Neujahr

Christus in der Synagoge von Nazareth, ca. 1350. Künstler: anonym

Predigt von Pfarrer Johann Hillermann

Gnade sei mit euch und Friede,
von Gott unserem Vater
und dem HERRN Jesus Christus.
Amen.

16 Jesus kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen.
17 Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht (Jes 61,1-2):
18 »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt,
zu predigen den Gefangenen, daß sie frei sein sollen, und den Blinden, daß sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen,
19 zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«
20 Und als er das Buch zutat, gab er’s dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn.
21 Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.

Lukas 4, 16-21

Gebet: Herr Jesus, laß Deinen Namen vor uns hergehen in diesem Neuen Jahr. Amen

Liebe Gemeinde!

Eine Stimme, die sagt: „Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21, 5) kann nur eine göttliche Stimme sein.

Ab heute haben wir neue Kalender. Wir werden sicher noch eine zeitlang aus Versehen „2022“ statt „2023“ schreiben. Vielleicht gelten ab heute neue Preise und Verträge.

Darüber hinaus werden sich manche von euch vielleicht etwas vorgenommen haben, was ab heute anders sein soll im eigenen Leben – Vorsätze für das neue Jahr. – Mögen die guten Vorsätze auch gute Frucht bringen!

Doch was ist wirklich neu? Und woran werde ich es erkennen?

Kluge und erfahrene Menschen sagen: Du mußt etwas Neues mindestens 3 Wochen täglich umsetzen, bis es Teil deines Lebens wird. Andere sprechen von gut 2 Monaten. Eine überschaubare Zeit! Eine Zeit, in der einem klar werden kann, wieviel von mir will einfach beim Alten bleiben! Alte Gewohnheiten, gerade die schlechten, sind hartnäckig, und manche wird man einfach nicht los, bei aller Einsicht!

Alles neu machen, das ist göttlich. Mit Gott wird das Alte alt und bleibt das Neue neu. Mit Gott ist Neues möglich, trotz allem Alten.

Darum beginnen Christen das Neue Jahr im Namen Jesu. Mit dieser Person: Jesus von Nazareth, Jesus, Sohn der Maria, Jesus Christus, ist das eine Neue auf die Welt und zu uns Menschen gekommen. Jesus ist der Neue, über den alles Alte keine Macht hat, sondern Er hat Macht über das Alte. Über uns alle hat das Alte macht. Alte Schuld holt uns ein. Die Tatsache, daß wir sterben müssen, ist letztlich der Beweis, daß wir dem Alten nicht entrinnen können, sondern daß es uns doch einholen wird.

Wenn Jesus kommt und das Neue bringt, was gut ist, dann ist das keine Flucht aus dem Alten. Jesus verwirft das Alte nicht wie ein Revolutionär, sondern er zeigt sich als Herr über das Alte und schafft genau den Übergang, das eine neue Zukunft beginnen kann. Darum beginnen Christen das Neue Jahr im Namen Jesu – Weil Er über Vergangenheit und Zukunft gebietet.

Der Predigttext beschreibt die erste Predigt Jesu in Nazareth, Seinen ersten öffentlichen Auftritt in Seiner Vaterstadt – „wo er aufgewachsen war“.

Bis dahin hatte er schon in anderen Synagogen in der Gegend gepredigt, und war gut angekommen. Es heißt: „Er wurde von jedermann gepriesen“ (Lukas 4, 15).

Doch in Nazareth kannte man ihn als den Sohn der Maria und Josephs, der als Zimmermann unauffällig seinen Beruf ausübte. Jesus war „einer von uns“. Man hatte ihn aufwachsen sehen. Man kannte ihn. Nazareth war für Jesus eine Zusammenfassung des Bisherigen. Eine Zusammenfassung des Alten, der Vergangenheit. Und die Menschen in Nazareth verkörperten das.

Was wird Jesus tun? Wie wird Er auftreten?

Es ist alles sehr konventionell, sehr unauffällig – scheinbar nichts Neues.

Denn Jesus geht am Sabbat in die Synagoge „nach seiner Gewohnheit“. Er tat, was ein israelitischer Mann tat: er ging zu dem Versammlungsort, der Synagoge. Seit der Zerstörung des ersten Tempels etwa 600 vor Christus, und der Verschleppung und Gefangenschaft Israels in Babel gab es diese Versammlungsorte, in denen Israeliten gemeinsam die Heiligen Schriften lasen und hörten. Vor allem wurde das Gesetz des Mose in festen Abschnitten gelesen – das ist eine Wurzel unserer Lesungen, die auch alle Jahre wiederkehren, und so zu einer Gewohnheit werden. Zur Zeit Jesu war es auch schon längst Gewohnheit geworden, daß neben dem Gesetz auch ein Abschnitt aus den Propheten verlesen wurde.

Gottes Wort sollte zur Gewohnheit werden. – Jesus fügt sich in diese Gewohnheit ein! Im Namen Jesu sollte jeder Christ anfangen, die Heilige Schrift regelmäßig zu hören und zu lesen. Es soll eine Gewohnheit werden!

Das Gesetz des Mose war zur Zeit Jesu schon alt. Es kam aus einer anderen Zeit, über 1000 Jahre alt. Aber durch Lesen und Hören war das Alte gegenwärtig, und weil Gott selbst darin sprach, war dieses Alte gegenwärtig und wirksam, und nicht vergangen.

In der Synagoge durfte jeder erwachsene Israelitische Mann aus der Heiligen Schrift vorlesen. Jeder, der lesen konnte. Dazu gehörte nicht nur, Buchstaben entziffern. Man muß bedenken, dáß die hebräische Schrift nur Konsonanten hat, keine Vokale. Man muß also Wörter und ihren Sinn erkennen. Durch Tradition hatte sich auch eine feste Sprachmelodie und Betonung herausgebildet, die dem Sinn der Worte diente und das Hören erleichterte. Man mußte also schon viel zugehört haben, um in der Lage zu sein, vorzulesen. Auch wurde zu Jesu Zeiten der Hebräische Text sofort nach dem Lesen in die damalige Sprache Aramäisch übersetzt, die war damals im Land allgemein verständlich.

Man muß sich also vorstellen: Jesus ist in der Synagoge – alle kennen ihn als kleinen Jungen, als jungen Mann, der als Zimmermann arbeitet. Doch in letzter Zeit ist er als Prediger aufgefallen. Was ist daran? Bringt er wirklich etwas Neues, was man ernst nehmen muß?

Er steht auf. Er geht an das Lesepult. Ein Diener holt von einem Regal hinter einem Vorhang eine Schriftrolle. Jesus rollt sie auf und „findet“ – also hat er sie gezielt gesucht! – die Stelle aus dem Buch des Propheten Jesaja. Er liest den Text vor. Den alten Text. Dann setzt er sich – das war das Zeichen: Ich will über den Text predigen, ihn auslegen. Es ist kein Wunder, daß „aller Augen auf ihn sahen.“ Was ist das Neue an Jesus? Jetzt muß es kommen!

Jesus liest wenige Verse aus dem Buch Jesaja. Aus diesen Worten spricht eine geheimnisvolle Person. Es ist nicht der Prophet selbst, es ist auch nicht einfach Gott der HERR, der da spricht, sondern eine einmalige Person, durch die Gott in Israel entscheidend handeln wird: Der Knecht Gottes.

»Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat“ – Der Geist, der bei der Schöpfung von Himmel und Erde aktiv war, der Atem, mit dem Gott selbst spricht, der Geist, der allem gegenüber frei und überlegen ist, der mitteilt, was Gottes Wille ist, der Geist, der lebendig macht – die Kraft, die mit der Wahrheit unzertrennlich verbunden ist. Dieser Geist ist auf dem Knecht Gottes, dessen Wort wir hören.

Er ist gesalbt. Damit zeichnet ihn Gott aus vor allen anderen Menschen. Gott nimmt ihn in Seinen Dienst. Der Knecht handeln nicht, um sich selbst darzustellen, oder etwas zu verwirklichen, was in ihm ein Potential ist, sondern er dient ganz und gar nur Gott. Der Gesalbte heißt auf Hebräisch: Der Messias, Griechisch: Der Christus.

Israel lebte in der Erwartung, daß der Knecht Gottes, der Messias kommt.

Der Messias soll in Gottes Auftrag das Neue bringen:
„… zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, daß sie frei sein sollen, und den Blinden, daß sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“

Die Armen, die Gefangenen, die Blinden, die Zerschlagenen.

Wenn für die nichts Neues kommt, dann ist es nicht neu.

Wir müssen das in Bezug auf Gott hören und lesen:

Die Armen: Die sich darüber im Klaren sind, daß Gott ihnen alles geben muß, nicht nur das tägliche Brot und die Gesundheit und den Frieden, sondern alles.

Die Gefangenen: Die sich darüber im Klaren sind, wie unfrei sie sind, Gott ganz und gar zu vertrauen, und in immer neuer Frische ihren Nächsten zu lieben wie sich selbst.

Die Blinden: Das sind die, die darüber aufgewacht sind, daß sie über Gott und Sein Wirken einfach unwissend sind, sich nicht auskennen, und ohne Gottes Hilfe immer wieder daneben liegen werden.

Die Zerschlagenen: Die darunter leiden, wie bei sich und anderen Gott und Seine Gaben verachtet und mißbraucht werden. Jedes Gebot der 10 Gebote schützt eine Gabe Gottes, und jede Übertretung der Gebote greift Gott an und zerstört Gottes Gaben. Zerschlagene sind die, die das spüren, und darüber trauern und darunter leiden. Es macht sie kaputt, das die Menschheit ohne Gott ist.

Bei diesen Menschen wird Gott das Neue anfangen. Mit diesen Menschen kann Gott überhaupt anfangen. Für die Armen, die Gefangenen, die Blinden, die Zerschlagenen ist der Zusammenhang zwischen der Schuld und dem Tod eine Realität, der sie nicht ausweichen können. So wie die Armen heute auch offensichtlich zu tragen haben an den Fehlern, die andere vor ihnen gemacht haben, dazu an eigenen Fehlern. Das Alte zeigt unerbittlich seine Macht an ihnen. An ihnen muß sich zeigen, ob eine neue Politik wirklich neu ist.

Bei dem Propheten Jesaja sendet Gott Seinen Knecht zu den Armen vor Gott, den Gefangenen vor Gott, den Blinden vor Gott und den Zerschlagenen vor Gott.

Zu ihnen kommt der Gesalbte, der Messias, der Christus „zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“

Jesaja erinnert an das Gesetz des Mose. Es gab das Erlaßjahr. Darüber wurde gesagt: „Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin wohnen; es soll ein Erlassjahr für euch sein. Da soll ein jeder bei euch wieder zu seiner Habe und zu seiner Sippe kommen. Als Erlassjahr soll das fünfzigste Jahr euch gelten. Das ist das Erlassjahr, da jedermann wieder zu dem Seinen kommen soll.“ (3. Mose 25, 10.11.13). Alle 50 Jahre – alle „Jubeljahre“ –sollte jeder Israel wieder zu seinem Anteil kommen – als wäre nichts gewesen. Alle Schulden erlassen und vergessen. Das Alte sollte nicht mehr quälen, belasten, zerstören.

Man kann sich denken, wer sich besonders nach diesem Jahr gesehnt haben: Die Armen, die Verschuldeten, die Geknechteten.

Diese Hoffnung und Sehnsucht steckte in Israel drin.

Was würde Jesus dazu sagen? Würde er aufrufen zu einer Aktion? Würde er anklagen, wer dieser Befreiung im Wege steht?

Aller Augen in der Synagoge waren auf ihm.

„Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“

Ich bin der Knecht Gottes. In mir handelt Gott an den Armen, Gefangenen, Blinden und Zerschlagenen. Ich bin der HERR über das Alte. Ich mache alles neu, bis hin zur Auferstehung von den Toten. Jesus stellt sich ganz in die alte Heilige Schrift hinein, in das Gesetz und die Propheten, und da fängt das wirklich Neue an, das niemals alt werden wird.

Wer also das Neue von Gott haben will, der muß zu den Menschen gehören, mit denen Gott etwas anfangen kann. Für die wird ein Jahr im Namen Jesu ein Erlaßjahr werden. Die alte Schuld wird vergeben. Der Knecht Gottes nimmt sie auf sich. Er macht alles Neu.

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Bild:

Christus in der Synagoge von Nazareth, ca. 1350. Künstler: anonym

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