Michaelis

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

Text: Matthäus 18, 1-6.10

1 Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist doch der Größte im Himmelreich?
2 Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie
3 und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.
4 Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.
5 Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.
6 Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.

10 Seht zu, daß ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch:
Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.

Matthäus 18, 1-6.10


Gebet: O Jesus Christus, unser HERR, schick Deine Engel, die dein Wort begleiten und schütze uns durch sie an Leib und Seele. Amen.

Liebe Gemeinde!
Im Alten Testament hören wir von dem Propheten Elisa und seinem Diener, die geraten in eine ausweglose Situation: Sie sind umzingelt von einer feindseligen Armee – die bis auf die Zähne bewaffnet ist. Zwei wehrlose gegen Tausende mit schrecklichem Eisen: Schwert, Spieß, schnellem Streitwagen und was Menschen sich sonst noch ausgedacht haben, um zu töten und zu zerstören.
Der Diener sieht das und sein Mut verläßt ihn auf der Stelle: „O weh, mein Herr! Was sollen wir nun tun?“ (2. Könige 6, 15-17).
Gottes Diener Elisa antwortet ihm: „Fürchte dich nicht, denn derer sind mehr, die bei uns sind, als derer, die bei ihnen sind!“
Der junge Mann wird sich ungläubig umgesehen haben: Elisa und ich, das macht zwei. Wir sind immer noch zwei. Die anderen aber sind nicht zu zählen. Wer bitte ist bei uns?
Weiter hören wir: „Und Elisa betete und sprach: HERR; öffne ihm die Augen, daß er sehe! – Da öffnete der HERR dem Diener die Augen, und er sah, und siehe, da war der Berg voll feuriger Rosse und Wagen um Elisa her.“
Auf einmal ist alles ganz ganz anders.
Drei Dinge müssen wir festhalten:

  1. Elisa und sein Diener sind da, wo Gott sie haben will.
  2. Elisa und sein Diener vertrauen auf Gott.
  3. Es wird gebetet, man rechnet mit Gott.

Zwei Wehrlose gegen eine bewaffnete Armee.
Kinder sind wehrlos. Sie müssen vertrauen, sie müssen glauben. Ein kleines Kind kommt zur Welt und lebt ganz und gar davon, daß es willkommen ist, daß es leben soll. Die Eltern versorgen es an Leib und Seele. Essen, Trinken, Wärme, Sprache, Zuwendung, Kleidung, Schutz, Trost ….. alles, aber auch alles kommt von ihnen. Das Kind kann nichts machen, als nur annehmen. Die Liebe der Eltern ist sein Leben. Die Liebe der Eltern macht das Kind stark, reich und klug.
Kinder sind wehrlos. Sie sind umgeben von einer bewaffneten Armee: Nicht nur Hunger und Kälte, sondern viele andere Mächte lauern in unserer Welt, die sich über die Kinder hermachen, um das Ebenbild Gottes in ihnen zu zerstören und auszulöschen. Mächte, die machen, daß das Kind vergißt, wer es ist. Mächte, die beweisen wollen: Kind, ohne uns bist du nichts, mit uns kannst du alles sein und alles haben und alles erleben.
Ich mußte einmal einen jungen Menschen beerdigen, der an einer Überdosis Drogen gestorben war. Die Verzweiflung der Eltern war schrecklich. Ihr Kind war durch die Sucht ihnen fremd geworden. Eine unheimliche Macht hatte es im Griff: Die Worte der Eltern erreichten es nicht mehr, und die Worte des Kindes hatten keine wirkliche Bedeutung mehr.
Mächte, Einflüsse, die an den Eltern vorbei die Kinder erreichen wollen, sind nicht von Gott. Sie sind wie eine Armee, die nur darauf wartet, die Kleinen zu überfallen, zu betrügen, zu isolieren …..
Wenn so ein Kind niemanden hat, der es liebt, und sich für sein Wohl entscheidet und einsetzt, dann … es ist nicht auszudenken.
Ich denke, daß heute die Waffen der Armee vor allem Bilder, Texte, Medien sind. Sie sind darauf, die Seelen der Kinder zu beschäftigen, zu überwältigen, zu binden und zu prägen. Bis daß sie nicht mehr wissen, wer sie sind.

„O weh, mein Herr, was sollen wir tun?“ Das kann man dann ausrufen. Für sich selbst und für die Kinder.

Heute ist der Tag des Erzengels Michael und aller Engel. Der Tag der himmlischen Heerscharen, die Gott in der unsichtbaren Welt geschaffen hat für seine Kinder.
Es ist sehr passend, daß Jesus Engel und Kinder – oder, wie es genauer heißt: „Diese Kleinen“ – vor Gott miteinander verknüpft, ja zusammenfügt.
Jesus sagt zu den Aposteln: „Seht zu, daß ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch:
Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.“
Vor unseren leiblichen Augen in der sichtbaren Welt sehen wir die Kleinen, die nicht anders können, als vertrauen, die nicht anders können, als glauben, was man ihnen sagt und zeigt, die ahnungslos und arglos alles annehmen, und wer Böses vorhat, der hat mit ihnen ein leichtes Spiel.
Sofern ein Mensch Gottes Geschöpf ist, auf Gott vertraut und Gott beim Wort nimmt, kann er sich auch wehrlos einer furchtbaren Übermacht gegenüber sehen.
Wer es mit der Wahrheit ernst nimmt, kann sich nicht ausdenken, wie furchtbar gelogen werden kann. Wie leicht kann er betrogen werden!
Wer durch den Glauben erfahren hat, daß Vertrauen sich lohnt, und daß Vertrauen lebensnotwendig ist, wie leicht kann das Vertrauen mißbraucht und zerstört werden!
In der unsichtbaren Welt sind Mächte unterwegs, die alles, was christlich ist, alles was gute Gabe Gottes ist, zerstören wollen. Und das Problem ist: Es gibt genug in uns Menschen, das darauf hereinfällt. Ein Begehren in uns macht Angebote unwiderstehlich.

„O weh, mein Herr, was sollen wir denn nun tun?“

Jesus, der Sohn Gottes, ist der HERR über alle Engel. Sie dienen ihm. Wo Jesus ist, da sind die Engel nicht weit. Im Gegenteil. Da sind sie aktiv. Wenn Jesus über die Engel spricht, dann weiß er, was er sagt.
Er öffnet uns die Augen, und zeigt uns, „und siehe, da war der Berg voll feuriger Rosse und Wagen um Elisa her.“ Und siehe: „Fürchte dich nicht, denn derer sind mehr, die bei uns sind, als derer, die bei ihnen sind!“
Das ist die Wahrheit von heute, dem Tag des Erzengels Michael und aller Engel.
Es sind mehr bei den Kindern Gottes als bei den Mächten der Finsternis.
Wir müssen das so sehen: Daß wir heute überhaupt Gott kennen, überhaupt eine Ahnung haben, was Liebe ist, überhaupt Gottes guten Gaben erkennen und für sie danken – ja auch sagen können: „Bitte, lieber Gott, gib uns unser tägliches Brot!“ – das ist das Ergebnis eines Kampfes. In der unsichtbaren Welt hat Gott Seine Engel geschickt, die die Macht der Lüge, des Hasses, des Neides, der Zerstörung, der Häßlichkeit, der Verunstaltung, des Betruges, der Verdrehung … von uns abgewendet haben. Darum gibt es überhaupt Glauben, Liebe, Hoffnung.
Jesus sagt: „Ihre Engel.“ Die Engel begleiten und schützen die Unschuld, die Wehrlosigkeit, die Naivität, die Einfalt, die Gutgläubigkeit, die Ehrlichkeit. Das sind die Kleinen – vor allem die Kinder, die es nicht besser wissen können. Aber auch die Kinder Gottes, die es nicht lassen können, zu vertrauen und zu glauben.
Wir sind mehr. Mit den Engeln Gottes sind wir mehr. Unsere Augen sagen uns nicht die ganze Wahrheit. Die Kinder Gottes werden durch das Chaos und die Dunkelheit der Betrugs und der Zerstörung hindurch begleitet. Sie öffnen Türen zum Guten. Sie schließen die Türen des Bösen. Die Engel begleiten die Gaben Gottes, daß sie Gottes Kinder zum Segen werden, und nicht zum Unheil. Engel begleiten und beschützen Gottes Wort, sie sind bei der Taufe und beim Abendmahl dabei, daß Gottes Kinder in vollständiger Ruhe im Frieden Gottes Gaben empfangen.
Jesus stellt ein Kind in die Mitte, um für alle Zeiten klar zu machen, daß das eine göttliche, unumstößliche Wahrheit ist.
Warum tut er das? Die Jünger fragen danach, wer der größte im Himmelreich ist. Wer also Jesus am nächsten ist und die meiste Macht mit ihm teilt. Macht heißt hier: Macht über andere Menschen. Sich bedienen lassen, verfügen können. Sich nichts sagen lassen müssen, aber selbst über andere bestimmen. Diesen Zustand wünscht der Mensch sich: Ich habe allen was zu sagen, aber niemand hat mir was zu sagen. Ich muß mich um niemanden kümmern, alle müssen sich um mich kümmern.
Davon will man mehr haben, von dieser Macht.
Um ein Kind muß man sich kümmern. Für ein Kind muß man da sein. Jesus sagt, wer ein Kind aufnimmt in seinem Namen, der nimmt ihn selbst auf.
Im Reich Gottes bekommt der Mensch nicht mehr Macht über andere Menschen. Das ist nicht die Richtung, die Jesus vorgibt.
Zum Reich Gottes gehört es, daß die Kleinen einen festen Platz bekommen. Die, die so leicht übersehen werden, die von denen man meint, man könne auf sie verzichten, oder wo man denkt, die bringen mehr Mühe als Fortschritt. Die, die Gott einfach beim Wort nehmen. Die Angefochtenen.
Im weltlichen Bereich sind sie ein Minus.
Im Reich Gottes halten sie uns vor Augen, wie wir alle vor Gott aussehen. Vor Gott sind wir Kinder, Empfangende, Abhängige, Schutzbedürftige, Blinde, Gelähmte, Taube …. So sind wir auch vor Gott: Wir sehen seine Gaben nicht, wir erkennen nicht die Gefahren, die uns umgeben. Darum ist Gott ununterbrochen dabei, Engel zu uns zu senden. Was wir an anderen merken, was uns an ihnen zu schaffen macht, damit hat Gott erst recht bei uns Mühe.
Wo Jesus ist, da sind auch Engel. Wo wir Jesus nachfolgen, haben wir unsichtbare Begleiter um uns.
Es gibt aber auch die Kehrseite. Das furchtbare Wort vom Mühlstein: „Wer jemand von diesen Kleinen, die an mich glauben, verführt, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gebunden würde, und ins Meer geworfen würde, wo es am tiefsten ist.“ – Wer seine Überlegenheit dazu mißbraucht, den Glauben, das Vertrauen der Kleinen zu zerstören, der zeigt damit, daß er keine Gnade sucht oder braucht. Für solch einen Menschen ist Kindsein ein Nachteil, ein Fluch. Er will nicht Kind Gottes sein.
Möge ein Engel unterwegs sein, der uns davor bewahrt!

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Beitragsbild: Der Erzengel Michael (1518; Louvre)

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