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Predigt

Kirchweihgedenken

Wie lieb sind mir deine Wohnungen, HERR Zebaoth!

Gnade sie mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus. Amen.

Wie lieb sind mir deine Wohnungen, HERR Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN;
mein Leib und Seele freuen sich
in dem lebendigen Gott.
Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen –
deine Altäre, HERR Zebaoth,
mein König und mein Gott.

Lutherbibel 1984, Psalm 84.2-4

Herr, segne Dein Wort an uns, laß es Frucht bringen, die bleibt. Amen.

Liebe Gemeinde!
Die ersten Gottesdienste unserer Gemeinde wurden in Privathäusern gefeiert. In Speichern, in Kellern, in Wohnungen. Gottesdienstzeiten waren unterschiedlich. Oft nachts – auch nicht immer sonntags. Im Mai 1835 hatten etwa 150 Lutheraner die Gemeinde gegründet. Sie wurde vom damaligen preußischen Staat nicht toleriert. Deshalb wurden die Gottesdienste heimlich, im Untergrund gefeiert.
Also Friedrich Lasius die Gemeinde 1838 übernahm, zählte die Gemeinde bereits 200 Seelen. Nicht nur war der Ort des Gottesdienstes unsicher, oder auch die Uhrzeit oder der Wochentag – nein, auch mußte man damit rechnen, daß der Pastor nicht Dienst tun konnte, weil er verhaftet worden war, wegen „unrechtmäßiger Ausübung von Amtshandlungen“. Wer sich auf der Grundlage unseres lutherischen Bekenntnisses versammeln wollte, und Gottesdienst feiern, hatte den Staat gegen sich. Das ändert sich 1840. Nun kann man sich öffentlich versammeln. Die Zeiten und Orte können sich normalisieren. Unsere Gemeinde war bis 1851 in verschiedenen Kirchen zu Gast. Man mußte sich anpassen, die Zeit war genau bemessen, die Uhrzeiten änderten sich. Dann kam Erleichterung, als ab 1851 die Garnisonskirche – in der Nähe des Hackeschen Marktes – uns geöffnet wurde. Sie steht heute nicht mehr. Nach vielem Hin und Her konnte man dieses Grundstück kaufen. Im November 1855 wurde der Grundstein gelegt, und am 11. Oktober 1857 wurde die Kirche geweiht. 2000 Platzkarten waren vergeben worden. Bei etwa 1200 Sitzplätzen gab es also 800 Stehplätze.
Liebe Gemeinde – es hätte sich so weiter gehen können, wie vorher. Im Keller, in der Nacht, unter der Woche, heimlich verabredet. Es waren vollgültige Gottesdienste. Das Wort Gottes wurde ausgelegt und kam an, schuf Glauben. Menschen bekannten ihre Sünden und empfingen Gottes Vergebung, das Sakrament des Leibes und Blutes unseres Herrn wurde gefeiert. Er selbst, der HERR, war ganz da bei seiner Gemeinde. Das ließ sich nicht steigern. Das läßt sich nicht steigern.
Und doch waren die Sehnsucht und der Drang da nach einem eigenen Gotteshaus, einem eigenen Altar, nach einer eigenen Kanzel, einer eigenen Orgel. Nach einer klaren eigenen Adresse. Hier kann man frei und selbstbestimmt die Zeiten festlegen für die Versammlungen. Der Drang und die Sehnsucht nach einer geistlichen Heimat. Hier bestimmt das Lutherische Bekenntnis was geschieht. Alles ist so gestaltet, daß zum Beispiel das Abendmahl nach unserer Ordnung gefeiert werden kann.
Es soll ein Ort ein, wo man ganz und gar bei der Sache sein kann, um die es geht: Es soll ein Ort sein, wo ein Mensch – Leib und Seele – Gott so begegnet, wie Gott begegnet werden will. Es muß das Sakrament ganz und gar der Mittelpunkt sein, es muß das Hören des Wortes Gottes in leiblicher Rede ganz und gar möglich sein, und das gemeinsame Gebet, das gemeinsame Lied muß möglich sein. Gott will das so. Und wir Menschen sind so geschaffen. Es ist besser, wenn wir eine stabile Gottesdienstzeit haben, es ist besser, wenn wir einen eindeutigen Ort haben, es ist besser, wenn einen geschützten Raum haben, wo wir ohne Angst, ohne Ablenkung uns ganz auf die Begegnung mit Gott konzentrieren können. – Das alles macht den Gottesdienst nicht mehr gültig. Unsere Vorfahren, die im Keller bei Nacht das Evangelium gehört haben, haben das ganze Evangelium gehört. Doch die Liebe und Sehnsucht zu einem Haus ist dabei. Und so müssen wir das heute auch sehen: Dieses Haus ist eine Gebetserhörung. Dieses Haus ist ein Sehnsuchtsort, eine Adresse der Erfüllung.
Unser Psalm 84 hat dafür richtige und wunderbare Worte.
Wenn wir unsere Kirche mit den richtigen Augen sehen wollen, dann müssen wir sehen als eine Gebetserhörung dieses Gebets.
Überhaupt ist das Neue Testament die Erhörung aller Psalmen.
„Wie lieb sind mir deine Wohnungen Herr Zebaoth“ – So spricht der Glaube. Wie wunderbar ist es, daß Gott, der allmächtige, der allgegenwärtige, der Himmel und Erde gemacht hat – daß er sich so einschränkt, daß wir ihm begegnen können. Gott ist überall, aber wir können ihn nicht finden, Gott ist allwissend, aber wir können wir wissen, was er will, oder was er mit uns vorhat? Im Alten Testament war es der Tempel. Man konnte zu ihm hingehen – hin zu Gott, und die Welt hinter sich lassen. Ein Ort der Herrlichkeit, ein Ort der intensivsten Kommunikation: Predigt, Segen, Gebet, Trost, Ermahnung, Ruf, Klage, Dank. Die Seele braucht das. Und wenn die Seele das bekommt, was sie braucht, dann freut sich der Leib.
Darum ist das Haus Gottes ein Ort der Sehnsucht: „Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.“ Der Ort, wo ich mit Gott verabredet bin, wo Gott sich mit mir verabredet hat – diesen schließe ich ins Herz. Wenn ich da bin, freue ich mich, und wenn ich nicht dort bin, dann habe ich Sehnsucht nach dem Ort. Ich wäre am liebsten da. Ich will die Worte meines HERRN hören, der auch der Herr über Leben und Tod ist. Ich will die Worte der göttlichen Liebe hören und in meine Seele aufnehmen. Und mein Leib soll dabei sein. Es sind scheinbar weltliche Klänge und Worte, aber Gott ist dadrin, er hat sich festgelegt, daß er so zu seinem Volk kommen will.
„Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott.“ Der Vogel ist ein Bild für die Seele. Die Seele braucht einen Raum, in dem sie geschützt und geborgen ist. Unsere Seelen sind abgelenkt, beunruhigt. Wir sehen und hören vieles. Es soll und aufregen, es soll gefangennehmen, es soll uns beeinflussen. Angebote, Nachrichten, Geschichten, Verführung zum Bösen. Entsetzen über Böses. Unsicherheit. Ständig wird die Seele beansprucht. Sie braucht ein Haus, wo sich bei sich ist. Wo sie sich nicht abschotten muß, sondern sich ganz ruhig öffnen. Das Wort Gottes gibt uns das alles. Gottes Ruf heraus aus aller Unruhe und allem Schein. Sein Wort der Vergebung ist ein Schutz für unsere Seele. Eine Geborgenheit. – Eine Schwalbe finden ihr Nest immer wieder – auch, wenn sie auf einem anderen Kontinent war. Da ist es eine große Hilfe, wenn der Ort stabil ist. – Gerade auch Menschen, die ihren Glauben vernachlässigt haben, und über eine Zeit nicht in den Gottesdienst gekommen sind, wissen, wo sie wieder nach Hause kommen können.
„Ein Nest für ihre Jungen.“ – Junge Küken brauchen ein Nest, in dem sie geschützt sind. Im Nest können sie Kraft aufbauen und sich aufs das Leben vorbereiten. Im Haus Gottes können wir in einem geschützten Raum Schritte des Glaubens machen. Wir sammeln Erfahrung damit, Gott zu bekennen. Wir helfen einander, Gott zu Danken und Ihn zu bitten. Wir lernen Schritt für Schritt, einander in Liebe auf Grundlage des Glaubens zu hören und anzusprechen. Der neue Mensch, der in der Taufe geboren ist, kann sehr leicht von der Welt ohne Gott betrogen werden. In einem Augenblick ist das Vertrauen in Gottes Liebe oder in sein Wort weggewischt. Hier ist das Nest, in dem der Anfang in Glaube, Liebe und Hoffnung gemacht werden kann.
„Deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott.“ – Altäre: Das sind Orte, wo geopfert wird. Opfer zeigen, daß etwas verbindlich ist, man gibt alles dafür. Auf unserem Altar wird nur noch Dank und Gebet geopfert. Wir danken und beten, weil Jesus, der Sohn Gottes, alles gegeben hat, und die größte Verbindlichkeit hergestellt hat: Gott meint, was er sagt, und er meint Dich. Für diese Liebe danken wir, opfern wir, antworten darauf: Opfern unsere Zeit, und unsere Aufmerksamkeit, unsere Freude, aber auch unser Leid. Ja, wir lassen auch unsere Begierden, unseren Groll, unsere Unzufriedenheit, unsere Ungeduld, unsere Verachtung, alles das lassen wir hinter uns, opfern unseren Egoismus. Das ist nur möglich, wo wir Gott begegnen, und er uns vergibt und annimmt im Namen Jesu.

An einem Tag wie heute ist es gut, ein bißchen über die eigene Zeit hinauszuschauen. In der Zeit des Alten Testaments wurde der Psalm gebetet mit großer Freude und Sehnsucht nach dem Tempel in Jerusalem. Gleichzeitig war der Psalm ein Lied der Hoffnung auf den kommenden Messias, der als Sohn Gottes kommen sollte, und dieses Gebet 100 %ig erhören würde. Gott als Mensch hört die Gebete, und nimmt sie an, und schenkt alles, was darin vorkommt. – Dasselbe Lied, kein anderes beten wir Christen heute, und haben unseren Herr Jesus Christus vor Augen, und erkennen, daß er jedes Wort in diesem Psalm ans Ziel bringt. – Und wir merken, wie unsere Vorfahren 20 Jahre lang Sehnsucht danach hatten, ein geistliches Zuhause, eine Adresse Gottes zu haben. Wie sie dann Hand angelegt haben, gespendet haben, Spenden gesammelt haben – und wir sitzen in dem Ergebnis dieser großen Sehnsucht, im Nest Gottes.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.