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Predigt

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr

Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr –, dann
wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau und sie werden nicht entfliehen.

Gnade sie mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus. Amen.

Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wißt genau, daß der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr –, dann
wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau und sie werden nicht entfliehen.
Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, daß der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So laßt uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern laßt uns wachen und nüchtern sein. Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.
Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. Darum ermahnt euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.

Thessalonicher 5, 1-11

Jesus Christus, unser Herr, Du bist der Erste und der Letzte und der Lebendige, und hast die Schlüssel der Hölle und des Todes, weise uns durch dein Wort den Weg ins ewige Leben. Amen.

Liebe Gemeinde!
Es ist die Zeit des Jahres, daß die Kirche an das Ende denkt. Wir haben heute den Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr. In einer dramatische Epistel aus dem Zweiten Petrusbrief hören wir, daß die Welt, wie wir sie sehen und erleben, in Feuer vergehen wird.
„Dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.“ (2. Petrus 3, 10).
Auch im Evangelium läßt Jesus keinen Zweifel daran, daß nach dem Ende aller Dinge, nicht Schweigen, Dunkelheit, Leere und Nichts sein wird – nein, im Gegenteil, was jetzt verborgen ist, wird dann unübersehbar und überdeutlich und überwältigend erscheinen und hervorleuchten: Es wird der Tag des Menschensohns sein, also: So wie die Sonne bei uns die Tag bestimmt, so wird Jesus, der Sohn Gottes, die Realität bestimmen.
Ohne diese Erwartung der „letzten Dinge“, wie es heißt, gäbe es das Neue Testament nicht, gäbe es das Evangelium nicht. Und das ist auch gut so, denn was hilft uns ein Glaube, der uns begleitet durchs Leben, und dann am Ende, wenn es ans Sterben geht, oder wenn die Welt zusammenkracht, dann einfach sagt: „Tschüß, war schön mit dir, das kriegst Du schon hin!“? – Jesus und die Apostel sehen das genau umgekehrt: Je mehr Ende, desto mehr Jesus. Je mehr Ende, desto mehr Gottes Wort und Glaube. Jesus macht, daß das Ende ein Anfang ist, und das gehört unaufgebbar zu unserem Glauben: Weil der Sohn Gottes am Ende da ist, ist für mich das Ende eine Anfang.
Was schreibt Paulus nun den Thessalonichern zu diesem Thema?
Erstmal enttäuscht er alle Neugierigen. „Von Zeiten und Stunden ist es nicht nötig, euch zu schreiben.“ Es gibt keinen Fahrplan, kein Programm. Das müssen wir festhalten. Denn Christen haben immer wieder ihrer Phantasie freien Lauf gelassen. Alles Mögliche ist dann ein Zeichen dafür, daß das Ende der Welt kommt. Da geben sie alles auf, verkaufen Hab und Gut, weil es sowieso demnächst alles vorbei sein wird. Und dann sitzen sie da …
Paulus gebraucht dasselbe Bild wie Jesus selbst: Der Jüngste Tag wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. (Jesus sagt das zum Beispiel in Matthäus 24, 43). Also völlig überraschend, ohne Vorankündigung. Nicht so, daß man erstmal noch entspannen kann, und dann zur rechten Zeit noch schnell sich vorbereiten.
Wenn ich über die Straße gehen will, dann schaue ich nach allen Seiten – und wenn ich ein Fahrzeug sehe, dann schätze ich ein, ob ich noch genug Zeit habe, sicher über die Straße zu kommen. Ich kann sozusagen entscheiden, ob ich mit dem Auto zusammentreffe, oder nicht. Natürlich will ich das nicht, also schau ich mich um.
Paulus und das ganze Neue Testament sagen: Mit dem Jüngsten Tag, mit dem Ende aller Dinge ist es n i c h t so. Es wird diesen Spielraum, daß ich mich erstmal umschaue, und mich dann entscheide, nicht geben.
Das zeigt auch das zweite Bild: Die Wehen der schwangeren Frau. Hier geht es darum, daß man nicht entfliehen kann. Eine Frau, deren Wehen beginnen, wird ganz von ihnen erfaßt. Sie muß dadurch, sie kann nicht mehr ausweichen, oder aufschieben. Es ist soweit.
Deshalb bringt es auch nichts, wenn man sich umschaut und sagt: Es ist doch alles wie immer. – Dann kann ich ja auch weiter machen, wie immer. Wenn die Zeiten bedrohlich werden, dann kann ich mich ja noch immer entscheiden.
Paulus sagt das so: „Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr –, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau und sie werden nicht entfliehen.“ – So sind wir Sünder: Paulus sagt uns im Römerbrief: „Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte nicht dazu ermutigt, einfach weiterzumachen, wie immer, sondern daß sie dich dazu anleitet, Buße zu tun?“ (Römer 2, 4).
Ja, wir haben es im Evangelium von Jesus selbst gehört: Denkt an die Zeiten Noahs: Bis zuletzt war alles normal: Die Menschen Sie aßen, sie tranken, die heirateten und ließen sich verheiraten, sie kauften und verkauften. (Lukas 17, 26-29). Keine Zeichen wie ein näherfahrendes Auto – und dann war es plötzlich zu spät.
Der Tag des Menschensohns wird sein, wie der Blitz. Den Blitz sieht man nicht erst kommen, und dann springt man beiseite. Er ist gleich ganz da.
Und das heißt: Die Entscheidung über Leben und Tod fällt nicht erst dann. Die Entscheidung fällt vorher.
Die Entscheidung über Leben und Tod fällt nicht über unsere Augen. – Erst gucken, dann mal sehen, dann entscheiden.
Die Entscheidung über Leben und Tod fällt über unsere Ohren. Was wird uns gesagt? Worauf hören wir?
Die Pharisäer zur Zeit Jesus waren solche, die auch ständig hin und her diskutierten, welche sichtbaren Zeichen kommen würden, um dem Menschen die Entscheidung für Gott abzunehmen. Beweise, sozusagen.
Jesus antwortet ihnen in unserem Evangelium von heute sehr schlicht und klar. „Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußeren Zeichen; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier!, oder: Da! Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ (Lukas 17, 20-21). Hier muß man eigentlich mit Luther wiedergeben: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Es ist so in euch, wie ein Kind in einer schwangeren Frau. Wer nach äußeren Zeichen Ausschau hält, und im Weltgeschehen nach ungewöhnlichen Zeichen und Katastrophen und Symbolen gafft, der gibt damit nur zu, daß er das Reich Gottes nicht hat und nicht kennt.
Natürlich ist das Reich Gottes nicht so in uns, wie unsere Träume oder Gefühle oder unsere Phantasie. Es erreicht uns durch das Evangelium und schafft den Glauben in unserem Inneren. Und wenn das geschehen ist dann ist die Hauptsache geschehen. Dann kann auch das Ende der Welt kommen – diese Tatsache kann das Ende der Welt nicht ändern. Auch nicht der eigene Tod. Oder irgendein anderes Ende.
Paulus nennt solche Menschen Kinder des Tages und des Lichtes. Wer sich Hoffnung macht, daß der Blitz des Jüngsten Tages sozusagen mit Ansage und in Zeitlupe daherkommt, daß man sich dann entscheiden kann, wenn man will – das sind Kinder der Nacht und der Finsternis. Schon jetzt.
Paulus sagt, daß die Kinder der Nacht schlafen und betrunken sind. Schlafen heißt: Nichts merken. Schlafen heißt: Nicht merken, daß es ein Ende gibt, nicht wahrhaben wollen, daß es am Ende ein Urteil über mein Leben gibt. Schlafen heißt: Es gibt Dinge in meinem Leben, die jetzt schon keine Zukunft haben. Jede Sünde hat keine Zukunft. Undankbarkeit hat keine Zukunft. Ehebrechen hat keine Zukunft. Täuschen und Lügen hat keine Zukunft. Neid und Begehren hat jetzt schon keine Zukunft. Sich von Gott nicht sagen lassen hat jetzt schon keine Zukunft. Wir hören das und wollen es nicht wahrhaben. Das ist Schlaf.
Betrunken sein ist Rausch. Rausch ist eine Schwerelosigkeit, die hier ein böses Ende hat. Im Rausch traut man sich alles zu. Der Rausch der Sünde traut sich zu, mit allem durchzukommen. Man berauscht sich an unrechtem Gut. Man berauscht sich an einer erfolgreichen Lüge. Es ist eine falsche Freiheit. Man ist mehr gefangen, als man denkt. Man denkt nicht an das Ende. Und wenn dann das Ende der Trunkenheit kommt, das Erwachen, dann ist das ein Ende ohne Christus. Dann ist das ein Ende, daß keinen Anfang in sich birgt.
Wachen heißt heute: Christus ist am Ende bei mir, und dann geht es erst richtig los. Ich will nicht mehr schlafen, ich brauche keinen Rausch mehr. – Ich meine hier den Schlaf und den Rausch der Sünde. Ein gesunder Schlaf ist ein Geschenk Gottes und, wie der Psalm sagt: Der – vernünftig genossene – Wein erfreut des Menschen Herz“ (Psalm 104, 15).
Dieses Wachen ist der Glaube. Der Glaube entsteht, wenn ich Gottes Wort höre. Gottes Gebote zeigen mir, wie tief ich schlafe, und wie betrunken ich bin. Und das Evangelium zeigt mir: Gott kann und will etwas mit mir anfangen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.