1. Adventsandacht

1. Avent

Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater,
und dem HERRN, Jesus Christus.
Amen.

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.

Liebe Gemeinde!

Es könnte ein guter Film werden.
Die Tochter Zion und ihr König, umgeben – nein – umwogt von kriegerischer Gewalt.
Das ist die Szene: Die großen, reichen, mächtigen, bewaffneten Völker um Jerusalem her, gegen die Jerusalem keine Chance hatte – die toben sich aus mit ihren Waffen.
Inmitten diesem Chaos eine weibliche Gestalt. Die Tochter Zion, die Tochter Jerusalem.
Krieg, Gewalt, Waffen – für Frauen waren das nie gute Zeiten, sondern extrem bedrohliche, angsterregende Zeiten.
Und mitten in diesem Chaos, dieser bösen und finsteren, gefährlichen Zeit soll die Tochter Zion sich freuen – sehr freuen, und die Tochter Jerusalem soll jauchzen.
Der Grund der Freude ist, daß ihr König kommt. Er ist schon unterwegs.
Mit diesem Könige beginnt eine neue Zeit.
Gottes Volk war in zwei Königreiche gespalten gewesen. Es sah sich gezwungen, sich zu verteidigen, am politischen Leben unter den Großmächten sich zu beteiligen. Bis dahin, daß man aus diplomatischen Gründen sich in der Religion anpaßte. Die beiden Königreiche des einen Volks Israel bekriegten sich gegenseitig, verbündeten sich mal mit Ägypten, mal mit Syrien, mal mit Persien. Und immer wieder Krieg, Blutvergießen, Niederlagen, Zerstörung. Nicht nur Häuser und Besitz, sondern auch die Seele – die Fähigkeit zu vertrauen, zu lieben, zu erkennen, zu bitten, zu danken, die Möglichkeit zu einem Leben vor Gott und mit Gott wird im Krieg bedroht und vernichtet.
Das erlebt und durchleidet in besonderer und bewußter Weise die Tochter Zion.
Zion war der heilige Berg in Jerusalem, der Ort des Tempels, der Begegnung mit Gott selbst.
Die Tochter Zion ist sozusagen die Seele Israels. Sie kann nichts andres sein, als Israel. Sie hat Gott beim Wort genommen. Gott hat sich mit ihr verabredet, und nun ist sie am verabredeten Ort, und kann diesen Ort nicht verlassen. Als Tochter ist sie geprägt von allem, was am Tempel geschieht, was dort gesagt wird. Das ist ihre Wahrheit, ihre Identität. Als Tochter liebt sie den Berg Zion. Wenn es ihm gut geht, freut sich sich und jauchzt, und wenn es ihm böse geht, ist sie untröstlich.
Zion ist nicht nur ein Berg mit Gebäuden, wie dem Tempel. Durch die Tochter Zion hat der Berg, der Tempel eine Seele.
Die Tochter Zion ist das Endziel der Worte Gottes. Wenn Gottes Wort diese Seele nicht erreicht hat, dann hat Gott Sein Ziel noch nicht erreicht, aber wenn es die Tochter Zion erreicht hat, dann ist es angekommen, dann werden sich auch alle mitfreuen, die vorher mit ihr gebangt haben.
Ein guter Film: Alle bangen mit – alle freuen sich mit.
Doch dies ist eben nicht nur ein Film oder eine gut geschriebene, zu Herzen gehende Geschichte.
Der König kommt und bringt die Tochter Zion in ewige Sicherheit. Sie soll auch nicht einen Moment vergeblich gebangt oder getrauert haben. Ihre ganze Hoffnung und Sehnsucht wird restlos erfüllt. Sie wird es niemals bereuen, daß sie Gott 100%ig beim Wort genommen hat.

Liebe Gemeinde. Im Advent, der Zeit, die uns auf Weihnachten vorbereiten soll, sind wir alle gerufen, mit unseren Herzen in Gottes Vorbereitung auf die Ankunft Jesu einzutauchen. Mit der Tochter Zion zu bangen, zu hoffen, zu warten ….
Es sind diese Worte, die ans Ziel kommen, als Jesus geboren wird, sich über die Menschheit erbarmt und aus Liebe sich opfert. Diese Worte, 500 Jahre vor Christus ausgesprochen und aufgeschrieben, wurden von der Tochter Zion bewahrt, getragen, befragt, aufs Neue gehört, ehrfürchtig weitergegeben. Diese Worte haben Menschen wie Simeon und Hanna, wie Zacharias und Elisabeth, auch Joseph und die Gottesmutter und Jungfrau Maria gehört und ins Herz geschlossen, und geglaubt: Das wird wahr! Wenn es einen Gott gibt, dann wird das wahr.
Diese Worte – wie das ganze Alte Testament, haben für Jesus, für den Sohn Gottes den Platz in unserer verrückten, verwirrten, verblendeten, brutalen Welt freigehalten.
Und das heißt auch: Diese Worte haben den Platz für unsere Seele in dieser Welt freigehalten, und in unserer Seele den Platz für Gottes Liebe freigehalten.
Man kann sie nur zu klein, aber nie zu groß verstehen. Denn es gibt nicht größere Worte als die, die nach 500 Jahren wahr werden.
Jetzt aber: Wort für Wort!

„Du, Tochter Zion“ – Wir wissen jetzt, zu wem Gott durch die Stimme des Propheten „Du“ sagt.
Die Tochter Zion, die sich an nichts hält, als an Gottes Wort. Wenn Gottes Gebote übertreten werden, leidet sie darunter. Wenn man Gott verspottet oder vergißt, brennt es ihr auf der Seele. Wenn sie Gottes Gaben sieht, lebt sie auf.
Wenn Israel von fremden Göttern fasziniert war, dann brannte es auf ihrer Seele. Wenn ihr Volk Gottes Ordnungen mit Füßen, trat, blutete ihr Herz. Wenn die Propheten zu Gott riefen und an Gott erinnerten, dann konnte sie weiterleben.
Gott spricht sie an. Gott macht sie zu einer Person. Diese Anrede schafft und sichert, stabilisiert deine Identität. Wenn Gott zu dir DU sagt, dann ist dein ICH so stabil wie Gott, der dich anspricht. Die Tochter Zion konnte vielleicht daniederliegen, sich schämen, verzweifeln, sich anklagen …. Dieses DU vom Himmel bringt eine Realität, die größer ist, als das alles. Vor allem größer als die eigene Schuld, die uns immer wieder in Frage stellt.
Gott spricht aber mit der Tochter Zion, also denen, die Ihn beim Wort nehmen. Wer Gott nicht beim Wort nimmt, der wird auch nie merken, ob und wann Gott handelt. Denn Gott handelt nicht ohne Wort.

„freue dich sehr!“ – Genau diese Person soll sich freuen. Und zwar sehr. Das heißt: Freuen ohne Einschränkung. Ohne Aufhören. Ohne Unsicherheit. Freue dich ganz! Komme ans Licht, atme auf, strahle, fühle dein Herz, öffne dich für die ganze Wirklichkeit. Ungetrübt von allem, was war.
Wir sollen diese Worte nicht zu klein verstehen.

„und du Tochter Jerusalem, jauchze!“ – also: Sage es! Vor der ganzen Welt, von allen Menschen, vor Himmel und Erde, vor deiner Vergangenheit, vor deiner Zukunft, vor deinen Freunden, vor deinen Feinden – – überlasse deine Stimme dieser Leichtigkeit. Da gibt es kein Zurück. Gott hat uns so geschaffen, daß wir mit Seinem Ebenbild uns mit unserem ganzen Wesen im Einklang mit der ganzen Wirklichkeit freuen.

Auf Befehl? Nein. So ist Gott nicht.
Sondern mit Grund. Die Freude hat einen Grund.

„Siehe!“ – Laß Gott deine Sinne öffnen für etwas, was nicht in dir ist, auch nicht in deinen Gedanken. Für etwas, was nicht das Ergebnis deiner Erziehung ist, oder deiner Selbstfindung. Siehe: Hier zeigt Gott eine Wirklichkeit, die von ihm kommt. Nicht von Menschenhänden gemacht, und deshalb können Menschenhände sie auch nicht verderben oder zerstören.
Aber du mußt alle Gedanken, Gefühle, Erfahrungen und Erwartungen hinter dich lassen. Auch den Schmerz. Auch den Rausch. Das ist in dem Wort: Siehe. Wir müssen es groß verstehen.
„Dein König kommt zu dir.“ Da ist der Grund. Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude. Da kommt der, der Tochter Zion gerecht wird. Der alle Angriffe, alle Belästigung, alle Anklage, alle Verführung, allen Betrug, alle Verunstaltung, alle Trauer, alle Krankheit – abwehrt, verbannt.
Ein König hat Macht. Ein König bestimmt, er darf und kann und soll es. Ein König handelt aus Überlegenheit, er teilt seine Freiheit mit denen, die zu ihm gehören.
Dein König kommt zu dir. Er meint dich. Er geht nicht weiter, oder vorbei. Er meint die Tochter Zion mit allem, was sie ist. Und bringt seine Macht mit. Deine Freude kommt zu dir. Eine Antwort für dich.
Wir Menschen sind nicht nur für die Freude geschaffen. sondern auch dafür, daß jemand über uns ist. Kein Mensch hat alles im Blick. Kein Mensch kann bei Null anfangen. Jeder lebt davon, daß einer für ihn da ist. Dein König kommt zu dir. Er ist für dich da. Er sucht dich. Er kommt zu dir. Er sucht das Verlorene.

„Ein Gerechter und ein Helfer“. Alles, was dieser König tut, ist mit Gottes Willen im Einklang. Es kann kein höherer Wille kommen, und noch einmal in Frage stellen, was er tut. Er hat alle Gaben Gottes im Blick, daß keine verlorengeht, oder verdorben wird. Er fügt zusammen, was Gott zusammen haben will, scheidet, was nicht zusammengehört.
Aber als ein Helfer, als ein Retter.
Wir Sünder sind nicht gerecht. Und wir brauchen Hilfe. Zur Zeit des Propheten Sacharja wüteten Soldaten mit Waffen, die töteten, raubten, schändeten und zerstörten. Auch davor brauchen wir Schutz. So sind auch Bedrohungen in der unsichtbaren Welt, gegen die wir uns kaum wehren können. Zweifel, Selbstbetrug, Maßlosigkeit, Oberflächlichkeit, Undank.
Das alles verdirbt Gottes Gaben, uns unseren Leib und unsere Seele, dann ist Freude unmöglich. Aber unter diesem König soll die Freude größer werden. Sie wird größer werden.
Der König ist „arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“ Er überzeugt den Glauben. Wer von Reichtum beeindruckt ist, der braucht keinen Glauben. Jesus ist arm auf die Erde gekommen, und hat sie arm verlassen. Er hat niemandem etwas weggenommen. Sein Reichtum war die Freude, die er anderen machte. Die Freude der Geheilten, der Getrösteten – das war sein Reichtum.
Darum kommt er auf einem Eselsjungen. Einem unerfahrenen, schwachen jungen Tier. Er will nicht mit Gewalt überzeugen – das wäre überrumpeln, überwältigen.
So kommt er nicht auf die Tochter Zion zu. So könnte sie sich auch nicht freuen.
Sondern sanftmütig.
Und wenn er arm kommt, dann kann er nur sich selbst geben. Wer Geld gibt, kann sich heraushalten, kann sich zurückziehen.
Dieser König zieht sich nicht zurück. Das bedeutet, er kommt wirklich zu der Tochter Zion.

Liebe Gemeinde.
Da können alle Filme einpacken.
500 Jahre wurde gewartet. Es waren brutale, verwirrende, schmerzliche Jahre. Und dann das verabredete Zeichen: Dein König kommt, reitend auf einem Esel.
Er ist es. Er kommt zu dir. Gerecht, Hilfe.
Die Tochter Zion hat sich nicht getäuscht, und wird nicht enttäuscht.
Um der Tochter Zion willen hat der Sohn diese Verheißung erfüllt. Vor den Augen der Welt.
Bangen wir mit der Tochter Zion. Freuen wir uns mit ihr.

Der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Nach oben