Altjahresabend

Von | Januar 4, 2022
Der Unkraut säende Feind. Mömpelgarder Altar

Gnade, Barmherzigkeit und Friede
von Gott, dem Vater,
und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

24 Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte.
25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon.
26 Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut.
27 Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut?
28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du denn, daß wir hingehen und es ausjäten? 29 Er sprach: Nein! Damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet.
30 Laßt beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune.

Matthäus 13, 24-30

Der du die Zeit in Händen hast, HERR, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Das Jahr war durchwachsen. Das kann man sicher immer sagen. Es gab Gutes und nicht Gutes. Es gibt Dinge, an die man gerne und dankbar zurückdenkt, und es gibt leider auch Dinge, die man lieber vergessen will. – Und das alles im Großen wie im Kleinen.
Vielen geht es so, daß die letzten beiden Jahre unter dem Vorzeichen von Corona sich so verwischt haben, daß man nicht so genau sagen kann: War das jetzt 2020 oder 2021?
Wir möchten gerne das Gute uns bewahren und mitnehmen in das Neue Jahr, und am liebsten das Böse zurücklassen.
Ich persönlich muß sagen, daß ich auf die Corona-Zeit am liebsten verzichtet hätte – aber zugleich muß ich doch sagen, daß ich in dieser Zeit auch Erfahrungen gemacht habe, auf die ich nicht mehr verzichten will. Wenn es nach meinem Willen gegangen wäre, dann hätte ich manche wertvolle Erfahrung mit Gott, mit mir selbst, mit der Gemeinde und mit Freunden und der Familie nicht gemacht.
Silvester und Neujahr sind sicher Tage für Rückblick und Ausschau. Doch ist es jetzt schon ausgemacht und endgültig fest, was zu Guten, und was nicht zum Guten passiert ist?
Wann ist wirklich die Erntezeit, also die Zeit, wo alles nicht mehr weiterwächst, sondern sein Ziel und seine Erfüllung erreicht hat? Welches Haltbarkeitsdatum hat unser Urteil über die Dinge?
Unser Herr Jesus, der Herr über die Zeiten ist, und den Anfang und das Ende der Zeiten – auch unseres Lebens – überblickt, er spricht mit uns. Seine Worte spricht er aus dieser Überlegenheit heraus. Und wer die Worte Jesu aufnimmt, der ist der Zeit nicht mehr unterworfen. „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“, sagt er feierlich (Matthäus 24, 38). Auch sagt er: „Fürchte dich nicht, ich bin der Erste und der Letzte, und der Lebendige.“ (Offenbarung 1, 18).
Auch das Gleichnis vom zweifachen Ackerfeld, das wir eben gehört haben, spricht Jesus als der Erste und der Letzte – als der, der vor allem und allen schon war, und der nach allem und allen noch sein wird.
Jesus spricht zu uns vom Reich Gottes. Also davon, wie wir unter Gottes Macht kommen und überleben.
Was hören wir über das Reich Gottes?

  1. Gott sät Samen aus.
    Jesus und Sein Reich sind der Zeit nicht unterworfen. Doch kommt Jesus ja zu uns in die Zeit hinein. Und das bedeutet: Im Reich Gottes kann nicht alles gleichzeitig sein. Jesus bedient sich der Zeit, um uns zu helfen. Unter der Macht Jesu ist die Zeit nicht dein Feind. Das Reich Gottes gleicht einem Hausvater, der guten Samen aussät. Same keimt, wächst, bringt Frucht. Das kommt nacheinander. Es braucht seine Zeit. Jesus selbst sagt uns, daß dieser Same das Wort Gottes ist. Gottes Wort setzt einen Prozeß in Gang. Gottes Wort versammelt Zeit in sich und verwandelt die Zeit in eine Gabe Gottes. So wie ein Saatkorn Wasser, Mineralien, Licht und Wärme in sich hineinsammelt und in Leben verwandelt, genauso macht Gottes Wort das mit unserer Zeit, unserer Lebenszeit. Unser Gesangbuch weiß das und spricht davon: „Gott, laß Deine Gaben allein,
    den Wert und das Maß der Tage sein.“ (ELKG alt 45, 5 = ELKG neu 378, 5). Gott spricht, und es geschieht. Aus unserer Perspektive braucht es Zeit. Das Gesetz von Saat und Ernte führt uns das vor Augen. So fängt Gott auch das ewige Leben in uns an. Er spricht mit uns und es geht los. Er macht uns in der Taufe zu Seinen Kindern, also zu Kandidaten für die Ewigkeit, besser: Erben des ewigen Lebens.
    Und wir? Wir sollen durch die Zeit hindurch glauben. Von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Immer wieder hören. Immer wieder essen und trinken an Seinem Tisch. Wir sind vergänglich und der Zeit unterworfen, ja sterblich. Aber das Reich Gottes ist zu uns gekommen, die Saat ist ausgesät, eine neue Zeit hat begonnen in uns.
  2. Gott hat einen Feind.
    Jesus spricht oft vom Schlafen und Wachen. Wir sollen wachsam sein, also Gottes Reich von Augen und im Herzen haben. Aber solange wir diesen Leib und dieses irdische Leben haben, brauchen wir Schlaf. Jesus hat auch geschlafen. Mitten im Sturm auf dem Schiff (Matthäus 8, 24). Als die Diener des Hausvaters schliefen, kam ein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen. Wer schläft, ist unbewußt. Das Böse kommt, wo wir unbewußt sind, in einem blinden Fleck. Gott hat einen Feind. Das ist der Teufel. Er tut alles, das Reich Gottes zu verhindern und zu zerstören. Er will nicht, daß uns Gottes Wort erreicht, er will nicht, daß wir geduldig daran glauben, er will nicht, daß Gott eine Ernte hat.
    Er sät eine böse Saat aus. Böse Gedanken und Gefühle kommen in Umlauf. Wir haben nicht den Überblick und können nicht sagen: Da kommt es her, da hat es angefangen. Und deshalb können wir auch nicht sagen: Da ist es zu Ende. Wir können das nicht überblicken. Der böse Feind ist anders als Gott. Gott spricht mit uns, macht Seine Gute Absicht bekannt und teilt sie uns mit, klopft an, schafft einen Raum, in dem wir ihm begegnen können. Dazu ist er ja Mensch geworden, dazu gibt es Kirche und Gemeinde, Gottesdienst und alles.
    Der Teufel handelt im Verborgenen, im blinden Fleck – immer ungerecht und verlogen. Er führt uns dahin, wo wir ohne Gottes Wort unseren Gefühlen, Bildern, Gedanken allein ausgeliefert sind, um sein Werk an uns zu tun.
  3. Es gibt eine scheinbar mehrdeutige Zeit.
    Im Gleichnis beschreibt Jesus nun, wie die Zeit durchwachsen ist. Weizen wächst –also die Frucht aus Gottes Wort – Glaube, Liebe, Hoffnung. Früchte, die die Zeit nicht mehr zerstören wird, ja, Wunder von Gott in unserem Leben. Zugleich wächst auch das Unkraut. Im Urtext wird angedeutet, daß dieses Unkraut dem Weizen zum Verwechseln ähnlich aussieht. Es gibt Heuchelei, Lüge, Egoismus, Betrug und Begehren auch unter Christen. Auch im eigenen Leben. Die Zeiten sind durchwachsen. Das Reich Gottes in Reinkultur scheint nicht in Sicht zu sein. Man denkt manchmal: Ah! Da ist es! Doch mit der Zeit merkt man: Da sind auch Fehler, es ist nicht perfekt. Jesus sagt uns das aus Seine Überlegenheit heraus. Es ist so. Es wird so bleiben bis zum Jüngsten Tag.
    Trotzdem ist das Reich Gottes bei uns. Trotzdem nimmt das Saatkorn Gottes Zeit aus unserem Leben und baut sie ein in das ewige Leben.
  4. Das letzte Urteil ist uns nicht gegeben.
    Aber wie bewährt sich unser Glaube, wenn wir das merken? Die Diener des Hausvaters wollen klare Verhältnisse schaffen. Unkraut muß ausgejätet werden! Das ist verständlich! Aber können wir das, wenn das Unkraut dem Weizen zum Verwechseln ähnlich ist? Wenn wir nicht wissen können, wo das Böse anfängt und aufhört? Das letzte Urteil steht uns nicht zu. Laßt beides miteinander wachsen, sagt Jesus. Wir sollen es ertragen. Ja, wir sollen merken, daß das Böse nicht nur bei den anderen ist, sondern auch nach uns greift. Wir sollen merken, daß wir selbst nicht so eindeutig und unanfechtbar gut sind.
    Warum? Weil wir mit der Zeit auch erfahren sollen, wie Gott in uns, gerade bei mir, das Böse überwindet.
    In dieser durchwachsenen Zeit sollen wir uns von Gott zeigen lassen, was seine Gaben sind. Die erste Gabe ist: Er gibt uns Seinen Sohn und zeigt uns darin Seine Liebe. Die zweite Gabe ist: Er spricht mit uns, er gibt uns Sein Wort. Die dritte Gabe ist: Wir bejahen Gottes Wort. Dann entsteht zum Beispiel Dankbarkeit. Dankbarkeit ist nicht zu unterschätzen. Der Teufel haßt Dankbarkeit. Dankbarkeit reagiert auf Gottes Liebe in Seinen Gaben. Dankbarkeit für Eltern, für Kinder, für Brüder und Schwestern im Glauben, für das tägliche Brot.
    Also: Statt zu urteilen und vergeblich nach Eindeutigkeit zu suchen: Lieber von ganzem Herzen selbst nach dem Reich Gottes trachten, daraus folgt alles andere (Matthäus 6, 33).
  5. Es wird eine Ernte geben.
    Die durchwachsene Zeit wird einmal ein Ende haben. Es kommt die Ernte. Die Zeit ist begrenzt. Irgendwie wissen wir das ja. Aber dieses Wissen bringt uns in Verlegenheit. Was machen wir damit? Sollen wir so viel wie möglich an Erlebnissen in unser Leben pressen, und von einer Angst getrieben werden, nichts zu verpassen? Oder depressiv werden, weil alles ja doch vergeht? Verpaßten Chancen nachtrauern? Wie können wir die schönen Erlebnisse des vergangenen Jahres für uns bewahren? Schlimmer noch: Werden deine Fehler dich einholen und am Ende anklagen, in Frage stellen und zerstören? Das kann mit der Zeit passieren!
    Jesus sagt uns in diesem Gleichnis, daß es Schnitter, Erntearbeiter, Engel gibt. Die vollstrecken Gottes Urteil über alles. Da wird alles dann eindeutig. Was wird dann aus mir?
  6. Gottes Gaben sind ewig.
    Im Reich Gottes geht nichts verloren. Der Weizen wird in die Scheunen gesammelt und gesichert. Die Früchte des Glaubens. Die Wirkungen des Reiches Gottes. Die Freude an der Menschwerdung Gottes, die wir zu Weihnachten hatten, vergeht nicht. Denn ihr Gegenstand, auf den sie sich bezieht, aus dem die Freude sich nährt, ist unvergänglich. Gott nimmt Seine Gaben nicht zurück.
    Liebe Gemeinde! Wenn wir zurückblicken auf die durchwachsene Zeit, dann laßt uns im Zweifel Gott danken. Lieber einmal zu oft! Und Gott um Gnade bitten, lieber einmal zu oft! Und bei alledem darauf vertrauen, daß auch die Zeit unserm Herrn Jesus dienen muß. Die Zeit muß nach und nach alles wahr machen, was Er gesagt hat. Die Zeit kann dann nicht unser Feind sein.

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.