Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.
7 Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.
9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt,
10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.
Text: 2. Timotheus 1, 7-10
Gebet: Lieber Gott, segne jetzt Reden und Hören und erreiche unsere Herzen mit der Erkenntnis, die notwendig ist. Amen
Liebe Gemeinde!
Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.
„die Macht genommen“ – in dem großen Lobgesang, den wir an den hohen Feiertagen vor Gott bringen, singen wir mit der ganzen Christenheit: „Du König der Ehren, Jesu Christ … hast dem Tod zerstört sein Macht, und all Christen zum Himmel bracht.“
Im großen Dankgebet vor dem Abendmahl, der Präfation, heißt es in der Osterzeit: Jesus hat „unsern Tod durch sein Sterben zerstört, und durch sein Auferstehen das Leben wiedergebracht.“
Gott ist gegen den Tod. Im Buch des Propheten Hesekiel sagt Gott: „Meinst du, daß ich Gefallen habe am Tode …?“ (Hesekiel 18, 23) – und an anderer Stelle: „So sprich zu ihnen: So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefallen am Tode …“ (Hesekiel 33,11). Ja, Gott erklärt den Tod zu seinem Feind: „Ich will sie aus der Hölle erlösen und vom Tode erretten. Tod, ich will dir ein Gift sein; Hölle, ich will dir eine Pest sein.“ (Hosea 13, 13-14). Ist das nicht ein dramatischer Satz: „Tod, ich will dir ein Gift sein!“? Der Tod soll an Gott draufgehen und verrecken.
Dabei, könnte man doch sagen, kann der Tod doch nichts gegen Gott tun. Gott ist schließlich unsterblich, ewig. Warum sollte Gott gegen den Tod sein? Ein Feind des Todes sein? Wozu?
Es kann nur Liebe sein. Gott ist gegen den Tod, weil Er Seine Schöpfung liebt, in der Schöpfung das Leben, und unter den Lebendigen die Menschen. In Buch der Weisheit wird Gott direkt „Freund – oder Liebhaber – des Lebens“ genannt. (Weisheit 11,26). Das ist die Liebe zum Leben, das Er geschaffen hat. Was Gott betrifft, muß es dich geben. Gott liebt dein Leben noch mehr, als du selbst.
Jesus weint, als er zum Grab seines Freundes Lazarus kommt (Johannes 11, 35), nicht nur das, sondern Jesus „ergrimmte“ auch „in seinem Geist“ (Johannes 11, 33+38). Jesus verkörpert also gegenüber dem gestorbenen Freund Lazarus beides: Er hat an dem Tod keinen Gefallen, sondern weint und ist betrübt im Geist – und er ist ein Feind des Todes, weil er über ihn ergrimmt.
Jesus verkörpert und zeigt uns Gott gegenüber dem Tod.
Wie gesagt: Der Tod kann Gott selbst nichts anhaben, aber der Tod des Menschen geht Ihm zu Herzen. Unser Entsetzen vor dem Tod, unsere Angst und unser Schmerz über den Verlust eines lieben Menschen, die Trauer, treffen Gott mindestens so sehr, wie uns selbst. Das ist, was Jesus uns zeigt. Im Angesicht des Todes ist Gott uns viel näher, als wir es denken können.
Doch das ist nicht alles, was über Gott und den Tod zu sagen ist, so sehr es auch tröstlich ist!
Es ist längst nicht alles.
Wir wissen ja, daß Jesus nicht nur über den Tod seines Freundes Lazarus geweint hat, und grimmig war über die Macht des Todes, sondern daß Er ihn auch aus dem Grab herausgerufen, und von den Toten auferweckt hat. Er hat mit Seiner Stimme Lazarus ins Leben zurückgerufen. Das absolute Wunder, gegen das alle anderen Wunder verblassen.
Doch es war die Ausnahme. Jesus hat nicht alle Toten auferweckt. Neben Lazarus hat er die Tochter eines Synagogen-Vorstehers (Markus 5, 35-43) und den Sohn einer Witwe aus der Stadt Nain (Lukas 7, 11-17) auferweckt. Wo Jesus war und ist, da ist auch Hoffnung gegen den Tod und über den Tod hinaus. Das hat Er überdeutlich gemacht!
Doch auch das ist nicht alles, was gesagt werden muß, es ist längst nicht alles.
Gott fühlt nicht nur den Tod mit, er ist dem Tod nicht nur überlegen, sondern Jesus hat den Tod auch auf sich genommen, um ihn endgültig zu überwinden. Davon spricht unser Predigttext aus dem Brief des Apostels Paulus an seinen Schüler und Nachfolger im Predigtamt, Timotheus:
„Christus Jesus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“
Daß Gott mit uns fühlt, ist wunderbar tröstlich, aber nicht genug!
Daß Gottes Sohn Seine Macht über einzelne gestorbene Menschen bewies, das ist wunderbar beeindruckend, aber nicht genug!
Der wirkliche Trost, der jeden Menschen erreichen kann, muß der sein, daß der Tod seine Macht verloren hat. Das erst ist das Evangelium – die frohe und frohmachende Botschaft. Gott hat keine Ruhe, und ist nicht am Ende, bis Er nicht ganz und gar den Tod zerstört hat.
Wie hat Jesus das ein für alle Mal getan (vgl. Römer 6, 10)? Er ist selber in den Tod gegangen. Am Kreuz hat Jesus den Tod eines Verurteilten, den Tod als Strafe und Fluch ganz und gar durchlitten, er hat den bitteren Kelch ganz ausgetrunken. Er wurde ins Grab gelegt. Aber er ist nicht im Grab geblieben, sondern er ist auferstanden und lebt.
Der Apostel Paulus ist dem Auferstandenen begegnet. Er war damals noch der festen Überzeugung, daß Jesus zu recht ans Kreuz gekommen war, daß Jesus den Tod ganz und gar verdient hatte. Doch dann stellte sich der Auferstandene ihm in den Weg. Es war vor Damaskus. „Ich bin Jesus, den du verfolgst!“ hörte Paulus dort. (Apostelgeschichte 9, 5).
Spätestens da wurde dem Paulus klar, w i e Jesus den Tod überwunden hat: Der Tod ist eine Strafe. Darum hat Jesus den Tod eines Angeklagten und Schuldigen auf sich genommen. Mit Seiner Auferstehung hat Jesus die Anklage des Gesetzes über die Sünde, und die Schuld überwunden.
Hören wir dazu 1.Korinther 15, 54-57: »Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Hölle, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?« Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!“ – Hier ist das Geheimnis: Das, was den Tod schrecklich macht, ist die Sünde; und das, was die Sünde so wichtig macht, ist das Gesetz.
Jesus ist den Tod eines angeklagten, schuldiggesprochenen und verurteilten Sünders gestorben. Im Namen des Gesetzes hing Er am Kreuz und ging Er in den Tod. Er hat das freiwillig getan, aus Liebe zu uns und aus vollständigem Gehorsam Seinem himmlischen Vater gegenüber.
Im Sterben selbst hat der den Tod zerstört. Das wurde dann in der Auferstehung offenbar für alle Zeit.
Das ist das Evangelium: Der Tod als Strafe für Sünde ist mit Jesus vorbei. Wer zu Jesus gehört, für den ist das auch wahr. Die Grundlage des Todes ist die Sünde. Die Grundlage des Lebens muß dann die Vergebung sein, die Gnade.
Nun muß ich kurz auf den Anfang der Predigt zurückkommen: Wir hörten aus dem Propheten Hesekiel: Gott sagt: Ich habe keinen Gefallen am Tode – – dort heißt es weiter: am Tod des Sünders. Mit Sünde ist der Tod schrecklich, aber ohne Sünde, also mit Vergebung, ist er ein Übergang zum Leben mit Gott.
Unser Katechismus bringt es wunderbar auf den Punkt: „Wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit“ (Vom Sakrament des Altars, Zum Zweiten).
Wenn du also Jesu Macht gegen den Tod in deinem Leben haben willst, dann ist der Weg: Höre das Evangelium und empfange Vergebung der Sünden. Das ist der Weg, da fängt Gott neu an, da geht es endgültig los in Richtung Leben und Freude, denn Seligkeit ist nichts anderes als Freude. Freude aus gutem Grund.
Paulus schreibt an seinen Schüler und Nachfolger im Predigtamt, Timotheus. Der junge Timotheus muß überwältigt gewesen sein: Er soll in die Fußtapfen des großen Apostels treten. Keiner hat so Mission getrieben, wie Paulus. Gemeinden in Kleinasien und Griechenland hat er gegründet, und eine weltweite Wirkung gehabt. Und Timotheus wird an Paulus gespürt haben: Das Evangelium predigen, daß ist mehr als eine interessante Mitteilung, es ist ein Kampf mit Mächten in der unsichtbaren Welt. Die Menschen warten nicht alle unbedingt darauf, zu hören, daß sie die Gnade und Vergebung Gottes brauchen, daß diese Gnade und Vergebung von einem Mann kommt, der am Kreuz furchtbar gestorben ist. Der Teufel gibt seine Beute nicht gerne wieder her! Wer das Evangelium predigt, und sich in der Gemeinde dazu bekennt, der wird Teil des Kampfes, den Jesus gekämpft hat.
Das ist ein übermenschlicher Kampf. Das wäre zum Fürchten. Der Kampf gegen die Sünde ist mühsam und schwer. Also gegen die Sünde bei sich selbst und bei anderen.
Doch Paulus ruft dem Timotheus zu: Du glaubst an Jesus? Das bedeutet zugleich: Du hast den Heiligen Geist. Du hast den Geist Jesu. Du hast den Geist, mit dem Jesus alles gesagt, getan und gelitten hat, du hast den Geist des Sieges über den Tod.
Dieser Geist bleibt nicht in der Furcht stecken, nein er ist ein Geist der „Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Die Kraft ist schon da, die Liebe ist schon vorbereitet! Durch den Glauben hat Gott schon damit angefangen. Du siehst es nicht? Du fühlst es nicht? Vertraue nur! Besonnenheit – früher hieß es in unseren Bibeln „Zucht“. Man kann auch sagen: „Nüchternheit“, oder „Disziplin“. Laß dich nicht vom Bösen hypnotisieren! Bei dir selbst nicht, auch nicht bei anderen. In Gottes Namen und mit Gottes Hilfe, durch den Heiligen Geist sollst du vom Bösen unbeeindruckt sein, und den nächsten Schritt tun.
Darum soll ein Christ sich nicht schämen, ein Christ zu sein, und dafür bekannt zu sein. Liebe Gemeinde, müssen wir uns da nicht alle an die Nase fassen? Christ sein ist öffentlich sein. Sollten wir wegen Jesus rotwerden? Warum? Sollen wir rotwerden für auch nur ein Wort, was er gesagt hat? Warum? Sollen wir dafür schamrot werden, daß er Gott und Mensch ist, von einer Jungfrau geboren? Sollen wir ins Stottern geraten, weil er den Weg ans Kreuz gegangen ist? Sollen wir lieber schlucken und schweigen, weil der aus dem Grab auferstanden ist? Sollen wir uns von Jesus distanzieren, weil er vom Himmel aus seit 2000 Jahren überall Menschen in seine Kirche sammelt, dort angebetet wird für seine wunderbare Gnade? Schäme dich nicht!
Ja, es gibt Widerspruch. Der Widerspruch beginnt ja schon bei dir und mir selbst. In ganz schwachen Momenten kann ein Christ sogar meinen: Ich verstehe ja, warum du nicht ein Christ bist. Ja, solche Momente gibt es! Und wenn wir uns schämen, daß wir Christen sind, dann haben wir den Unglauben oder das Unverständnis der Welt schon in uns hineinkopiert. Das ist nicht der Heilige Geist, das ist nicht der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit!
Der Widerstand und der Unglaube können uns treffen, und das tut weh. Paulus kennt das, er nennt das: Leiden mit dem Evangelium, ja, Anteil haben an den Leiden Christi. Doch dieses Leiden ist keine Strafe mehr. Dieses Leiden ist ein Beweis, daß du mit Jesus Christus unterwegs bist.
Denk dran, daß Gott angefangen hat. Er hat dich berufen! Und dieser Ruf ist ein Heiliger Ruf. Das was du im Namen Gottes hörst aus der Bibel in seiner Kirche und Gemeinde – das ist nicht menschlich. Es ist heilig. Das zeigt sich zum Beispiel daran, daß Gott es von Anfang an gewollt hat. Das Evangelium ist nicht das Produkt einer historischen Entwicklung, es ist nicht von Menschen ausgedacht: „Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluß und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt.“ Vor der Zeit der Welt. Gottes Gnade war real bevor die Geschichte anfing, auch deine Geschichte. Darum spricht Paulus von den „Werken“. Gott hat beschlossen, daß der Tod für dich zerstört wird, bevor du dein Leben zerstört hast. Das steht fest.
Das, was im Namen Jesu zu dir kommt, was du hörst, das ist unvergänglich. Die Gnade, die dich aufatmen läßt, ist unvergänglich. Die Vergebung, die dich befreit, wird am Ende übrigbleiben, wenn alles andere vergangen ist. Aber übrigbleiben ist kein Wort. Diese Gnade wird dann das Licht sein, daß die Welt erfüllt und dich vor Gott schön macht.
Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
16. Sonntag nach Trinitatis, 20. September 2026
Bild: „Mose empfängt die Gesetzestafeln“ (Raffael, 1519)
