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Predigt

Gründonnerstag

Für den modernen Verstand, der danach fragt, ob etwas funktioniert, oder irgendwie sinnvoll ist, ist solch eine Geschichte eine Zumutung. Seltsame Rituale, scheinbar sinnlose Vorschriften begegnen uns. Das Kopfschütteln der Vernunft wird nur noch energischer, wenn gesagt wird, daß das alles Gottes Wort und Wille sei.

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

1 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland:
2 Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen.
3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus.
4 Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er’s mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können.
5 Ihr sollt aber ein solches Lamm nehmen, an dem kein Fehler ist, ein männliches Tier, ein Jahr alt. Von den Schafen und Ziegen sollt ihr’s nehmen
6 und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Gemeinde Israel schlachten gegen Abend.
7 Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, in denen sie’s essen,
8 und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen.
9 Ihr sollt es weder roh essen noch mit Wasser gekocht, sondern am Feuer gebraten mit Kopf, Schenkeln und inneren Teilen.
10 Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr’s mit Feuer verbrennen.
11 So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die, die hinwegeilen; es ist des HERRN Passa.
12 Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter, ich, der HERR.
13 Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage.
14 Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.

Mose 12, 1-14

Herr, schenk uns Erkenntnis aus Deinem Wort! Amen.

Liebe Gemeinde!
Für den modernen Verstand, der danach fragt, ob etwas funktioniert, oder irgendwie sinnvoll ist, ist solch eine Geschichte eine Zumutung. Seltsame Rituale, scheinbar sinnlose Vorschriften begegnen uns. Das Kopfschütteln der Vernunft wird nur noch energischer, wenn gesagt wird, daß das alles Gottes Wort und Wille sei.
Ein Tier wird geschlachtet, gebraten und gegessen, sein Blut wird an Tür und Schwellen gestrichen, zu der Mahlzeit gehören ungesäuertes, also ziemlich fades, Brot und bittere Kräuter. Und dann wird auch noch vorgeschrieben, daß man die Mahlzeit im Stehen, wie kurz vor der Abreise, zu sich nehmen soll.
Wenn man aber Vorher und Nachher vergleicht, dann muß man doch lieber genauer hinschauen.
Vorher: Das Volk Israel ist machtlos unter dem tyrannischen Pharao. Die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs sind unfreie Sklaven, Zwangsarbeiter in Ägypten. Also in einer aussichtslosen, verzweifelten Lage.
Nachher: Der Pharao und das ganze Ägyptische Volk flehen die Israeliten an, doch wegzuziehen, man gibt ihnen sogar Geschenke mit auf den Weg. Es ist eine weltgeschichtliche Stunde, als Israel dieses Ritual zum ersten Mal durchführt. In der Nacht des Passa schafft Gott Israel als Sein Volk. Es verläßt das Knechtshaus Ägypten und zieht aus in die Freiheit. Gott handelt, er tut, was er versprochen hat.
Unsere Geschichte führt uns vor Augen, wie Gott es einrichtet, daß Seine wunderbare Tat die größtmögliche Bedeutung für Israel, ja für die Menschheit bekommt.
Gott handelt nicht, ohne zu reden. So macht er klare Vorschriften. Zunächst für den entscheidenden Abend. Jeder Haushalt soll ein perfektes, männliches, einjähriges Lamm beiseite nehmen, am 10. des Monats. Damit beginnt der Countdown. Jede Familie im Volk Israel sieht sich dieses Lamm vier Tage lang an und weiß: Der tyrannische Pharao ist angezählt. Die Freiheit, die Erlösung kommt unaufhaltsam näher. Doch damit niemand panisch wird, oder eigenmächtig Gottes Plan durcheinanderbringt, gibt es klare Ansagen. Das erste Passafest wird gefeiert. Es wird so gefeiert, daß es für alle Zeiten eine klare Erinnerung daran geben kann. Gott sorgt dafür, daß Israel sich zu allen Zeiten klar auf diese Nacht der Befreiung beziehen kann. Alle Jahre wieder soll ein Lamm an einem bestimmten Tag geschlachtet, gebraten, und mit Brot und Kräutern gegessen werden. So bekommt die einmalige Tat Gottes in Ägypten vor über 3000 Jahren maximale Bedeutung. Das Wunder bleibt so frisch, und ist so unvergänglich, daß jeder Israelit, der mitfeiert, sagen kann: „Gott hat mich aus dem gnadenlosen System Ägypten befreit.“
Die menschliche Vernunft, auch die moderne Vernunft, kann das nicht schaffen, auch wenn sie es versucht. Nur Gottes Taten vergehen nicht, sondern sie bleiben neu und wirken auf uns über und durch alle Zeiten. Das hängt damit zusammen, daß Gott spricht, wenn er etwas tut. Bei der einen Nacht in Ägypten ging es nicht nur um die nächste Stunde – bis zur Grenze; oder um den nächsten Tag bis ans Schilfmeer; auch nicht um die nächste Generation – Wanderung durch die Wüste; sondern um Jahrhunderte. Die Worte für diese Nacht gingen nicht unter, verloren nicht an Bedeutung, sondern sprachen in jede neue Situation und Zeit hinein und schufen die Verbindung zum Wunder Gottes, das damals in Ägypten geschehen war. Das war nicht einfach eine feierliche Mahlzeit. Es war mehr als eine schwelgende Erinnerung oder Sehnsucht. Nicht Menschen machten etwas aus einer Geschichte in der Vergangenheit, sondern Gott selbst fügte die Israeliten durch das Passafest immer wieder aufs Neue in Seine Geschichte, in Seinen Plan ein.
So hat Gott sich in Israel offenbart, bekannt gemacht. So ist Israel ihm begegnet.
Es war ein Passafest, es war die Nacht der Befreiung durch Gott, in der Jesus Vorsorge traf, daß seine Tat des Neuen Testaments für alle Zeiten unverbraucht bei uns Menschen ankommt und wirkt. Jesus und seine Jünger werden durch die Geschichte und das Gesetz des Mose mit seinen Jüngern in die Knechtschaft Ägyptens versetzt. Doch an diesem Abend hat Jesus seine ganze Mission in das Passamahl gegeben und hat es damit neu geschaffen.
Das ungesäuerte Brot vom Passamahl nahm er und sprach: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.“ Nun war es nicht mehr ein Tier, das ohne eigenen Willen sein Leben ließ, sondern ein Menschenleben, das mit freiem Willen, mit reiner Liebe hingegeben wurde. Das gab Jesus mit dem Brot zu essen. Und das Blut, das im Alten Testament in der einen Nacht an die Tür gestrichen wurde, um vom tötenden Engel verschont zu werden, dieses Blut wird nun im Kelch gereicht: „Das ist mein Blut des Neuen Testaments“. Passa bedeutet ja: „Übergehen, überspringen, auslassen“. In Ägypten ging der Gerichtsengel Gottes um und schlug alle Erstgeburten. Nur, wer das Blut des Lamms an der Tür hatte, wurde übergangen, also verschont. Jesus setzt in dieser Nacht sein Blut, das er morgen am Kreuz vergießen wird, als Verschonungszeichen ein. Es ist vergossen „zur Vergebung der Sünden.“ Wer dieses Blut bei sich hat, wird von Gott nicht mehr verurteilt, muß mit seinen Verfehlungen nicht mehr allein fertig werden – was kein Mensch kann. In dem Osterlied: „Christ lag in Todesbanden“ hat Dr. Martin Luther das Ostern des Neuen Testament mit dem Passa des Alten Testaments in eine gereimte Strophe gebracht: (ich zitiere das Original, weil es mehr Einzelheiten aus dem Alten Testament bringt. Man vergleiche es mit dem Gesangbuch 76, 5!)
„Hier ist das recht Osterlamm,
davon Gott hat geboten,
das ist an des Kreuzes Stamm
in heißer Lieb gebraten.
Des Blut zeichnet unsre Tür,
das hält der Glaub dem Tod für,
der Würger kann uns nicht rühren.“
Die Kirche erkennt das Feuer, mit dem das Passalamm gebraten werden mußte, wieder in der Liebe, die Jesus so im Griff hatte, daß er an keiner Stelle dem Leiden ausgewichen ist.
Jesus hat am Gründonnerstag, in der Nacht, als er verraten ward – man kann auch übersetzen: Hingegeben wurde, ausgeliefert, überantwortet wurde – in dieser Nacht hat er sein ganzes Vermächtnis, was er der Menschheit geben wollte und auch tatsächlich gegeben hat, in das Altarsakrament eingesetzt. Genau wie Gottes Tat damals in Ägypten nicht mit der Zeit verblaßte und zerrann, sondern immer da war, so ist nun Jesu Tat niemals mit der Zeit vergangen, sondern da. Es ist ungeschwächt ganz da, weil er selbst es so will und so bestimmt hat.
In Ägypten ging es um eine Befreiung von Sklaverei, Unterdrückung, Ausbeutung, Demütigung, Entwürdigung. Am Gründonnerstag geht es um den letzten Feind: Den Tod, und das, was den Tod mit sich bringt: Die Trennung von Gott. Es geht um die überwältigende Anklage, auf die kein Mensch eine Antwort hat. „Du hast das Gesetz des Lebens bei Dir und bei Deinen Mitmenschen nicht gehalten! Du hast Dich mit Willen von Gott und seinem Vertrauen losgesagt!“ Damit ist unsere Situation auf den Punkt gebracht. Diese Anklage, die leider wahr ist, macht uns am Ende kaputt. Wir können ihr nicht ausweichen.
In der Nacht vom Gründonnerstag hat Jesus als das Lamm Gottes diese Anklage auf sich bezogen, damit alle, die an ihn glauben, verschont werden. „Der Würger kann uns nicht (an-) rühren“, denn „sein Blut zeichnet unsere Tür, das hält der Glaube dem Tod vor“. Wer dieses neue Passalamm ißt, ist auf dem Weg aus der Umklammerung des Todes.Durch den Glauben hat er die Schuhe an, mit denen er aus der Knechtschaft der Sünde auszieht.
Für diese Freiheit ist Jesus gekommen. „Wenn euch der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei.“ Sagt er in Johannes, Kapitel 8. Der Sohn macht uns frei. Wie tut er das? Nicht anders, als Gott durch Mose im Alten Testament: Jesus handelt und spricht. Er sorgt dafür, daß seine Worte und Taten weiter wirken – aber als SEINE Worte und Taten. Das wird im Abendmahl überdeutlich. Er hat diese Feier so eingesetzt, daß er immer wieder durch seine Diener in seiner Kirche einlädt Im Sakrament gibt er uns seinen Leib, den er geopfert hat, zu essen, und sein Blut, das er zur Vergebung der Sünden vergossen hat, gibt er uns zu trinken. Damit gibt er selbst uns seine ganze Liebe, die ihn dazu geführt hat, Mensch zu werden und es bei uns auszuhalten; er gibt uns seine Liebe, die Worte des Lebens gefunden hat für die Verzweiflung und die Arroganz, für die Verlorenen und für die Verblendeten.
Liebe Gemeinde! Die uralte Geschichte aus dem 2. Buch Mose, und die Einsetzung des Abendmahls umgeben uns nun, und wir werden Teil von Gottes Geschichte. Es wäre nun das einzig Richtige, das zu tun, was wir als das Israel des Neuen Testaments tun sollen und dürfen, nämlich mit Jesu Worten Brot und Kelch segnen und das Mahl des Herrn feiern. Wie schwer ist es doch zu ertragen, daß wir das nicht können! Ein Gebet in unserem Gottesdienstbuch sagt: „Allmächtiger Gott … erhalte in uns das Verlangen nach dieser Speise, die unser wahres Leben ist.“ Gott gebe uns dieses Verlangen! Das wäre ein sicheres Zeichen, daß der Heilige Geist bei uns ist. Es ist die Sehnsucht, Teil der Geschichte Gottes zu sein und zu bleiben, der Geschichte, die ein gutes Ende hat, und uns dabei haben will.

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der regiere und bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.