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Predigt

Estomihi

Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!

Gnade sie mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus. Amen.

1 Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!
2 Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, daß Gott sich nahe.
3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?«
Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.
4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.
5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?
6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Laß los, die du mit Unrecht gebunden hast, daß ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!
7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich!

Jesaja 58, 1-9

HERR, segne Dein Wort an uns, Dein Wort ist die
Wahrheit. Amen.

Liebe Gemeinde!

Jesus wurde mal nach dem Fasten gefragt. Er antwortete in einem Gleichnis:
Wie können die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? – Es kommt aber die Zeit, daß der Bräutigam von ihnen genommen wird – dann werden sie fasten. (Matthäus 9,15). Er spricht da von sich selbst als dem Bräutigam und seiner Gemeinde als der Braut. Die Brautleute sind die Diener der Gemeinde – also die Prediger und alle Verantwortlichen.
Jesus sagt also, daß es nur ein Grund zum Fasten gibt: Wenn er, Jesus, nicht bei seiner Gemeinde ist. Wenn seine Gnade nicht da ist, dann werden Christen einen Schnitt machen, um zu ihm zurückzufinden.
Ohne Glauben wird man den Grund zu Fasten also überhaupt nicht erkennen oder nachvollziehen.
In Psalm 63, 4 spricht uns der Heilige Geist vor, und er führt uns dahin, daß wir es nachsprechen können: „HERR, deine Güte ist besser als Leben, meine Lippen preisen dich.“ – Deine Güte ist besser als Leben. Also mitten im Sattsein ensteht ein Hunger nach der Güte Gottes. Mitten im Leben wird mir bewußt, daß ein Leben ohne Gott kein Leben ist.
Diese Erkenntnis, oder besser: dieser Hunger, wird zu einem Schnitt führen. Einem Schnitt von dem, was sonst so feste Teil meines Lebens erscheint. Schnitt im Konsum.
Im Alten Testament wurde gefastet – und Fasten war immer ein Zeichen, eine Begleiterscheinung von Buße. Man fastete, um näher zu Gott zu kommen. Das Fasten an sich führte natürlich nicht zu Gott. Sondern durch Fasten sollte die Konzentration auf Gottes Wort gefördert werden. Die Güte Gottes, die „besser ist als Leben“, sollte an Leib und Seele wieder erfahren werden.
Das Volk Israel wußte, was sich gehört.
Es wurde gefastet. Gefastet, daß es weh tat. Es war unübersehbar. Alle machten mit. Man ließ den Kopf hängen, wie ein Schilf – also geknickt, und bettete sich in Sack und Asche. Der Verzicht war deutlich. Man machte einen Schnitt.
Doch Gott war unzufrieden. Und der Prophet Jesaja mußte das dem Volk Israel klar machen. Das war nicht einfach, denn Israel sah sich eindeutig im Recht. Mit seinem Fasten machte es doch alles richtig! Der Verzicht war doch beeindruckend, und für jedermann erkennbar! Israel machte eindeutig alles richtig!
Darum muß Gott seinem Propheten Mut machen, und ihm den Rücken stärken, das hat er nötig. Denn wenn jemand meint, daß er alles richtig macht, dann sorgt das für Empörung, wenn er zur Buße gerufen wird! Gott sagt zu Jesaja:
„Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!“ – Es soll unüberhörbar sein. Und klar durchdringend wie eine Posaune: So kommt ihr bei Gott nicht an! Das ist nicht leicht einzusehen, denn sie scheinen Gott doch die ganze Zeit zu suchen, so spricht der HERR nämlich:
„Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, daß Gott sich nahe.
»Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?«“ – Sie reden die ganze Zeit über Gott, gehen in den Tempel, nehmen am Gottesdienst teil.
Doch etwas stimmt nicht. Sie tun das alles, „als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte.“ – Sie meinen, daß sie bei Null anfangen, und daß das Fasten sie ins Plus bringt. Das Fasten ist nicht ein Ausdruck der Buße. Sie suchen nicht Gottes Gnade, sondern etwas anderes. Vielleicht Erfolg, oder das Ende einer bedrohlichen Situation. Israel wurde oft militärisch bedroht oder wirtschaftlich unter Druck gesetzt – wer weiß?, es gab auch damals Seuchen und Katastrophen! Darum fragten sie Gott: »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?« Warum ändert unser Fasten nicht die Situation? So konnten sie nur deshalb fragen, weil sie meinten, mit dem Fasten könnten sie Gott in eine Pflicht bringen: Weil wir fasten, muß Gott helfen.
Doch da spricht noch nicht der Heilige Geist, denn der Heilige Geist sagt: „Deine Güte ist besser als Leben!“ – Sie wollten noch das Leben erhalten, in Sicherheit bringen. Doch im Evangelium von heute sagt Jesus zu seinen Nachfolgern: „Wer sein Leben absichern will, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und und um des Evangeliums willen, der wird es erhalten“ – der ist endgültig bei Gott in Sicherheit.
Unser Gott nimmt es genau, er will wirklich selbst gesucht werden, wirklich er selbst.
Jesaja mußte Israel vor den Kopf stoßen. Da, wo sie sich in Sicherheit wiegten, waren sie in größter Gefahr. Sie mußten umdenken. Sie mußten über sich selbst erschrecken, und einfach hoffen, daß Gott neu mit ihnen anfängt.
Jesaja zeigt Symptome auf: „Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein.“ – Weil sie Gott nicht von ganzem Herzen suchen, und vor Gott über sich selbst erschrecken, können sie ihren Nächsten nicht lieben wie sie selbst. Da ist dann doch das eigene Leben besser oder wichtiger als die Güte Gottes. Man verfolgt eigenen Interessen im Geschäft, setzt sich durch. Da wird gehadert und gezankt. Man pflegt Groll, Neid, Eifersucht. Abhängige werden vernachlässigt. Man ist selbst im Tempel, vor Gott, noch mit dem eigenen Egoismus unterwegs. Verurteilt seinen Nächsten. Rechnet aus, was er verdient, und vor allem, was man ihm vorenthalten kann.
Das sind für den Propheten Jesaja eindeutige Zeichen dafür, daß Israel nicht fastet, um bei Gott anzukommen, sondern Israel fastet, um Gott vor seine eigenen Interessen zu spannen. Das Ziel ist also nicht Gott und seine Gnade, sondern das eigene Ich. Ein Ich ohne Gott. Ein Ich als Gott. – Ein solches Ich sieht nicht die Not des Mitmenschen. Wer Hunger hat, ist lästig, oder selber schuld, oder eine Bedrohung. Ähnlich ist es mit allen, die Not haben: Die Nackten, die Obdachlosen, die Elenden.
Doch wer bei Gott in Sicherheit ist, sieht die Not nicht als Bedrohung. Wer aus dem Glauben heraus hilft, rechnet nicht Verluste aus, sondern der Dank, oder die Erleichterung des Nächsten ist ein Gewinn.
Das ist ein Wunder. Gott ruft uns dazu, und will das Wunder dann auch tun. Wir sollen Gott dann noch einmal ganz neu kennenlernen:
„Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich!“
Das Ziel ist: Ich kann wieder beten und erfahre, wie Gott nicht nur antwortet, sondern ganz für mich da ist.
Es ist völlig klar, daß eine Politik, egal welche, das nicht leisten kann. Sie kann nicht sagen: Wenn du mein Programm erfüllst, wirst du Gott kennen lernen und besser beten können.
Gott ruft jeden von uns, mit seinen Möglichkeiten für andere da zu sein. Es heißt schließlich: Brich dem Hungrigen DEIN Brot. Nicht das Brot eines anderen! Auch soll ich mich nicht an Gottes Stelle setzen, und anderen Vorschriften machen.
Das bedeutet dann auch: Das Brot, was ich weitergebe, kommt ganz beim Nächsten an, und damit auch bei Gott. Sobald ich mit dieser Gabe mich selbst in ein besseres Licht stellen will, und andere damit verurteilen oder unter Druck setzen will, dann ist es nicht mehr eine Sache des Glaubens, sondern der Heuchelei, und dann ist Gott raus. Jesus sagt ganz klar: „Wenn du Almosen gibst, sollst du nicht lassen vor dir posaunen, wie die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen. Amen – sie haben nichts davon. Wenn du es tust, so soll die linke Hand nicht wissen, was die rechte tut. Amen – das kommt bei Gott an.“ (Matthäus 6, 2-4).
Liebe Gemeinde – es wird heute viel posaunt: Was richtig, nötig, gut, korrekt und was nicht alles ist. Die Medien sind voll davon. Menschen werden unter Druck gesetzt. Auch im Namen des Christentums. Gott zieht sich daraus zurück. Jesus sagt: „ Ihr Lohn ist nur der Posaunenton“ – also das fragwürdige Ansehen bei fragwürdigen Menschen, und sonst nichts.
Die Posaune des Jesaja ist stärker. Der Ruf zu Gott zurück. Mit dem Gebet:
„Deine Güte ist besser als Leben.“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Beitragsbild: Kampf zwischen Fasching und Fasten, Peter Bruegel d. Ä., 1559