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Predigt

Tag der Deutschen Einheit

„Vor allen Dingen!“ – also Top-Priorität! „Vor allen Dingen!“ also das, was unerschütterlicher Teil der Geschäftsordnung ist. „Vor allen Dingen!“ – also unverzichtbar, dringend!

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Timotheus 2, 1-4

Liebe Gemeinde!
„Vor allen Dingen!“ – also Top-Priorität! „Vor allen Dingen!“ also das, was unerschütterlicher Teil der Geschäftsordnung ist. „Vor allen Dingen!“ – also unverzichtbar, dringend!
Was wird uns Christen denn so feierlich ins Stammbuch geschrieben? Was gilt unter allen Umständen – und deshalb und gerade auch dann, wenn wir den Alltag verlassen an diesem Feiertag, dem Tag der Deutschen Einheit.
Was leuchtet denn in unserem Sinn auf, heute, am 30. Jahrestag der Wiedervereinigung unseres Landes, das fast genau 40 Jahre getrennt war? – Was würden wir denn als die Top-Priorität für unser Land sehen?
Paulus legt sich fest. Der Apostel „ermahnt“. Mit Nachdruck. Es ist sein Ernst. „So ermahne ich nun“ – nicht irgendwann, wenn‘s paßt, sondern jetzt:
„daß man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit.“
Beten. Sowas muß der Pfarrer sagen, das ist sein Beruf. Wie unpolitisch ist das denn!
Was sagt der Pfarrer? – Wer das Gebet unterschätzt, der unterschätzt Gott. Sowenig, wie man Gott unterschätzen kann, sowenig sollte man das Gebet unterschätzen.
Es ist in unseren verwirrten, unsicheren und schnellebigen Zeiten nicht schlecht, so eine klare Ansage zu haben: „Erst mal beten!“ V o r allen Dingen! Da weiß man immer, was dran ist!
BITTEN – Was geschieht da eigentlich? Wenn ich bei Tisch um das Salz bitte, dann bin ich ganz bewußt genau an meinem Platz, nämlich dort, wo ich nicht an das Salz rankomme, und wende mich an jemanden, der es mir reichen kann. Meine Bitte macht mir und allen klar, welchen Platz ich einnehme.
Wenn ich Gott um etwas bitte, dann wird eine Sache klar: Ich bin ein Geschöpf. Ich bin bedürftig, ich bin abhängig, kontingent. Wer Gott um etwas bittet, hat wenigstens einen Ort auf Erden, wo folgendes möglich ist: 1. Ich muß nicht beweisen, daß ich etwas bin, was ich nicht bin. Im Gebet nehme ich meinen Platz ein, genau dort wo ich mich befinde. 2. An diesem Ort kann und soll ich von Herzensgrund meine Bitte vor Gott bringen. Das ist keine triviale Sache! Als ich von meinen Eltern das erste Mal Geld bekam, um selbständig Kleidung einzukaufen, war ich erstmal ratlos. Was will ich überhaupt?
Hast Du einen Ort, wenn Dir unser Land wichtig, oder gar lieb ist, wo Du deine Anliegen in Bitten ummünzen kannst? Hast Du diesen Ort, diese Bitten nicht erst durch sieben Siebe der Vorsicht und Rücksicht so klein gemahlen sind, daß Du sie nicht wiedererkennst? Sind Soziale Medien dieser Ort? Sind Vereine oder Parteien der Ort? – – Geh meinetwegen dorthin, aber vor allen Dingen …. ja, v o r allen Dingen. Bitten ist realistisch, denn wir leben nicht aus eigener Kraft. Nehmen wir bewußt den Platz ein, wo wir um Salz bitten – oder um Segen für unser Land, oder um Ehrlichkeit im Öffentlichen Leben.
Paulus spricht weiter von GEBET. Hier wird’s ernst. Es geht nicht um ein ungewisses Wünschen, ein Glücksspiel – so 50-50. Hier geht es um die Meisterleistung: Daß ich Gott nicht unterschätze. Gott verlangt, daß ich mein ganzes restloses Vertrauen in ihn setze, daß er das tun kann, worum ich ihn bitte. Allein das ist schon ein Wunder. Wer es versucht, wird sich wundern, wie träge das Herz ist, wie unbeweglich, ängstlich, verschämt! Wer sich dazu anschickt, dem könnten zum Beispiel Kollegen einfallen, die sich an den Kopf fassen würden, wenn sie das von ihm erfahren würden, oder – schlimmer: Wer sich hört, wie er Gott bittet, dem könnten plötzlich politische Gegner einfallen, die das ganze lächerlich finden, ein Armutszeugnis. Das Gebet muß diese Peinlichkeit überwinden. Beten in diesem Sinne ist Relativieren. Wer sich von Gott relativieren läßt, der kann vor Gott alles andere relativieren.
Kannst Du diesen Platz einnehmen, und Gott bitten? Es ein Ort, an dem sich die Seele ausbreiten kann, ein Ort, an dem die Seele atmen kann. Brauchen wir in unserem Land nun mehr Menschen, die Gott bitten, oder können es weniger sein?
Wenn Du diesen Platz eingenommen hast, und Gott und Dein Gebet nicht unterschätzt, dann gibt es kein Halten mehr.
Paulus ermahnt, und das heißt, er erkennt keine Ausnahmen an:
„Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und alle Obrigkeit.“
Fürbitte und Danksagung. Wir verstehen das besser, wenn wir überlegen, was Segen ist. Als ich vor 2 Jahren beschloß, daß am 3. Oktober Gottesdienst gefeiert wird, war mein Leitgedanke: „Laßt uns um Gottes Segen bitten für unser Land.“ Segen – Den brauchen wir, und können ihn nicht machen. Lebensnotwendig, und doch unserem Zugriff entnommen. In der politischen Philosophie gibt es einen berühmten Satz, der an das erinnert, was zum Segen gehört: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“. Wir leben von Voraussetzungen, die wir nicht erzwingen können. Diese Erkenntnis wird jeden Christen sofort an den Ort versetzen, wo sein Gebet dampfend, lodernd zum Himmel aufsteigt. Denn Segen, das ist eine Sache zwischen Gott und Betern, zwischen Gott und Danksagern.
Segen ist etwas, was ich brauche, aber nicht machen kann. Man auch sagen: Segen ist das, was Gott durch Seine heiligen Zehn Gebote schützt. Das Gebot Gottes schützt seine Gabe, die für uns lebensnotwendig ist.
Laßt uns dann mal diese Gebote von dem Platz des Beters aus betrachten! Heute mal rückwärts.
Das 9. + 10. Gebot lauten: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Vieh, noch alles was sein ist.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.“
Was schützt Gott hier? Er schützt unsere Seele. Begehren ist niemals Teil vom Segen. Je weniger Begehren in mir und in meinem Mitmenschen sind, um so besser ist das Zusammenleben. Wenn ich davon getrieben bin, zu haben, was mir nicht gehört, wenn Neid meine Energie auffrißt, werde ich ein unerträglicher Zeitgenosse. Mit dem Begehren fängt alles Unheil an. Der erste Mord in der Bibel, der Brudermord des Kain an seinen Bruder Abel begann mit Eifersucht. Ein kleiner, feiner verborgener Gedanke; und endete mit dem Bruder, der im eigenen Blut lag. – Können wir Menschen dieses deplazierte Begehren bei uns und anderen durch Gesetze, Strafen und Politik hindern, abschaffen? Nein. Doch leben wir davon, wenn es nicht zum Zuge kommt. Es gehört zu Gottes Segen, wenn das geschieht. Bitten wir darum!

  1. Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden! – Also nicht lügen. Aber: Auch nicht lästern über abwesende Dritte. Hier schützt Gott meinen und deinen guten Ruf. Ein Gemeinwesen lebt davon, daß ich andere respektiere, und Gutes zutraue – und daß man mich respektiert und Gutes zutraut. Wir leben davon, daß Sprache zuverlässig ist. Selbst Lügner verlassen sich darauf, daß man ihren Worten glaubt! Wir alle sind gezwungen, zunächst einmal zu erfassen, was uns gesagt wird. Wenn wir bei jedem Wort sofort davon ausgehen müssen, daß es unwahr oder zweifelhaft ist, dann bricht unsre Sprache bald zusammen. Kann ein Staat das erzwingen oder durchsetzen? – Er kann es versuchen. – Es gehört zum Segen Gottes, den wir nicht machen können, wenn Menschen ehrlich und wahrhaftig sind. Es ist ein Geschenk, wenn jemand mich in Schutz nimmt, wenn man hinter meinem Rücken meinen Ruf angreift. – Bitten wir Gott um diesen Segen! Wir brauchen ihn.
    Das 7. Gebot: Du sollst nicht stehlen! – Gott stellt sich hier vor die Unterscheidung von Mein und Dein. Eigentum ist nicht immer Diebstahl. Und instinktiv wissen das schon die Kinder. Es gehört zur Realität, daß Gott mir Gaben gibt. Durch Arbeit, durch Handel, durch Liebe von Eltern und anderen wird mir etwas zugedacht. Das gehört jetzt mir und sonst niemanden. – Umgekehrt: Das hat Gott meinem Mitmenschen beschert. Das geht mich nichts an. Selbst der Ruf nach Umverteilung, oder das Erschrecken über Ungleichheit von Arm und Reich unterscheiden Mein und Dein. – Erst wenn diese Unterscheidung anerkannt wird, kann weiter nachgedacht werden. – Es gehört zum Segen Gottes, wenn das für viele Menschen selbstverständlich ist. Bitten wir Gott um diesen Segen!
    Das 6. Gebot: Du sollst nicht ehebrechen. – Hier schützt Gott sein eigenes Ebenbild bei uns Menschen. Denn es heißt: Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, als Mann und Frau. Wer die Unterscheidung von Mann und Frau antastet, der hat es mit Gott selbst zu tun. Wer die unverbrüchliche Einheit von Mann und Frau in der Ehe in Frage stellt oder lächerlich macht, der hat es mit Gott zu tun. Ein Gemeinwesen lebt davon, daß zwischen Mann und Frau das Ja-Wort ein Ja-Wort ist und bleibt. Es wird einem Volk umso besser gehen, je mehr Menschen sich nicht an Gottes Stelle setzen, und nicht so tun, als müßte Geschlecht, Ehe, Treue, neu definiert und erfunden werden. Jede gelingende Ehe verbreitet mehr Segen als ein politisches Programm schaffen kann. Nichts gegen Programme. Aber die Programme täten wohl daran, wenn sie dem Geheimnis der Ehe mit Ehrfurcht begegnen würden. – Auch die, deren Ehen gescheitert sind, oder die ehelos sind, aus welchen Gründen auch immer – auch sie können dazu beitragen, wenn sie und wir alle diese Gabe Gottes anerkennen und respektieren. Wir brauchen das. – Die Propheten des Alten Testaments sagen deutlich: Wo Gott ein Land nicht segnet, dort verstummt die Stimme des Bräutigams und der Braut. Wo Gott ein Land segnet, dort hört man die Stimme des Bräutigams und der Braut. (Jeremia 7, 34 und Jeremia 33, 11). Wir hören die Stimme immer seltener in unserem Land. – Bitten wir Gott um seinen Segen auch an dieser Stelle!
    Das 5. Gebot: Du sollst nicht töten! – Hier geht es nicht nur um die Scheu davor, ein anderes Leben zu schädigen oder anzutasten, vom Auslöschen ganz zu schweigen! Gott schützt hier auch das hohe Gut, daß ich dazu beitrage, daß andere leben. Gott will, daß Menschen stark und belastbar sind, daß sie Nettozahler sind. Ich soll danach streben, daß ich andere so wenig wie möglich belaste. Zum Beispiel gesund leben – damit ich für andere da sein kann. Klug wirtschaften, damit andere nicht gezwungen sind, für mich aufzukommen. Ein Staat lebt davon, daß es in ihm genug belastbare Menschen gibt. Die gesund sind, die sich nicht maßlos verschulden, die Kapazitäten frei halten, damit sie für andere dasein können. Die bereit sind, Zeit zu opfern. Solche Menschen sind Schätze. Aber auch die sind Schätze, die das merken, es anerkennen und respektieren und dafür dankbar und rücksichtsvoll sind. – Die Obrigkeit kann zu vielem zwingen. Ein Segen ist es, wenn dieser Zwang überflüssig ist, und es Menschen gibt, die aus Freiheit handeln. Ich bin mir sicher, daß diese Freiheit sich bemerkbar macht. – Das gehört zu den Voraussetzungen, die der Staat nicht garantieren kann. Doch wir leben davon. Bitten wir Gott um diesen Segen!
  2. Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren. – Hier schützt Gott die Liebe zwischen Eltern und Kindern. Schon die Biologen wissen, daß das Menschenkind nicht lebensfähig auf die Welt kommt. Vater und Mutter müssen es schützen und ernähren. Ihm die Sprache beibringen und alles andere, was zum Menschsein dazugehört. Das ist ein heiliger Gottgewollter Vorgang. Wir alle leben davon, daß unsere Väter und Mütter selbstlos, mit Liebe und Klugheit für uns dagewesen sind. Wer diese Selbstlosigkeit unterschätzt, der unterschätzt Gott selbst. Wo Vater und Mutter ausbleiben, muß im Endeffekt ein neues Wunder geschehen, damit aus dem Kind ein lebensfähiger Mensch wird. – Es bleibt ein Wunder Gottes, wenn die Selbstlosigkeit von Vater und Mutter geschehen. Es bleibt ein Wunder, wenn die Kinder das merken und irgendwann im Leben darüber staunen und – bei aller Fragwürdigkeit der Eltern – von tiefer Dankbarkeit erfüllt werden. Wer betet, dem öffnet Gott die Augen dafür, wie viel wir unseren Eltern und Vorfahren verdanken. Es ist ein Wunder, wenn dieser Einsatz Katastrophen wie Kriege überdauert, und noch heute bei uns ankommt. – Der Staat findet das vor. Er kann es schützen, vernachlässigen oder zerstören. – Laßt uns Gott auch hier um seinen Segen bitten!
    Das 3. Gebot: Du sollst den Feiertag heiligen! – Hier schützt Gott die Zeit und ihre Einteilung. Es ist ein Segen, wenn wir unser Leben so führen können, daß wir Zeit für Gott haben. Daß wir Zeit haben für Gottes Wort an uns. Das Sorgen und Aufgaben – oder aber Zerstreuung und Ablenkung nicht so überhand nehmen, daß Gott nicht mehr zu uns sprechen kann. Es ist ein Segen, wenn Menschen sich versammeln und sich gegenseitig unterstützen dabei. – Hier nähern wir uns der Quelle von dem, was wir nicht garantieren können. Denn wie sollen wir beten, wenn wir Gott nicht kennen? Wie sollen wir Gott kennen, wenn wir nicht von ihm hören, wie sollen wir hören, wenn es dazu nicht Zeit und Raum gibt? – Bitten wir Gott darum, daß Gottesdienst, Predigt, Gemeinde und Kirche Stätten Seines Segens werden und bleiben! Denn das schafft Gott allein.
    Das 2. Gebot: Du sollst den Namen des Herrn deines Gottes nicht mißbrauchen. – Gottes Name – das sind seine Kontaktdaten. Die benutze ich richtig, wenn ich Gott anrufe, und ihm danke. Nicht nur über ihn reden, wenn es paßt. Sondern zuerst – vor allen Dingen – mit ihm reden, mit ihm anvertrauen. Menschen, die Gottes Namen richtig gebrauchen, sind ein Segen.
    Das 1. Gebot: Ich bin der HERR, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Denn nicht unser Gebet macht den Segen. Das könnte man fast denken, nachdem wir so viel über das Gebet gehört haben. Wir kommen immer wieder darauf zurück. Gott schafft aus dem Nichts. Gott erhält seine Schöpfung. Gott hat sich uns offenbart und mit uns gesprochen – in seinem Sohn, Jesus Christus. Und Gott handelt in uns und fängt mit uns neu an, ja, Gott betet in uns. Das ist der Heilige Geist (Römer 8, 26).
    Hier schließt sich der Kreis. Liebe Gemeinde. Wer sich was Politisches gewünscht hat heute, mag enttäuscht sein. Doch das ist Absicht. Es tut der Politik gut, wenn sie relativiert wird. Und hier ist der Ort, wo das geschieht. Jesus sagt zu Pilatus: Du hättest keine Macht über mir, wenn sie dir nicht von Oben gegeben wäre. (Johannes 19,11). Die Möglichkeiten politischen Handelns sind letztlich Gaben, die Gott gibt. Das darf nicht vergessen werden.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.