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Predigt

Tag des Evangelisten Johannes

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –, was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.

Gnade sie mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus. Amen.

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –, was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei. Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.

Johannes 1, 1-10

Wir beten: Lieber Herr Jesus Christus, der Du den Himmel ganz verlassen hast, um uns zum Paradies abzuholen: Sei uns nun ganz nahe in dem Wort, das wir von Dir hören. Amen.

Liebe Gemeinde!
Wir glauben Eine, heilige, christliche – weltweite, apostolische Kirche. Heute feiern einen Apostel und Evangelisten – Johannes. Sein Symbol ist der Adler, eines der Vier Wesen vor Gottes Thron, wie man bei Hesekiel 1 nachlesen kann. Wir haben die 4 Evangelisten-Symbole an unserem Lesepult oder Ambo abgebildet. Man hat den Adler Johannes „weil in ihm der Geist am höchsten fliegt.“ Damit ist zum Beispiel der Anfang seines Evangeliums gemeint. Dort knüpft Johannes an den Anfang der Bibel an – dem Anfang aller Dinge in der Schöpfungsgeschichte:
„Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (1. Mose 1, 1) – „und Gott sprach: Es werde Licht! – Und es ward Licht.“ (1. Mose 1, 3) – Johannes beginnt sein Zeugnis von Jesus Christus mit den Worten:
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott …“ (Johannes 1,1) – „Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Johannes 1, 3+4). Da fliegt der Geist sehr hoch! Das Evangelium ist ein Neuanfang, wie es keinen seit der Schöpfung von Himmel und Erde gegeben hat. Jesus ist der Neuanfang in Person. Was Er anfängt, das wird durch nichts mehr überholt werden. Nichts was gemacht ist, kann Ihn widerlegen, denn ohne Ihn gäbe es nichts.
Und von Jesu Geburt spricht er nicht direkt, sondern sagt: „Das Wort (also das Wort Gottes, durch welches alles geschaffen ist) ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohns vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Johannes 1, 14).
Das ist Johannes. Scheinbar schlichte, einfache Wörter: Anfang, Licht, gemacht – – – und dann Aussagen, die universell sind, und einen Standpunkt einnehmen, der über allen Dingen steht.
Und doch kann man niemals sagen, daß Johannes wie ein Philosoph sich in Abstraktionen, Theorien und abgehobenen Gedankengebäuden versteigt und jegliche Bodenhaftung verliert.
Denn in seinem Evangelium hören wir zum Beispiel davon, daß Jesus erschöpft ist von einer Wanderung (Johannes 4, 6), daß Jesus mit einem Brei aus Speichel und Erde einen Blinden heilt (Johannes 9, 6); wir werden mit der eine stinkenden Leiche konfrontiert (Johannes 11, 39). Auch scheinbar nebensächliche Einzelheiten von der Auferstehungsgeschichte, wir die säuberlich abgelegten Leichentücher im Grab, bezeugt Johannes. (Johannes 20, 7). – Auch wird sehr konkret die Leiblichkeit des Auferstandenen beschrieben: Thomas legt seinen Finger in die Wundmale Jesu (Johannes 20, 27).
Wir haben also einen von ganz oben – von der Schöpfung, von dem Wort, das die gesamte Wirklichkeit bestimmt und trägt – bis hin zu dem menschlichen Leib, hier auf dem Staub der Erde, bei dem Leiden der Menschen.
Und diesen Bogen zeichnet Johannes auch in seinem ersten Brief nach. Ein Bogen vom Anfang – dann Hören, Sehen, Betrachten, Betasten – dann Reden, Gehörtwerden, und schließlich Schreiben. Und das mit dem Ziel: „damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt, und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus – damit unsere Freude vollkommen sei.“
Ist das nicht wunderbar? Johannes zieht eine Linie durch – vom Anfang – über Jesus Christus – bis in die Gemeinde –und bis hin zu den Lesern des Briefs – also bis zu uns, ja, bis zu unserer Freude.
„Was von Anfang war“ – das kann nur Gott selbst sein. Er schafft aus dem Nichts, Er rettet aus dem Nichts, Er schafft Ordnung, Sinn, Leben. Aus dem Evangelium Johannes wissen wir, daß hier der Sohn Gottes, als das schaffende Wort Gottes gemeint ist.
„was wir gehört haben“ – Johannes überliefert viele längere, zusammenhängende Reden Jesu. Die Rede vom Brot der Welt (Johannes 6) , die Rede vom Guten Hirten (Johannes 10), zum Beispiel. Oder auch Gespräche: Das Gespräch mit Nikodemus (Johannes 3), das mit der Samaritischen Frau (Johannes 4), auch das mit dem Statthalter Pontius Pilatus (Johannes 18 und 19).
„was wir gesehen haben mit unseren Augen“ – wir sollten niemals vergessen, daß wir für die Worte und Taten Jesus Augenzeugen haben. Augenzeugen bringen vor Gericht die wichtigsten Aussagen. Der Richter kann sich lange überlegen, was er sich vorstellen kann, oder was bisher möglich oder unmöglich gewesen ist. Das alles aber muß dem Zeugnis der Augenzeugen weichen. Johannes hat die Wunder Jesu zusammen mit vielen bezeugt. Und am Ende der Passionsgeschichte, als der Soldat die Seite Jesu mit einem Speer die Seite Jesu durchsticht, und Blut und Wasser hervorströmt, lesen wir: „Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, daß er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt.“ (Johannes 19, 35).
„was wir betrachtet haben“ – Johannes und die anderen Jünger haben Jesus beobachtet, wie er mit Menschen umging. Barmherzig mit den Notleidenden und verlorenen – denken wir an die Ehebrecherin, die gesteinigt werden sollte, wie Jesus zu den Verklägern sprach: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. (Johannes 8, 7) – Aber mit den Eingebildeten und Arroganten war er unnachgiebig und hart: „Die Welt kann euch nicht hassen, mich aber haßt sie, denn ich bezeuge von ihr, daß ihre Werke böse sind.“ (Johannes 7, 7).
Das Bild, was Jesus selbst gab, prägte sich den Augenzeugen tief ein.
„und unsere Hände betastet haben“ – nicht nur Thomas hat den Auferstandenen berührt – durch den jahrelangen Umgang miteinander kann es nicht ausgeblieben sein, daß Johannes den Leib Jesu berührt hat. Wir hören, daß er bei dem letzten Mahl vor der Kreuzigung „an der Brust Jesu lag“, wie es damals üblich war, daß man zu Mahlzeiten um die Tafel umher lag (Johannes 13,23).
Also eine umfassende Begegnung und Wahrnehmung! Johannes war ein Zeuge. Er bezeugt, was er erlebt hat.
Doch dann kommt – typisch Johannes! – ein völlig überraschendes Wort, ja der Satzbau tanzt etwas aus der Reihe. Johannes sagt nicht: wir haben gehört, gesehen, betrachtet und betastet: Jesus! – Sondern er formuliert: „Vom Wort des Lebens“. Also bei Jesus spricht nicht nur der Mund und die Stimme, sondern auch das, was die Augen sehen – ist Wort; was die Hände betasten – das ist Sprache; was Johannes betrachtet, das spricht mit ihm.
Normalerweise ist es doch so: Ich sehe etwas, und mache meinen Reim darauf. „Ich sehe das so!“
Doch das fleischgewordene Wort Gottes bestimmt auch noch, wie der wahrgenommen wird. Jesus wird von seinen Augenzeugen so gesehen, gehört, wahrgenommen, wie er gesehen, gehört und wahrgenommen werden WILL. Der Apostel bezeugt genau das, was Gott will. Immer wieder gibt es neunmalkluge Menschen mit wichtigtuerischen Mienen, die sagen: „Die Apostel haben Jesus falsch verstanden.“ Und dann kommen sie mit ihren alten menschlichen Ideen und wollen sie Jesus andichten. Oft sind es gerade aktuelle politische Aussagen. In einer apostolischen Kirche kommt das nicht vor. Der Dreieinige Gott ist mächtig genug, zuverlässige Zeugen zu berufen und zu begaben.
– von dem Wort des Lebens –
Und das ist der Schlüssel zu allem, was folgt.
Als Kind mußte ich erstmal bewußt kapieren, daß nur ich un ich allein etwas fühle. Wenn ich mir weh getan hatte, konnte die Mutter zwar die Stelle betasten, aber sie konnte nicht fühlen, was ich fühlte. Da ist jeder mit seiner Erfahrung ganz für sich. Und da ist die Frage: Reichen Worte aus, diese Erfahrung, die ich ganz für mich mache – wir können auch sagen: subjektiv – zu übertragen, weiterzugeben? Geht nicht eine Menge verloren dabei?
Ich denke da bei an ein Gemeindeglied, das jetzt bei Gott ist, welches einmal ausrief: „Die Jünger hatten es gut! Sie haben Jesus wirklich gesehen, und gehört! Wir kennen ihn nur vom Hörensagen.“
Johannes sagt uns: Meine Eindrücke von Jesus, was ich gesehen habe, gehört und betastet habe – ist nicht eine subjektive Wahrnehmung nur für mich, die ihr niemals verstehen werdet, weil ich sie euch nicht übertragen kann.
Nein: Das Ergebnis meiner ganzen Wahrnehmung ist WORT.
DES LEBENS. Was Johannes gesehen, gehört, betrachtet und betastet hat, war und ist alles Wort des Lebens, und kann deshalb mitgeteilt werden. Es geht nichts davon verloren. Was im Anfang war, ist dasselbe was Johannes und die Jünger gesehen haben, und eins-zu-eins“ verkündigen und bezeugen“ sie es. Das schafft eine Gemeinschaft, die wir als Hörer mit den Jüngern haben. Wir haben durch dieses Zeugnis nicht weniger als Johannes und die anderen Jünger. Wir haben alles, was uns das ewige Leben gibt.
Und – typisch Johannes – mit einem kleinen Satz macht er den Himmel auf – von ganz Oben nach ganz Unten, und von ganz Unten nach ganz Oben – denn er spricht nicht nur davon, daß wir als seine Hörer mit ihm Gemeinschaft haben, sondern wir hören, daß wir Gemeinschaft mit Gott haben: „das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt, und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.“
Und dann wird es noch mal richtig lutherisch. Denn es kann ja gesagt werden: „Die Predigt, das Zeugnis, die Verkündigung des Johannes ist ja verklungen. So viel, was er gesagt hat, ist verloren.“ Dazu schreibt Johannes: „ Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.“ Wenn diese Schrift haben, dann haben wir alles.
Wenn Jesus, der Sohn Gottes, das Ewige Wort, in Windeln gewickelt in eine Krippe paßte, dann paßt Sein Wort auch in Tinte aufs Papier.
Die göttliche Freude ist nicht unerreichbar. Johannes bezeugt, daß der große Bogen vom Anfang Gottes bis bei uns ankommt.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.