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Predigt

Palmsonntag

Und als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt.

Das Lamm, das geschlachtet ist,
ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum,
und Weisheit und Stärke,
und Ehre und Preis und Ruhm.
Gnade sei mit euch und Friede,
von Gott unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

3 Und als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt.
4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?
5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
6 Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.
8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.
9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

Markus 14, 3-9

HERR, segne Dein Wort an uns, laß es Frucht bringen, die bleibt. Amen.

Liebe Gemeinde!

Diese Frau hat sich offensichtlich vergessen. Was sie tut, kann anders nicht erklärt werden.
Es geht um anderthalb Jahre Netto-Einkommen eines Facharbeiters. Man würde heute von gut über 30.000 Euro sprechen. Das Geld ist nun futsch. 300 Silbergroschen. Noch ist der Duft von Luxus im Haus – schreibt der Evangelist Johannes – aber die Freude an dem herrlichen Duft von Narde und Balsam breitet sich nicht aus.
Gewiß: es war üblich, bei Festessen hochgeschätzte und geehrte Gäste mit wohlriechendem Öl zu salben. Aber diese Maßlosigkeit übersteigt allen Anstand!
Unüblich allerdings war es damals, daß eine Frau in die Männergesellschaft eintrat. Das gehörte sich nicht.
Diese Frau hatte sich über alles hinweggesetzt, und sich vergessen.
Sie sagt in unserer Geschichte kein Wort. Was sie sich dabei gedacht hat, warum sie so verschwenderisch war, das bleibt ein Geheimnis. Wie gern würde man erfahren, was sie dazu getrieben hat, so überschwenglich zu sein!
In der damaligen Zeit konnte man diese Tat als Verehrung ansehen. Man konnte es so verstehen, daß sie bezeugen wollte, daß Jesus jemand ganz besonderes, ja, einmaliges sei. Das Alabastergefäß zerbrach sie, damit wurde die Einmaligkeit des Vorgangs noch unterstrichen: Das Fläschchen sollte nie wieder nachgefüllt, und wiederverwendet werden. Dieser Mensch hier ist einmalig! – Und bei der maßlosen Übertreibung wäre es nicht daneben, zu sagen: „Dieser Mensch ist so einmalig, wie Gott!“ Das konnten nun alle im Haus wissen: Der betäubende Geruch, ähnlich wie Lavendel, mußte sich jedem aufdrängen, der nicht die Luft anhielt.
Das Schweigen wird gebrochen von entsetzten, empörten und zornigen Stimmen, die aber nicht offen reden, sondern untereinander zischen: „Was soll diese Vergeudung? – Das ist doch durch nichts zu rechtfertigen!“ Egal, ob Jesus etwas Besonderes ist, oder man ihn verehren möchte: Das geht doch zu weit! Das ist verantwortungslos!
Um die Selbstvergessenheit dieser Tat noch greller ans Licht zu zerren, erinnert man an die Armen. „Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben.“ Mit 30.000 Euro hätte man schon was anfangen können! Gerade in der Zeit vor dem Passahfest waren Almosen eine Pflicht, den Armen zu helfen, mitzufeiern! Es ist ganz klar, daß diese Tat völlig verwerflich war!
„und sie fuhren sie an.“ – Sie fühlten sich eindeutig im Recht; und schon kommt Aggression in die Situation. Die Frage, ob Jesus verehrt werden soll, kommt gar nicht auf.
So sind wir Menschen: Wenn man sich über den Nächsten erheben und urteilen kann, dann ist das unwiderstehlich. Da kann man sehr schnell maßlos werden! Da ist keine Unterstellung zu boshaft. Die Empörung ist nach oben hin offen.
Was für eine Atmosphäre!
Wohlgeruch und Gift – oder, aus der Sicht der aufgeregten Gäste: Der Geruch von Verantwortungslosigkeit seitens der Frau und eindeutig guter Gesinnung seitens der Kritiker.
Früher wurde gesagt: Glockentöne können Gewitter vertreiben.
Von Jesus kommen 4 Worte, die alles klären. Jesus bereinigt die Atmosphäre, und zwar für immer. Seine Worte sind Glockentöne, die aus diesem Haus in Bethanien tönen, und nicht verklingen, bis sie auch uns erreichen. Es sind vollmächtige Worte, die dieser scheinbaren Maßlosigkeit der selbstvergessenen Frau vollauf gerecht werden. Die scheinbar eindeutig guten, aber selbstgerechten Vorwürfe müssen nun schweigen, und zwar für immer.

„Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“
Jesus nimmt die Tat von der Frau an. Auch wenn die ganze Welt nicht sie nicht versteht und nicht verstehen kann. Jesus stellt fest, daß nichts daran verkehrt ist. Sie hat es gut gemacht. Ohne Einschränkung, ohne Wenn und Aber. Ihn zu verehren, ist angemessen und richtig. An anderer Stelle sagt Jesus: „Wer mich bekennt vor den Menschen, den werde ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Jesus bekennt sich zu dieser Frau. Wer sie angreift, bekommt es mit ihm zu tun.- Das ist aber erst der Anfang, der erste Glockenton.
Der zweite Glockenton sagt: Jesus zu verehren, ist nicht nur nicht falsch, oder übertrieben, sondern es ist notwendig. Jesus sagt weiter:
„Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.“
Sich um die Armen zu kümmern, das ist Gottes Gebot. Gottes Gebote gelten immer. Unser Gewissen ist an sie gebunden. Jesus erkennt das an. Ja, noch mehr: Er sagt, daß es immer Armen geben wird. Kein System, kein noch so guter Wille der Menschen wird die Armut für immer beseitigen. Es wird immer zu tun geben. Je mehr die Überzeugung sich breit macht, daß Armut durch Programme beseitigt werden wird, um so sicherer ist es, daß man Gott vergessen hat. Jesus schickt noch eine kurze, aber wichtige Kritik hinterher: „ … und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun.“ – Anstatt sich über andere zu erheben und sie selbstsicher zu verurteilen sollt ihr selber zusehen, wo ihr helfen könnt. Die öffentliche Kritik an anderen hilft dem Armen nicht, im Gegenteil. Das Gefühl, eindeutig auf der richtigen Seite zu sein, ist und bleibt ein Selbstbetrug. Jesus stellt die Kritiker der Frau vor Gott, da gehören sie nämlich hin.
Aber dann erklärt er, warum die Frau das einzig Richtige getan hat: „ … mich aber habt ihr nicht allezeit.“ Damit deutet Jesus an, daß man es nicht aufschieben kann, ihn zu verehren. Wenn er da ist, dann ist auch die Zeit da, ihn zu verehren, und zwar ganz. Damit stellt er sich auf die Seite Gottes. Die Frau war die einzige, die richtig reagiert hat. Ihre bestürzende Tat bezeugt die bestürzende Wahrheit: „Gott ist unter uns, Gottes Liebe kommt zu uns, und keiner merkt es!“
Das allein wäre ja schon gewaltig. Doch es kommen noch zwei Glockentöne. Wir hören:
„Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“ –
Ob die Frau das wohl im Blick hatte? Hat sie gesehen, daß Jesus sehr bald sterben würde? Das bleibt ein Geheimnis. Vielleicht hat sie geahnt, daß die Liebe Jesu in dieser Welt Feinde hat, und daß die Feinde der selbstlosen Liebe von Grimm erfüllt und besessen sind. Das könnte sein. Am Ende aber definiert die Frau nicht, was ihre Tat bedeutet, sondern Jesus nimmt diese Verehrung und macht aus dem vergossenen Öl etwas so Großes, wie kein Mensch es sich angemaßt hätte. Jesus nimmt diese selbstvergessene Verehrung an, nimmt sie ganz persönlich als eine Salbung an. Salbung ist in Israel immer mit Würde verbunden. Die Leiber der Verstorbenen wurden gesalbt, damit sie in Würde beerdigt und in Gottes Hand gegeben werden konnten. Es war eine letzte Ehre, ein Dank und ein Zeichen der Liebe. Dieses Zeichen nimmt Jesus an. Damit macht er überdeutlich: Ich gehe in den Tod, bewußt, freiwillig, gehorsam und aus Liebe. Was kommen wird, ist kein Unfall, und nicht gegen meinen Willen.
Doch da ist noch nicht alles. Salbung in Israel bedeutete Weihe. Propheten, Priester und Könige wurden durch Salbung zu ihrem Amt und ihrer Aufgabe geweiht, gesegnet und eingesetzt. „Christus“ ist griechisch für das hebräische Wort „Messias“ und das heißt: „Der Gesalbte“, der von Gott Geweihte, Gesegnete und Eingesetzte. Er handelt und spricht im Namen Gottes.
Jesus ist so frei, diese mehrdeutige Tat einer schweigenden Frau zu einer Segnung und Weihe zu erklären. Das ist eine Majestät, die ganz anders ist, als die Welt kennt oder erwartet. Jesus baut seine Macht und Majestät nicht auf mit vielen verschiedenen Bausteinen, wie: Geld, Militär, Medien und Einfluß, Gewalt, Beziehungen. Niemand auf Erden kann sagen: Ich habe Jesus geholfen, an die Macht zu kommen. Jesus trägt seine Macht ganz und gar in sich. Er hat sie von seinem Vater, und sonst von niemanden. Darum ist er jeder Macht gegenüber völlig frei. Das wird man in der Passionsgeschichte gegenüber dem Hohenpriester und Pilatus klar sehen. Doch sein Reich ist nicht von dieser Welt. Das sehen wir daran, daß er seine Salbung von einer Person annimmt, die von niemand auf Erden anerkannt wird, die aber ihn ganz verehrt. Und daß die Salbung zum Messias gleichzeitig eine Salbung zum Begräbnis ist, das zeigt auch, daß das Reich, in dem Jesus die Macht hat, nicht von dieser Welt ist. Jesus übt seine Macht gerade auch durch seinen Tod aus. Da müssen alle Mächtigen dieser Welt passen.

Und der letzte Glockenton:
„Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“
Jesus spricht jetzt von seinem Reich. Seine Macht wird er ausüben durch das Evangelium. Die Predigt von ihm wird um die Welt gehen. Der Messias, der in einem unwichtigen Dorf von einer unwichtigen Frau gesalbt wurde, wird in der ganzen Welt durch sein Wort Macht ausüben. Das kann niemand aufhalten. Die Hohenpriester nicht, Pilatus und die Römer nicht, aber auch nicht diese Kritiker, die sagen: „Was soll diese Verschwendung, die Übertreibung, diese Maßlosigkeit, den Gekreuzigten verehren und lieben? – Gibt es nicht Wichtigeres, als Gottesdienst, Mission, Liebe zu Gottes Wort, Zeit für Kirche und Gemeinde?“ – Sie kommen zu spät. Der Duft, der gute, wunderbare Duft, dringt durch. Es duftet nicht nur in Bethanien, sondern auch in ganz Israel, im Römischen Reich, in aller Welt. Auch uns weht dieser Duft der Salbung an. Die Liebe Gottes, die sich in dem Weg Jesu offenbart spricht Menschen in ihrer Seele an. Jesus nimmt ihre Reaktionen, die sie manchmal selber nicht richtig durchschauen, und veredelt sie.
Auch unsere Reaktionen auf das Evangelium sind heilig. Für Christus jedenfalls.
Jesus stellt sich vor uns, und spricht für uns. Wenn wir seine Macht anerkennen, dann gebraucht er seine Macht für uns. Gegen alles, was eindeutig gut erscheint und uns verurteilt.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der regiere und bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.