Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.
1 Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen:
2 Mich jammert das Volk, denn sie haben nun drei Tage bei mir ausgeharrt und haben nichts zu essen.
3 Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen.
4 Seine Jünger antworteten ihm: Wie kann sie jemand hier in der Wüste mit Brot sättigen?
5 Und er fragte sie: Wie viel Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben.
6 Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte und brach sie und gab sie seinen Jüngern, damit sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus.
7 Und sie hatten auch einige Fische, und er dankte und ließ auch diese austeilen.
8 Sie aßen aber und wurden satt und sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll.
9 Und es waren etwa viertausend; und er ließ sie gehen.
Text: Markus 8, 1-9
Gebet: Dein Wort ward meine Speise, sooft ich’s empfing, und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, HERR, Gott Zebaoth. (Jeremia 15, 16) Amen.
Liebe Gemeinde!
„Essen hält Leib und Seele zusammen!“ Dieses Sprichwort erinnert uns an eine grundlegende Wahrheit unseres Lebens. Der Leib verlangt nach Nahrung, Essen und Trinken, und das Tag für Tag. Gott sei Dank muß niemand unter uns Hunger leiden! Aber wie geht es den Seelen dabei? Wir müssen uns zwar keine Sorgen machen, o b es etwas zu Essen gibt, dafür machen wir uns viele Gedanken über das „Wie?“. Wir fragen uns: Was ist gesund, was ist die richtige Ernährung? Wie belasten Chemie und Transport unsere Umwelt? Wie viel Lebensmittel werden weggeworfen, können wir das verantworten? Da kann man wirklich ins Grübeln kommen!
Doch sehen wir unsere Mahlzeiten mit den Augen des Glaubens an: Jede Mahlzeit ist im Kern eine Gebetserhörung. Im Vaterunser bitten wir: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Damit bekennen wir, daß Essen und Trinken nicht selbstverständlich sind, sondern Gottes Gaben. Der Schöpfer hat die Welt nicht nur nahrhaft, sondern auch in großer Vielfalt geschaffen. Nicht nur soll unser Leib satt werden, sondern zugleich soll die Seele auch Freude haben: „Schmeckt und seht, wie freundlich der HERR ist; wohl dem, der auf ihn traut!“ (Psalm 34, 9). Liebe geht durch den Magen – auch Gottes Liebe! Auf die sollen wir von Herzen Gott danken! Wer dankt, empfängt doppelt. Nicht nur der Leib, sondern auch die Seele wird gestärkt. Wenn sie durch Dank und Freude gestärkt ist, dann kann die Seele auch nachdenken, wie man verantwortlich mit Lebensmitteln umgeht – weniger verschwendet, besser teilt, und so weiter!
Wenn‘s doch alles nur so einfach wäre! Wir sind nicht mehr im Paradies. Weil der Mensch es unbedingt besser wissen wollte als Gott, hat Gott ihn, und damit uns, aus dem Paradies vertrieben. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“ (1. Mose 1, 19). So ist es leider.
Doch gegen die Sünde kommt Jesus. Jesus speist 4000 Mann mit 7 Broten und ein paar kleinen Fischen.
Eine paradiesische Geschichte, nicht wahr? Das Brot wird nicht alle. Alle werden satt – egal, ob sie einen Kühlschrank haben, ob sie vorgesorgt haben, gearbeitet haben oder bezahlt haben …. alle werden satt. Die Sorge, die Not, ist für diesen Moment unterbrochen, ja ganz weg.
Eins muß man sagen: Diese Geschichte bietet keine Lösung. Sie ist keine Blaupause für die Wirtschaft. Wir erfahren hier nicht, w i e jeder satt wird, uns wird nur erzählt, d a ß jeder satt wird. Ja daß sogar mehr übrigbleibt, als vorher zur Verfügung gestellt wurde. 7 Brote vorher – und 7 Körbe voll Brocken hinterher. Diese Geschichte bleibt eine Geschichte, sie läßt sich nicht ummünzen in eine wirtschaftliche Methode. – Der Evangelist Johannes berichtet, daß das Volk genau das wollte: „Den halten wir uns! Jesus ist unser König! Dann sind wir alle Sorgen los.“ – Doch Jesus entzieht sich dieser Instrumentalisierung.
Die Geschichte bleibt eine Geschichte. Das Wunder bleibt ein Wunder. Gott will, daß wir Teil davon werden.
Es ereignet sich in der Wüste. Jesus war also mit seinen Jüngern und den Massen allein, von allem abgetrennt. Da ist keine Infrastruktur. Und noch etwas: Jesus sagt: „Mich jammert das Volk, denn sie haben nun d r e i T a g e bei mir ausgeharrt und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen.“ Sie haben drei Tage bei Jesus ausgeharrt. Drei Tage in der Wüste. Drei Tage Predigt. Vor einer ähnlichen Geschichte heißt es bei Markus: „und er fing eine lange Predigt an.“ (Markus 6, 34). Drei Tage Gottes Wort, drei Tage hören, hören, hören. Solange, bis Jesus, wohlgemerkt Jesus, sagt: Mich jammert das Volk – nach drei Tagen haben sie nichts zu essen.
Eins kann man sagen: Das ist ein Ausnahmezustand! 4000 Menschen – es waren zusätzlich Frauen und Kinder dabei – hören drei Tage lang Gottes Wort zu. Da kommt man ins Nachdenken: Haben die irgendwann geschlafen? Wie haben die das ausgehalten? Wir wissen es nicht, vielleicht wußten sie es selber auch nicht. Ausnahmezustände sind so. Da passiert viel auf einmal, und man fragt sich nachher, was das denn eigentlich war? – Es ist, als ob die Zeit stille steht. Jesus spricht, und die Zeit steht still. Gottes Wort aus der Ewigkeit kommt zum Menschen. Die Seele spürt, daß sie endlich ganz und gar gemeint ist. Jesus spricht, und der ganze Mensch, Leib und Seele, wird aus dem Alltag, aus der dahineilenden Zeit, herausgehoben. So muß man das sagen. Die haben gar nicht gemerkt, wie der Leib sich im Hunger zurückmeldete, Jesus mußte es sagen. Sie waren alle so sehr, so ganz Ohr, daß sie gar nicht richtig bei sich selbst waren, sondern bei dem, was Jesus ihnen sagte vom Reich Gottes.
Das ist für diese Geschichte wesentlich. Gottes Wort meint unseren Leib und unsere Seele so umfassend, daß die Zeit stille steht.
Was kann das bedeuten?
Es bedeutet, daß Vergangenheit und Zukunft sich ändern. Wenn die Zeit stehen bleibt, dann holt mich die Vergangenheit ein. Wenn wir das hören, die Vergangenheit holt jemanden ein, dann ist das Unheil – eine Schuld aus der Vergangenheit holt mich ein und fordert ihren Preis. Die Hörer dort in der Wüste wurden von ihrer Vergangenheit eingeholt. Alte Schuld wurde wieder bewußt. Doch diese alte Schuld hat die Hörer nicht zerstört, nicht durch Anklage verdammt und verurteilt. Die Hörer haben ihre Vergangenheit überlebt. Weil Jesus mit ihnen gesprochen hat. Jesus hat bestimmt das Gesetz Gottes ausgelegt, Sünde aufgezeigt. Aber, weil die Zeit stehen blieb, konnte der Sohn Gottes diese Schuld, diese bedrohliche Vergangenheit auf sich nehmen. – Vielleicht tauchte in diesem Ausnahmezustand auch altes Leid auf: Tränen über das, was angetan wurde. Während die Zeit beim Hören auf Gottes Wort stille stand, hat der Sohn Gottes diese Tränen abgewischt. Sicher kam auch Schönes aus der Vergangenheit – und die Hörer konnten endlich den schuldigen Dank dafür vor Gott bringen. Die Vergangenheit hat sich da wirklich verändert. Der Sohn Gottes hat sie mit seinem Evangelium geheilt.
Wenn die Zeit stille steht, dann wird meine Zukunft deutlich. Ohne Jesus und das Wort Gottes müßte das heißen: Es wird deutlich, daß ich sterben muß. Ein schrecklicher Gedanke! – Doch wir sind hier mit Jesus und seinem Wort in der Wüste. Und darum ändert sich auch die Zukunft. Denn jeder Hörer ist in die Geschichte Jesu eingefügt worden. Beim Hören wirst du sozusagen eingepfropft, eingebettet. Das ist das Wunderbare an dieser Geschichte: Sie bleibt eine Geschichte, damit wir Teil von ihr werden. Wir gehen mit, wenn Jesus leidet, stirbt und von den Toten aufersteht. Jesus wird deine Zukunft. Bei unserer Taufe wurden wir sozusagen aus dem Strom der Vergänglichkeit herausgenommen, aus der Flut der Zeit, und in das Evangelium eingefügt. Paulus sagt: „Wißt ihr nicht, daß alle, die wir in Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft, auf daß, gleichwie Christus ist auferstanden von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ (Römer 6, 3.4). So sieht die Zukunft aus nach drei Tagen Predigt und Ausnahmezustand. Wer Jesus zuhört, dem wird Jesus die Zukunft. Gottes Wort hören ändert deine Zukunft.
Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren, kann man da nur sagen! (Lukas 11, 28).
Und Jesus? Er hat ein Herz für seine Hörer, die ihm drei Tage lang zugehört haben. Wie hat er das geschafft? Eine Predigt verlangt Einsatz von allen Kräften, Leib und Seele! – Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Sein Leib war also total beansprucht. Er gibt seinen Hörern alles, auch sich selbst.
Zwei Worte von Jesus an anderer Stelle deuten das Geheimnis an: Im Johannes Evangelium hören wir im 4. Kapitel, daß Jesus „müde war von der Reise“ (Johannes 4, 6) Die Jünger gehen in die Stadt, Speise zu kaufen – also Jesus tut für sich selbst kein Wunder, wohlgemerkt! Als sie zurückkommen und ihm Essen anbieten sagt Jesus: „Ich habe eine Speise zu essen von der ihr nicht wißt. … Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.“ (Johannes 4, 32.34). Davon lebt er, daß er Gottes Willen tut, das macht ihn satt, daß ist sein eigentlicher Hunger. Ja, als Jesus ganz allein in der Wüste war und 40 Tage und Nächte gefastet hatte, und Teufel ihn versuchte: Bist Du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden – antwortet Jesus: „Es steht geschrieben – Gott sagt – Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht.“ (Matthäus 4, 4 aus 5. Mose 8,3). Die Propheten des Alten Testaments ahnten das auch und haben es in extremen Situationen erfahren. Jeremia sagt: „Dein Wort ward meine Speise, sooft ich’s empfing, und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, HERR, Gott Zebaoth.“ (Jeremia 15, 16). Und ganz geheimnisvoll lesen wir bei Hesekiel: „Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iß, was du vor dir hast! Iß diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, du musst diese Schriftrolle, die ich dir gebe, in dich hineinessen und deinen Leib damit füllen. Da aß ich sie und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.“ (Hesekiel 3, 1-3).
Gottes Wort und Essen. Das passiert in dem Ausnahmezustand, den Jesus mit sich bringt. Er bringt dieses Geheimnis mit sich, daß Worte Leben bringen, daß Hören wie Essen und Trinken wird.
Auf zwei Dinge möchte ich noch kurz hinweisen:
1. Jesus zieht seine Jünger sehr intensiv in das Wunder mit ein. Er spricht mit ihnen über das hungernde Volk. Er läßt sie die Not spüren, er läßt sie die bange, sorgenvolle Frage aussprechen: „Woher nehmen sie soviel Brot für so viele Menschen in der Wüste?“ Jesus beautragt sie, daß Volk für eine Mahlzeit zu organisieren. Jesus gibt ihnen die Speisen zum Austeilen. Sie sind ganz nahe dran – an beidem: An dem Hunger, an dem Bedarf, Jesus läßt sie die scheinbare Unmöglichkeit spüren – und dann sind sie Teil vom Wunder.
Liebe Gemeinde: Wer auf Gottes Wort hört, der kommt in den Bereich von Wundern, und gerade, wer mit Jesus mitarbeitet in seinem Reich, in Kirche und Gemeinde, der lernt viel Not kennen. Aber er erlebt auch, wie Jesus seine Gaben durch ihn austeilt. Wie unser Erntedanklied singt: „Es geht durch unsere Hände, / kommt aber her von Gott.“ Du darfst dabei sein, während Gott Wunder tut.
2. Ich mußte noch einmal über die Körbe mit den Brocken nachdenken. Warum ist das so wichtig? Wenn Jesus mit so wenig so viele speisen kann, dann muß man doch nichts aufbewahren, oder? Dann kann Jesus doch einfach wieder liefern, wenn es nötig ist! Doch diese Verantwortungslosigkeit paßt nicht zu Jesus, nicht zu unserem Glauben, nicht zum Reich Gottes. Es soll „nichts umkommen“! Wunder sind nicht das Ende von Verantwortung und Ehrfurcht. So stellt sich die Welt das vor. Das würde nur noch viel mehr Verschwendung verursachen. Das entwertet alle Gaben Gottes. Wie soll man Gottes Liebe in seinen Gaben erkennen und schmecken, wenn man sie verderben läßt, weil es neue geben kann? Gottes Wunder steigern deine Verantwortung und deine Ehrfurcht – ja Verantwortung und Ehrfurcht vor Gottes Gaben sind Teil von Gottes Wunder.
Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Erntedankfest, 4. Oktober 2026
Bild: „Die Kornernte“ (Pieter Bruegel der Ältere, 1565)
