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Predigt

14. Sonntag nach Trinitatis

Jakob ist auf der Flucht: seltsame Mischung von Segen und Schuld – immerhin hat er Bruder und Vater in einer wichtigen Sache betrogen. Der Betrug reißt ihn aus allen Systemen und menschlichen Sicherungen heraus. Das ist eine belastende Schuld.

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran 11und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. 12Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.
13Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. 14Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf 19und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus.
Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen 21und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein. Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.

1. Mose 28, 10 – 22

Lieber himmlischer Vater, segne Dein Wort an unser aller Herzen. Amen.

Liebe Gemeinde!

  1. Situation: Jakob ist auf der Flucht: seltsame Mischung von Segen und Schuld – immerhin hat er Bruder und Vater in einer wichtigen Sache betrogen. Der Betrug reißt ihn aus allen Systemen und menschlichen Sicherungen heraus. Das ist eine belastende Schuld. Er hat durch eine List den Segen seines Vaters Isaak bekommen – und damit seinen Bruder Esau beraubt. Der Vater Isaak sagt selbst: Ich kann den Segen nicht wieder zurücknehmen. Er gehört jetzt Jakob. (1. Mose 27, 35). Aber was sagt Gott dazu? Jakob ist aus allem raus. Alles ist unsicher. Alles könnte gegen ihn zählen.
  2. Traum: Jakob muß sich auf der Flucht in der Fremde schlafen legen. Mitten in der Fremde, in der Gefahr, vertraut er sich der Landschaft an – darf er sich dabei auch Gott anvertrauen? Im Schlaf, als er seiner nicht mächtig ist, träumt er. Das ist eine Begegnung des unfreien Willens. Der Traum läßt sich nicht beeinflussen. Der Traum widerfährt dem Schlafenden. Der Schlafende ist ganz und gar von der wachen Welt abgewandt, und für alle Einwirkung vorübergehend verschlossen. Seine Kräfte, Fähigkeiten, Begabungen ruhe alle. Jakob ist dieser Begegnung im Traum gänzlich ausgeliefert. Er kann ihr nicht ausweichen. Der Traum ist (zunächst) nur für Jakob eine Wirklichkeit, aber sie ist es ganz.
  3. Die Himmelsleiter: Jakob sieht eine Verbindung zwischen Himmel und Erde. Zwischen Gottes Welt und der Welt der Menschen. Wobei unsere Welt ja auch Gott gehört, aber diese Verbindung ist uns meistens verborgen. Nun wird sie ihm gezeigt, aber so, daß es ihm widerfährt, ohne freien Willen ohne Entscheidungsfreiheit.
    Die Verbindung geht in beide Richtungen: Die Engel kommen von oben bis auf die Erde herab, und sie gehen von der Erde hinauf bis in den Himmel. Das, was ganz oben ist, kommt ganz herab, bis auf die Erde; und das, was ganz unten auf der Erde ist, kommt auch ganz oben im Himmel an. Das steht nicht im freien Willen des Jakob, das zu filtern oder aufzuhalten, oder zu erzwingen. Zunächst ohne Wort – also mit offener Bedeutung. Ist es gut, ist es böse? Ist es Segen oder Fluch?
  4. Konfrontation: ich bin der Gott deiner Väter – Abrahams und Isaaks. Der Betrug an Isaak ist bei Gott angekommen. Nun ist die Situation nicht nur eine Situation zwischen Menschen, zwischen Isaak, Esau und Jakob, sondern auch und vor allem eine Situation zwischen Gott und Jakob. Und das bedeutet für den Menschen Sein oder Nicht-Sein. Jakob wird mit sich selbst und seiner Schuld konfrontiert. Die Konfrontation geschieht nicht ohne Wort. “Ich bin der HERR“. Das Ich Gottes begegnet, widerfährt dem Ich des Jakob. Wegen seiner Schuld zuhause ist er unterwegs – und deshalb ist diese Begegnung mit Gott mit einem offenen Ergebnis. Er kann es nicht beeinflussen. Wird er leben oder sterben?
  5. Die Erneuerung und Präzisierung der Verheißung: Gott wiederholt die Verheißung an Abraham und Isaak: „durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“ Das sind die Worte, die Gott Abraham und Isaak zugesagt hat. Nun hört Jakob sie. Jakob wird jetzt der Verheißungsträger. Ausgerechnet er! Dadurch wird Jakob in dieser Konfrontation durch das gegebene Wort neu geschaffen. Jakob wird zu einer neuen Person vor sich selbst, vor seiner Familie und vor der Welt. Er bleibt dabei ein „Gotteskämpfer“ – siehe 1. Mose 32.
  6. Bekenntnis: Jakob spricht beides aus – der HERR ist an diesem Ort und ich wußte es nicht. Aber jetzt weiß er es. Er macht sich die Begegnung, die Konfrontation und die Recreation zu eigen in seinen eigenen Worten. Obwohl sie im Traum, unter der Voraussetzung des unfreien Willens, stattfand, ist sie gültig, er nimmt sie an.
  7. Markierung: Name und Stein. Der Traum soll kein Schaum sein, sondern seiner Bedeutung entsprechend eingeprägt werden. Die Begegnung wirkt fort, existiert fort in dem Namen – Bethel. Haus Gottes. Und im Stein – eine Art Grenzstein „nach oben“ – zum Himmel. Markierungen sind Signale, die uns an diese Grenze „nach oben“ erinnern. Markierungen für die Sinne: Farben, Gebäude, Symbole, Namen, Formulierungen, Rituale, Liturgien, Gotteshäuser. Sie alle verweisen auf den Traum und haben ihre Bedeutung daraus.
  8. Jesus hat die Himmelsleiter höchstselbst auf sich bezogen. Im Johannes-Evangelium hören wir im ersten Kapitel, wie Jesus die ersten Jünger beruft. Sie staunen über ihn, und er verheißt dann seinen Nachfolgern: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.“ (Johannes 1, 51).
    Ganz klar bezieht sich Jesus hier auf die Geschichte der Himmelsleiter mit Jakob. Hier kommt Jakobs Traum ans Ziel.
    Deshalb muß die ganze Begegnung christologisch gelesen gehört und „angewendet“ werden.
    Das heißt:
    Die Situation Jakobs ist die Situation des Sünders: Er hab seinem Bruder Unrecht getan, er ist auf der Flucht. Unsere Sünde kommt bei Gott an, und klagt uns an. (Die Leiter nach oben). Was kommt von Oben zu uns herunter (die Leiter nach unten)? Es kommt der Segen und die Zusage Gottes: „Ich will mit dir sein.“ Jesus bezieht das auf sich selbst. Er sagt: Ich kommt vom Himmel zu euch, und mache einen neuen Anfang mit euch. Dazu gehört Vergebung und Segen.
    Wir können uns das nicht ausdenken, wir können es uns nicht selber sagen, es liegt nicht in unserem Willen. – Der Traum kam zu Jakob, der Traum widerfuhr Jakob. So widerfährt uns das Evangelium von Jesus Christus – wir können es nicht machen oder herbeiholen.
    Jakob erwacht und erkennt: Gott ist hier. So erwacht der Christ durch das Evangelium: Gott ist in Jesus zu uns gekommen. – Ein Stein wird errichtet, ein Haus gebaut. Das ist die Kirche, das Haus Gottes, in dem wir uns mit anderen Christen versammeln. Das Haus Gottes, in dem wir Sein Wort hören und das Sakrament des Neuen Testaments feiern, versichert uns, daß wir nicht träumen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen