicht mehr aus Gottes Schöpfung. Sie sind Ausdruck der Sünde, wie Gott sein zu wollen. Niemanden über sich zu haben, sich von niemandem etwas sagen zu lassen.
Daniel, der die Ohnmacht am eigenen Leib durchlitten hat, der die Widerlegung seines Volkes miterlebt hat, dem zeigt Gott den Weg und das Wesen der menschlichen Machtkonzentration – der Reiche. Unheimlich, schrecklich, unaufhaltsam, zerstörerisch. Und am Ende? Immer mehr hört man, daß neue Kombinationen der Macht sich Rüsten. Die Grenzen zwischen menschlichem Körper und Computer, zwischen eigenem Denken und Information sollen aktiv verwischt werden. Es ist doch jetzt schon so, daß man ohne Internet, ohne Codes auf einem Handy immer weniger am Leben teilnehmen kann. Transhumanismus ist das Ziel. Der menschliche Körper ist nicht privat oder ein Rückzugsort, sondern der Platz, wo Macht ausgeübt wird. Es wird offen darüber gesprochen, daß die Seele des Menschen durch Technik besetzt und beherrscht werden kann und soll. – Ein neues Beispiel für eine Kombination von Gottes Schöpfung, die den Menschen überwältigt.
Das ist unheimlich und einschüchternd.
Das Gefühl der Ohnmacht kann einen packen, wenn man das bedenkt.
Der Prophet Daniel erlebt das alles, und ihm wird gezeigt, daß diese scheinbar allmächtigen Systeme von Gott, dem Schöpfer, gerichtet werden. Sie werden zerfallen. Das brutale, machtbesessene Zusammenfügen von Gottes Geschöpfen zu Macht um ihrer selbst willen – Gott zieht den Stecker raus. Vom Himmel aus zieht Gott den Stecker raus.
Und dann? Gottes Wort sagt uns, daß Sein Ziel der Menschensohn ist. Der Menschensohn ist nicht das Ergebnis dieser Machtkämpfe. Der Menschensohn beteiligt sich nicht daran. Sondern der himmlische Vater übergibt ihm die Macht.
Jesus hat sich im Evangelium immer wieder den „Menschensohn“ genannt. Darum hat er niemals nach irgendeiner Macht gegriffen, oder sie programmatisch organisiert. Er wußte, daß Sein Vater ihm die Macht geben wird. Als der Sohn EMPFÄNGT er die Macht. Das ist gute Macht. Keine Steigerung, kein Aufpumpen, kein System ersetzt diese eine Tatsache: Der Menschensohn empfängt die Macht.
Jesus hat diese Worte aus Daniel direkt auf sich bezogen. Und wann? Genau dann, als er in den Augen der Weltmacht am schwächsten, am ohnmächtigsten dastand: Vor dem Hohenpriester. Der hatte Jesus direkt gefragt: „Bist der Messias, der Sohn Gottes?“ – Jesus sprach zu ihm: Du sagst es. Doch ich sage euch: Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels.“ (Matthäus 26, 63-64). Das war sein Todesurteil. Er, der gefangene, von allen Verlassene, ohne Armee, ohne Propaganda, ohne Finanzen – er soll das letzte Wort über die Hohenpriester haben? Pilatus, der Statthalter der Weltmacht, sagte zum Menschensohn: „Weißt du nicht, daß ich die Macht habe, dich zu kreuzigen, oder ich freizulassen?“ Jesus antwortet: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben herab gegeben wäre“ (Johannes 19, 11) – also von Gott. Jesus steht dafür, daß Gottes Macht empfangene Macht ist, und Macht ist, die von Menschengestalt verkörpert wird.
Das feiern wir zu Himmelfahrt. Jesus setzt Seine Überlegenheit für uns ein. Er übt Seine Macht aus mit menschlichen Worten. Mit Handauflegung, mit Vergebung, mit Gnade und Segen. Wenn alle sich ausgetobt haben, wird er noch der sein, den wir jetzt begegnen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.


Beitragsbild:

Meister des Rabula-Evangeliums: Rabula-Evangelium, Szene: Christi Himmelfahrt

586, Pergament, 34 × 27 cm
Florenz, Biblioteca Medicea-Laurenziana
Kommentar: Buchmalerei, im Johanneskloster in Zagba entstanden
Land: Syrien
Stil: Spätantike
[Meister des Rabula-Evangeliums. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei, S. 7884 (c) 2005 The Yorck Project]

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