Lätare

Von | März 16, 2026

Das Lamm, das erwürget ist,
ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum
und Weisheit und Stärke
und Ehre und Preis und Lob.
Gnade sei mit euch und Friede,
von Gott, unserem Vater, 
und dem HERRN, Jesus Christus. Amen.

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 
11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust. 
12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen. 
13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 
14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.
Text: Jesaja 66, 10-14

Gebet: O Du lieber HERR und Gott, sprich unsere Seelen und Herzen an, wo kein Mensch sie erreichen kann, damit wir auf jeden Fall vor Dir leben, auch wenn es vor der Welt anders aussieht. Amen. 

Liebe Gemeinde!

Wenn Gott Sein Wort gibt, dann gibt Er sich selbst. 

Es sind alles Worte, die wir Menschen auch sprechen, aber weil Gott sie spricht, sind sie größer als alles. 

Ihr könnt die Worte aus Jesaja eins nach dem andern lesen. Da ist kein Fachchinesisch, was die Menschheit einteilt in Wissende und Unwissende, kein Allerweltsenglisch, was jeder nachspricht und keiner versteht, kein Juristendeutsch, vor dem man verzweifelt. 

Alles eine einfache, schlichte Sprache. Denn Gott will verstanden werden, das ist Gottes größte Freude; wenn du Gott verstehst, tut er alles für dich, da gibt es kein Halten, bis Gottes Freude auch deine Freude ist. Ohne Ende.

„Freuet euch mit Jerusalem!“

Von diesen Worten hat unser Sonntag im Kirchenjahr seinen Namen: „Lätare“ – Lateinisch für „sich freuen“. Der inzwischen verstorbene Bischof unserer Kirche, Jobst Schöne, hätte sich heute gefreut. Warum? In unserem neuen Gesangbuch steht: „Freuet euch MIT JERUSALEM“ – im alten hieß es: „Freuet euch mit dem Volke Gottes“. Damit sind wir viel näher am originalen Wortlaut. Wer vor Gott lebt, hat einen Namen. Der Name steht für das an dir, was für Gott unersetzlich ist, der Name steht für deine Einmaligkeit. Jesus sagt einmal zu Seinen Jüngern: Freut euch, daß eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind.“ (Lukas 10,20). Dann bist du auf Gottes Checkliste. Du darfst nicht fehlen!

Der Name „Jerusalem“ ist ein überaus wichtiger Name. Das sieht man schon daran, daß am Ende, wenn alles vorbei ist auf der Erde, der Name „Jerusalem“ noch riesige Bedeutung hat. In der Offenbarung des Johannes, wo Jesus Seiner Kirche die Zukunft zeigt, die jetzt schon feststeht, und mit der Zeit nur deutlicher und klarer werden kann, hören wir: Und“ ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!“ (Offenbarung 21, 2-3). Wer in Gottes Jerusalem ist, zieht nie wieder um, auch dann nicht, wenn er stirbt; wer in Gottes Jerusalem ist, der ist in Gottes Zukunft angekommen. Er kann seine Seele mitbringen; sie wird in Sicherheit sein. So sagt es uns der Hebräerbrief im Neuen Testament: „Ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu den vielen tausend Engeln und zu der Versammlung und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind, und zu Gott …“ (Hebräer 12, 22-23). Denn das ist die Frage, die dringend beantwortet werden muß: Wo ist Jerusalem? Wie komme ich hinein? 

Wie alle wichtigen Fragen, so ist auch diese Frage heiß umkämpft, sehr heiß. Gerade jetzt, in den heftigen Kämpfen im Iran und dem Staat Israel, fällt auch der Name „Jerusalem“. Wer bestimmt über diese Stadt dort im Nahen Osten? 

Die Stadt war aber immer schon umkämpft, gerade weil sie für den Weg Gottes mit uns Menschen so hohe Bedeutung hat. 

Der Prophet Jesaja fordert auf, sich mit Jerusalem zu freuen, weil Jerusalem traurig ist. Sie ist traurig, weil sie nicht sich selbst ist. Und wenn man nicht sich selbst ist, nicht „bei sich“, wie man heute sagt, dann ist man traurig, und wenn man nie zu sich kommt, dann ist das kein Leben.

In Psalm 122 wird gesagt: „Jerusalem ist gebaut als eine Stadt, da man zusammenkommen soll.“ Zusammen vor Gott sein. Gemeinsam auf seinen Schöpfer hören. Jerusalem ist eine Zuflucht für die „Verjagten in Israel“ (Psalm 147, 2). Ein Zuhause für den Glauben an Gott. Eine Heimat für alle, die Gott „über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“ Zu diesem Zuhause gehörte unbedingt der Tempel, wo Gott die Opfer annahm, die in demselben Glauben dargebracht wurden. Der Tempel war der Ort, wo alle, die über sich selbst erschrocken sind, Gott anvertrauen. 

Und woher nun die Trauer? Jerusalem wurde von Menschen in Besitz genommen. Das müssen die Propheten, auch Jesaja immer wieder beklagen. Religion wird zu einer Veranstaltung von Menschen. Religion wird zu einer Geschäftsidee. Religion wird zu einer Methode, Menschen an sich zu binden. 

Bevor Jesaja von der Freude mit Jerusalem predigt, muß er beklagen, daß in Jerusalem alles geschieht, nur keine Begegnung mit dem Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Die Opfer geschehen ohne Buße, ohne Sehnsucht nach Vergebung. Man erzittert nicht vor dem Wort Gottes. Die ganze Religion wird zu einem Handel zwischen Menschen. 

Aber die Seele braucht Gott. Gott allein und Gott ganz. 

Wenn eine Seele hingeht, um Gott zu begegnen, und sie muß merken: Menschen wollen etwas von mir; sie wollen meine Geld; sie wollen meine Bewunderung; sie wollen, daß ich mit ihnen heuchele. Liebe Gemeinde, alles im Hause Gottes kann umgedreht werden, damit es Menschen dazu zwingt, andere Menschen zu bestätigen. Man kann alles tun, ohne Gott, ohne Glauben. Lesen, Singen, Worte machen, Niederknien oder nicht, alles, was zum Gottesdienst gehört. Das ist leider möglich. 

Für alle, die Gott suchen, ist es nur schrecklich. Für alle, die vor Gottes Wort erzittern, ist es enttäuschend. Für alle, die Gnade und Vergebung suchen, geht es ins Leere. Viel Betrieb, aber kein Gott.  Wenn alles volltapeziert ist mit Menschengefälligkeit, mit dem Eifer, es mit Menschen nicht zu verderben, dann muß die Seele, die Gott braucht, verelenden.  – Oder mitmachen. Was nicht gutgehen wird. 

Darum ist das wahre Jerusalem traurig. Doch diese Traurigkeit wird ein Ende haben. 

Und da kommt unser Predigttext dann herein:

„Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.  Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust.“

Ich sagte ja eingangs: Gott spricht mit einfachen Worten, die jeder Mensch verstehen kann. Alle, die davon müde und mutlos und am Ende sind über Jerusalem, die sollen sich freuen. Aber nicht mit künstlicher, aufgesetzter Freude, sondern mit der Freude eines Säuglings, der schmatzend an der Mutterbrust saugt und trinkt und trinkt und schlürft. Da ist alles nur noch Zufriedenheit. Man sagt ja: Ein Kind wird GESTILLT. Die Stille nach dem Weinen ist nicht eine verordnete Stille, wie „Mundhalten“, sondern eine glückliche Stille, weil der leibhaftige Trost da ist. Wenn Mutterbrust und Säuglingsmund zueinander finden, dann ist das der süßeste und tiefste Friede überhaupt. Zwischen dem Geben der Mutter und dem Nehmen des Kindes kommt nichts. Und alles, was gegeben und genommen wird, ist gut, so gut, so ganz gut. Liebe und Nahrung sind vereinigt. Das Kind kann gar nicht wo anders sein wollen, als da, wo es ist: Die Mutter trägt es mit Arm und Schoß und das Kind schwebt in warmer Bejahung, und das ist seine ganze Welt, und das ist auch genug. 

Liebe Gemeinde, der heilige, lebendige, allmächtige Gott ist sich nicht zu schade, so zu sprechen. An einer anderen Stelle in Jesaja spricht Gott so: „Kann eine Frau ihr Kind, das sie unter ihrem Herzen getragen, mit ihrem Kreislauf ernährt hat und mit Einsatz ihres Leibes und Lebens zur Welt gebracht hat, etwa vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?“ – Klare Antwort, muß nicht extra gesagt werden: NEIN! – Weiter bei Jesaja: „Und wenn das Unerklärliche doch passieren sollte, daß sie ihr Kind vergißt – so will ich, Gott, doch dich, Zion/Jerusalem, nicht vergessen.“ (Jesaja 49, 15). 

Die Seelen, die Gott suchen, die Gnade suchen, die mit sich selbst am Ende sind, diese Menschen sind gemeint.

So sagt Gott selbst es: „Meine Hand hat alles gemacht … Ich sehe aber auf den Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und der erzittert vor meinem Wort.“ (Jesaja 66, 2). Jerusalem ist das, was entsteht, wenn Menschen Gott beim Wort nehmen, ja, die erkennen, daß Gott selbst in Seinem Wort da ist. 

Erzittern vor Gottes Wort, das paßt nicht, wenn Religion zu einer Veranstaltung zwischen Menschen wird, die einander einen Gefallen tun. 

Doch Gott sagt hier: Alle, die mich suchen, werden nicht nur hören, sondern im Hören saugen, wie ein Säugling an der Brust. 

Jerusalem ist traurig, wenn Gott nicht beim Wort genommen wird, aber die Freude ist, wenn Gott zu ihm so spricht, daß es im Hören saugen und schlürfen kann, und Leben kehrt in die Seele ein.  

Der Prophet gebraucht natürliche Sprache, um übernatürliche Dinge zu sagen. Wenn ich von diesen „Brüsten des Trostes“ höre, und von dem „Reichtum der Mutterbrust“, vom „Saugen und satt Trinken“ dann muß ich an Nikodemus denken. Er war ein alter, erfahrener Mann, der es in Theologie und öffentlichem Leben sehr weit gebracht hatte. Mit ihm spricht Jesus über die neue Geburt, die notwendig ist, und da sagt Nikodemus ganz demütig: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen, und geboren werden?“ (Johannes 3, 4). Das können wir hier am Sonntag Lätare auch fragen, wenn Jesaja so mit Jerusalem spricht. 

Ich fasse mich kurz, und mache jetzt keine langen theologischen Umwege.

Jesaja spricht von der Zukunft Gottes, die im Neuen Testament. Er kündigt die Freude des Evangeliums an, die mit Jesus kommt, mit der Menschwerdung Gottes. Der Heilige Geist hat gute fünf bis sechs hundert Jahre vor Christus dieses Gerücht in die Welt gesetzt: Gottes Freude wird bei Jerusalem ankommen, und die Kinder Gottes werden getröstet, gestillt werden mit göttlichem Trost, mit Trost der stärker ist als alles: Nicht nur als der Durst und der Hunger; sondern auch stärker als alle Einsamkeit, alle Besessenheit und Unfreiheit; ein Trost gegen jeden Zweifel; ein Trost stark gegen die Anklage des Gesetzes, das sagt: Deine Fehler werden dich umbringen, und für dich gibt es keinen Segen mehr! Diese Anklagen, vor denen wir erzittern, weil Gott die Wahrheit weiß und in den Geboten auch ausspricht. Diese Anklage, vor der es keine Ruhe gibt, die zu einem Fluch zu werden droht, überwindet Jesus mit seinem Trost der Gnade und der Vergebung. Der Eine Trost, den der Mensch braucht, denn es ist auch der Trost gegen den Tod. 

Jesaja beschreibt das Neue Testament, er beschreibt, was im neuen Jerusalem passiert. Dort ist Kirche. Dort wird Gesetz und Evangelium gepredigt. Dort wird das Sakrament des Leibes und Blutes Jesu Christi mit Ehrfurcht und Freude gefeiert. Dort entsteht Glaube, und Gemeinschaft des Glaubens. Geschwister, Brüder und Schwestern „tragen einer des andern Last, und erfüllen das Gesetz Christi“ (Galater 6, 2). Es gibt Geduld für einander, Freude aneinander, Liebe, die Gottes Gaben teilt. 

Das sind Realitäten – und zugleich läuft das im Hintergrund, in der Unsichtbaren Welt, was Jesaja beschreibt: Die Seele saugt und nimmt auf, sie wird getröstet, sie wird getragen. Ja, ein Teil dieses überschwänglichen Trostes ist, daß du und ich auch ein wenig mittragen können und dürfen, obwohl jeder weiß: So wahnsinnig stark bin ich auch nicht!  – Und doch kommt Gottes Freude bei seinen Kindern an. 

Im Neuen Testament, in der Kirche, dem Neuen Jerusalem, ist Gottes Mütterlichkeit da für dich. Ist Gott deshalb irgendwie auch Mutter? Das sei ferne! Je klarer Gott als der Vater sich offenbart und erkannt wird, um so mütterlicher kann seine Kirche sein! Um so männlicher Gottes Wort gesprochen wird, um so weiblicher wird es gehört und die Freude kommt an. 

Gott selbst sagt das in Jesaja direkt vor unserem Predigttext: „Sollte ich, Gott, der gebären läßt, den Schoß verschließen?“ (Jesaja 66,9). In der Sprache des Alten Testaments haben die Worte: „Mutterleib“ und „Barmherzigkeit“, „Gnade“ dieselbe Wurzel, eins erinnert an das andere. Die Geborgenheit und völlige Versorgung des werdenden Menschen im Mutterleib – diese Erfahrung, die wir alle in uns tragen, auch wenn wir uns nicht mehr bewußt daran erinnern können – diese ganz tiefe Erfahrung ist der Maßstab, den Gott selbst sich setzt: So soll es deiner Seele gehen! Die Sehnsucht danach ist im Reich Gottes unbedingt erlaubt! Wie schnell tun wir in dieser gnadenlosen Welt diese Sehnsucht ab, und lassen sie nicht zu. Nein. Gottes Wort sagt dir ganz klar: Diese Sehnsucht ist erlaubt, und Gott wird sie erfüllen. 

Dafür ist Jesus gekommen, dafür hat er gehandelt, dafür hat er gepredigt, dafür ist er nach Jerusalem gekommen, dafür hat der den ganzen Fluch und alle Mißverständnisse und alle Wut und alle Verzweiflung auf sich genommen und gelitten, er ganz allein! Dafür, daß diese Urerinnerung, daß es ultimative Geborgenheit gibt – daß diese Erinnerung ihr göttliches Recht hat. Jesus kannte sie ja. Er war als wahrer Gott und wahrer Mensch selbst im Leib seiner Mutter Maria. Darum ist diese Erfahrung jetzt gesichert göttlich, und bei Gott unvergessen. 

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in dem Trost, den Christus Jesus gebracht hat. Amen.


Beitragsbild: „Jerusalem“, Konstantin Gorbatov (1935)