
Pfarrer Johann Hillermann
Das Lamm, das erwürget ist,
ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum,
und Weisheit und Stärke,
und Ehre, und Preis uns Lob.
Gnade sei mit euch und Friede,
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.
35 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, daß du für uns tust, um was wir dich bitten werden.
Markus 10,35-45
36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, daß ich für euch tue?
37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, daß wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.
38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wißt nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?
39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;
40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.
41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.
42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wißt, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.
45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.
Gebet: Herr Gott, himmlischer Vater, aus väterlicher Liebe hast Du Deinen Sohn Jesus Christus nicht verschont, sondern ihn an das Kreuz in den Tod dahingegeben. Wir bitten Dich: gib Deinen Geist in unsere Herzen, daß wir durch diese Gnade getröstet werden, uns vor Sünden hüten, geduldig tragen, was Du uns auferlegst, und mit Dir ewig leben. Durch Jesus Christus, unsern HERRN. Amen.
Liebe Gemeinde!
Es soll heute um das letzte Wort gehen, das wir eben gehört haben: Jesus spricht von sich selbst:
„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“
Im Laufe der Jahre im Predigtamt macht man seine Beobachtungen. Eine meiner Beobachtungen ist: Der Glaube ist niemals selbstverständlich. Man möchte meinen: Was Christen im Glaubensbekenntnis vor Gott und der Welt seit bald 2000 Jahren aussprechen, das ist doch selbstverständlich! Nein, ist es nicht.
Das Nizänische Glaubensbekenntnis sagt über die Passion, also das Leiden und den Tod unseres HERRN, Jesus Christus: „FÜR UNS gekreuzigt unter Pontius Pilatus, gelitten und begraben …“
Jesus ist für dich und alle Menschen gestorben!
FÜR
Das ist hier das entscheidende Wort. So oft mußte ich mir Predigten über Jesu Kreuz und Leiden anhören, in denen dieses Wort: „FÜR“ einfach nicht vorkam. Die Gemeinde sollte sich über das Kreuz Jesu entsetzen: „Was Menschen einander nicht alles antun!“ Oder man sollte Mitleid haben: „Wie furchtbar Menschen doch leiden müssen! Wie hervorragend Jesus doch leiden konnte, ohne Protest!“ Das Leiden des Sohnes Gottes am Kreuz wird also ganz und gar als menschliches Leiden betrachtet, so wie es dich und mich auch treffen könnte.
Was kann solches Leiden bewirken? Entsetzen und Mitleid.
Doch dieses Entsetzen und Mitleid ist nicht christlicher Glaube.
Das ganze Neue Testament, die ganze Mühe eines jeden Apostels und Evangelisten ist es, dieses eine Wort: „FÜR“ in die Herzen, Seelen und den Verstand ihrer Hörer einzuprägen. Das ist für dich! Gott selbst, der Heilige Geist, muß allmächtig eingreifen, und unsere Ohren umbauen und Herzen aufräumen, daß ein Mensch diese Botschaft vernimmt. Komm Heiliger Geist! Bring uns dieses eine Wort: FÜR! Dieses Wort macht das Evangelium aus, denn wenn das Wort FÜR ausgesprochen und verstanden wird, dann bist du nicht mehr Zuschauer oder Beobachter, sondern dann bist du gemeint: Das ist für dich! Das hat Gott dir zugedacht!
Dieses Wort ist am Ziel, wenn du nicht mehr mit deinen eigenen Gedanken oder Gefühlen allein bist, sondern ein Fenster oder besser: Eine Tür geöffnet wird, und du etwas erkennst und empfängst.
Jesus ist gekommen, jedem Menschen etwas zu GEBEN. Und zwar nicht Anlaß zu Mitleid und Entsetzen, sondern … ja was?
In unserem Predigttext offenbaren die Jünger alle das Denken dieser Welt: Der Wille zur Macht treibt das Denken in der Welt. Jakobus und Johannes wollen ihren Platz im Reich Gottes sichern: Links und Rechts neben dem König Jesus. Der König bestimmt über sie und sonst niemand. Und sie, die beiden Söhne des Zebedäus, regieren mit Jesus. Sie wollen auf der richtigen Seite der Geschichte sein: Oben und vorn. Unten und hinten sein ist schrecklich, und das will keiner. Darum der Wille zur Macht.
Die anderen Jünger sind unwillig darüber. Warum hab ich nicht eher daran gedacht? Sollen diese beiden Brüder jetzt auch mit Jesus über uns sein?
Jesus macht nun klar: Das Reich Gottes ist nicht einfach eine neue Machtanhäufung, wie wir sie von den Herrschern und Mächtigen kennen. Das Reich Gottes besteht nicht darin, Menschen niederzuhalten oder ihnen Gewalt zu tun. Das alles ist eine Macht GEGEN, und nicht FÜR.
Und jetzt kommt der Satz, auf den es heute ankommt:
„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“
Der Menschen Sohn ist gekommen. – Jesus ist gekommen, um anzukommen. Jesus existiert für eine Mission. Wer dieses Ziel des Menschensohns erkennt, der erkennt alles und hat alles.
Das Ziel ist nicht: „das er sich dienen lasse“ – also nicht, daß wir tätig werden, da ist kein Druck; wenn wir fragen: Was soll ich tun? und uns dabei unter Druck setzen, dann fällt das unter: „Der Menschensohn läßt sich dienen.“ Wenn du also die Passionsgeschichte Jesu hörst, und dabei nur so weit kommst, daß du dich fragst: Was muß jetzt geschehen? Was ist zu tun? Was wird von mir erwartet? – dann ist das FÜR noch nicht angekommen.
Jesus sagt in diesem Satz aus, wer er ist, und was er tut. Das schließt eines aus: Meinungen. Jesus ist nicht gekommen, um Meinungen bei uns Menschen herbeizuführen oder abzufragen. Mit diesem Satz definiert Jesus sich selbst. Nur dieser Satz über Jesus bleibt wahr. Nur Jesus weiß, wer er ist, und was er tut. Jesus sagt, wer er unter allen Umständen für die Menschen ist. Jesus definiert sich …. FÜR dich, Jesus legt sich fest … FÜR dich.
„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“
Er ist gekommen, um zu dienen. Und dieser Dienst sieht so aus: „Er gibt sein Leben als Lösegeld für viele.“
Für jemanden da sein, also dienen. Das bedeutet: Das Bedürfnis, oder die Not des anderen bestimmt meine Wahrnehmung, mein Denken und vor allem mein Tun. Ein Diener ist ganz Auge, ganz Ohr für die Person, der er dient. Eine Mutter ist mit Augen und Ohren ganz und gar bei jedem Ton, bei jeder Bewegung ihres Kindes, und ihr Tun richtet sich danach. Sie macht sich den Hunger, oder die Unreinheit des Kindes zu eigen, und tut alles, daß der Hunger gestillt wird, daß die Unreinheit beseitigt wird.
Das Kind muß nichts tun, es hat nur DA zu sein. Und die Mutter ist FÜR das Kind da.
Jesus ist für Dich da. So hat er sich festgelegt. Jesus ist ganz und gar für dich da. Er ist ganz und gar Diener, ganz und gar FÜR, so sehr, daß er selbst sagt: „Er gibt sein Leben … FÜR“. Die Aussage wird immer gewaltiger und unheimlicher. Sein Leben geben, das ist: Alles geben, und nichts zurückhalten. Es ist also kein Tod als Flucht aus der Realität. Das ist kein Leben geben FÜR.
Die ganze Passionsgeschichte zeigt: Jesus weicht der Realität niemals aus. Im Gegenteil: Jesus stellt sich jeder Realität ganz. Als seine Verfolger kommen, sagt er: Ich bin’s. (Johannes 18, 6). Als der Hohepriester fragt: Bist du Christus, der Sohn des lebendigen Gottes? Antwortet Jesus: Du sagst es! (Matthäus 26, 64), und als Pilatus ihn fragt, ob er ein König sei, sagt Jesus: „Du sagst es, ich bin ein König, ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit eintrete.“ (Johannes 18, 37-39). – Wieder das FÜR: FÜR die Wahrheit.
Jedes Mal, wenn Jesus sagt: Ich bin’s, oder, was dasselbe ist: Du sagst es! – dann bedeutet das seinen Tod. So gibt Jesus sein Leben.
Aber wie kann diese Hingabe des Lebens FÜR einen anderen Menschen sein? Ein Mann von der Feuerwehr kann sein Leben einsetzen für andere, sie aus den Flammen retten, und dann selbst sterben.
Doch Jesus definiert hier genauer. Er legt sich sehr präzise fest: Er gibt Sein Leben „als Lösegeld für viele.“ Jesus macht sich selbst zu Geld.
Im Alten Testament, aber auch sonst in der Alten Welt war das Lösegeld rechtlich geregelt.
Es betraf einen Menschen, der durch Schulden, oder durch Schuld sich verkaufen mußte, also zum Sklaven wurde. Er gehörte sich selbst nicht mehr, sondern einem anderen. Er war unfrei. Seine eigenen Bedürfnisse spielten keine Rolle, ja, er war als eigene Person nicht existent. Seine Kraft gehörte einem anderen. Er war unter Zwang, seine Kraft für seinen Besitzer zu verbrauchen. Und das alles, wegen einer Gesetzesübertretung oder sonst einer Verschuldung. Jesus spricht in einem Gleichnis von einem Menschen, der sich astronomisch verschuldet hatte; das Gesetz sah vor, daß er sich, und alles, was er hatte, verkaufen mußte in die Sklaverei. (Matthäus 18, 25).
Lösegeld war nun das Geld, was bezahlt werden konnte für den armen Sklaven, um ihn zu befreien.
Das Gesetz des Mose regelte genau: Der Bruder, der Bruder des Vater, der Vetter, oder ein anderer aus der Familie war verpflichtet, den Armen aus dieser Schuldsklaverei frei zu kaufen. (3. Mose 25, 47-49).
Versuchen wir, uns hineinzuversetzen in den Sklaven, der Tag für Tag unter Zwang für eine fremde Macht arbeitet. Er bedeutet dieser Macht nichts. Er ist ein niemand. Seine Not ist völlig ohne Bedeutung. Seine einzige Hoffnung ist, daß da draußen ein Bruder, ein Onkel oder ein Cousin sich zu ihm bekennt. Er existiert nur dadurch, daß jemand sagt: Der gehört zu uns. Hier ist mein Geld – für seine Freiheit. Denn das Lösegeld befreit, es bringt den Sklaven nicht zu einem neuen Besitzer und deshalb zu neuer Sklaverei.
Und dann wird er gerufen. Dein Cousin ist da. Er hat bezahlt. Du kannst jetzt hier raus. Geh!
Wie muß das sein? Er ist wieder jemand! Er ist wieder frei!
Jesus sagt: Der Menschensohn dient, er gibt sein Leben als Lösegeld für viele.
Im Neuen Testament hören wir nicht davon, daß Christen Sklaven überall freigekauft hätten. Jesus hat durch seinen Leidensweg und seinen Tod auch nicht ein astronomisches Bankkonto eingerichtet, um nun links und rechts Sklaven loszukaufen.
Die „Vielen“ ist unfrei und unter Zwang unter der Anklage von Gottes Gesetz. Paulus sagt den Christen in Rom: Ich bin unter die Sünde verkauft. (Römer 7, 14). Der Sünder gehört sich nicht selbst, sondern er ist Sklave einer fremden Macht, gezwungen, ihr zu dienen. Er dient falschen Göttern, er dient dem Begehren, er dient dem Egoismus, der Verzweiflung. Und am Ende hat er nichts davon: Wir hören ebenso von Paulus: Die Bezahlung, die der Sünder für seinen Dienst an der Sünde am Ende erhält, ist nichts: „Der Tod ist der Sünde Sold.“ (Römer 6,25).
Jesus hat diese Bezahlung für dich und für viele übernommen.
Darum ist Sein Tod ein ganz anderer Tod.
Darum betrachten Christen den Tod Jesu. Hier geht es um deine Freiheit. Das ist das große FÜR. Je deutlicher du erkennst, wie unfrei du bist – unter Zwang von Lüge, Begehren und Haß, zum Beispiel, und erkennst, wie diese Sklaventreiber am Ende nur den Tod als Belohnung bieten – um nötiger wird der eine Bruder sein, der sich zu dir bekennt, und alles für deine Freiheit gibt: Das Lösegeld.
Das Evangelium, die frohe Botschaft sagt: Hör zu: Da ist dein Bruder, der sich zu dir bekennt. Er ist dein Erlöser. Er hat alles für deine Freiheit gegeben. Sein Leben.
Die Christenheit betet dieses Geheimnis an, und freut sich daran.
In der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach (zuerst aufgeführt am 7. April 1724 in Leipzig) singt die Gemeinde der Erlösten:
„Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn,
Ist uns die Freiheit kommen,
Dein Kerker ist der Gnadenthron,
Die Freistatt aller Frommen,
Denn gingst du nicht die Knechtschaft ein,
Musst’ unsre Knechtschaft ewig sein.“
Das ist unser Lied.
Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen Leben.
Amen.
Beitragsbild: Kreuzabnahme (Peter Paul Rubens)