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Predigt

Letzter Sonntag nach Epiphanias

Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Gnade sie mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus. Amen.

Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge. Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen. Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist. Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.

2. Petrus 1, 16-21

HERR, segne Dein Wort an uns, Dein Wort ist die
Wahrheit. Amen.

Liebe Gemeinde!
Was ist da auf dem Berg geschehen?
Petrus schreibt von dem, was er gesehen hat. Er, und Jakobus und Johannes, waren Augenzeugen. Jesus hatte sie als Zeugen auserwählt, und nahm sie mit sich auf einen hohen Berg. Petrus nennt den Berg „heilig“. Welcher Berg das genau ist, kann nicht mehr gesagt werden. Wir müssen es auch nicht wissen. Denn alles, was wir wissen müssen, ist nicht an den Berg gebunden. Wenn wir heute auf den Berg gehen, werden wir Jesus nicht näher sein, und auch das, was dort geschah, nicht besser aufnehmen können.
Jesus wurde verklärt vor ihnen. „Sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne, und sein Kleid wurde weiß, wie das Licht.“ Ein Strahlen mitten am Tage, das auch das bei Sonnenlicht noch durchkam. Es kann aber nicht einfach eine Steigerung des Sonnenlichts gewesen sein. Petrus sagt denn auch: „Wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen.“ Diese übernatürliche Klarheit und Helligkeit ging von dem Leib Jesu aus. „Herrlichkeit“. Wie will man das umschreiben? Es ist ein Glanz, der nicht oberflächlich ist, nicht äußerlich, sondern von innen kommt, und unzertrennlich von der Person ist. Zur Herrlichkeit gehört auch, daß die Person wichtig ist, daß sie Macht hat, Erkenntnis und Einsicht, es gibt nichts zu verbergen oder erklären: Alles erscheint. Darum gehört auch Reinheit dazu. Es ist nicht verdorben, es ist nichts nur Schein, nichts ist verstellt. Zur Herrlichkeit gehört auch Überlegenheit, Unantastbarkeit. Petrus sagt uns, daß Jesus „Ehre und Preis“ von Gott bekam. Respekt, Achtung, Ehrfurcht – das Ruft Herrlichkeit im Menschen hervor. Petrus, Jakobus und Johannes „fielen auf ihr Angesicht und erschraken sehr“, heißt es im Evangelium. Die Herrlichkeit ließ die erfahren, daß sie als Menschen Geschöpfe sind, die ihr Leben nicht in der Hand haben, ja das Leben auch nicht gemacht haben, und nicht durchschauen. Die Herrlichkeit hat den Aposteln auch als Geschöpfe erfahren lassen, daß sie eben nicht herrlich sind. Daß bei ihnen Innen und Außen nicht übereinstimmen, daß bei ihnen doch viel mehr verdorben war, als sie dachten, daß sie nicht so wichtig waren, wie sie sich selbst nahmen. Sie waren als Menschen Geschöpfe, und als Geschöpfe Sünder und als Sünder sterblich. Sie sahen Herrlichkeit und erlebten, daß sie keine Herrlichkeit hatten. Als Paulus dem Auferstandenen Jesus Christus in Seiner Herrlichkeit begegnet, fällt er auf die Erde, und für ihn ist sein gesamter bisheriger Weg zu Ende. Obwohl man ihm nichts nachsagen konnte und er aus seinem Leben gemacht hatte, was menschenmöglich war als gesetzestreuer Jude (er sagt das selbst: Philipper 3, 5-6). Nach dieser Begegnung weiß Paulus: Mit fehlt die Herrlichkeit, die ein Mensch braucht, um vor Gott zu überleben, oder bei Gott überhaupt anzukommen.
Paulus hatte auch wie Petrus, Jakobus und Johannes bei dieser überwältigenden Begegnung eine Stimme vom Himmel gehört, die klar machte: Dies ist der Sohn Gottes – ihr begegnet jetzt Gott. Eine größere, eine wichtigere, schwerere, herrlichere Begegnung gibt es nicht.
Diese Begegnung begleitete Petrus nun bis ans Ende seines Lebens. Aus dieser Begegnung heraus trat er vor seine Gemeinde, aus dieser Begegnung heraus predigte er und diente er der Christenheit.
Was folgt daraus?
„Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt.“ Das Evangelium ist nicht eine schlau ausgedachte Propaganda. Petrus und die Apostel haben nicht überlegt: Was wollen die Menschen gerne hören? Was brauchen sie? Womit können wir uns beliebt machen? Womit können wir Aufsehen erregen, damit man über uns spricht? Worüber müssen wir sprechen, daß man uns ernst nimmt? Wie können wir trenden? Was bringt uns auf den Listen nach oben? – Was letztlich darauf hinausläuft: Wie können wir Menschen überrumpeln zu unserem eigenen Vorteil?
„Kluge Fabeln“. Das ist die Luft, die wir heute atmen. Was wird wie gesagt, und was wird im Sprechen noch verschwiegen? Ob das nun Werbung ist, oder Information, oder eine Verordnung, ein Zeitungsartikel: Wir müssen davon ausgehen, daß jedes Wort genau überlegt ist, und man fragt sich dann: Was will man von mir? Warum soll ich das glauben? Meint man da, was man sagt? Man kann das Gefühl bekommen, daß dem Menschen nicht getraut wird. Ohne Sprachregelungen darf ihm nichts gesagt werden, sonst kommt er auf die falschen Gedanken. Man darf den Menschen nicht mit der Wahrheit allein lassen. Man darf ihm die Wahrheit nicht zumuten. Klug ausgedachte Kommunikation erfaßt den Menschen an dem Punkt, wo er nicht nachdenkt, wo er möglicherweise unfrei ist. Oft ist das die Angst. Wenn jemand meine Angst anspricht, dann glaube ich ihm erst einmal. Einfach zur Sicherheit.
Die Apostel haben das nicht getan. Sie haben bezeugt, was sie gesehen und gehört haben. Dazu hat Jesus sie beauftragt. In der Nacht vor seinem Tod, sagt er zu ihnen:
„Ihr werdet meine Zeugen sein, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen.“ (Johannes 15, 27), und nach der Auferstehung sagt er: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein.“ (Apostelgeschichte 1, 8). Ein Zeuge soll gerade nichts ausdenken. Er soll sagen, was er gesehen und gehört hat. Nicht mehr und nicht weniger. Ein Zeuge vor Gericht zum Beispiel, soll so Zeugnis ablegen, daß der Richter über das, was bezeugt wird, urteilen kann. Jeder Versuch des Zeugen, den Richter zu manipulieren, macht ihn zu einem schlechten, unbrauchbaren Zeugen. Die Apostel haben geredet von dem, was sie gehört und gesehen haben. Und dieses Zeugnis hat Gott benutzt, seine Kirche zu gründen und zu bauen. Der Heilige Geist hat das Zeugnis der Apostel so gestaltet, daß die Hörer darin Jesus so begegneten, wie die Apostel selbst. Jesus hat seine Herrlichkeit in dieses Zeugnis hineingegeben.
Nicht nur haben die Apostel sich nicht mit eigenen klugen Überlegungen oder Strategien abgesichert, sondern sie haben ihre Sicherheit noch ganz woanders herbekommen:
„Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.“ – Hier schreibt Petrus von den Schriften des Alten Testaments. Nachdem er die überwältigende Begegnung mit der Herrlichkeit Jesu auf dem Berg beschrieben hat, spricht er von etwas, das „fester“ ist. Denn: Begegnungen und Sinneseindrücke sind vergänglich. Im Grunde hätte Petrus wie viele Mystiker nach einer Begegnung mit Gott auch sagen können: „Wenn du es nicht selbst erlebt hast, dann weißt du nicht, wovon ich rede. Es ist zu wunderbar, keine Sprache kann es wiedergeben!“ Doch das tut er nicht. Er kann über das Unaussprechliche reden, weil Gott eine Sprache vorbereitet hat. Es ist das Alte Testament. In der Apostolischen Zeit haben die Apostel ihr Zeugnis von Jesus Christus mit der Sprache des Alten Testaments vorgetragen. Im Grunde ist das Neue Testament nichts anderes als die Feststellung: Gott hat erfüllt, was er im Alten Testament versprochen hat. Jesus Christus ist die Erfüllung. Petrus sagt, daß dieses Prophetische Wort „fester“ ist. Es ist belastbarer, als Sinneseindrücke, als das was man einmal gesehen und gehört hat. Nur ein Beispiel: Ohne das Alte Testament hätten die Apostel nicht richtig über den Kreuzestod Jesu sprechen können. Es wäre nichts weiter als ein Scheitern und eine Katastrophe gewesen. Die Reaktion darauf hätte dann nur Entsetzen und Empörung sein können. Doch das Alte Testament kannte das Opfer, das Gott fordert und annimmt. Die Idee, daß einem Opfertier die Schuld von einem Priester übertragen wird. Das Alte Testament kennt die Idee von dem Knecht Gottes, die „unsere Krankheit auf sich nimmt, und unsere Schmerzen auf sich lädt; der um unserer Sünde willen geschlagen wurde, und durch dessen Wunden wir geheilt werden.“ (Jesaja 53). Das waren sozusagen „wartende Worte“ (so nennt sie Papst Benedikt XVI) – die die Apostel dann auslegten um Christus vor der Welt zu bezeugen. Und das schuf den Glauben und die Christenheit.
Also nicht nur haben die Apostel nichts ausgedacht, sie haben auch die Sprache benutzt, die Gott bereitgelegt hatte durch Seine Propheten im Alten Testament.
Und das alles ohne auch nur eine Spur von Manipulation oder Berechnung. Es gehört zur Herrlichkeit Jesu, daß sie ohne jegliche Nachhilfe erscheint. Wenn Jesus bezeugt wird, und das mit der Sprache des Alten Testaments, dann kommt seine Herrlichkeit zu uns. Wenn die Apostel manipuliert hätten, dann hätten sie die Herrlichkeit Jesu komplett verleugnet.
Darum ermahnt uns Petrus: „Ihr tut gut daran, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.“ Ich trage heute etwas dick auf, aber ich sage es trotzdem. Der Ergebnis von Manipulation ist Dunkelheit. Wenn wir Menschen nur auf unsere Ängste angesprochen werden – oder auf unsere Begierden – wenn wir also nur in unsere wortlosen Gefühlen bestätigt werden, dann wird es dunkel. Dann wird es am hellichten Tag dunkel. Denn dann wird die Angst immer größer, oder die Macht unserer Begierden wird immer größer. Dann kann die Angst nicht mehr überwunden werden, und die Begierden können nicht erfüllt werden, und wir begegnen Gott nicht mehr.
Wir brauchen diese Begegnung, die uns die Herrlichkeit Gottes zeigt. Diese Begegnung läßt uns erfahren, daß wir keine Herrlichkeit in uns haben. Das ja. Aber Jesus hat seine Herrlichkeit für uns. In der Taufe hat er uns seine Herrlichkeit geschenkt. Im Evangelium teilt er seine Herrlichkeit aus. Unser Gesangbuch bezeugt das: „Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd ein gehn.“ (ELKG 273, 1).
Die restlichen Worte des Predigttexts unterstreichen nur, was schon gesagt wurde. Die Worte der Heiligen Schrift sind inspiriert vom Heiligen Geist. Gott hat sie gegeben, die Begegnung zu schaffen, die uns frei macht. Er schreibt: „Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.“ Darüber könnte man noch viel sagen. Doch für heute sage ich: Hier wird uns gesagt, daß Gottes Wort frei von Manipulation ist. Es ist ein herrliches Wort, ein freies Wort, ein befreiendes Wort.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Beitragsbild: Transfiguration, Perugino, 1496 – 1500