Erntedankfest

Von | November 29, 2025
Die Kornernte, Pieter Bruegel der Ältere

5.10.2025
Pfarrer Johann Hillermann

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,
10 sondern den Hungrigen dein Herz finden läßt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, daß man da wohnen könne«.

Text: Jesaja 58, 7-12

Gebet: Lieber Gott, täglich ist Deine Güte neu über uns, hilf bitte auch zu einem rechten herzlichen Dank gegen Dich und brennender Liebe unter uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Bevor ich euch diese Worte vom Propheten Jesaja auslege, möchte ich erst einmal meinen Erntedankfest-Frust loswerden.

Das Erntedankfest frustriert mich ganz und gar nicht, im Gegenteil: Ich liebe das Erntedankfest! Es ist heilsam, die Augen für Gottes Güte zu öffnen. Gottes Gaben sind gut für die Seele. Wer dankt, empfängt doppelt. Mit Dank die Sorgen überwinden und hinter sich lassen.

Die Freude an Gottes Gaben, mit denen er unseren Leib am Leben erhält, diese Freude kann überhaupt gar nicht frustrierend sein! Kinder Gottes haben die heilige und feierliche Pflicht, niemals aus dem Staunen herauszukommen über Gottes Weisheit, die aus toter Materie Leben schafft, und daß zu Leben Früchte gehören, die an Bäumen und in der Erde wachsen, und die gut sind für dich und mich. Nicht nur für den Bauch, sondern auch für die Seele, denn sie sind oft schön anzusehen, und einfach lecker.
Und das Beste daran ist ja: Kinder Gottes dürfen sich dieser Freude hingeben. Gott will das so! Und: Kinder Gottes wissen, wohin mit ihrem Dank! Genießen ohne Dank – wie kann das überhaupt ein Genuß sein? Wir kennen den Ursprung der Gaben und können und sollen ihm, Gott Vater, dem Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erden Danken.

Das, also, liebe Gemeinde, frustriert mich überhaupt nicht. Danken vertreibt Frustration, und zwar gründlich!

Aber was ist denn mein Erntedank –Frust?

Daß eben das Danken nicht fest im Mittelpunkt steht, sondern etwas anderes: Es sind die vorgeschriebenen Lesungen und Texte. Dort erschallt eine strenge Mahnung: „Gib ab! Teile! Brich dem Hungrigen dein Brot!“ Man hat kaum einen Bissen in den Mund genommen und schon hört es sich so an, als hätte man genau den Bissen eigentlich nicht zu sich nehmen sollen, sondern ihn abgeben. Als ob man Gottes Gaben nur mit schlechtem Gewissen annehmen kann! Aber was sollen dann die tun, die bekommen, was ich abgebe? Dankend ablehnen? Als ob Gott Seine Gaben nur anderen zugedacht hätte, aber nicht dir!

Dabei ist Gottes Wort voll von Dank! Und Dank kommt ja von dir und mir, weil Gottes Gaben bei mir und dir ANGEKOMMEN sind! Das ist nicht Egoismus, sondern Theoismus. Gott gibt Seine Gaben, damit sie ankommen, und Gottes Ziel bin auch ich, und nicht nur alle anderen.

Denn es heißt: „Brich dem Hungrigen DEIN Brot.“ Damit es DEIN Brot ist, muß es von Gott so bei dir angekommen sein, daß du sagen kannst: Das ist meins. Und andere mit oder ohne Neid sagen müssen: Das ist Brot ist seins. Wenn dieser Schritt übersprungen wird, dann ist alles, was danach kommt, schief und unwahr. Das ist mein Erntedank-Frust.

Aber wie sind die Worte: „Brich dem Hungrigen dein Brot“ denn wahr? Denn sie sind ja wahr! Das Gebot, daß wir unseren Nächsten lieben sollen, wie uns selbst, bleibt wahr, und wird immer Recht behalten.
Der Prophet Jesaja hat, wie jeder Prophet – sonst wäre er nicht Prophet – von Gott den Beruf, das Volk Gottes zu Gott zu rufen, vor Gott zu stellen, so zu predigen, daß jeder Hörer allein und ganz vor Gott steht, so daß der Hörer nichts Hört und sieht, als Gott, daß dem Hörer sozusagen Hören und Sehen vergeht für alles andere, außer für Gott und seinen Willen. „Du sollst Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“ Das ist nie selbstverständlich, und immer notwendig, immer Gott zuerst.

Das andere folgt aus diesem Ersten – und – das ist ganz wichtig: das andere ist ohne das Erste überhaupt gar nicht da: „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“ Dieses zweite Hauptgebot, daß wir unseren Nächsten lieben sollen, ist „dem Ersten gleich“, sagt Jesus. Das bedeutet: Wo Gott nicht über alle Dinge gefürchtet, geliebt und vertraut wird, da kann über die Liebe zum Nächsten überhaupt nicht gesprochen werden. Wer vor Gott gestellt wird, wer hört: Liebe Gott über alles!, der weiß erstmal nichts mehr, und muß sich von Gott alles ganz neu und von Anfang zeigen lassen. Du denkst, du weißt, was Liebe, was Nächstenliebe ist: Gott IST Liebe. (1. Johannes 4, 16). Das ist der Maßstab. Jesus sagt an einer Stelle: Seid, wie Gott: Er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute, er läßt regnen auf Gerechte und Ungerechte – ohne Unterschied, ohne Ansehen der Person. So ist euer Vater im Himmel! Seid Kinder eures Vaters im Himmel! (Matthäus 5, 45).

Gott kennen, dem Ersten Gebot gehorchen – das ist essentiell und – wie sagt man? – unabdingbar. Nur, wenn Gott über alle Dinge geliebt wird, kann über das Andere Gebot gesprochen werden.
So spricht der Prophet auch mit seinen Hörern, dem Volk Gottes.

Fangen wir mit dem scheinbar Leichten, mit dem scheinbar Einfachen an.

Jesaja zeigt, wie Nächstenliebe aussieht, und jeder von uns wird das sofort einsehen, ja, man wird versucht sein, zu sagen: Das ist alles auch ohne Gott wahr und verständlich, ja, das kann auch ohne Gott und ohne Glauben getan werden.

Hören den Propheten:
„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“
Weiter:
„Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden läßt und den Elenden sättigst“

So sieht Nächstenliebe wirklich aus: Teile dein Essen mit denen, die Hungern.
Wer kein Dach über dem Kopf hat, kein Zuhause hat, dem mache Platz.
Wer nichts zum Anziehen hat, für den muß dringend gesorgt werden!
Distanziere dich nicht von deinen Leuten!
Nicht mit dem Finger zeigen, bloßstellen, schlechtreden!

Auch niemanden unterjochen, also seine Unterlegenheit ausnutzen, so daß er abhängig und unfrei wird.
Ist es nicht treffend gesagt: „Wenn du den Hungrigen dein Herz finden läßt …“ Ein Herz haben. Denn ohne Herz ist es keine Liebe.

Aber wenn ein Herz da ist, wenn Liebe da ist, dann sieht sie ja so aus. Die Not des anderen Menschen wird zu meiner Not. So daß ich von Herzen alles tue, die Not zu lindern, als wäre es meine eigene. Die Liebe wird satt, wenn sie einen Hungernden speist. Ihr wird warm, wenn sie einen Nackten kleidet. Die Liebe atmet auf, wenn jemand ohne Zuhause ankommt. Sie findet gute Worte für ihren Mitmenschen, und glaubt, daß er aus guten Gründen tut, was er tut, ohne Verdacht, ohne Argwohn.

Mit jeder dieser Taten überwindet ein Mensch den Egoismus. Und jeder wünscht es sich, daß ihm so getan wird. Das muß nicht groß erklärt werden. Möge es in der Welt nur immer mehr so sein!
Doch diese Ermahnungen sind eben nicht der ganze Text. Das ist längst nicht alles, was Jesaja im Namen Gottes zu sagen hat! Ebenso würde das Gebot: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“ in der Luft hängen, und am Ende kein Gebot mehr sein. Jedes Gebot über den Nächsten gründet ganz und gar im Ersten Gebot: „Ich bin der HERR, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir!“ Sobald dieses erste Gebot nicht mehr das Erste von allen anderen ist, ändert sich alles, und zwar nicht zum Guten.

Hören wir, wie Gottes Wort das andere Gebot („Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“) in das Erste Gebot einbettet:

„Dein Licht“ hören wir gleich zweimal. „Dein Licht wird hervorbrechen, wie die Morgenröte“ und: „Dein Licht wird in der Finsternis aufgehen, dein Dunkel wird hell sein, wie der Mittag.“
Wer unter dem Ersten Gebot steht, der wird sich niemals selbst für das Licht halten. Sein Licht ist Gott- Gott wird also bei der Nächstenliebe aufleuchten, und keinesfalls der eigene Schein.
Wir hören von Gerechtigkeit:

„Deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen.“ Wer unter dem Ersten Gebot steht, der hat spricht nicht von seiner eigenen Gerechtigkeit, sondern „Der HERR ist meine Gerechtigkeit.“ (Jeremia 23, 5-6). „Deine Gerechtigkeit“ – damit ist hier nicht gemeint: Dein guter Ruf, der dir vorauseilt, weil du gute Dinge tust, und um den alle dich bewundern oder beneiden, sondern: Dein fester Platz bei Gott als Gottes Kind – der steht fest. Diese Gerechtigkeit steht schon fest, bevor du in eine Situation gehst. Dein Status bei Gott ist schon im vorhinein fest. So kann nur gesprochen werden, wenn das Erste Gebot zuerst wahr ist.

„Und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.“ Gottes Herrlichkeit ist, wenn Er als Gott erfahren wird: Der Allmächtige, der Heilige, der Gnädige, der Wahrhaftige. Wenn du unter Gottes Gnade, im Vertrauen auf Ihn dein Leben lebst, und deinem Nächsten begegnest, dann wird Gott selbst dafür sorgen, daß die Liebe, die du tust, so ankommt, wie es Ihm, also Gott gefällt. Dazu gehört, daß dein Nächster Gott dafür dankt, und selbst inspiriert wird, Gott zu vertrauen. Das ist Gottes Herrlichkeit, die am Ende hervorleuchtet.

„Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird Gott sagen: Hier bin ich.“ – Das ist Gebetserhörung. Gott sagt: Wenn du mit mir gemeinsam die Not deines Nächsten zu Herzen nimmst, dann wird das Beten realistischer werden. Fürbitte. Aber die eigene Not vor Gott bringen – ohne Egoismus, sondern mit Vertrauen. Das ist nur sinnvoll, wenn das Erste Gebot da ist: Du sollst Gott zuerst lieben. Dann ist das Gespräch mit Gott auch das erste, was in jeder Situation passiert und passieren muß. Dann wirst du erfahren, daß Gott in jeder Situation schon da ist, da für dich.

Das Erste Gebot macht, daß da, wo du bist, auch Hoffnung ist. Denn Gott begleitet dich. Das ist besser, als wie wenn jemand da ist, der keine Hoffnung hat, und zynisch ist. Ein Kind Gottes ist dankbar – das ist besser, als wie wenn jemand da ist, der nichts als unzufrieden ist, und in allem nur den Mangel sieht. Wir sind unter allen Umständen mit der Quelle des Lebens verbunden. So sagt Jesaja: „Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“ Bin ich jetzt die Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt? Nein. Aber ich kenne sie und habe sie und glaube an sie. Dieser Glaube macht, daß ich mit Hoffnung da bin, wo ich bin. Meine Nächsten haben schon etwas von dir, bevor du ein Wort gesagt hast, oder ein Brot geteilt hast. Warum? Weil du mit Gott da bist. Das ist immer wieder eine Sache des Glaubens. Das gehört zum Glauben sofort dazu. Denn der Glaube ist etwas, was Gott in dir tut und dir schenkt. Das erlebt dein Nächster dann als Liebe. Als Entlastung. Als Freiraum, als Aufatmen.

„Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, daß man da wohnen könne«.“ Diese Worte verstehen wir besser, wenn wir bedenken, daß Jesaja mit dem Volk Israel spricht, das vor dem Nichts stand. Das Land, die Stadt Jerusalem, und der Tempel, waren zerstört und verwüstet. Nun sollte ein kleiner Haufen, der alles verloren hatte, das Land wieder aufbauen. Man schaute sich an und sagte: Wir? Das ist unmöglich! – Jesaja sagte ihnen: „Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.“ (Jesaja 30, 15). Also, etwas platt gesagt: „Jetzt haltet die Klappe und denkt erstmal an Gott, hört, was Gott sagt.“ Gott wird wahrmachen was er sagt: Willst du dabei sein, oder nicht? Durch den Glauben bist du ganz und gar dabei!

Liebe Gemeinde, ich hoffe, ihr merkt jetzt, daß jedes Wort unseres Predigttextes ohne das Erste Gebot, und Gott und den festen Glauben an Gott, keine Grundlage und keine Bedeutung hat. Aber mit Gott und durch den Glauben an Gott haben diese Worte eine riesige Bedeutung. Eine viel größere Bedeutung, als sie politisch haben können.

Und das muß einfach mal gesagt werden.

Diese Worte: Brich den Hungrigen dein Brot! Zeig nicht mit dem Finger auf andere, bekleide den Nackten, und wie sie alle heißen: Diese Worte gehören Gott und keinem Menschen. Wir Christen sind nicht so arm und so verlassen, daß politische Parteien und Programme daherkommen müssen, und uns erklären, was sie bedeuten. Politische Parteien und Programme können nicht sagen: Wenn du das tust, wird Gott deine Gebete erhören. Sie können nicht sagen: Du wirst eine Quelle sein, der es nie an Wasser fehlt. Denn sie sind nicht Gott. Ok. Vielleicht wollen sie nicht Gott sein. Aber dann sollen sie Gottes Wort auch Gott überlassen.

Gott zuerst muß mit uns Christen sprechen. Und dann kommt lange gar nichts für uns. Ein Christ weiß, wer sein Nächster ist, weil Gott es ihm sagt. Wer erst in der Politik anfängt zu fragen, wer sein Nächster ist und was er für den Nächsten tun soll, der hat es nur noch mit schwachen, sündhaften Menschen zu tun, und nicht mit Gott. Gott ist nur dann Gott, wenn er zuerst gehört wird, sonst nicht.
Wer aber Gott kennt und dankbar ist, ja mit Gott ein Dankfest feiert, der wird große Freiheit haben gegenüber politischen Parteien und Programmen. Der ist schneller bei dem Nächsten, als alle Programme. Sie kommen alle zu spät. Besser so.

Der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Beitragsbild: „Die Kornernte“, Pieter Bruegel der Ältere, 1565