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Predigt

16. Sonntag nach Trinitatis

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Amen.

22 Die Güte des HERRN ist’s, daß wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.
26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
[…]
31 Denn der HERR verstößt nicht ewig;
32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

Klagelieder 3, 22-26. 31-32

Lieber Gott im Himmel, laß Dein Wort bei uns wirken, wozu Du es gesandt hast. Amen.

Liebe Gemeinde!

Heute muß mal etwas ganz Nüchternes gesagt werden: Der Glaube bezieht sich auf etwas, was ich nicht bin. Ich bin nicht Gott, aber im Glauben beziehe ich mich auf Gott.
Das klingt lächerlich einfach. Nicht mal eine Binsenweisheit. Doch lohnt es sich, bei dieser Wahrheit stehen zu bleiben, und ihr nicht auszuweichen. Ich bin nicht Gott; und Gott ist nicht ich – aber im Glauben beziehe ich mich auf Gott. Vielleicht sollte man noch besser sagen: Der Glauben erkennt, spürt, ahnt, merkt, daß Gott sich auf mich bezieht; Gott meint mich.
Der Predigttext hilft und führt uns, festzuhalten: Gott ist nicht ich. Das ist gut.
Die Güte des HERRN ist’s, daß wir nicht gar aus sind
„Gar aus“- sein. Wer spricht so? Ganz und gar aus sein – fertig sein, alle sein, am Ende sein.
So spricht der Prophet Jeremia, nachdem Nebuchadnezar und seine Übermacht Israel niedergetreten, und Jerusalem angezündet, und den Tempel zerstört hat. „Ich kann nicht mehr“ „Es wird mir zuviel!“. Das ist Jeremia, das ist Israel. Nicht nur sichtbar, sondern auch unsichtbar – denn dieses Elend ist das Ergebnis und die Folge eigener Schuld. Dann ist man doppelt am Ende – wenn man einsieht: Ich bin daran schuld!
Es ist alles ganz schrecklich. Keine Frage. Jeremia ist randvoller Klage und Schmerzen. Leiblich und seelisch. Man sagen: Er ist Klage und Schmerzen – und sonst nichts.
Aber das ist nicht die ganze Wirklichkeit. Ich bin ganz am Ende, aber das ist nicht alles.
„Die Güte des HERRN ists, daß wir NICHT ganz aus sind.“
Der HERR ist überhaupt nicht aus. Gott ist ganz heil und gut – also das, was Israel gerade nicht ist.
ABER ISRAEL BEZIEHT SICH AUF DEN HERRN. RUFT IHN AN, KLAMMERT SICH AN IHN, LÄßT IHN NICHT LOS.
Oder warum nicht: SCHREIT IHN AN.
Es geht um diesen Funken, dieses Senfkorn: Dieses Fertig-Sein ist nicht die ganze Wirklichkeit. Dieser Schmerz ist nicht alles.
Oder besser: ISRAEL UND JEREMIA WERDEN INNE:
DER HERR HAT UNS NICHT FALLEN GELASSEN, GOTT IST MIT UNS NICHT AM ENDE, DA IST NOCH ETWAS, DER SCHMERZ IST NICHT DIE GANZE WIRKLICHKEIT. Er ist wirklich, aber er ist nicht alles.
Liebe Gemeinde kommst Du jetzt ein wenig dahinein, in dieses Wort: „Die Güte des HERRN ists, was wir nicht gar aus sind.“?
Jeremia sieht die Trümmerhaufen der heiligen Stadt. Wie alles Schöne, alle Anhaltspunkte für Gottes Segen nicht da sind. Er sieht das. Aber die Tatsache, daß es es sieht, und noch lebt und Klagen kann, ist der Beweis dafür: Gott ist mit mir, mit uns, noch nicht am Ende. Gott ist überhaupt nicht am Ende. Denn Gott ist ja nicht ich, oder Israel. Wenn wir noch am Leben sind, dann deshalb, weil Gott uns noch erhält. Die Tatsache, daß ich Schmerzen spüre, ist der Beweis, daß ich mit Gott eine Zukunft habe.
„Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende.“
Barmherzigkeit nimmt das an, was in Not ist. Ohne Not, ohne Leiden gibt es keine Barmherzigkeit. Gottes Barmherzigkeit umgibt und trägt, ja umhüllt Jeremia und Israel, das kaputte Jerusalem. Das ist Barmherzigkeit. Sie fängt an, fängt so richtig erst an, wo Not ist. Jeremia spricht die Wirklichkeit an, die einfach größer ist. Und er bezieht sich auf sie, im Glauben:
„Und DEINE Treue ist groß“. Er erkennt die Treue. Ihm wird klar: Gott war schon dabei, auf mich zuzugehen; eine Wirklichkeit, die ich nicht bin, aber zu mir kommt.
Wie ein Arzt. Ein Arzt ist etwas völlig anderes, als ein Patient. Aber der Arzt wendet sich dem Patienten zu. Der Patient vertraut sich dem Arzt an. Der Arzt steht dafür, daß die Krankheit, die den Patienten zum Patienten macht, daß diese Krankheit doch nicht die ganze Wirklichkeit ist. Darum ist es nicht trivial, oder banal, daß der Arzt nicht der Patient ist. Der Arzt ist das LEBEN des Patienten- und der Patient lebt weiter, weil er dem Arzt vertraut, und der Arzt barmherzig ist.
Barmherzigkeit setzt ihre Kraft und Macht ein, damit etwas Schwaches oder Leidendes lebt und aufatmet. Barmherzigkeit ist Zuwendung an der tiefen Stelle.
Hier ist es wahr: Nicht der Mensch soll barmherzig sein, sondern er soll Barmherzigkeit erfahren, weil er sie braucht.
„DEINE Treue ist groß.“ Treue gibt es, wo man ein Wort gegeben hat. Treue ist gehaltenes Wort. Gott hat Israel und Jeremia Sein Wort gegeben. Im Wort ist die Zuwendung Gottes. Wenn das Wort kommt, dann kündigt sich eine neue Wirklichkeit an, eine Zukunft. Eine Zukunft, die das Israel, das am Boden liegt, nicht ist sich oder in seiner Haut irgendwo fühlt oder sieht – im Gegenteil! – sondern es ist die Zukunft, die Gott bringt. Denn wenn Gott dich anspricht, dann ruft er dich in die Zukunft. Seine Zukunft.
Im heutigen Evangelium hören wir von dem gestorbenen Lazarus. ( Johannes 11). Der lag tot im Grab. Er hatte keine Zukunft in sich, ja, er stank schon. So war es.
Aber Jesus war sein Freund. Das ist die Zuwendung, die von Außen kommt. Und Jesus ruft aus Seiner Treue heraus, ruft er: „Lazarus, komm heraus!“ Wie gut, daß Jesus nicht Lazarus ist! Jesus ist was ganz und gar anderes, er ist alles was Lazarus nicht ist: Jesus ist die Auferstehung und das Leben, Lazarus hingegen ist der Tod und das Liegen im Grab. Aber Jesus wendet sich aus Treue und Barmherzigkeit dem Lazarus zu. Jesus ist die Zukunft für Lazarus, egal, wie sehr Lazarus nur noch Vergangenheit ist. Lazarus ist auf diese Vergangenheit, auf diesen Tod überhaupt nicht festgelegt. Warum? Weil Jesus sein treuer Freund ist. „Deine Treue ist groß!“ Wenn Jesus dein Freund ist, dann ist er auch Deine Zukunft. Und diese Zukunft fängt in dir an, wenn Sein Wort, das Evangelium, dich erreicht, dich anspricht.
„Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.“ Oh – die Seele spricht. Wenn die Seele spricht, dann kommt das, was gesagt werden muß, wenn die Seele spricht, dann ist der Leib, das Herz und alles nach und nach einverstanden. Am schönsten ist es ja, wenn die Seele sagt: Ich liebe einen Menschen. Das kommt nicht aus dem Gehirn allein, als ein korrekter Gedanke. Da ist das Herz nicht so dabei, oder der Rest des Körpers. Aber wenn die Seele spricht, dann ist das eine große Wahrheit, so groß wie das, was sie liebt, und noch größer. Und der Leibt kann sich mitfreuen und kommt zur Ruhe, und wird auch richtig wach und lebendig, voller Hoffnung und Zukunft.
Was sagt die Seele? – „Der HERR ist mein Teil.“ – „Mein Teil“ – das ist mein Erbteil. Ein Erbe in der Sprache der Bibel ist das, wovon ich leben werde, worin ich leben werde – ein Grundstück, ein Haus, der Ort, wo niemand über mich bestimmt, sondern wo ich bestimme. Der Ort, wo meine Zukunft stattfindet, wo es auf jeden Fall weitergeht. Also kein Grab. Sondern das Gegenteil. Kein Endpunkt, sondern ein wunderbarer Anfang.
Meine Seele sagt: „Der HERR ist mein Teil. Also mein Anfang, meine Freiheit, der Ort, wo ich nicht schwächer, sondern stärker, nicht unfreier, sondern freier, nicht trauriger, sondern fröhlicher werde.“ Gott ist so sehr für mich da, daß Er mein Anfang ist. So war es doch für Lazarus. Er war am Ende. Aber Jesus war sein Anfang.
Davon spricht Jeremia ja für Israel. Für Gott geht es jetzt erst richtig los. Israel soll und wird seinen Gott jetzt erst wirklich kennen lernen. Lazarus kannte Jesus. Jesus war ein Freund und ein Lehrer. Aber jetzt im Grab lernt Lazarus Jesus erst richtig kennen. Als Arzt aller Ärzte, als der Sohn Gottes. Als die Auferstehung und das Leben. Lazarus lag im Dunkeln, in der Nacht und Jesus war sein Morgen.
Die Seele sagt: Der HERR ist mein Teil. Darum will ich auf ihn hoffen. Hoffen ist eigentlich ganz da, wenn ich nur sagen kann: Dies ist nicht alles. Bei Gott, so wahr Jesus gekommen ist: Dies ist nicht alles!
Ist das so schwer zu sagen. Kann ein Mensch, der einmal von Jesus gehört hat, jemals sagen: Ok. Das wars. Mehr gibt’s nicht für mich, mehr habe ich nicht verdient? – Nein. Wer von Jesus gehört hat, erst recht, wer durch die Taufe mit Jesus verbunden ist, der kann wenigstens sagen: Dies ist nicht alles. Gott ist barmherzig, Gott ist treu. Er ist mir barmherzig, mir treu. Gott ist der Morgen über diese Nacht. Ich werde den Morgen erben.
„Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.“ Lazarus konnte nicht mehr nach Jesus fragen, denn er lag schon 4 Tage im Grab. Aber die Hörer des Propheten Jeremia – die konnten nach dem HERRN fragen. Beharrlich fragen. Diese Frager hier im Text haben keine Antworten in sich selbst. Sie schauen nicht in sich hinein und finden oder fühlen eine Antwort. Sie fragen, weil sie keine Antworten haben – und erwarten vom HERRN die Antwort.
Mit anderen Worten: Genau so, wie ich nicht Gott bin, so bin ich auch nicht die Antwort, sondern die Frage, und Gott soll die Antwort sein. Das erwarte ich. Und was hören wir: „Der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.“ Viele Menschen zweifeln an Gott – nicht, weil sie Fragen haben – Fragen haben wir alle! – Sondern weil sie die Fragen selbst beantworten, und nicht auf Gottes Antwort warten. Menschen, die einfach beschließen: Gott ist gegen mich, Gott hat mich vergessen, oder wie auch immer. Das ist nicht Gottes Antwort. Die Schwestern von Lazarus, Maria und Martha, die sagten zu Jesus: Wärest Du hier gewesen, unser Bruder wäre nicht gestorben. Das war die Frage: „Warum warst du nicht hier? Warum hast du das nicht verhindert?“ – Wie antwortet Jesus nochmal: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleicht stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ Jesus ist die Antwort, Gottes Antwort. Gottes freundliche Antwort. Jesus ist auf jeden Fall eine bessere Antwort, als unsere Antworten. Aber genau so, wie Lazarus sich nicht selbst aus dem Grab herausrufen konnte, sowenig können wir uns selbst die Antwort geben, die uns tröstet, die uns unsere Fehler vergibt, und heilt. Wie gut, daß Jesus nicht Lazarus ist. Wie gut, daß wir nicht Gott sind! Wie gut, daß Jesus der Freund von Lazarus war und ihn liebhatte! Wie gut, daß Gott unser Freund geworden ist!
„Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.“ Geduldig sein. Das ist so, wie „nicht verpassen wollen“. Es ist das größte und schönste, wenn ein Mensch sich auf Gott bezieht, wenn ein Mensch kapiert, daß Gott ihn meint, und sagen kann: Da ist meine Zukunft, da ist Trost, Heilung, Sicherheit. Bei mir sehe ich und fühle ich das im Moment nicht. Aber Gott ist mein Freund, denn Jesus ist gekommen. Sein Evangelium hat mit mir gesprochen. Seine Taufe ist Teil von meinem Leben geworden. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Gott gib, daß ich sie nicht verpasse.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Beitragsbild:
Pietro Perugino: Fresken der Sala d’Udienza im Collegio del Cambio in Perugia, Szene: Gottvater mit Propheten und Sibyllen

1497-1500, Fresko, 229 × 370 cm
Perugia, Collegio del Cambio
Land: Italien
Stil: Renaissance
[Perugino, Pietro. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei, S. 8886 (c) 2005 The Yorck Project]